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12. Juli 2009 Johannes Langhoff
Ein Loblied Davids.
Ich will dich erheben, mein Gott und König,
Liebe Gemeinde! Ein herrlicher Psalm. Ein wunderbares Gedicht. So erhebend, freundlich und aufmunternd. Eine glänzende Rede, die prachtvolle Stimmung verbreitet. Ein Psalm, der in Musik schwingt. Melodien fallen mir ein. Sprüche, vielzitiert und als Tischgebete gebraucht. Das ist die Sprache der Bibel. Das ist Sprache, Gesang und Musik für Gottesdienste. In den Worten möchte man baden. Die Welt und das Leben tun sich traumhaft schön auf. Das ist Urlaubsstimmung, die wie fürs ganze Jahr bestimmt scheint. Ein Auftakt für jede neue Woche, ob reich an Arbeit, angefüllt mit Sorgen, freudigen Erwartungen oder was immer ein trister Alltag zu werden droht. "Er gibt reichlich und überall – die unerforschliche Größe Gottes, seine Taten, seine Wunder, Gerechtigkeit und Macht Gottes, die alle Generationen bereichern - Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Der HERR ist gerecht auf allen seinen Wegen und getreu in allen seinen Werken. Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn wahrhaft anrufen." – Schön! Nicht wahr? Wenn ich ehrlich bin, ziemlich weltfern und absurd. Halt Worte, die hinter dicke Kirchenmauern passen und nicht viele Leute belästigen sollten. Der Zeitgeist spricht eine andere Sprache. Das gängige Lebensgefühl drückt sich anders aus. Heutzutage werden andere Lieder gesungen. Keine Lieder, Songs werden gemixt aus schwachen Stimmchen von aufgetakelten Teenies und lautstarken Geräuschewerkzeugen, die entfernte Ähnlichkeiten mit früher gebräuchlichen Musikinstrumenten haben. Ohne Inhalt für viel Geld. Es muss nichts bedeuten aber eine bedeutenden Preis haben. So gehört es sich. Der traumhafte Psalm erscheint wie eine Parodie, hat etwas von einer Lachnummer, die einen Alptraum persifliert. Das ist total out: Gott, Gerechtigkeit und genug für alle. Das will niemand ernsthaft. Eine gerechte Umverteilung, die alle satt werden lässt und sich göttlichen Ursprungs gibt wäre eine Katastrophe nie gekannten Ausmaßes. Geredet wird davon. Nicht nur in Kirchen. Politische Parteien und sogar Regierungen spielen immer öfter die ökologische Karte aus. Das gibt neuerdings Wählerstimmen. Das lässt auf die Wahlbeteiligung der jungen Wählerinnen und Wähler hoffen, die sich bei den Standardthemen der Parteien politikverdrossen abwenden. Das klingt so lieb: "Wir haben uns die Welt von unseren Enkeln nur geborgt." Da dürfen sie doch erwarten, dass wir etwas für ihre Zukunft tun, wenn wir schon die Rentnerschwemme nicht aufhalten können. Aber gute Luft macht noch nicht satt. Armutskonferenzen sind ein weniger freundliches Thema. Eine österreichweite Armutskonferenz ist nur peinlich. In unserem wunderschönen Land, das die Touristen aus aller Welt anlockt, gehören soziale Probleme nicht öffentlich erörtert. Bettler und Taschendiebe – auch als Touristen angereist – verschandeln das Straßenbild und gehören per Gesetz verboten. Da sollten sie sich alle ein Beispiel an Graz nehmen, schließlich war das einmal eine europäische Kulturhauptstadt. Das kann schon Maßstäbe setzen. Armut gehört woanders hin. Und weltweite Armutskonferenzen sind schon ganz was Tolles. Da fliegen hochdotierte Staatsbeamte zu Tausenden quer um den Erdball und versammeln sich in superschicken Konferenzzentren mit bestausgestatteten Hotels und exotischen