15. März 2009

Johannes Langhoff 

  

Und als sie am nächsten Tag von Bethanien aufbrachen, hungerte ihn. Und er sah von weitem einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und er ging hin, um zu sehen, ob er vielleicht etwas an ihm fände. Und als er zu ihm hinkam, fand er nichts als Blätter, denn es war nicht die Zeit für Feigen. Und er sagt zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. …

Und als sie am anderen Morgen vorübergingen, sahen sie, dass der Feigenbaum von den Wurzeln her verdorrt war. Und Petrus erinnert sich und sagt zu ihm: Rabbi, schau, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.

Und Jesus entgegnet ihnen: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wer zu diesem Berg sagt: Hebe dich hinweg und wirf dich ins Meer!, und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dem wird es zuteil werden. Mk.11,12-14.20-23

 

Liebe Gemeinde!

Glaube kann Berge versetzen, meint das Sprichwort. Bildlich gesprochen. Anders geht's ja nicht. Nur Jesus muss das wieder einmal anders nehmen. Der meint das ernst. Der erwartet das sogar von seinen Leuten. Er unterstellt ihnen unverholen, dass sie das Bergeversetzen nur deshalb nicht könnten, weil ihr Glaube nicht überzeugt genug ist. Des öfteren hat er ihnen vorgeworfen, sie seinen kleingläubig. (Matth. 6,30;8,23;16,8 u.ö.) Aber hier ist es wohl doch ein bisschen übertrieben. Das ist keine Aufmunterung, nicht einmal eine Herausforderung. Das ist schlicht eine glatte Überforderung. Das kann keiner hinkriegen. Das ist im übrigen eine sinnlose Übung. Machogehabe. Protzerei. Derber Streich. Überflüssiger Studentenulk. Nein das braucht niemand außer vielleicht Straßenbaufirmen, die nicht nur an Arbeitskräften, sondern auch an Maschinen kräftig sparen wollen. Überhaupt, je länger man darüber nachdenkt, umso unsinniger wird der Spruch. Das ist absurd. Das kriegt keiner hin. Einfach so einen Berg hopp meerwärts. Hat er selbst nicht gemacht. Hat Jesus sich selbst mit frommen Sprüchen gegen die Versuchung und den Versucher gewehrt als seine zauberhaften, göttlichen, übermenschlichen Fähigkeiten gefragt wurden. Dabei hätte er seine überirdischen Kräfte unter Beweis stellen können. Wollte er nicht. Konnte er nicht. Hat er nicht. Und jetzt sollen Sie.

Die Geschichte ist nicht ohne. Jesus zaubert sich da eins. Einen wirkkräftigen Fluch landet er. Voodoo-Zauber gegen ein mickerndes Pflänzchen. Gekränkte Eitelkeit. Beleidigte Leberwurst, weil ihm nicht die gebratenen Tauben wie im Schlaraffenland zufliegen, kaum dass er einen Gusto darauf hat. Man darf vermuten, dass diese Anekdote nicht allzu historisch genau ist. Eigentlich sollte man vermuten, dass sie überhaupt nicht historisch ist, weil sie letztlich kein irgendwie bedeutsames Ereignis darstellt. Aber eine Glaubenspredigt ist sie. Ein Histörchen zur Erbauung, Auferbauung. Dem Glauben auf die Sprünge helfen. Ein Mutmacher. Ein Muntermacher. Allerdings ziemlich missraten. Um jemanden in Gang zu bringen, darf man keine unmöglichen Aufgaben stellen. An dieser Forderung muss man scheitern. Da kann man nur versagen. Die gestellten Bedingungen machen das Scheitern unausweichlich. Damit kann ich keinen Glauben gewinnen, sondern meinen letzten Glauben verlieren. Wenn Glaube so sein soll, dann werde ich nie Glauben haben können, denn ich werde keine Berge herumfliegen lassen können. Das war's. Ich werde mich enttäuscht von Jesus abwenden müssen, wie jener fromme junge Mann, dem Jesus seinen Reichtum angekreidet hat. (Matth. 19,21f) Das ist ein Spruch der Glaubenszweifel nährt und in die Verzweiflung treibt. Jeder weiß, dass es kleine Schritte und erfüllbare Aufgaben braucht, wenn man etwas lernen und einüben will.

