09. August 2009
 

Johannes Langhoff  

 

JAHWE, du bist mein Gott!
Dich will ich erheben,
deinen Namen will ich preisen,
denn du hast Wunder vollbracht,
hast Rat gegeben seit langem schon, wahr und wahrhaftig.
Aus der Stadt hast du einen Steinhaufen gemacht,
die befestigte Stadt hast du zu einem Trümmerhaufen gemacht.
Die Palastanlage der Fremden ist keine Stadt mehr,
nie wieder wird sie aufgebaut!
Darum ehrt dich das starke Volk,
fürchtet dich die Stadt der gewalttätigen Nationen.
Denn für den Machtlosen warst du eine Festung,
eine Festung für den Armen in seiner Not,
eine Zuflucht vor dem Unwetter,
ein Schatten vor der Hitze,
denn das Schnauben der Tyrannen ist wie ein Unwetter an einer Mauer,
wie Hitze in trockenem Land.
Das Lärmen der Fremden demütigst du;
wie die Hitze durch den Schatten der Wolke,
dämpft er den Gesang der Tyrannen.
Auf diesem Berg aber wird JAHWE Zebaoth allen Völkern ein fettes Mahl zubereiten, ein Mahl mit alten Weinen, mit fettem Mark, mit alten, geläuterten Weinen.
Und verschlingen wird er auf diesem Berg
die Hülle, die Hülle über allen Völkern,
und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist.
Den Tod hat er für immer verschlungen,
und die Tränen wird Gott JAHWE von allen Gesichtern wischen,
und die Schmach seines Volks wird er verschwinden lassen von der ganzen Erde,
denn JAHWE hat gesprochen.
Und an jenem Tag wird man sagen:
Seht, das ist unser Gott,
auf ihn haben wir gehofft, dass er uns hilft!
Das ist JAHWE, auf ihn haben wir gehofft.
Lasst uns jubeln und froh sein über seine Hilfe!
Denn die Hand JAHWES ruht auf diesem Berg.
Moab aber wird an Ort und Stelle zertreten,
wie Stroh zertreten wird in der Jauche des Misthaufens.
Und breitet es seine Hände darin aus,
wie der Schwimmer sie ausbreitet, um zu schwimmen,
dann wird er seinen Hochmut erniedrigen,
bei allem Bemühen seiner Hände.
Und die befestigten, unzugänglichen Mauern,
hat er niedergeworfen,
hat er erniedrigt,
er hat sie zu Boden gestoßen, in den Staub.
Jesaja 25
 

Liebe Gemeinde!

Urlaub ist vielleicht die letzte Oase für Utopien. Im Urlaub ist Zeit für Träume. Der Abstand zu Stress und Pflichten des Alltags, der Abfall von Sorgen und Problemen geben Raum zu phantasieren und Neues zu entdecken. Die Ruhe und Entspannung, das Neue und Unbekannte öffnen den Blick, die Gedanken und das Gemüt. So schön kann das Leben sein. Bewegung in freier Natur, klettern und schwimmen, laufen und verweilen, Bücher lesen und fremde Menschen kennenlernen. "Paradise Inn" und "Holyday Suite". Die Namen sprechen für sich: Paradies und Heilige Tage. Wenn es denn mal so wäre, wenigstens für die paar Tage im Jahr.

