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03. Mai 2009 Johannes Langhoff
Im Blick auf euch, meine Geliebten, sind wir, auch wenn wir so reden, vom Besseren überzeugt, von dem, was Rettung bringt. Denn Gott ist nicht ungerecht: Er vergisst eure Taten nicht und nicht die Liebe, die ihr seinem Namen erwiesen habt, indem ihr die Heiligen unterstützt habt und immer noch unterstützt. Wir wünschen aber sehnlichst, dass jeder von euch den gleichen Eifer für die Erfüllung der Hoffnung zeige, bis ans Ende, und dass ihr nicht träge werdet, sondern es denen gleichtut, die durch Glauben und Geduld die Verheißungen erben. Hebr.6,9-12
Liebe Gemeinde! Instant-Generation war der Begriff, der vor nun schon fast 30 Jahren aufkam. Er sollte die damaligen Jugendlichen und ihr verändertes Verhalten beschreiben. Jetzt und sofort war das Lebensgefühl. Wie Instantsuppen oder Instantgetränke. Sofort löslicher Kaffee und Brausepulver - zur Not auch, wenn es besonders eilig war oder extra prickelnd sein sollte, das Pulver gleich aus der hohlen Hand geschleckt. So sollte das Leben sein. Mir schnellstens nehmen, was ich nehmen will. Jedes Bedürfnis umgehend befriedigen. Ohne Verzögerung, ohne Hindernis. Sie konnten es sich leisten. Ihre Eltern hatten das drauf. Sie waren bestens ausgestattet. Das waren die Kinder der Yuppie-Generation. Jene Young Urban People - jungen Städter, die gut verdienende Jobs hatten und ihr üppiges Einkommen genüsslich ausgaben. Die sich nicht binden wollten, in getrennten Haushalten lebten und es zu Patchwork-Familien brachten. Sie sind in die Jahre gekommen. Die Yuppies haben es auf die hoch dotierten Managerposten oder in die saturierten Beamtenstellen gebracht. Die Instant-Generation mit inzwischen Vierzig Jahren springt von Job zu Job, wird für Projekte engagiert und ausgebeutet. Sie sind risikobereit und überlassen die Verantwortung anderen. Derzeit sind sie zwar in einer veritablen Krise. Aber so ernst nehmen sie das nicht. Denn die Folgen ihres Spiels mit dem großen Geld und ihrer unverschämten persönlichen Gewinnabschöpfung tragen eh die Steuerzahler, zu denen sie selbst nur bedingt gehören. Und die heutige Jugend steht gleich komplett außen vor. Ihnen bleiben keine Aufgaben mehr, keine Arbeitsplätze und keine Vorbilder. Ich will hier nicht eine soziologische Analyse der derzeitigen Situation erstellen. Es sind auch nur sehr grobschlächtige Linien der allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten. So oder so, also auch unter bescheidneren Verhältnissen und ohne Managergehälter, leben inzwischen viele ihre Möglichkeiten aus oder nehmen sich ihre Möglichkeiten. Leben auf Kredit ohne die Sorge, wie der Kredit abzuzahlen ist, oder wer ihn letztlich abzahlen muss. Es gibt schließlich die Privatinsolvenz, mit der ich wie viele Firmen meine Schulden abwälzen kann. Ich will auf einen Verlust aufmerksam machen. Es ist der Verlust der Sehnsucht und der Hoffnung. Gleich oder sofort. Es gibt kein danach. Sie werden immer älter, aber haben keine Erwartungen mehr. Leben nach Lust und Laune. 