15. Februar 2009

Johannes Langhoff 

 

Und zu den Jüngern sprach er: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter. Der wurde bei ihm verklagt, er verschleudere sein Vermögen. Da rief er ihn zu sich und sagte: Was höre ich da über dich? Leg die Schlussabrechnung vor, denn du kannst nicht länger Verwalter sein!

Der Verwalter aber sagte sich: Was soll ich tun, da mein Herr mir die Verwaltung wegnimmt? Zu graben bin ich nicht stark genug, und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit sie mich, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin, in ihre Häuser aufnehmen. Und er rief die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich und sagte zum ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Er aber sagte zu ihm: Da, nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib schnell fünfzig! Darauf sagte er zum zweiten: Und du, wie viel bist du schuldig? Der sagte: Hundert Sack Weizen. Er sagte zu ihm: Da, nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Ja, die Söhne dieser Welt sind im Verkehr mit ihresgleichen klüger als die Söhne des Lichts!                            
Lk.16,
1-8

 

Liebe Gemeinde!

Das ist mal ein überraschendes Lob. Mitten in der Krise ein Lob von unerwarteter Seite. Ein Lob für die derzeit stark gebeutelten Manager. Ein Lob für ihr umstrittenes Verhalten. Kritik sollte man erwarten. Schließlich hauen jetzt alle drauf. Selbst die Politiker, die so lange die Freiheit des Marktes und seiner Protagonisten verteidigt haben, fordern neuerdings Moral, Verantwortung und Bescheidenheit. Da gehörten doch wohl eher ein paar fromme Sprüche und Jesuszitate her wie das vom Kamel und Nadelöhr, den Dauersager von den Letzten und den Ersten oder gleich die Gleichnisse vom armen Lazarus und was weiß ich noch. Ganz zu schweigen von der urreligiösen Tradition der Entsagung und des Verzichtes in Askese und Weltabgewandtheit. Nein, Jesus billigt, Jesus lobt die Hemmungslosigkeit der Manager im Umgang mit dem ihnen anvertrauten Gut. Jesus lobt die Geschicklichkeit der Manager, sich bei ihrem Abgang schadlos zu halten und für ihre neue Zukunft kräftig und unter Ausnutzung ihrer Klientel vorzusorgen. Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Ja, die Söhne dieser Welt sind im Verkehr mit ihresgleichen klüger als die Söhne des Lichts!

Ich gebe zu, das ist ein makabres Lob. Das ist ärgerlich. So etwas kann einem buchstabengetreuen Frömmler ganz schön die Moral durcheinanderbringen. Oder ist das der Grund, warum die evangelikalen Predigerinnen und Prediger auf ihren Massenveranstaltungen und via TV-Kanal so große Gewinne einfahren? Sei's drum. Ich möchte Jesus nicht abnehmen, dass er mir Rücksichtslosigkeit, Selbstsucht und Gewissenlosigkeit beibringen wolle. Aber dass er mir die Moral nicht mit einer moralischeren Geschichte erklären will, ist denkbar anstößig. Etwa wie mit der Geschichte von der wertvollen Perle, für die ein Sammler alles Übrige drangibt (Matth. 13,45f). Ach nein, das Gleichnis ist auch nicht ganz astrein. Es hat etwas Fanatisches und Habgieriges an sich. Genauso wie das andere Beispiel, das mit dem vom Perlensammler in einem Atemzug erzählt wird: "Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der im Acker vergraben war; den fand einer und vergrub ihn wieder. Und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker." (Matth. 13,44)  Das grenzt an Betrug. An der Börse würde man das als Insiderhandel ahnden müssen.

Jesus hat eine Schwäche für Geschäftstüchtigkeit. Da muss er eigene Erfahrungen im väterlichen Handwerksbetrieb gemacht haben. Er kannte sich sicherlich mit den Methoden aus, wie man einen Bauauftrag an Land ziehen muss. Vielleicht ist er ja auch deswegen mit Mitte 30 aus dem Familienbetrieb ausgestiegen und zu dem Moralisten, dem Täufer, an den Jordan gegangen, wo er seine Berufung entdeckt und seine neue Mission gefunden hat. Geblieben ist ihm aus den Erfahrungen im Wirtschaftsleben allerdings das dort übliche und wohl unumgängliche Gewinnstreben. Es schwingt Bewunderung mit, wenn Jesus auf die Leistungsbereitschaft, Raffgier und Bedenkenlosigkeit anspielt. Sie haben ein Ziel, das ihnen alles wert ist.