Festbanketten, um über die Marktaufteilung für die heimischen Banken, Produzenten und Händler zu verhandeln, die in den großen Bedarfszonen ihre Geschäfte machen möchten. Armut ist peinlich, besonders für diejenigen, die wirklich nicht arm sind. Sie schlägt auf das Gewissen. Man kann nichts ändern. Was ich nicht kaufe, gelangt noch in der Verpackung in den Mistkübel. Wenn ich meinen Teller brav leer putze, wird davon kein einziges hungerndes Kind auf der Welt satt. Es hat nicht einmal eine Ahnung, dass ich etwas auf dem Teller liegen gelassen habe. Wenn ich mir ein schlechtes Gewissen ersparen will und aufesse, dann bekomme ich umgehend das andere schlechte Gewissen, weil mein Diätplan nun wieder über den Haufen geworfen wurde. Wie kann ich da etwas gegen die Armut tun? Nicht drüber reden! Die Welt würde zusammenstürzen, wenn es eine gerechte, d.h. gleichmäßige Verteilung ihrer Güter gäbe. Jedenfalls unsere Welt würde einstürzen. Gerechtigkeit ist sowieso ein böser Begriff. Der moderne Terror begründet sich damit. Gerechtigkeit, die Vergeltung übt und neue Wunden reißt, die vergolten werden müssen. Gerechtigkeit wie Recht und Ordnung, die sich Putschisten auf die Fahne schreiben und Diktatoren und Faschisten zu ihrer Mission erklären. Gnade und Barmherzigkeit sind genau nicht besser. Auf Gedeih und Verderb den Launen einer anderen ausgesetzt, dem Wohlwollen eines anderen ausgeliefert. Wo das Recht endet und das Gesetz nicht hinreicht, da müssen Gnade und Barmherzigkeit herhalten, geben dem Gönner eine zusätzliche Macht. Gnade und Barmherzigkeit degradieren meine Ansprüche zu demütigenden Betteleinen. Das alles auch noch göttlich sanktioniert. Im Namen Gottes. Nein Danke! In dieser Liga hat Gott nichts zu suchen. In dieser Welt wird Gott kein Platz eingeräumt. Die Wissenschaften haben ihn in ein spekulatives Objekt verwandelt. Das öffentliche Leben hat ihm Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel gebaut und ihn zum Kulturträger bei feierlichen und offiziellen Akten gemacht. Gott wird der uneingeschränkten privaten Nutzung ausgesetzt. Jeder und jede zimmern sie sich alle ihren Gott oder ihre Göttin zusammen, die beruhigen hilft und reale Partner oder Partnerinnen ersetzen muss, die enttäuschen. Für manche tut das aber auch des Menschen treuster Freund, der Hund. Nein, Gott hat keinen wirklichen Platz bei uns. Nicht einmal bei den Superfrommen, die ihn in ihrer demonstrativen Umarmung und Vereinnahmung erdrücken. Was bleibt von dem schönen Psalm? Ein paradiesischer Traum, die ferne, jenseitige Welt? Ich möchte ihn mir nicht nehmen lassen. Ich sehe den Spiegel, den er mir vor meine heile Welt hält, die ziemlich kaputt ist. Ich entdecke das prophetische Potential des Psalm: Seht, das ist die Welt, die Gott für euch gewollt hat und die er euch geben will. Ich höre den Propheten: "Der HERR ist mit euch, weil ihr mit ihm seid; und wenn ihr ihn sucht, wird er sich von euch finden lassen." (2.Chr.15,2) Ich höre Amos: "Sucht mich und bleibt am Leben!"