100 Jahre alt werden. Das ist kein Ziel. Das ist realistische Option. Wenn es überhaupt ein Ziel geben sollte, dann ist es die Frage, wie gut es mir dabei geht. Deshalb muss ich jetzt schon üben, wie ich Genuss und Fitness in Einklang bringe. Deshalb muss ich mich jetzt schon ausleben. Denn wenn es plötzlich nicht mehr geht, dann ist das Leben zu Ende. Dafür schreibe ich meine Patientenverfügung, dass es im Ernstfall keine lebenserhaltenden Maßnahmen geben soll. Ich will weder in Koma meine letzten Lebensjahre verbringen noch im Siechentum zum elenden Pflegefall werden. Dann lieber gleich die Spritze. Selbstbestimmtes Leben. Leben jetzt und sofort. Leben direkt. Leben im Augenblick. Gar nicht erst die Angst hochkommen lassen, was auf mich zukommen könnte. Ich rede von Verlust. Die wahre Sehnsucht kann nicht aufkommen, weil ich mir meine Wünsche erfülle, kaum dass ich sie habe. Die Wirtschaft lebt davon, die Konjunktur braucht es, die Werbung hilft mir auf die Sprünge, dass ich immer mehr, immer wieder neues haben will und mir sofort leiste. Für das Alte bekomme ich die Verschrottungsprämie. Hoffnung ist überflüssig geworden, weil die Zukunft keine Frage mehr ist. Leben gibt es nur in der Gegenwart. "Wir haben uns die Welt von unseren Kindern und Enkeln geborgt", heißt es. Nein, das ist reine Parteipropaganda. Der Satz ist unlogisch und bitte von wessen Kindern und Enkeln. Die muss ich mir ja auch nicht mehr antun. Doch es ist ein Verlust. Jedenfalls macht es das Leben immer anstrengender. Weil ich mir alles leisten kann und weil ich mir alles leiste, wird es mit jedem Mal schwerer, einen draufzusetzen. Ich kann jederzeit gut essen gehen und mir jemanden in ein gutes Lokal einladen. Doch zum Geburtstag, zur Weihnachtsfeier, zum Betriebsfest und zum Jahresfest des Tennisklubs muss mehr her. Wie kann ich das noch toppen? Allein die Menge macht's. Mehr und mehr muss für das Büffet aufgetafelt werden. Und was nicht alle wird und keiner mit nach Hause nehmen will, das spenden wir der Armenküche. Letztens hat doch tatsächlich ein Kürschner sich Platz für seine neue Kollektion verschafft, indem er die nicht verkauften Pelze der abgelaufenen Saison an die Kleiderkammern der Hilfsorganisationen verschenkt hat. Na die haben sich bedankt. Bettlerinnen, die sich im Nerz auf die Straße stellen müssen, und Sandler, die mit Kaviar und Austern abgefrühstückt werden. Man kann es einfach keinem mehr recht machen. Irgendwann in der Kindheit müssen wir die Sehnsucht und Hoffnung verloren haben. Als wir uns durchgesetzt haben, dass unsere Wünsche erfüllt wurden. Als wir immer mehr Geld und die erste Bankomatkarte für den Geldautomaten bekommen haben. Als es auch in den Kirchen nur noch Action gab und Events veranstaltet wurden. Den Verlust möchte ich zum gut Teil der kirchlichen Verkündigung anlasten. Die Kirchen haben versagt. Sie haben sich selbst auf den Unterhaltungsmarkt begeben und sind in Konkurrenz zu den übrigen Veranstaltern und Anbietern getreten. Sie haben den Spaßfaktor der Gesellschaft bedient und sich den Leuten zur Zerstreuung angeboten. Sammlung und Auferbauung wurden abgelegt. Verschämt wurden die alten Worte, das alte Bibelbuch hinter flotten Sprüchen und seichten Geschichten versteckt. Das hat nicht viel genützt, sondern die Menschen den Kirchen weiter entfremdet. Als sich herausstellte, dass aber die religiösen Bedürfnisse zunehmen, kam neue Verunsicherung in den kirchlichen Amtsstuben auf. Die neue Konkurrenz aus Esoterik, Buddhismus oder evangelikalen und fundamentalistischen Gemeinschaften wurde mit der Wiederentdeckung