01. März 2009

Johannes Langhoff 

  

Sollte unser Evangelium aber dennoch verhüllt sein, so ist es doch nur verhüllt für die, die verloren gehen. Ihnen, die nicht glauben, hat der Gott dieser Weltzeit die Gedanken verfinstert, dass sie das Licht nicht sehen, das aufleuchtet durch die Verkündigung des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, der Gottes Ebenbild ist.

Denn nicht uns selbst verkündigen wir, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns selbst aber als eure Knechte, um Jesu willen.

Denn der Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der es hat aufstrahlen lassen in unseren Herzen, so dass die Erkenntnis aufleuchtet, die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Jesu Christi.

Wir haben diesen Schatz aber in irdenen Gefäßen, damit die Überfülle der Kraft Gott gehört und nicht von uns stammt. 2.Kor.4,3-7

 

Liebe Gemeinde!

Wiederholte soziologische Studien und demoskopische Umfragen geben ein auffälliges Bild über die Entwicklung der Religiosität in den letzten Jahrzehnten. Während sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden, nimmt der Glaube an das Überirdische, das unbekannte Andere, Gott, Götter und Göttinnen, Geister und Dämonen, außerirdische Wesen und die Naturkräfte zu. Das ist nichts Besonderes, wenn man zum Vergleich bemerkt, dass etwa die Sportvereine über Mitgliederschwund klagen, während gleichzeitig die Fitnesswelle auf Hochtouren rollt und der Umsatz an Winter­sportgeräten atemberaubend ist. Soziologisch gesehen ist es außerdem zwangsläufig, dass der Bedarf an Religion steigt, wenn er in den Kirchen nicht mehr befriedigt wird.

Nein, interessant an diesen Studien ist, dass es überhaupt noch Bedarf an Religiosität gibt. Man sollte doch eher erwarten, dass die Abwendung von den Kirchen eine Folge des allgemeinen höheren Bildungsniveau und damit des naturwissenschaftlichen Weltbildes ist. Ich sage nur Darwin. Also etwa so wie es sich der Kommunismus gedacht hat, dass durch entsprechende Erziehung den Leuten die vorwissenschaftliche Primitivität des Glaubens an ein höheres Wesen auszutreiben sei, jedenfalls bei den nachwachsenden Generationen verhindert werden könne. Das ist ihnen nicht gelungen, wenn man auf die Renaissance der Kirchen und des Islam in den Ländern des vormaligen Ostblocks schaut. Mit einer Ausnahme vielleicht, dem Ostteil Deutschlands, einer Region, in der die protestantischen Kirchen mehrheitlich waren. Die Ausnahme bestätigt und verdeutlicht den Trend. Kirchen, die den ganzen Zinnober und das Brimborium des religiösen Zaubers präsentieren, geheimnisvoll und autoritär, haben Zulauf. Dagegen werden die Kirchen, die eigenständiges Denken und Verantwortung predigen, wie jede andere moderne Weltanschauung nur fallweise beansprucht. Wer Lebenskultur und Brauchtum sucht, bedient sich auf dem freien Markt oder passt sich den örtlichen Gewohnheiten an.

 Das Unverständliche verständlich machen. Das Unbegreifliche angreifbar machen. Das Unaussprechliche in Worte fassen. Gott wahrnehmen, erkennen und von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Das ist unvorstellbar. Das war noch nie anders. Mit einer Ausnahme vielleicht. Mose konnte Gott gegenübertreten, Gott sehen, mit Gott reden und gemeinsam mit einer ganzen Delegation des Volkes mit Gott essen (Ex 24,11). Allein die Herrlichkeit und Macht Gottes konnte selbst Mose nur in einem schwachen Abglanz wahrnehmen.

