12. April 2009
Ostersonntag
 

Johannes Langhoff  

 

Als sie aber hingingen, siehe, da kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.

Und sie kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr sicher seid. Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und so ist dies zum Gerede geworden bei den Juden bis auf den heutigen Tag. Matth.28,11-15

 

Liebe Gemeinde!

Es lässt sich nicht verheimlichen. Es ließ sich nie verheimlichen. Von Anfang an nicht. Er war nicht aus der Welt zu schaffen. Er ist nicht aus der Welt zu kriegen. Er lebt. Er ist auferstanden. Wie immer das geht und ging. Aber er lebt. Unleugbar.

Es ist wie es immer war. Das will nicht jeder wahrhaben. Nichtchristen und selbst manche Christenmenschen stoßen sich an der Grabesgeschichte. Es muss eine Erklärung geben. Das leere Grab steht nicht in Frage. Die Frage ist, warum es leer war. Die Legenden sprießen ins Kraut. Die Geschichte der Frauen. Die Geschichten der Jünger. Die Begegnungen in Jerusalem. Der Aufbruch nach Galiläa. Die Wiederbegegnungen  am See.

Das leere Grab muss ein Trick sein. Matthäus gibt dem Abenteuer gleich Farbe. Er erzählte die Anekdote von dem gezielten Gerücht. Gleich nachdem man den Leichnam vermisst hat, hätten die geistlichen Behörden das verschlafene Wachpersonal dazu überredet, die Mär vom Diebstahl der Leiche durch seine Anhänger zu verbreiten. Eine ziemlich unglaubliche Geschichte. Verschlafen hätte als Ausrede genügt, um den Spekulationen und Zweifeln freien Lauf zu lassen. Das Problem mit den Dienstbehörden gab es so und so. Matthäus sattelt jedoch kräftig drauf. Denn sein Geschichtlein ist eine kräftig Portion religiöser Propaganda und Munition im Kampf der Religionen. Er ist unser Messias und er ist unser lebendiger Messias. Das könnt ihr nicht leugnen. Das könnt ihr mit euren Gerüchten nicht aus der Welt schaffen.

Matthäus betreibt ungeniert den Wettstreit der Religionen um die Wahrheit. In unseren Augen und für unsere Ohren klingt der Vorwurf an die Juden, die sich gegen die Auferstehungsbotschaft stellten, wie ein weiters Schäuflein auf dem Misthaufen des Antisemitismus. Im Nachhinein wird man für dergleichen sensibler. Vereinfachender Geist mag sich und hat sich über Jahrhunderte daraus ein sauberes Weltbild zusammengesetzt. Schwarz-Weiß. Juden oder Christen. Jahrhunderte lang haben sich Christen hinter der Unterstellung versteckt, die Juden würden die Auferstehung leugnen mit ihrem Gerücht vom Leichenraub. Dahinter lassen sich eigene Zweifel verbergen. Bevor mich einer dabei ertappt, dass ich der Geschichte  vom leeren Grab nicht ganz traue, kann ich den Aufschrei der Empörung auf die gehabten Bösewichte abwälzen.

Der moderne Geist putzt sich an ihnen ab. Das Thema möchte historisch genommen werden. Auferstehung ist unmöglich. Das ist ein religiöses Phänomen und hat mit den historischen Ereignissen nichts zu tun, außer dass eben sehr bald Auferstehungsgeschichten die Runde machten. Das ist historisch. Aber ein Wieder- und Weiterleben des gekreuzigten Nazareners ist absurd. Wenn schon nicht Betrug, wie gesagt, so reden die, die immer alles besser wissen, dann wenigstens eine fromme Legende, die der Gläubige braucht, um seine Hoffnung zu nähren. Glauben, der Wunder braucht, braucht eben auch eine Auferstehungsgeschichte.

Die Kinder der Aufklärung begnügen sich mit dem lieben Herrn Jesus, der so weise Worte gesprochen, gute Taten getan und eine friedliche und humanistische Moral gepredigt hat. Ein idealer Mensch, wie man ihn sich wünschen möchte. Ein Vorbild und Wunschbild des guten Menschen. Das gibt es nicht oft in der Geschichte. Irgendwie möchte man sich einen in die Jahre gekommenen Jesus von Nazareth wie den Dalai Lama vorstellen. Ein verbindlich, friedvolles Lächeln. Rundum passende Sprüche und Lebensweisheiten, mit denen man gut fahren sollte, wenn man Gelegenheit dazu hat und gerade selbst einmal gut sein will.