Ich sage das so. Ich kenne andere Forderungen. In manchen Kirchen und frommen Gemeinschaften, wird Glaube gefordert, der das Unmögliche für Möglich hält. Glaubensproben werden gefordert. Der oder die Gläubige muss in eine Schlangengrube voller tödlicher Giftschlangen steigen und dort eine Zeit lang aushalten. Die Überlebenden haben ihren Glauben bewiesen. Der Unglaube der anderen ist bewiesen und gleich bestraft, wenn sie gebissen werden und womöglich daran sterben. Ich habe schon Menschen erlebt, die nur deshalb die Freiheit eines Christenmenschen und das Geschenk des Evangeliums aufgegeben haben, weil sie in der römischen Kirche die sichere Verwahrung und Verwaltung echter Wunder sehen. D.h. diese Kirche habe Beweise für wahre Wunder, sprich für das Unmögliche, das Überirdische. Also habe sie den Glauben unter Kontrolle. Man muss ihr eben nur gehorchen, um an diesem Glauben Anteil zu bekommen. Die Evangelischen haben dagegen keine Wunder in ihrem Repertoire. Den Protestanten geht der Glaube ab. Alles nur Gerde. Eine Kirche zum Nachdenken. Der Kopf wird bedient mit vielen Worten. Die Predigt ist das Wichtigste. Der Rest wird vernachlässigt, besonders von den H.B.-lern. Da haben wir es.

Lernen wir bitte heute etwas von Jesus. Lernen wir. Nur was? Wie man die Berge durch die Gegend schleudert oder wie man glaubt, was man glaubt, wem glaubt? Die Anweisung fehlt. Es sind keine Lernschritte vorgegeben. Es gibt lediglich die unerfüllbare Forderung, die mehr einer Watschen gleichkommt. Wieder versagt!

Und nebenbei bemerkt hat der Meister selbst kein Glanzstück abgeliefert. Da ist die Bewunderung des Meisters durch Petrus. Der staunt lauthals bei der überraschenden Entdeckung. Der schon am Vortag sich als fruchtlos zeigende Feigenbaum ist am nächsten Tag plötzlich total hin. Petrus muss unbedingt und ungefragt daran erinnern, dass der Meister am Vortag sich fluchend über den Baum geärgert hat, weil an ihm nichts Essbares zu finden war. Ein schönes Wunder. Eine tolle Glaubensleistung. Wofür hat er die gebraucht? Er - Jesus oder er - Petrus?

Nein, eine richtig fromme und brave Geschichte ist das nicht. Der liebe Herr Jesus hat schlechte Laune. Der Rabbi lässt sich hinreißen und gerät in Rage. Petrus an seiner Seite heizt die Stimmung an. Petrus ist bekannt für seine spontanen Gefühlsaufwallungen und heftigen Reaktionen. Das ist noch nicht alles. Die Geschichte hat einen viel wilderen Kern. Der verfluchte Feigenbaum ist bei Markus nur eine Rahmenhandlung für die Geschichte von dem um sich schlagenden Jesus in Jerusalem. Ich habe die 5 Verse ausgelassen, in denen Markus den wütenden Auftritt Jesu im Tempelvorhof überliefert. Als er in den Tempel hineinging, begann er, alle hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften. Die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stieß er um und ließ nicht zu, dass man irgendetwas über den Tempelplatz trug. (v15f) Bei Matthäus wird die Handlung ein wenig umgestellt. Den einen Tag macht sich Jesus über den Tempelmarkt her und am nächsten Tag über den leeren Feigenbaum. Lukas versetzt die Geschichte vom Feigenbaum gänzlich woanders hin und verändert sie in ihr Gegenteil. Dort lässt sich Jesus zu geduldigem Warten überreden und gibt dem Baum eine zweite Chance. Johannes kümmert der fruchtlose Baum nicht.