Ein eigentümlicher und scheinbarer Widerspruch in den alten Überlieferungen. Einerseits können sie Gott sehen und sogar mit Gott gemeinsam essen. Das wird bereits ohne besondere Betonung von Abraham und Sarah erzählt (Gn.18). Andererseits ist die Göttlichkeit, Gottes Stärke, Macht, Kraft, Größe, Herrlichkeit, Ewigkeit, Außerordentlichkeit nicht sichtbar, erklärbar, fassbar, sinnlich wahr­nehmbar und verständlich begreifbar zu machen. Mose als Einziger darf auf sein hartnäckiges Drängen hin einen flüchtigen Abglanz der Göttlichkeit sehen (Ex.33f). Und das hat bereits schwerwiegende Folgen. Der strahlende und gefährlich blendende Glanz brennt sich in sein Gesicht ein. Nun ist sogar noch von dem Abglanz der Herrlichkeit Gottes geblendet, wer Mose ins Gesicht schauen will. Das klingt wie das Opfer atomarer Strahlungen, das isoliert werden muss, weil es selbst in Folge der nuklearen Verseuchung strahlt und andere damit gefährdet. Um seine Mitmenschen zu schützen, muss Mose lange Zeit eine Decke über seinen Kopf ziehen, immer wenn er den Leuten gegenübertritt. Allein im Heiligen Zelt, in Gottes Anwesenheit kann er die Decke abnehmen. Dementsprechend wird Mose in Bildern und Skulpturen gerne mit Strahlen dargestellt, die aus seinem Kopf hervor gehen. Zum Beispiel die Brunnenfigur auf dem Franziskanerplatz. Manche halten das schon mal für Hörner und rätseln, warum Mose gehörnt dargestellt wird. Ihnen bleibt verborgen, dass hinter der tatsächlichen Geschichte, die die scheinbar gehörnte Mosefigur erzählen will, ein viel größeres Geheimnis verborgen liegt, als sich die Phantasie ausmalen möchte.

Es ist das Geheimnis um die Gotteserkenntnis. Das Alte Testa­ment pflegt die Übung der Ehrfurcht Gottes, der Unerreichbarkeit und Unfassbarkeit seiner Größe und Allmacht, aber auch der Endlosigkeit seiner Liebe und der Einzigartigkeit seiner Gerechtigkeit. Furcht Gottes wird das zumeist übersetzt und verwirrt etwas. Als sei der alttestamentliche Gott ein fürchterlicher Gott. Und manche lesen und erzählen sich einen schrecklichen alten Gott zusammen. Die Tradition, die zur jüdischen Religion und Frömmigkeit geworden ist, pflegt jedenfalls die ehrfürchtige Distanz in der Begegnung mit Gott. Interessanterweise gewinnen sie aber mit solcherlei Respektsgesten eine unnachahmliche Nähe zu Gott. Ein Vergleich des jüdischen Witzes mit christlichen Witzen spricht Bände. Gott ist unnahbar, aber er lässt mich nicht los. Gott ist wie eine jüdische Mame.

Der Jude Paulus verlässt nach anfänglicher, hartnäckiger Verteidigung der Unnahbarkeit Gottes die rabbinische Tradition und predigt den offenbaren Gott, den Gott in Christus Jesus. Er dreht den Spieß um. Hat er zuvor die Christen in den jüdischen Gemeinden bekämpft wegen ihrer Irrtümer und ihres Irrglaubens, so brandmarkt er dann die jüdische Glaubensgemeinschaft und unterstellt ihnen Irrglauben und Irrtum. Mose musste sich verhüllen, damit diejenigen, die ihn sehen wollten, nicht von der außerordentlichen Begegnung mit Gottes Herrlichkeit geblendet würden. Jetzt, wo sie alle Gottes Herrlichkeit in Jesus Christus erkennen könnten, sind die Schüler Moses verhüllt, ist ihnen die Einsicht verborgen, ihr Verstand verfinstert. Paulus versteigt sich gleich noch in das Urteil: Sie sind verloren.

Das ist knallharter religiöser Konkurrenzkampf. Das ist Konfessionalismus, der sich der Vereinnahmung und Gleichmacherei verweigert, der keine Ökumene sucht und von Toleranz nichts wissen will. Paulus markiert hier nichts Geringeres als den Kern der Unterscheidung von Judentum und Christentum. Dieser Unterschied ist nicht verhandelbar und weder veränderbar noch austauschbar. 600 Jahre später wird Muhammad seinen Islam ebenfalls deutlich vom Christentum absetzen. Und noch einmal mehr als 1000 Jahre später ist es die Aufklärung, die sich von dem in dem Menschen Jesus Christus offenbaren Gott absetzt und das höhere Wesen in der Allgemeinheit der Natur aufgehen lässt. Paulus stellt uns gegen alle anderen und verurteilt die anderen als die Verlorenen. Am nächsten kommen uns asiatische und vorchristliche Religionen, in denen Götter sich munter unter die Menschen mischen und selbst Menschen oder Halbmenschen werden können. Aber das muss ja nicht gleich sein. Manche Verwandtschaft oder Nähe entpuppt sich als unerwünscht. Am aufdringlichsten sind dabei die Hare Krishnas, die den Mann aus Nazareth mit vereinnahmen und als eine Inkarnation von Krishna lehren, wenn sie Christen anwerben wollen.

