31. Mai 2009
 

Johannes Langhoff  

     

Und die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser.      
Genesis 1,2

Liebe Gemeinde!

Das Pfingstfest ist das wichtigste Fest der Kirche. Das merkt man ihm nicht unbedingt an. Jedenfalls hängt es gegenüber dem Heiligen Abend, Karfreitag und selbst dem Reformationsfest ganz schön ab. Wenn nicht gerade die Konfirmation auf diesen Tag gelegt wird, sind die Kirchen nicht überfüllt. Wir gehen sogar auf das Himmelfahrtsfest als Konfirmationstermin. Nun ja, das Kirchenjahr ignorieren wir eh weithin und nehmen uns die Freiheit der Termine. Pfingsten ist halt viel zu gut für einen Kurzurlaub geeignet. Schulferien und darin zwei arbeitsfreie Feiertage. Warum der nationale Feiertagskalender Pfingsten mit zwei Tagen versieht, sollte man allerdings nicht fragen. Nicht dran rühren. Da war doch mal was. Wer weiß das schon noch. Eine Befragung von Passanten auf der Straße könnte ziemlich peinlich ausfallen.

Eine akzeptable Antwort wäre der Geburtstag der Kirche. Womöglich könnte dann jemand die nette Geschichte von den scheinbar betrunkenen Aposteln im Jerusalemer Tempel erzählen, die Geschichte vom Sprachenwunder und die Überlieferung von den ersten christlichen Taufen, regelrechten Massentaufen. Menschen mit dem Gedächtnis für skurrile Details würden von dem Feuersturm und der Verteilung der Flammen auf die 12 Apostel reden. Das kann man sogar auf Bildern in machen Kirchen sehen. Bei uns natürlich nicht. Aber solche Bilder hat man schnell und bleibend im Kopf. Doch spätestens da kommen wir an den heiklen Punkt des Pfingstfestes. Das wäre der Heilige Geist. Gott als Heiliger Geist kam zu den Aposteln. Christus kam als Heiliger Geist zu den Seinen. Gott als Geist.

Das ist eine schwierige Vorstellung. Gott ist Gott. Das muss man so hinnehmen. Da verbieten sich Definitionen, Konstruktionen, philosophische oder naturwissenschaftliche Spekulationen genauso wie Bilder. Jesus, der Christus, ist einfacher vorstellbar. Ein Mensch halt, von dem wir zwar keine Bilder haben, der aber aus Erzählungen heraus ein gewisses Persönlichkeitsprofil gewinnt. Dass er Gott sein soll, war nicht nur zu seinen Lebzeiten umstritten und hat ihm letztendlich das Genick gebrochen. Jesus aus Nazareth als Gott ist für viele Christenmenschen ein schwieriger Gedanke. Jesus als besonderer Mensch, als Lehrer des Guten, als Vorbild des richtigen Lebens und als Märtyrer seiner Überzeugung ist glaubwürdig. Von daher ist auch die Gottesvorstellung als Vater oder – in gendergerechter Sprache - als Mutter denkbar. Ohne Bilder im Kopf geht es nicht. Worte sind bloße Krücken, das Unvorstellbare zu fassen, Gott zu benennen.

Sie würden vielleicht genügen. Gott Vater bzw. Mutter und Sohn wären Möglichkeiten, Gottes Nähe und Zuwendung wahrzunehmen. Liebe und Versöhnung, Gnade und Segen bekämen lebensnahe Bezüge, Gesichtszüge. Der Geist, der Heilige Geist ist das, was die Gottesvorstellung und die Gotteswahrnehmung stört. Geist wie der unfassbare Aggregatzustand der Luft. Nicht zu sehen, nicht zu fassen und schwer zu behalten. Geist, der im Kopf steckt. Geist, von dem man nur die Spuren nachweisen kann. Als elektrische und chemische Ströme oder schlicht in seinen Produkten, den Worten und Gedanken. Geist, der unsterblich wird, solange diese bewahrt und überliefert werden. Das wäre es dann schon.