Das Ziel mag anrüchig sein. Es ist inzwischen, unabhängig von einer Moralisierung, auch das aktuelle gesellschaftspolitische Thema der Strukturkrise des Kapitalismus. Wenn Geld und seine Vermehrung der einzige Maßstab und Zweck sein sollen, funktioniert das System irgendwann nicht mehr. Das Ziel ist aber nicht das Thema des Rabbi Jesus. Sein Thema ist die Energie, die Menschen aufbringen, wenn sie ein klares Ziel vor Augen haben. Da klingen Spott und Neid aus seinen Beispielgeschichten, Ärger und Enttäuschung, dass Menschen sich für zweifelhafte Werte bedenkenlos verausgaben. Dagegen werden die bleibenden Werte, menschliche Beziehungen und der Lebenssinn auf der Strecke. Auf diese Wunde legt Jesus seinen Finger. Auf diesen Mangel macht Jesus aufmerksam und tut dies mit drastischen Mitteln. Er kehrt den Spieß um. Er hält der Gesellschaft den Spiegel vors Gesicht. Er mahnt seine Schülerinnen und Schüler, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Da war doch mal was. Die Geschichte von dem betrügerischen Verwalter erzählt Jesus direkt an seine Jünger gewandt. Die Beispielreden zuvor waren an alle Besucher und an die anderen Rabbiner und Schüler gerichtet. Diese Geschichte an seinen engen Kreis, die symbolträchtige Runde, wohl an die Zwölf. Denn da gab es schon einmal eine Geschichte mit Zwölfen. 12 Fürsten, aus jedem Stamm Israels einer, wurden ausgewählt, um das gelobte Land zu erkunden. Die Hebräer waren dem Pharao und seinem Unterdrückungsregime entkommen. Gott JAHWE hatte am Heiligen  Berg einen Bund mit ihnen geschlossen und sie nun durch die Wüste geführt, dass sie in das verheißene Land ihrer Vorfahren ziehen sollten. Die 12 edlen Stammesvertreter bilden die Vorhut. Doch das Unternehmen misslingt. Der überwältigende Eindruck von dem Land, da Milch und Honig fließen, das Früchte im Überfluss zu bieten hat und Menschen riesig groß werden lässt, macht ihnen Angst. Sie scheuen kurz vor dem Ziel zurück und wollen das Unbekannte, so verlockend es sich gibt, lieber gegen das Bekannte und Gehabte eintauschen, so schrecklich und unerträglich es gewesen sein mag. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Bis auf die beiden einzigen Mutmacher, Kaleb und Josua, wird keiner der Erwachsenen, die aus Ägypten losgezogen waren im geheiligten Land ankommen, nicht einmal Mose. 40 Jahre lang werden sie ziellos durch die Wüste ziehen. Ohne Ziel kein Weg.

Liebe Gemeinde, ich bin über die Gleichnisrede Jesu von dem schlitzohrigen Verwalter nicht wegen des verblüffenden Managerlobes gestolpert. Mir ist der Untergang der Hoffnung aufgestoßen. In der Öffentlichkeit wird gerne der Werteverlust gebrandmarkt. So ja auch in der aufkommenden Strukturdebatte um eine nötige Gesellschafts- und Wirtschaftsreform. Das ist es aber nicht wirklich, jedenfalls nicht allein. Das Problem, das mir auffällt, ist die verbreitete Perspektivlosigkeit, der Verlust von Idealen und Zielen. Deshalb keine echte Hoffnung und keine wahre Sehnsucht. Lebenssinn und Lebenszweck sind zusammengeschrumpft auf vordergründige Wünsche, die mir aufgedrängt werden und die ich mir so schnell als möglich erfüllen will und kann. Es ist die Werbung in jeglicher Form, die als Wirtschaftsmotor den Konsum und Umsatz anheizen muss. Es ist aber mehr noch der Neid, der die drängenden Wünsche weckt. Hier in Wien sagt man, der Neid sei die ehrlichste Form der Anteilnahme. Nun ja, es geht mir schon nahe, wenn ich sehen muss, was andere haben, können und tun, das ich nicht habe, kann und mache. So plätschern die Tage eines immer länger dauernden Lebens zwischen Frustrationen und Depressionen hin und her. Dagegen hilft nur Geld ausgeben und schön darauf achten, sich selbst nicht unter Wert zu verkaufen. – Sie geht Schuhe kaufen und er putzt das teure Auto. - Der ungebrochene Wettlauf ums Geld ist eine Krankheit. Ohne Sinn und Ziel gibt es keine Herausforderung, keine Bewährungsmöglichkeiten und keine Bestätigung. Geld ist das einzige, das noch einen Wert darstellt, selbst wenn dieser mit den Börsenkursen steigt und fällt. Die Börsenindizes können gar nicht genug zucken. Denn die Fieberkurve des Geldes ist das Lebenszeichen unserer Zeit schlechthin.