Nein, die Wirklichkeit zeigt sich auch hier auf die übliche Weise. Es beginnt mit der Auswahl des Reisezieles. Ein Preisknüller muss es sein und ein Superangebot zugleich. Meeresblick mit Alpenpanorama. Skipisten und Korallentauchen greifbar nah. Alles möglich. In der Emiraten werden Skitempel gebaut und in den Alpen Meeresschwimmhallen. Das strapaziert die Gepäckzusammenstellung und treibt die Versicherungssumme in die Höhe. Die Reise selbst ist eine nervige Angelegenheit. Zur Unzeit mit langen Wartezeiten und endlosem Transfer. Der Trubel im Hotel und keiner versteht Deutsch. Dazu das Essen, die Insekten und das Klima. Den Ausflug ins Landesinnere hätte ich mir besser nicht angetan. Touristennepp, Angst vor Dieben und Entführern. Dann schon lieber "all inclusiv", essen und trinken ohne Ende und Animationsprogramm für Einfallslose. Da hätte ich auch gleich zu Hause einen Thermenurlaub machen können. Urlaub ist nicht mehr, was er einmal war oder sein sollte. Kein Platz, keine Zeit für Utopien. Das Paradies bleibt ein Jenseits. Das Träumen verliert sich zwischen Erwartungsdruck und Überangebot.

Rund um das Mittelmeer sind Träume und Sehnsüchte nichts Neues. Üppige Vegetation und fruchtbares Klima haben über die Jahrtausende Völkerscharen angelockt und Herrschaftsgelüste aufgereizt. Eroberungs- und Vernichtungskriege haben Kulturen zerstört und Menschen niedergemetzelt oder versklavt. Die Bibel lässt erahnen, was alles sich dort immer wieder abgespielt hat. Das auserwählte Volk Gottes selbst war wiederholt Spielball wechselnder Großmächte. Am schlimmsten waren sie dran, wenn sie im Kampf um die Macht und Vorherrschaft mitmischen wollten. Das ist nie gut gegangen. Zumeist war es die Angst vor den kleinen oder großen Nachbarn, die sie stärkere Verbündete suchen oder die eigen Kampfkraft aufrüsten ließen, sich zum Preis ihres Schutzes fremden Mächten und Religionen unterwerfen oder wagemutig im Angriff die Verteidigung erwarten. Das Trauma begleitet und bestimmt neuzeitlich den Staat Israël, der so zum gewalttätigen, gefürchteten und gehassten Feind seiner Nachbarn geworden ist. Sicherheit durch gewaltsame und furchterregende Kontrolle.

Der dringende Mahnruf der biblischen Propheten von einst hat nichts von seiner aktuellen Brisanz eingebüßt. Warnung vor dem Vertrauen auf falsche Bündnisse. Drohungen wegen der Versicherung durch fremde Götter und Göttinnen. Horrorbilder von Untergang, Zerstörung, Gefangenschaft und Wegführung als Strafe für das mangelnde Gottvertrauen und den Bruch des heiligen Bundes mit Gott JAHWE.

Umso verblüffender wie dann der Prophet Jesaja diese Mahnung formulieren konnte. Das tat er des öfteren. Am bekanntesten sind die Bilder, die das Weihnachtsfest schmücken. Biblische Texte der größten Hoffnung und Erwartung, die für die christliche Gemeinschaft von Anfang an zum Symbol der Menschwerdung Gottes in Christus Jesus geworden sind. Ein Reis', das hervorgeht (Kap.11). Das Volk in der Finsternis, das ein Licht sieht (Kap.9). Die Ankündigung des Knaben Immanu-El, des "Gott mit uns" (Kap.7). Ebenso der Psalmgesang im gelesenen 25.Kapitel. Statt einer Drohung, wehleidiger Klage und forscher Anklage, malt er ein Bild der Idylle. Er weckt Vertrauen. Er wirbt um Vertrauen. Er wagt den Blick in die Zukunft. Das drohende Unheil wird nicht das Aus sein. Lasst euch nicht von der bevorstehenden Krise in Verzweiflung treiben. Das wäre der Untergang. Doch es wird nur der Durchgang durch ein schlimmes Tief sein, das ihr durch eure eigene Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung heraufbeschworen habt. Es soll nicht das Ende sein.

