28. Juni 2009
 

Johannes Langhoff  

    

Ja, es gab niemanden unter ihnen, der Not litt, denn die, welche Land oder Häuser besaßen, verkauften, was sie hatten, und brachten den Erlös des Verkauften und legten ihn den Aposteln zu Füssen; und es wurde einem jeden zuteil, was er nötig hatte.…
Ein Mann aber mit Namen Ananias verkaufte mit seiner Frau Saphira zusammen ein Stück Land und behielt mit Wissen seiner Frau etwas vom Erlös zurück. Einen Teil davon brachte er und legte ihn den Aposteln zu Füssen. Da sagte Petrus: Ananias, warum hat der Satan dein Herz so besetzt, dass du den heiligen Geist belügst und etwas vom Erlös des Grundstücks unterschlägst? War es nicht dein Eigentum, solange es unverkauft war, und konntest du über den Ertrag nicht frei verfügen, als es verkauft war? Wie konnte dir so etwas in den Sinn kommen? Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott. Als Ananias diese Worte hörte, brach er zusammen und starb. Und große Furcht überkam alle, die es vernahmen. Die jungen Männer aber standen auf und hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn.
Es geschah aber nach ungefähr drei Stunden, dass seine Frau hereinkam, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus wandte sich an sie und sprach: Sag mir, habt ihr das Grundstück für diesen Betrag verkauft? Sie sagte: Ja, für diesen Betrag. Petrus erwiderte ihr: Wie konntet ihr nur übereinkommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Schau, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen schon vor der Tür, und sie werden auch dich hinaustragen. Und unmittelbar darauf fiel auch sie zu seinen Füßen nieder und starb. Als die jungen Männer eintraten, fanden sie sie tot; und sie trugen sie hinaus und begruben sie an der Seite ihres Mannes.                                              
Acta 4,34f.5,1-10        

Liebe Gemeinde!

Ich bin erschüttert und betroffen, was für hässliche Geschichten in der Bibel stehen. Ich suche positive Geschichten. Es braucht Geschichten mit einem guten Ausgang. Motivation. Evangelium. Die gute Botschaft von der Befreiung, von der Freiheit eines Christenmenschen. Geschichten, die auch heute noch Menschen zu Gutem anregen möchten.

Und dann diese Geschichte hier. Der Anfang gibt sich noch freundlich und anregend. Ich habe gar nicht alles gelesen. Die Begeisterung des Aufbruchs. Die außerordentliche Gemeinschaft der ersten Christengemeinde. Eine Lebensgemeinschaft, in die viele ihr ganzes Hab und Gut hineinsteckten, oder doch sehr viel davon. Wo sie einander die Häuser öffneten. Ein zypriotischer Levit, Joseph Ben Barnabas wird als großzügiger Spender benannt. Er hat den Erlös eines Ackerverkaufes in die Gemeinschaft eingebracht. Alles lieb und nett. Aber dann - die peinliche Geschichte von Ananias und Saphira. Peinlich? Erschreckend! Eine schreckliche Geschichte um eine große persönliche Spende, die mit dem Tod der gutmeinenden Spender endet.

Im Alten Testament wird einmal eine Geschichte überliefert. Ein Ereignis zur Zeit der Einwanderung israëlitischer Stämme in Kanaan. Ein gewisser Achan habe sich da gottgeweihtes, gebanntes Gut angeeignet. Das bringt das ganze Volk in Schwierigkeiten und kostet viele Opfer. Dieser Achan wird mit seiner gesamten Familie beseitigt. Die rauen Sitten der Eroberungszüge. Archaische Verhältnisse, die 1.200 Jahre zuvor ihren Platz hatten. Doch zu Zeiten des Neuen Testamentes bitteschön nicht mehr. Und ein Diebstahl war es auch nicht. Sie waren nicht verpflichtet, ihr gesamtes Eigentum abzugeben. Sie haben zurückgehalten, was ihnen eh gehörte. Ich sehe nicht das todeswürdige Verbrechen.

Nun ja, sie haben gelogen. Oder, wenn man es justitiabel machen will, haben sie unterschlagen. Sie haben eine vollständige Schenkung vorgegeben und dennoch einen Anteil einbehalten. Dafür die Todesstrafe? Dafür ein Gottesurteil?

Vor ein paar Jahren gab es eine lustige Plakataktion der Wiener Linien gegen Schwarzfahren. "100 Ausreden, die nichts nützen". Die eine war besonders lieb: "Genügt es nicht, wenn Sie mich schimpfen?"