Der biblische Jesus ist ein leuchtender Stern in der Menschheitsgeschichte. Genauer gesagt ein Meteorit. Er leuchtet kurz auf, explodiert spektakulär und verglüht. Er hinterlässt Leere, Dunkelheit und Enttäuschung. Am Ort des Aufschlags bleibt ein tödlicher Krater zurück. Noch heute lässt sich da nicht friedlich leben. Heftige Sprüche, drastische Aktionen und ein schnelles furchtbares Ende, das andere mit in den tödlichen Strudel reißt. Seine Worte haben alles auf den Kopf gestellt. Die letzten werden die Ersten sein und umgekehrt. Er hat alles umgekehrt und durcheinander gebracht. Die Frommen beleidigt, die Halunken geehrt. So kann nur leben, wer nicht mehr viel von diesem Leben erwartet.

Als Legende ist er gut. Besser als im lebendigen Original, an dem selbst seine nächsten Anhänger gescheitert sind. Eben das ist es. Deshalb haben sie sich ihn hinterher zurechtgestutzt, handhabbar und brauchbar gemacht, wiederverwendungsfähig. Ein Blick auf die Kirchen, die sich auf ihn berufen und ihn zu ihrem Idol machen, schürt den Verdacht. Sie verwalten ihn wie er ihnen ins Konzept passt. Vorsicht, dass wir uns nicht die bequemsten Seiten an ihm aussuchen und ihn mundgerecht und unterhaltsam unters Volk streuen. Da gibt es Watschen. Die frohe Botschaft, das Evangelium muss lachen. Oder es gibt Reglementierungen, Index und Exkommunikation, wenn Priester und Bischöfe Jesus bei den Armen suchen und finden wollen.

Er lebt. Die Gerüchte können nichts daran ändern. Und das ist gut so. Das ist Hoffnung. Das ist Perspektive.

Am See ist er ihnen wieder ins Gehege gekommen, genauer gesagt, zwischen die Netze geraten. Lustlos und ohne Eifer haben sie ihr alltägliches Einerlei wieder aufgenommen, um sich mit mühsamer Arbeit weiter durchs Leben zu schlagen. Er lebt und verschafft ihnen unerwarteten Erfolg. Sie lassen sich begeistern, gehen los und stecken andere mit Lebensmut an. - Immer wieder erfahren Menschen unerwarteten Erfolg und Anerkennung, die sie aus der Niedergeschlagenheit reißen. Die Abhängigkeiten, in denen sie sich wie in wirren Netzen verfangen haben, werden bedeutungslos, zumindest zweitrangig. Arbeit ist nicht alles. Nur für die Pension hackeln, kann nicht das Wahre sein. Geld allein macht nicht glücklich, auch nicht viel Geld. Arbeit macht nicht den Menschen aus. Beruf und öffentliches Ansehen sind flüchtige Werte. Er lebt und zeigt ihnen andere Menschen. Menschen, die jemanden brauchen. Und Menschen, die etwas geben möchten.

Am Tor haben sie ihn getroffen. Da saß er wie ein verkrüppelter Bettler und wartete auf sie. Da haben sie sein Werk aufgenommen und die Kräfte des Himmels geweckt. Statt Geld gaben sie ihm den aufrechten Gang zurück und sind gleich selbst in die Fänge der Religionsverwalter geraten. - Immer wieder haben Christenmenschen sich gegen Krankheit und Elend gewandt. Sie haben nichts unversucht gelassen, zu heilen und zu verteilen. Christen begnügen sich nicht mit Almosen und Mitleid, sondern packen es an. Keine Schicksalsergebenheit, die zeitlebens vor dem Tod und Leid die Augen verschließt. Sie sehen den lebendigen Christus Jesus, der in jedem Bedürftigen und in jeder Leidenden auf sie wartet.