Sie wollen es nicht anders. Sie wählen die Machos und Smarties, Chauvinisten und Volksverhetzer, clevere Betrüger, Schläger und Autokraten, Schauspieler oder Pornodarstellerinnen. Kein Parlament ist vor ihnen sicher, kein Regierungsposten ist ihnen verwehrt. Das Volk bekommt die Regierung, die es verdient, die es gewählt hat oder eben durch Wahlverweigerung zugelassen hat. Sie können nicht anders. Sie müssen schnelle Erfolge versprechen wie an der Börse. Langfristigkeit braucht Geduld und Mut zum Opfer. Das will niemand seinem Wahlvolk zumuten. Nachhaltigkeit erfordert Verzicht und die Bezahlung des Preises für die Sünden der Vergangenheit und die Vabanquespiele der Gegenwart.

Jesaja hat irgendwann und wohl wiederholt diesen seinen Psalmgesang angestimmt. Die Zeiten waren nicht danach. Unruhe und Ungewissheit haben zum Tanz auf dem Vulkan verführt, zum Tanz um das goldene Kalb. Wie einst am Sinaï. Jesaja lädt ein zur Siegesfeier auf den Zion, den Jerusalemer Tempelberg, der Wohnstatt Gott JAHWES. "Hört den Ruf Gottes. Lasst euch nicht täuschen und von Angst und Furcht regieren." Denn Furcht macht blind. Angst und Schrecken machen blindwütig. In Panik wird um sich geschlagen. Die Feigheit gebiert Hinterlist. Verteidigungsbündnisse und atomare Schutzschilde. Militärische Operationen weltweit unter Verbiegung der Nachkriegsverfassungen gegen Terror und Piraterie oder als sogenannte friedensschaffende Maßnahmen. Vergessen sind die Schwüre von 1945 nach zwei vernichtenden Weltkriegen. Übergangen werden die Erfahrungen der friedlichen Revolution, die das poststalinistische Weltreich ohne Blutvergießen stürzten. Bündniserweiterung und Schutzschild heizen den Rüstungswettlauf wieder an. Armeen gegen Terroristen und Guerilleros treiben die Bevölkerung in die Hände der Verbrecher und drängen sie zu Verzweiflungstaten. Gewalt, auch gewaltsame Selbstverteidigung machen den Gegner stark und erhöhen die Gefahr.

Jesaja wirbt um Vertrauen. Jesaja sucht vertrauensbildende Maßnahmen, Deeskalation, einander die Hand reichen, miteinander an einen Tisch setzen. Eine Einladung zur Siegesfeier. Er sieht sie schon beieinander sitzen. Er malt die Vision der neuen Welt, den Friedenstraum – "Schwerter zu Pflugscharen" (Kap. 2), die großen und kleinen Feinde pilgern auf den Zion zum Freudenmahl statt zur Eroberung, Zerstörung und Unterdrückung Jerusalems. Der umkämpfte Ort, an dem sich die Kriege entzünden, wird zum Friedensasyl, zur Quelle von Wohlstand und Gerechtigkeit, Aussöhnung und Genuss der Reichtümer einer ergiebigen Schöpfung.

Die heilige Stadt ist für beides gut. Hier könnten die Religionen und Völker unter dem Schutz Gottes gemeinsamen Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand finden oder den Grund für immer neues Misstrauen, Vorurteile, Hass und Feindschaft, Unversöhnlichkeit und nicht enden wollende Vergeltung. Sie haben die Wahl. Wollen sie sich selbst durchsetzen, mit ihren Methoden sich absichern und nehmen sie sich die Freiheit, zu entscheiden, was Recht und Ordnung ist, stecken sie in der Falle. Die vermeintliche Freiheit führt in Handlungszwänge, nötigt dazu, die Gewaltoption ständig zu erhöhen. Die Befreiung des Menschen aus der Gottesfurcht, dem Respekt und Gehorsam gegenüber Gottes Angebot und Weisung, führt in den Untergang, löst die Spirale der Gewalt aus, treibt in den Abgrund und gebiert den Kreislauf des Todes.