Hätte es nicht gereicht, wenn Petrus oder sonst wer von den Aposteln Ananias und Saphira eine kräftige Moralpredigt gehalten hätten. Das wäre in aller Öffentlichkeit, peinlich genug für die beiden, gleich eine ideale Gelegenheit zu einer Belehrung aller übrigen gewesen. In der dann später überlieferten und somit auf uns gekommenen Apostelgeschichte wäre das ein Lehrstück für den Umgang mit Spenden gewesen. Das ist ein immer wieder aktuelles Thema, wo göttlicher Rat nötig ist. Das Hü und Hott um das Antikorruptionsgesetz. Da ist schnell mal – nach reichlich vielen Jahren und großem Druck weltweiter Interessen und Interessenten -, da ist schnell mal ein strenges Gesetz erlassen, dass Geschenkannahme kräftig beschneidet. Gleich im Gegenzug folgt der Aufschrei derer, die sich um das Image unseres Landes sorgen. Nicht dass sie sich mokierten, solch ein Gesetz gäbe den Eindruck, dass es im Lande schlimme Zustände geben müsse. Das gehöre diskreter abgehandelt. - So wie im Fall von Amstetten, wo sich der Bundeskanzler genötigt sah, alles daran geben zu wollen, um das Ansehen Österreichs im Ausland zu verteidigen. Er hätte sich auch um die Opfer sorgen können, oder sich um eine neue Kultur im Lande bemühen. Hinkucken, wo Gefahr droht, statt wegkucken und unter den Teppich kehren. Was ein Glück, dass er letztendlich nicht doch noch Nachhilfestunden gegeben hat. - Die Kulturmanagerinnen und sonstige waren jedenfalls um den Erhalt der österreichischen Hochkultur besorgt. Das Mäzenatentum stehe in Gefahr. Spenden blieben aus, weil Sponsoren an den Pranger gestellt würden. Und das mitten in der Finanzkrise, wo schon einige Sponsoren aufgeben mussten.

Hätte es nicht gereicht, wenn der polternde Petrus ein bisschen geschimpft hätte und wir damit zu einer Moralpredigt gekommen wären, die Maßstäbe für christlichen Umgang mit Spenden, Kollekten, Opfern, Legaten und all diesen Transaktionen setzen würde, die vor der räuberischen Finanz schützen möchten? Nein. Er stellt sie zur Rede und beide fallen, schön eine nach dem anderen tot um. Kein guter Stoff für eine aufbauende und lehrreiche Predigt. Es genügt nicht, den Lukas plakativ zu nehmen. Da braucht es wohl doch einen genaueren Blick auf das angeprangerte Geschehen.

Sie haben gelogen. Sie haben die Gemeinde belogen. Sie haben sich ein gutes Ansehen erschlichen. Sie geben sich selbstlos. Eitelkeiten, die mit Bescheidenheit und Opferfreudigkeit kokettieren. Die schlagen jedoch zu Buche, wenn jemand damit Kritiker zum Schweigen bringen will. Das kommt wohl vor. Der Arbeitgeber am Ort, der durch öffentliche Spenden an die Kirchengemeinde seinen Ruf aufpolieren will und die Kampfbereitschaft gegen seine Ausbeutermethoden einbremsen möchte. Ganz arg wird es, wenn sich Diktatoren und Unrechtsherrscher mit der Rolle von Kirchenförderern quasi eine öffentliche Absolution erschleichen. Da kennt die ältere und jüngere Geschichte nicht nur in Lateinamerika viele Beispiele. Aber so bedeutend waren Ananias und Saphira denn doch nicht.

Sie haben bloß gelogen. Sie haben Gott belogen. So sieht es Lukas. So lässt es Lukas den Petrus sagen: " Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott."  Das ist, möchte man meinen, schlimm. Aber das interessiert nur Leute, die mit Gott rechnen, die überhaupt mit Gott rechnen. D.h. die glauben, dass Gott etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Oder eben die, die ihre  einige, ihre private Rechnung mit Gott aufmachen. Das gibt es unter Christenmenschen aller Kirchen und Konfessionen. Da ist die Überzeugung von den guten Werken, die einem mit Unterstützung der Jungfrau und aller einschlägigen Heiligen beim jüngsten Gericht zu Buche schlagen sollen. Mit dem Instrument des Sündenablasses  sichert sich nach wie vor die römische Kirche ihre einzigartige Mittlerrolle zwischen Gott und den Menschen. Aber nicht, dass die Protestanten mit der die Reformation auslösenden Ablehnung des Ablasses schon frei von der Werkegerechtigkeit seien. Das hält eh keiner aus, sich bedingungslos auf Gottes Gnade einzulassen. Irgendwo braucht es dafür eine Versicherung. Bewegte Frömmigkeit harrt eines erschütternden Bekehrungserlebnisses und gibt ihr öffentliches, beeindruckendes Zeugnis. Anerkennung heischend. Eitelkeit, die in himmlische Sphären auffährt, wo sich jede Rückfrage und Kritik verbieten. Und – bitte der Blick in den Spiegel – die populäre Gebrauchsfassung des Calvinismus. Die persönlichen Erfolge gelten als Versicherung, dass man zu den Erwählten gehöre. Armer Calvin. Wäre er doch dabei geblieben, das Geheimnis der Erwählung zu bewundern und vor allen Spekulationen zu warnen, statt selbst dieses und jenes Argument dazu zu liefern. Doch auch ohne ihn und in jeder Konfession und Religion wird die Rechnung mit Gott aufgemacht. Dafür ist Religion da. Doch dabei haben sich Ananias und Saphira verrechnet. Ob das allerdings der Grund für das Gottesurteil ist, wage ich zu bezweifeln. Das ist mir zu einfach.