(5,4) Ich höre Jesus predigen: "Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan." (Matth.7,7) Jesus hat den Seinen auf besondere Weise einen Spiegel vor Augen gehalten. "Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen." (Mk.10,15) Ein unverständlicher Satz. Wer zu etwas kommen will, muss lernen, muss reifen, muss erwachsen werden. Deshalb sind sie auch bei Jesus in die Lehre gegangen, sind ihm gefolgt, haben zugehört, haben es selbst versucht, weiterzusagen und Heil in der Welt zu verteilen. Deshalb setzen wir uns noch heute immer wieder Predigten aus, die uns erklären und ausdeuten sollen. Aber die Szene, in der dieser provokante Satz Jesu fällt, ist allein schon eine Provokation, eine Revolution, die Umkehrung der Werte. Da wird erzählt, dass Frauen mit ihren Kindern die Siesta des Rabbi gestört hätten. Die Jünger haben die wohlverdiente Ruhe ihres Meisters nach anstrengendem Lehr- und Heilungsprogramm jedoch tapfer verteidigt. Aber Männer können Frauen nicht wirklich aufhalten, schon gar nicht Mütter. Es gab einen Wickel, das obligate Gekreische und der Mittagsschlaf war hin. Soweit so unangenehm und normal. Halt das Übliche. Der Fortlauf der Geschichte ist höchst unerwartet. Seine braven Schüler schimpft er. Die haben nur das Beste gewollt, sein Bestes. Das war falsch. Wer konnte das ahnen. Die Frauen mit den Kindern dürfen immer kommen. Die Kinder stehen für ihn im Mittelpunkt. Und er hält sie ihnen vor. Die Kinder haben die richtige Art, die ihnen das Himmelreich erschließt. Wer sich das erhofft, der muss werden wie die Kinder oder hat keine Chance. Was haben sie uns voraus, das Jesus sie zum Vorbild macht? - Mit einem modernen Begriff gesagt ist es das Urvertrauen, das Babies und Kleinstkinder haben. Es ist eine ursprüngliche Lebenskraft, die schon das Neugeborene sich umschauen lässt und den Blick eines Menschen suchen. Sie machen ihn nach, sie kopieren das Lächeln dessen der sie anschaut. Sie binden an sich. Ihre ganze kleine, knubbelige Figur - Erwachsene mögen keinen Babyspeck an sich -, ihre sprachlosen Töne binden Menschen an sich, die sich kümmern. Und wenn es lang und laut schreien muss. Irgendwann haben sie begriffen, was das Butzerl haben will. Das ist Urvertrauen. Sie sind für mich da. Das meint Jesus ist der Schlüssel zum Himmelreich. Greift auf Gott zurück wie Kleinstkinder auf ihre Eltern. Jesus hat dafür auch ein Gleichnis, um das in einem anderen Bild als dem Beispiel der Kinder zu verdeutlichen. Er erzählt die Geschichte von einem Nachbarn, der seinen Freund zu später Nachtstunde aus dem Bett trommelt. Er hat Besuch bekommen und nichts im Haus, weshalb er von dem Freund in der Nachbarschaft ein paar Habseligkeiten erbittet. Der aber ist sauer, aufgeweckt worden zu sein und wehrt sich, dass er nichts mehr tun könne ohne die ganze Familie aufzuwecken. Und da sagt Jesus: "Ich sage euch: Wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch seines unverschämten Bittens wegen aufstehen und ihm geben, so viel er braucht." (Lk. 11,8) Unverschämt. Uns fehlt es an Unverschämtheit Gott gegenüber. Nicht Bosheit, davon gibt es eher reichlich. Bedingungslosigkeit ist es. Wir tun uns schwer mit Gott. Wissen nicht wie denken, wie reden, beten, wie mit Gott umgehen. Wir stellen Gott hoch auf einen unerreichbaren Sockel und geben uns respektvoll zurückhaltend. Wir halten Gott aus unserem Leben raus, aus den lustvollen Freuden wie aus den alltäglichen Gemeinplätzen bis Gott einfach nicht mehr da ist. Bis eine Welt übrig bleibt, in der es absurd ist, einen wunderschönen Psalmen anzustimmen und in die Welt hinauszuschmettern. - Es ist ein herrlicher Psalm, ein prophetischer Gesang, der die Welt gibt wie Gott sie gewollt hat und will. Gottes Schöpfung und Ort seines Segens, seiner Fürsorge und seiner Zuwendung.
Der HERR ist gerecht auf
allen seinen Wegen Halleluja! Amen. |