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10. April 2009 Johannes Langhoff
Doch unsere Krankheiten, er hat sie getragen,
Liebe Gemeinde! Einst waren sie makaberes Unterhaltungsprogramm für die Volksmassen. Auf den zentralen Marktplätzen oder an den Stadttoren wurden Hinrichtungen öffentlich vollzogen. Wo sich heute täglich Touristenmassen drängeln, um dem Spiel der Ankeruhr beizuwohnen, sammelte sich über Jahrhunderte die Wiener Bevölkerung, wenn das Schafott aufgebaut wurde, und bestaunte das gruselige Schauspiel. Jesus musste vor den Toren Jerusalems zur schauerlichen Belustigung der Festpilger beitragen. Pilatus hatte den entsetzlichen Kitzel noch aufgepeitscht mit dem grausigen Spiel um das Leben der Delinquenten. Einen durften sich die Volksmassen zum Hängen aussuchen und einem durften sie das Leben schenken. Verfolgte Christen wurden über Generationen zur Volksbelustigung im Kolosseum Gladiatoren und Raubtieren vorgeworfen. Die Erfindung der sichersten und somit humansten Hinrichtungsmaschine, die Guillotine, zog Paris am Ende des 18. Jahrhunderts in einen unvorstellbaren Blutrausch und fraß am Ende die führenden Revolutionäre gleich mit. Das ist Vergangenheit. Sogar die Todesstrafe ist in vielen Ländern wie in Europa Vergangenheit. Und wenn in China oder im Geltungsbereich der Scharia öffentliche Bestrafungen und Hinrichtungen vollzogen werden, schreit die übrige Welt auf und protestiert gegen diese Unmenschlichkeit. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie immun wir wirklich alle dagegen sind. Noch halten sich die Nachrichtenmedien zurück und vermeiden zumeist direkte Bilder von Opfern. Tote werden nur gezeigt, wenn sie zugedeckt auf einer Bahre davongetragen werden. Eine Blutlache zu zeigen, gilt bereits als Zumutung. Film und Fernsehen sind ansonsten nicht so zimperlich. Um Karfreitag-Ostern herum laufen die Gruselschocker. Die Passion Christi in übertriebenen Details bebildert gilt sogar für viele als ein religiöses Muss des Passionsgedenkens und Nachempfindens des Leidens Jesu Christi. Eine erschütternde Erfahrung, von der ich allerdings nicht sagen kann, welchen Glaubensgewinn sie vermitteln soll. Leiden, Krankheit und Tod werden in unserer schönen, heilen Welt diskret behandelt. Da muss man schon den Kopf weit zum Autofenster heraushängen, um einen flüchtigen Blick zu erhaschen. Tatorte werden abgeschirmt und Schaulustige ferngehalten. Kranke werden isoliert, Sterbende in separate Sterbezimmer verlegt. Die Toten verschwinden ohne den letzten Blick der Angehörigen unterm Sargdeckel. Die moderne Gesellschaft versagt sich einem Teil der Realität des Lebens, nämlich der Wahrnehmung des Sterbens und den Anblick des Todes. Kein Wunder, dass das Reality-TV als erstes darauf reagiert und genau diese Lücke wieder füllt und vermarktet. Meinen Respekt. Diesmal keine Medienschelte. Meinen Respekt vor Jade Goody. Sie war die Ulknudel der britischen Big Brother-Shows, das enfent terrible des Boulevards. Sie hat dem Affen Zucker gegeben, wo immer das Publikum nach Peinlichkeiten gerierte. Es ist ihr sogar gelungen, eine schwere diplomatische Krise auszulösen, durch ein paar sehr flapsige fremden- und islamfeindliche Sager. Die islamische Welt kochte auf und Demonstranten verbrannten öffentlich den Union Jack. Und dann kam die Nachricht von ihrer Krankheit zum Tode, unheilbarer Krebs. Sie hat auch das zelebriert und ihr Sterben öffentlich gezeigt. Sie hat ein letztes Mal kräftig abkassiert, die Mutter, die ihre Kinder allein zurücklassen muss und mit letzten Mitteln für deren Lebensunterhalt sorgt, mit den Bildern von ihrem Sterben und ihrem Tod. Jade Goody hat vielen Menschen den verlorenen Blick auf das Sterben und den Tod wiedergegeben. Christoph Schlingensief ruft das Publikum zusammen. Als er die Diagnose von seinem tödlichen Krebs erfuhr, hat der Mann, der sich so gerne auffällig in Szene setzt, die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Den Medien wurde die Meldung unter Klagsandrohung untersagt. Er wollte sich und seine Partnerin vor der Frageflut schützen, die in die Verarbeitung des Schocks platzte. Er wollte sich seiner Krankheit stellen können. Er hat es getan und tut es inzwischen öffentlich. Mit seinem Medium, mit den Mitteln des Theaters. Schlingensief kleidet die Auseinandersetzung mit seiner Krankheit, seinem bevorstehenden Sterben und dem erwarteten Tod in die Sprache der Kunst. Er überhöht und gibt damit Anteil. Nicht die mitleidige Anteilnahme, das Bedauern und den vorabgefassten, kontrollierten Nachruf. Er lässt sein Publikum Anteil nehmen durch die je eigene Auseinandersetzung mit den verdrängten, auf später verschobenen, unangenehmen Fragen nach dem Ende und dem warum, dem Sinn und Bleibenden, dem Urteil und der Erinnerung. Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«! (Koh 12,1) Eine Woche lang hat Schlingensief das Publikum des Burgtheaters hineingenommen in seine Ängste und Sehnsüchte, seine Fragen und Gedanken, seine Pläne und Erinnerungen. Eine Woche lang im vergangenen März, im Juni noch einmal für ein paar Tage. Eine Woche lang hat er mit einer ungewöhnlich ruhigen Bebilderungen der Auseinandersetzung mit sich selbst die Zuschauerinnen und Zuschauer zutiefst aufgewühlt, sie aus der Beobachterrolle herausgerissen. Den Karfreitags-Wagner, Parsifal, als Therapieangebot in einer Ayurvedaklinik in Szene gesetzt. Isoldes Liebestod-Arie als Erlösungsangebot von einer alte Opernsängerin mit zerbrechlicher Stimme dargeboten. Er wühlt die Gefühlswelt der Zuhörerinnen und Zuhörer zutiefst auf. Schlingensief, Subjekt und Objekt seiner eigenen Oper, greift aus dem Zuschauerraum in das Geschehen ein und betritt selbst die Bühne, kommentiert sich und liest aus Briefen anderer Betroffener vor, die sich der Nachricht von ihrem bevorstehenden Ende stellen mussten. Als lädt er sein Publikum ein: Schreibt Eure Briefe! Lest Eure Gedanken! Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«! Mea Culpa – meine Schuld. "Die Dunkelheit ist deine Zeit, nicht das Licht. In der Dunkelheit bist du du selbst." (Schlingensief) Die bohrende Frage, die die Fragen auslöst. Was habe ich getan? Warum geschieht mir das? Was habe ich falsch gemacht? Wofür werde ich so bestraft? - Woher ich den Schnupfen habe, kann ich schnell herausfinden. Auch das gebrochene Bein hat seine bekannte Ursache. Sogar den Herzinfarkt hätte ich kommen sehen können. Aber warum mir das alles immer passieren muss, weiß ich nicht. Bin ich ein so schlechter Mensch? So fordere ich die anderen: "Sag mir bitte, dass ich nicht allzu arg bin!" Sie tun es ganz brav und mitleidsvoll. Schlingensief: "Bekenne deine Schuld und man wird dich auf Händen tragen." Die Methoden der Schulmedizin verführen zu der Einstellung, dass Krankheit schuldhaft ist. Therapie hängt von der Ursachenermittlung ab. Diagnose und Anamnese sind die Instrumente der Nachforschungen und Nachstellungen. Die Perfektionisten des Genres sind die Pathologen. Sie sezieren alles, das letzte noch. Die Sonderabteilung der Götter in Weiß ist die letzte Instanz, das Jüngste Gericht der Medizin und aller Patienten. Nichts muss ihnen entgehen. Nichts lässt sich vor ihnen mehr verbergen. Die Verweigerung der Obduktion ist mitunter ein Gnadenakt für die Hinterbliebenen. Denn sie decken auch noch die letzte und kleinste Sünde auf. Es ist ein kleiner Gedankenschritt, um das ganze Leben als einen Ort der Sünden zu verstehen. Es ist ein zwangsläufiger Schritt, das Sterben als Lohn von Sünden zu verstehen. Und die Bibel hat doch recht. Steht es nicht überall darin: "Der Tod ist der Sünde Sold." (Röm.6,23a) Das Leben sei eine Krankheit zum Tode. "Denn der Sünde Sold ist Tod, die Gabe Gottes aber ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserm Herrn." (Röm.6,23) Das ist es, was in der Bibel steht und Paulus als die Botschaft des Evangeliums auf den Punkt bringt. "Verachtet war er und von Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut und wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, ein Verachteter, und wir haben ihn nicht geachtet. Doch unsere Krankheiten, er hat sie getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich genommen. Wir aber hielten ihn für einen Gezeichneten, für einen von Gott Geschlagenen und Gedemütigten. Durchbohrt aber wurde er unseres Vergehens wegen, unserer Verschuldungen wegen wurde er zerschlagen, auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren." So formuliert der Prophet im Jesajabuch das Evangelium, die befreiende Botschaft. Nicht Schuld und Sünde sollen über mein Leben bestimmen. Nicht Krankheit soll mich in den Tod reißen. Er hat Krankheit und Tod, Schuld und Sünde auf sich genommen und von mir genommen. Die befreiende Erkenntnis des Karfreitag ist die Wahrnehmung meines Todes und meiner Schuld am Kreuz Christi. Jade Goody und Christoph Schlingensief bieten einer neugierigen und interessierten Öffentlichkeit an, dass Menschen ihr eigens Leben wieder in seiner Gänze wahrnehmen möchten und mit Blick auf das Ende Weisheit zum Leben finden, wie es der Psalmist formuliert: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." (Ps.90,12) Der Prophet lenkt den Blick auf Gott selbst und dem Handeln in seinem Knecht. Goody und Schlingensief spielen eine Ersatzrolle für diejenigen, die sich ihrem eigenen Leben stellen wollen. Christus Jesus hat den Ersatz geleistet für diejenigen, die sich ihm überlassen. Ich brauche nicht die Augen vor dem Ende und der Endlichkeit meines Lebens zu verschließen. Das muss mich nicht traurig machen, sondern kann mir den Wert jeder einzelnen Stunde meines Lebens offenbaren. Die bewusste Wahrnehmung meiner Begrenztheit eröffnet mir den Reichtum von Gottes guter Schöpfung. Das Eingeständnis meiner Unzulänglichkeit lässt mich in der Begegnung mit anderen und der Hingabe an andere Erfüllung finden. Ich sollte das Angebot nicht ausschlagen, dass mir Christus in seinem Kreuzestod macht. Er nimmt mir die Krankheit zum Tode. Er bietet mir ein Leben des freien Umgangs mit meiner Vergangenheit, des ungezwungenen Gebrauchs der Gegenwart und des angstfreien Blickes auf meine Zukunft. Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh.3,16) Amen. |