Ein anderes Bild in der Bibel. Dort ist mehr vom Geist Gottes, also dem Heiligen Geist die Rede als etwa von Jesus. Jesus selbst wird vom Geist Gottes erfüllt und erfährt so von seiner Aufgabe, wird so zu Gottes Sohn. In dieser Szene von der Taufe Jesu am Jordan durch Johannes bekommt der Geist auch einmal tatsächliche und feste Gestalt. Der Geist Gottes senkt sich auf den Getauften wie eine Taube. Ansonsten ist das Bild des Geistes, wenn überhaupt ein Bild, Hauch, Wind oder Feuer. Aber das von Anfang an. Gleich im zweiten Vers der Bibel ist es der Geist Gottes, der sich über das Chaos, das Tohuwabohu senkt, die Thihamat, das Urmeer, und das Schöpfungswerk beginnt.

Neben dem Calvin-Jahr und dem Haydn-Jahr, dem Mendelssohn-Jahr und dem Noch-was-nicht-alles-Jahr ist 2009 auch das Darwin-Jahr. Zeitgemäßer Anlass, sich mit einem alten Streit zu befassen, der die Theologie und die Naturwissenschaften gegeneinander aufgehetzt hat. Man könnte heute mitleidig über diesen ideologischen Streit lächeln, wenn nicht von Fundamentalisten in vielen Kirchen weltweit, sogar hier in Österreich hinauf bis zum Kardinal, eine moderne pseudowissenschaftliche Variante in Form des "intelligent design" den fälschlichen Widerspruch neu aufleben ließe. Äpfel und Birnen lassen sich nicht vergleichen. Es ist beides Obst. Der naturwissenschaftliche Erkenntnisweg der Entstehung und Entwicklung ist ein Weg wie der Zugang der Wahrnehmung der Welt als Schöpfung Gottes ein anderer ist. Beide sind sie Versuche, mit meiner Umwelt und in meiner Umwelt verstehend und verständnisvoll umzugehen, mein Leben und das Leben um mich herum bewusst wahrzunehmen und mit zu gestalten.

So ist der zweite Satz der Bibel schon die Zusammenfassung, das Zusammendenken der gesamten Schöpfung, des ganzen Schöpfungswerks. Gott selbst ist in dieser Welt. Gott gibt dieser, unserer Welt Leben. Es ist der Geist Gottes, der in allem webt und schwebt, alles durchdringt. Das ist ein anderer Ansatz als die Erklärung einer naturgesetzlichen Gewalt. Beide Denkungsarten nehmen die Erkenntnisse von Naturgesetzen wahr. Gerade der Auftakt der Bibel überliefert einen Text, der die Schöpfung in ihren Einzelheiten mit den damals höchstentwickelten Naturerkenntnissen beschreibt. Interessanterweise war es gerade Charles Darwin, der studierte Theologe, der in frommer Einfalt den Entwicklungsprozess, den die biblische Schöpfungsgeschichte zeichnet, mit seinen naturwissenschaftlichen Methoden beweisen und etablieren wollte. Es ist ihm gelungen, dass bis heute die Naturwissenschaften sich im Rahmen des Entwicklungsmodells bewegen und es noch ziemlich unkritisch in den Schulen lehren. Doch mehrere Wissenschaftszweige suchen bereits nach neuen Modellen zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung der Welt und des Lebens in ihr. Die Urknallhypothese ist bereits überholt. Darwins Entwicklungslinien lassen sich mit heutigen Forschungsmethoden nicht mehr halten. Und mitdenkende Bibelleser und Bibelleserinnen lassen sich keine statische Schöpfung einreden. Der Geist Gottes ist Leben, ist Bewegung, ist Erregung, ist Begegnung.

Lukas vermittelt bei oberflächlicher Sicht in seinem Doppelwerk aus Evangelium und Apostelgeschichte den Eindruck einer zeitlichen Abfolge der Gotteserscheinung im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist. Als wäre die Dreieinigkeit  eine Dreifaltigkeit der Epochen. Am Anfang und in den Anfängen der Schöpfer und der Vatergott. Sodann die Erscheinung Gottes im Sohn, Jesus aus Nazareth als der Christus. Und als letzte Abfolge im Heiligen Geist, der seine Kirche gründet, führt und leitet. Ich sage oberflächlich. So ist es von Lukas nicht angelegt. Aber das ist eine durchaus populäre Sichtweise, mit der sich manche die Trinität richten. Nicht sehr hilfreich, weil es Gott eben dreiteilt und nicht wirklich in seiner Einheit  wahrnimmt.