Das ungenierte Selbstbewusstsein des Paulus, der felsenfest davon überzeugt ist, dass Gott in Christus Jesus offensichtlich und erkennbar ist, steht in deutlichem Kontrast zu allen anderen Religionen und den allgemeinen religiösen Bedürfnissen der Menschen schlechthin. Noch viel mehr steht Paulus im Widerspruch zum Lebensgefühl in der globalisierten Welt. Da ist das strenggläubige hinderlich und reaktionär. Da befürchtet man hinter den Überzeugten die Überzeugungstäter. Da verlangt die berufliche, familiäre und touristische Mobilität auch eine Mobilität des Geistes. Da ist die Seelennot des Paulus nicht nachvollziehbar. Dafür gibt es Therapien. Die Frage nach dem Sinn des Lebens darf meine Existenz nicht berühren. Grübeleien gehören behandelt. Gelebt muss werden. Konsumiert muss werden. Verpassen darf man nichts. Leisten kann man sich alles. Überhaupt darf man alles, nur sich nicht erwischen lassen. Was auch kein Drama sein muss, sondern mit gutem Anwalt nur eine Frage der Strafsumme oder Strafdauer bedeutet, aber ganz gewiss nicht des Gewissens. Fragen Sie einen Neurologen! Demnach gibt es keinen freien Willen. Alles sind nur biochemische Prozesse, die ich nicht wirklich steuern kann. Sie sind schneller als meine Entscheidung. Also gibt es auch keine Schuldfähigkeit. Folglich ist Strafen ungerecht und überflüssig.

Was hatte der Paulus noch für Probleme? Was hat sich der Luther selbst zermartert? Wofür hat Calvin Heimat, Familie, Sicherheit und Gesundheit aufs Spiel gesetzt? Sie haben sich nicht zufrieden gegeben mit dem, was einfach geschieht. Es war ihnen nicht genug, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sie haben sich nicht mit Unrecht und Ungerechtigkeit zufrieden geben können. Sie waren mit sich selbst nicht zufrieden. Sollte das alles im Leben sein, was einer leistet, was einer falsch gemacht hat, was eine konnte oder nicht konnte, was wir hinterlassen und woran sich die Nachwelt erinnert? Sie haben den Weg eines sinnvollen und erfüllten Lebens gesucht.

Sie haben sich nicht mit der verbreiteten Gleichgültigkeit begnügen können, die sich nicht vom Gewissen stören lässt und auf Durchsetzungsfähigkeit oder Anpassung und Mitläufertum setzt. Sie konnten keine Freiheit darin sehen, auf Kosten anderer zu leben. Was ich geschafft habe, macht mir keiner streitig. Die Flüchtlinge, Gastarbeiter und Zuwanderer, die den Pass geschafft haben, geben Strache & Co. ihre Stimme, damit diese die Asylantenschwemme aufhalten sollen. "Das Boot ist voll. Wir sind schon drin. Jetzt nur nicht kentern, weil immer mehr rein wollen." Sie haben sich der vermeintlich sicheren und populistischen Lösung widersetzt, durch enge Moral, mit strengen Gesetzen und harter Vergeltung für Recht und Ordnung zu sorgen

Paulus wie Luther und Calvin fanden die Lösung ihrer Frage in Christus Jesus. Sie fanden die Antwort, die Gott gegeben hat. Sie fanden das Evangelium. Nicht ich kann mir mein Heil erwerben, aber Gott hat mich geheiligt. Nicht ich kann meine Fehler wieder gut machen und meine Schuld bezahlen. Aber Christus Jesus hat für mich gesühnt. Ich bin nicht imstande, Gott zu erkennen. Aber Gott hat mich erkannt. Ich werde die Welt nicht verbessern, aber Gott will mich gebrauchen, um seine Schöpfung zu verwalten und sein Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und Wohlstandes aufzurichten. Gottes Zuwendung zu mir und sein Anspruch auf mein Mittun ist in Jesus Christus offensichtlich geworden. In dem Einsatz Jesu nehme ich die Liebe und bedingungslose Leidenschaft Gottes für mich wahr. Der Versuch, es zu umschreiben und lebendig umzusetzen, mag typisch menschlich, begrenzt und ungeschickt sein. Wir haben diesen Schatz nun mal nur in irdenen Gefäßen. Das muss uns jedenfalls nicht aufhalten. Denn das ist die Überfülle der Kraft Gottes, die nicht von uns stammt, aber in Jesus Christus uns gehört.

Amen.

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