Je besser die Zeiten desto erbärmlicher das Leben. Zu Zeiten des Krieges und der Not gab es deutlich weniger Depressionen und Selbstmorde. Man hatte anderes zu tun als unzufrieden zu sein. Man musste um das Leben und Überleben fürchten. Die schweren Jahre danach, der Neuanfang auf den Trümmern der Vergangenheit war eine Aufgabe, eine Herausforderung und Anstrengung, die Geduld, Bescheidenheit und Verzicht brauchten, wo es Gemeinschaftssinn und Hilfsbereitschaft gab. Es gab halt ein Ziel. Was tun im Schlaraffenland? Dort gibt es nur Langeweile, kaputte Rücken, verfettete Herzkranzgefäße, Bauchschmerzen und Schädelweh vom Faulenzen, Fressen und Saufen. So gesehen ist selbst das Himmelreich nicht mehr das, was es einmal war. Denn das irdische Jammertal hat seine Schrecken längst verloren.

Parallel zur Finanzkrise, die sich als eine Krise der Wirtschaftsstruktur und damit der Gesellschaft überhaupt entpuppt, geht eine Krise der Kirchen. Und auch da vollzieht sich hinter den aktuellen Aufregern ein schleichender Zersetzungsprozess. Die Kirchen verlieren ihren Auftrag. Einerseits werden sie nicht mehr gefragt als Sinnstifterinnen und Zielvorgabe. Andererseits scheuen sie ihren ureigenen Auftrag, die Verkündigung des Evangeliums. Stattdessen erkämpfen und verteidigen sie ihre öffentliche Anerkennung und wetteifern um das Publikumsinteresse. Das geschädigte Selbstbewusstsein wird durch Konservierung einstiger Werte und Normen kaschiert. Was ursprünglich Dienst an den Menschen sein sollte möchte Mitbestimmung in der Gesellschaft sein. Machtstrukturen werden ausgebaut und Ämter aufgewertet. Die Römer können gar nicht unattraktiv genug sein, dass evangelische Kirchen um deren Anerkennung buhlen und sich ihnen bis zur Verwechselbarkeit anpassen.

 Es braucht aber nicht mehr als den Hinweis auf das Ziel und den Eifer, dieses zu erreichen. Die Menschen der modernen Gesellschaft brauchen eine überzeugende Zielvorgabe und die Ermutigung, sich dafür einzusetzen. Diese Welt hat nicht ihren Sinn aus sich selbst heraus. Die Erfüllung des Lebens sind nicht Ansehen und Leistungen. Genauso wenig wie Schwächen und Misserfolge das Leben sinnlos machen oder die Welt einfach an der Eigengesetzlichkeit der Naturkräfte erstickt. Diese Welt ist Gottes Schöpfung, die auf Voll­endung angelegt ist. Der Mensch ist ein Geschöpf nach Gottes Bild als sein Gegenüber und Partner, dem die Welt anvertraut ist. Gott hat uns dazu befähigt und dazu befreit. Das gelobte Land ist greifbar nahe, um sich auf den Weg dahin zu machen. Die Aufgabe der Kirchen ist die des Kaleb und Josua, die Menschen zu ermuntern und ermutigen, es anzupacken und loszugehen. Es lohnt sich, für eine bessere Welt das Geschick und den Eifer aufzubringen, die man derzeit verärgert bei den Wirtschafts- und Finanzmanagern findet. Sie wissen mit ihresgleichen umzugehen. Davon können wir uns nur eine Scheibe abschneiden. Menschen anstellen und begeistern für eine Welt der gegenseitigen Verantwortung, des Mitleides und der Fähigkeit zu teilen, gemeinsam zu gewinnen und zu genießen, was Gott uns bereit hält, zu versöhnen und zu heilen.

Amen.

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