Alles ist Geist. Von Anfang an, durch alle Zeiten bis zum Ende ist der Geist Gottes der Motor des Geschehens. Ein Faktor der Geschichte. Der Geist Gottes bemannt sich der Propheten und Prophetin wie der Richter und Richterin. Gottes Geist ist es, der seine Werkzeuge aktiv werden lässt, um auf das Geschehen in seinem Volk Einfluss zu nehmen. Die Prophetin und die Propheten geben Gottes Wort. Sie weisen damit auf die Wirklichkeit Gottes und ermuntern, mahnen oder warnen vor den Folgen diesen oder jenen Handelns. Die Richterin und Richter werden sogar zu Instrumenten durch die Gott Jahwe  seine Gerechtigkeit wiederherstellt, seinen Bund erneuert und seinem Volk Sicherheit und Frieden zurückgibt, wo sie das selbst verspielt und vertan haben. Diese Wahrnehmung vom Geist Gottes, der in das Geschehen eingreift und von einem Ausgangspunkt, der Schöpfung oder dem Bundesschluss, auf ein Ziel, eine Erfüllung und Vollendung, hin zuläuft, führt zu einer geschichtlichen Sicht des Lebens. Das Leben ist nicht bloß eine Abfolge von sich wiederholenden Abläufen aus Entstehen und Vergehen, sondern hat eben eine Entwicklung, ein Anfang und ein Ziel. Das Leben hat einen Verlauf, eine Geschichte. Die Wahrnehmung des Geistes Jahwes führt zum geschichtlichen Denken, begründet die Geschichtswissenschaft und alle Gesellschaftswissenschaften, mit deren Hilfe wir die Welt verstehen und handhaben lernen.

Alles ist Geist. Alles ist durchdrungen vom Geist Gottes. Der Geist Gottes ist das Leben, der Odem, der aus einem Klumpen Naturprodukte den Menschen macht. Ezechiël, der große Prophet, der für die Bewältigung der Katastrophe des Untergangs von Jerusalem, der Zerstörung des Tempels und der Verschleppung nach Babylon steht, zeigt in dem Bild des Neuanfangs, der Rückkehr ins Leben, der Auferstehung die Macht des Geistes Gottes. So spricht Gott JAHWE, zu diesen Gebeinen: Seht, ich lasse Geist in euch kommen, und ihr werdet leben. (Ez. 37,5) Es folgt eine anschauliche, schaurige Vision, wie ein Knochenfeld zu Leben erwacht, sich Gebeine sortieren, zusammenwachsen und mit Fleisch und Haut darauf wieder lebendige Menschen werden. Der Geist weckt die Toten auf und beendet die Starre.

Ich würde gerne den Auftrag übernehmen und dieser unserer Zeit die Nachricht bringen, dass der Geist Gottes kommt, um den tödlichen Geist zu vertreiben und das Leben zurückzubringen. Frieden, Gerechtigkeit, Wohlstand und Eintracht mit der lebendigen Umwelt sollten möglich sein. Krise möchte eine Besinnung, Kehrtwende und Aufbruch zu Neuanfang werden, der die vielen Erkenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten, die sich die Menschheit über die Jahrtausende erworben hat, auch sinnvoll und fruchtbringend einsetzt. Den Todeshauch von Geldverschwendung und Arbeitsplatzvernichtung, Zukunftsangst und Abschottung, von wachsender Gewalt und prüder Lebensfeindlichkeit könnten wir uns wie einen schlechten Traum aus den Augen wischen. Der Auftrag könnte mir gefallen.

Ich habe ihn ja und ich nehme ihn wahr. Es ist die Predigt von Christus Jesus. Es ist das Evangelium. Es ist die Aufforderung des Paulus: "Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt." (Röm. 8,9a)

Alles ist Geist. Das Pfingstfest ist noch zu wenig, um diese Erfahrung und Erkenntnis unters Volk zu bringen. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der sich zu Jesus Christus bekennt, der im Fleisch gekommen ist, ist aus Gott, schreibt Johannes an die Gemeinde (1.Joh. 4,2). Denn das Wort Gottes wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie ein Einziggeborener vom Vater hat, voller Gnade und Wahrheit. (Joh. 1,14)                                                 

Amen.

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