Sie haben gelogen. Sie haben sich selbst belogen. Das war tödlich. Sie haben geglaubt, sich rückversichern zu müssen, sich rückversichern zu können. Sie wollten sich in jeder Richtung absichern. In dieser Welt und in jener Welt, was immer das sei möge. Sie wollten sich absichern für die gegenwärtige Situation und für die ungewisse Zukunft. Sie wollten die weitere Befriedigung ihre gewohnten und gehabten Bedürfnisse sichern und sich gleichzeitig die Option der neuen Gemeinschaft verschaffen. Ohne wenn und aber. Kein entweder oder. Einfach alles. Sowohl als auch. Schlicht gesagt wollten sie sich nach allen Seiten versichern für jeden Fall vorsorgen. Das geht nicht. Das ist ein großer Irrtum. Das ist Selbsttäuschung. Das ist wie eine Lebensversicherung, die eigentlich korrekterweise Todesversicherung heißen müsste. Sie wird schlagend, wenn der Todesfall eintritt. Sie ist, wie man in phantasiereichen Krimis nachlesen kann, geradezu eine Verführung zum Mord.

Ananias und Saphira haben geglaubt, sie könnten sich ihr Leben sichern und gleichzeitig sich Gottes versichern. Das Leben lässt sich nicht garantieren und Gott lässt sich nicht kaufen. Die großspurige Geste des neu erworbenen Glaubens an die Erlösung in Christus Jesus wird von abgrundtiefem Unglauben genährt. Dahinter stecken nicht bloße Glaubenszweifel. Das ist das Gegenteil von Glauben. Wenn dieser Gekreuzigte die erhoffte Erlösung ist und wenn die neue Gemeinschaft zum Heil verhilft, dann ist das eine Investition wert. Das ist eine demonstrative Investition wert. Das darf schon etwas kosten. Nur nicht gleich den Kopf verlieren. Denn wenn nicht, möchte man nicht blank dastehen.

Ich habe vor 12 Jahren bei der Bewerbung um die hiesige Pfarrstelle meine Vorstellungspredigt angereichert mit Kritik am Versicherungswesen. Ich bin im Presbyterium der mitleidig belächelte Widerständler, der bei allen Erörterungen und Entscheidungen über die Versicherungen unserer Kirche und Gemeinde diese grundweg ablehnt. Ich lasse mich ja noch auf Krankenkassen ein, wo sie Solidarkassen sind. Ich verstehe Pensionsabgaben als einen Teil des Generationenvertrages. Aber schon die Pensionsversicherungen, die die Regierung nach Plünderung der Pensionskassen den Leuten aufdrängt, sind ein Täuschungs- und Betrugsunternehmen. Gesetzliche Garantien werden per neuerlichem Gesetz widerrufen. Die Verpflichtung der Einlagensicherung über den Immobilienmarkt hat eben diesen überhitzt und nicht unwesentlich zur aktuellen, schweren Finanzkrise beigetragen. Sei es wie es sei. Das Leben kann ich mir nicht garantieren und Gott kann ich mir nicht kaufen. Daran sind Ananias und Saphira gescheitert.

So gesehen hat die schreckliche Geschichte doch ihr Gutes. Sie ist geeignet, das gefährliche Vertrauen auf Absicherung und Versicherung zu erschüttern. Leben ist Wagnis. Leben ist die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen. Leben ist das Vertrauen auf Gott, meinen Schöpfer. Auf Gott, der mich gewollt hat und mich liebt. Auf Gott, der mich bereichert, wo ich mich hingebe, der mich lieben lässt, geben und nehmen.

Amen.

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