"Wählt das Leben!" "Sucht den HERRN und bleibt am Leben!" (Amos 5,6) Gehorsam gewinnt Freiheit. Unterwerfung unter Gott eröffnet unbegrenzte Möglichkeiten. Der Glaube kann Berge versetzen. (Mk.11,23) Gottes Weisung ist der Weg zum Leben, der Weg des Miteinanders und Füreinanders, der Verantwortung und des Vertrauens, des Nehmens und Gebens, der Solidarität und Gerechtigkeit.

 Die große Einladung, die Jesaja ausmalt, ist das Wort von Gottes Erwählung, Vorbestimmung und Vorsehung. Sie ist das Wort vom Heil Gottes, zu dem er berufen hat. Interessanterweise ist es Christus Jesus, der in der Überlieferung von Matthäus und Lukas, dem Bild vom Gastmahl die andere Seite gibt. Die Erwählung wird in der großen Einladung gleichnishaft. Das bekannte, vielfach verwendete und eben noch einmal gelesene Gleichnis gibt sich nicht als banale Geschichte des eitlen Umgangs reicher Freunde, die einander düpieren mit dem Ausschlagen einer Einladung und dem stellvertretenden bewirten des Straßenvolkes. Jesus wählt die Szene einer großpolitischen Situation. Der Despot bestellt seine Vasallen ein. Die geben sich renitent und üben sich in passivem Widerstand. Sie werden brutal abgestraft und durch neue Untertanen ersetzt. Eine Revolution von oben. Die bisherige Oberschicht wird degradiert und die gehabte Unterschicht geadelt, zu Stand und Ehren, zu Dienst und Gehorsam angehoben. Einer, der dem noch misstraut und sich der Etikette, dem Unterwerfungsritual entzieht, fliegt gleich wieder raus, bleibt ewig ausgeschlossen. Jesus betont die Verwerfung. Erwählung zum Heil oder zur Verdammnis.

Gemeinhin möchte man die beiden Texte in umgekehrter Reihenfolge und Autorenschaft erwarten. Die Verwerfungsgeschichte, das strenge, strafende Gesetz gehöre in das Alte Testament und die bedingungslose, gnädige und friedensstiftende Erwählung zum Heil sei als Evangelium im Neuen Testament zu Hause. Ich will diese einseitige Zuordnung der Testamente jetzt nicht kommentieren. Ich möchte nur bemerken, dass beide Texte eine gemeinsame Botschaft, das eine Wort Gottes verkünden. Nur eben beide mit auffälligen Akzenten, die ihre Zeit oder ihre Umstände haben. Ein jeweiliges Korrektiv für kurzschlüssige Erwartung. Wer dem Christus Jesus eine Allgnade und alles am Ende gutmachende Begnadigung unterstellen will, der mag sich schnell in den Sessel fallen lassen und die Hände in den Schoß legen. Eine bereits im Neuen Testament von Paulus gegeißelte Umsetzung des Glaubens von der Sündenvergebung in Christus. Alles sein lasen. Alles machen könne. Am Ende geht es gut aus.

Wer andererseits meint, das Heil und die Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können, wer glaubt, nur der gute Wille zähle schon und das Ziel rechtfertige jedes Mittel, der bekommt den Tisch gedeckt und darf sich niedersetzen, ohne sich in seinem missionarischen Eifer verrennen zu sollen. Du brauchst das nicht. Das ist nicht Bedingung.

Beides gehört zusammen. Tu etwas – nicht als Bedingung – und warte auf die Einladung! Ich muss es nicht auseinanderbröseln oder vermengen.

Das Bild des Zion ist das des Gottesplanes, die Vollendung der Schöpfung in Frieden und Gerechtigkeit. Die Kreuzigung Jesu vor der Stadt auf Golgatha ist der Akt der Versöhnung und Einladung zum Heil. Ich bin eingeladen, sie anzunehmen.

Amen.

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