Nur Markus und Matthäus haben das besondere Potential dieser Anekdote entdeckt und Markus dabei am deutlichsten herausgestellt. Jesus im Zorn. Es trifft Schuldige und Unschuldige. Den Tempelhändlern darf man die rabiate Behandlung wünschen. Auch andere geraten schon mal angesichts eines exzessiven Devotionalienhandels vor Kirchen, an Wallfahrtsorten und Heiligtümern in Rage. Die eine und andere Reformation hat dabei ihren Anfang genommen. Der Baum, so nutzlos er ohne die süßen Feigen erscheinen mag, ist aber ganz gewiss unschuldig. Bitte, wer will eine Pflan­ze schuldig sprechen. Jesus in heiligem Zorn, der fern ab jeder Rechtfertigung und Gerechtigkeit steht. Und das von beiden Evangelisten garniert mit dem Sahnehäubchen von dem Glauben, der gefälligst Berge versetzen muss. Na nehme ich wenigstens die Aufregung, Leidenschaft und Verzückung als Erklärung für die maßlose Übertreibung bei der Glaubensforderung. Er ist grad nicht in der Stimmung für rücksichtsvolle, vorsichtige und zaghafte Lernschritte im Umgang mit dem Heiligen.

Ach was. Ich muss doch nicht versuchen, Jesus zu entschuldigen. Das ist Anmaßung. Das ist die dumm dreiste Masche, mit der Jesus verkindlicht und zum total lieben Herrn Jesus verkitscht wird. Das ist übler Standard, dass schon einmal ein unliebsamer Pfarrer, dessen Ernennung zum Weihbischof nicht gefällt, in den Medien niedergemacht wird, weil er gesagt habe, Jesus sei nicht ein lieber Gott. Wenn Jesus so kuschelweich lieb gewesen wäre, dann hätten sie ihn sicher nicht derart aufwendig verfolgt und töten lassen. Es braucht eh niemand einen übermenschlichen Jesus, der es schafft mit allem und jedem immerzu lieb zu sein. Er ist einer von uns, einer wie wir, nur eben schuldlos. Doch nicht ohne Emotion, Leidenschaft, Erregung und Aufregung. Markus und Matthäus spielen diese Leidenschaftlichkeit Jesus extra hoch. Sie lassen diesen Eifer in der Darstellung der Glaubensstärke gipfeln. Ja, dass macht Sinn. Es ist die Leidenschaft mit Gott und für Gott, die dem Glauben Kraft und Überzeugung gibt. Jesus antwortet seinem Stichwortgeber Petrus auf dessen unumgänglichen Hinweis auf den erfolgreich verfluchten Obstbaum mit seinem Lehrstück zur Frage nach dem Glauben. Die Lehre heißt kurz gesagt unbedingte Leidenschaft.

Die Antwort ist erstaunlich genug. Keine Rede von irgendwelchen Lehrstücken. Keine Erläuterung zum Objekt des Glaubens. Die Frage, gibt es Gott oder nicht, ist keine Frage. Das leidige Thema der Dreieinigkeit steht nicht an. Man muss sich nicht einem bestimmten Propheten, Papst, einer Kirche oder besonderen Offenbarung gehorsamst unterwerfen. Glauben ist Temperament, Begeisterung, Verzückung und Enthusiasmus. Glauben steht hier nicht als Denkvorgang, nicht in seinem Inhalt zur Debatte, sondern als bloße und ungehemmte Erregung. Die kennt keine Grenzen und sprengt alle Grenzen. Dieser Glaube kann Berge versetzen.

Da mag ich mich vielleicht nur daran stoßen, dass diese Leidenschaft eine negativ bestimmte Aufregung ist, Wut und Zorn. Die positive Leidenschaft, die oft und zentral betonte Liebe Gottes wäre doch auch ein gutes Beispiel. Oder nicht. Von wegen der süßlich liebe Herr Jesus. Oder die mögliche sexuell und erotisch anregende und sich bis zur Unbeherrschtheit steigernde Liebe als Form des grenzenlosen und sich bedingungslos hingebenden Glaubens, den die Mystiker gelebt haben. Das ist wohl für die meisten keine hilfreiche Umschreibung und Anleitung des Glaubens. Da muss man ehrlich sein. Wut, Rage und Zorn sind naheliegender, um Leidenschaft zu bezeichnen, die außer Kontrolle gerät. Und das ist es, was ich bei Markus lese. Er will den Glauben und das Geheimnis des Glaubens verständlich machen als eine unkontrollierbare Leidenschaft. Die redet man sich nicht ein. Die kommt nicht von selbst aus dem hohlen Bauch oder durch Nachdenken. Die kommt von einem Gegenüber das mich aufregt. Einem Gegenüber, der mich erregt. Von Gott, der mich angreift und mitreißt. Das ist etwas Besonderes und nicht alltägliches. Der Glaube ist ein Geschenk. Wo du ihn erfährst, da kannst du auch Berge versetzen.                  

Amen.

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