der Spiritualität bekämpft. Ziemlich erfolglos, weil stümperhaft mit Kerzenschein, Tränenperlen, Salbölen, Leiergesang und immer weniger Worten. Das Wort Gottes war gefährlich. Das Wort Gottes wurde als antiquiert empfunden, hatte den Makel der Strenge und Vertröstung. Die Verkündigung des Evangeliums geht in mehr oder weniger gekonnten rhetorischen Wendungen unter. Rundfunk und Fernsehen, die noch einen Bedarf, sprich ein Publikum dafür haben, müssen Predigerinnen und Prediger einschulen, weil die theologischen Fakultäten, die Predigerseminare und Vikariate es nicht mehr können. Nein, sie laufen alle wie die Katze um den heißen Brei. Das Gotteswort ist ein heißes Eisen. Das wagen wir nicht mehr anzufassen und muten wir keinem mehr zu. Wir betrügen die Leute um die Hoffnung und die Sehnsucht. Wir wecken keine Erwartung mehr. Wir verschweigen das Ziel. Man muss wirklich wieder die Bibel aufschlagen, in den alten Texten blättern und die alten Briefe lesen, um zu entdecken, was es zu sagen gibt. Der Hebräerbrief, aus dem ich heute vorgelesen habe, spricht es an. Hoffnung, Sehnsucht, Rettung, Erfüllung, Verheißung, Eifer und Geduld, von Glauben und Taten ist die Rede. Ich kann etwas tun. Es lohnt sich, etwas zu tun. Da gibt es noch etwas. Das ist noch nicht alles. Es gibt ein Ende. Das Leben ist nicht beliebig. Das Leben macht Sinn. Das Leben kann einen Sinn finden. Ich kann einen Sinn in meinem Leben finden. Ich muss mich nicht mit dem Kick zufrieden geben und unbefriedigt ständig einen neuen Kick suchen. Der Hebräerbrief bringt es auf den Punkt. Er lenkt den Blick zentral auf das Opfer Christi. Sein Einsatz hat den Menschen ein Ziel zurück gegeben. Christus Jesus hat mit dem Opfer der Versöhnung die Entfremdung zwischen den Menschen und Gott überwunden. Er hat uns Gott in unsere Welt zurückgebracht, aus der er uns abhanden gekommen war. Der selbstzerstörerisch durch sein Leben irrende Mensch hat wieder eine Perspektive. Gott hat uns nicht aufgegeben und hat seine Schöpfung nicht aufgegeben. Das Leben findet Erfüllung und Befriedigung in meinem Gegenüber und nicht in mir allein. Gott hat mich ihm – oder wie es an dieser Stelle im ersten Kapitel der Bibel heißt – ihnen zum Ebenbild gemacht. Mensch bin ich im Gegenüber zu Gott und zu dem Menschen, dem ich begegne. Einander geben und voneinander nehmen können, schenkt Vergnügen und Behagen. Das Leben will eine Herausforderung sein und kann zu einer erfüllenden Aufgabe werden. Teilen und einteilen, weitergeben und verzichten, Rücksicht nehmen und Verantwortung übernehmen, ohne Eigennutz etwas tun und im Eigeninteresse etwas unterlassen können. Die Bibel scheut sich nicht, dafür das Wort Liebe zu gebrauchen. Leben als Liebe. Die Liebe zu den Menschen um mich herum und die besondere Liebe zu dem Menschen mir ganz nah. Die Liebe zu Gottes schöner Schöpfung und dem Reichtum und der Vielfalt des Lebens. Die Liebe zu Gott, der oder die mich annimmt und auf mich wartet. Liebe, die Geduld füreinander und mit der noch unerfüllten Welt hat. Liebe, die zu hoffen wagt, für einen Menschen, für meine Umwelt und mein Umfeld, für mich selbst. Es lohnt sich wieder zu leben. Das Wunder der Liebe, die von Sehnsucht wach gehalten wird, ist die Verheißung Gottes auf die Vollendung und Erfüllung unseres Lebens in Christus Jesus.
Amen. |