Sie mussten ihn bei den Ausgestoßenen suchen und fanden ihn im Kampf mit den Dämonen verwickelt. Legionen hießen jene, die den Mondsüchtigen plagten, und die Jesus ihm austrieb. Jeder unselige Dämon weckt die Erinnerung an den lebendigen Christus, der uns in den Kampf gegen sie stellt. Der Ungeist des Kapitalismus gehört gebannt, der Sog des Geldes und grenzenlosen Vergnügens. Sollen die quälenden Geister und Verführer wie die Legionen in die Säue fahren und die Wahnsinnsgeister im Meer ersaufen.

Sie sind ihm begegnet beim Nachtmahl, als er das Tischgebet sprach und das Brot brach. Der Himmel brach auf wie damals beim Hochzeitsfest, das beinahe ins Wasser gefallen wäre. Das war der lebendige Gott, der einen Vorgeschmack auf die vollendete Welt gab. In dieser Welt, nicht jenseitig und nicht abseitig. Mitten im Leben der lebendig Christus und nicht in der abgeschiedenen, kargen  Zelle der Weltentsagung. - Immer wieder gelingt es christlichen Gemeinden, Menschen Freude und Gemeinschaft zu vermitteln und Hoffnung aufzutun, ihrem Leben Fülle und Erfüllung zu geben. Immer wieder gelingt es überzeugten Christen, Mächte des Bösen zu bannen und die Welt zum Guten zu wenden. Christen kämpften erfolgreich gegen überkommene Werte der christlichen Zivilisation wie Sklaverei und Apartheid. Christen erstritten das Völkerrecht und  schufen das Rote Kreuz. Sie haben Menschenrechte durchgesetzt und auch die besonderen Rechte der Kinder. Mitarbeiter am Reich Gottes.

Sie haben sich erinnert und die Erinnerungen weitergegeben. Sie haben den Geist des Lebens erfahren und ihn lebendig gehalten, weiterverbreitet die Wahrheit des Auferstandenen, die Wirklichkeit des Lebens. Liebe statt Gleichgültigkeit. Versöhnung statt Genugtuung. Gerechtigkeit statt Rechthaberei. Verantwortung statt Moralisierung. Offenheit statt Selbstverteidigung. Miteinander statt gegeneinander. – Immer wieder gibt es ungeniert fromme Menschen, die das einfach tun, ohne dabei die öffentliche Aufmerksamkeit und den Nachruhm zu suchen.

Sie haben seine Worte überliefert. Sie haben das lebendige Wort Gottes erfahren. Anstößige Worte, die Anstoß geben, sich nicht mit dem Gängigen und Vorgegeben zufrieden zu geben. Worte, die in Frage stellen, Vorurteile durchbrechen und Machtstrukturen sprengen. – Immer wieder haben Menschen die Kirchen vorangetrieben, haben gegen die Verkrustungen rebelliert und das Regiment Christi eingefordert. Sie haben die Mumien aufgestöbert, Reliquien hinausgeworfen und tote Lehren abgeschafft.

Es hat nicht aufgehört. Das Gerücht vom Betrug hat nicht gereicht, um ihn endgültig mundtot zu machen. Die Mär vom Leichenraub ist eine bloße Lüge. Eine willkommene Lüge für diejenigen, die sich nicht stören lassen wollen, die es sich richten wollen, wie sie es sich gerne richten. Allzu viel Lebendigkeit stört die mühsam erarbeiteten Strategien der Lebensbewältigung. Das ist wie eine ungewollte Schwangerschaft. Das Leben kann einem das Leben ganz schön durcheinander bringen. So etwas muss geplant und geordnet werden. Wie gut für sie, dass sich die Kirchen der Sache Jesu angenommen haben und sich mit viel Aufwand und Brimborium darum kümmern. Ja sollen sie sich den Leichnam einstecken, einbalsamieren, ausstellen und herumtragen.

Aber lassen sie sich nicht ins Bockshorn jagen! Er lebt und stört nach wie vor unsere Kreise, auch die der Kirchen. Und ehrlich gesagt, bin ich nur froh darüber. Es gibt noch genug Dämonen auszutreiben, Unrecht aufzudecken, Leiden zu beenden und Tod abzuwenden. Kein Grund zu glauben, dass er nicht lebt. Er hält noch viele Aufgaben für uns bereit.

Der Auferstandene schickt uns ans Werk: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (v.18-20)                                                                        

Amen.


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