30. August 2009
 

Johannes Langhoff  

 

Von David.

Erhitze dich nicht über die Übeltäter,
ereifere dich nicht über die, die Unrecht tun.
Denn schnell wie das Gras verwelken sie,
und wie grünes Kraut verdorren sie.
Vertraue JAHWE und tue das Gute,
bleibe im Land und bewahre die Treue.
Freue dich JAHWES,
und er wird dir geben, was dein Herz begehrt.
Befiehl dem HERRN deinen Weg
und vertraue auf ihn, er wird es vollbringen.
Er wird deine Gerechtigkeit aufgehen lassen wie das Licht
und dein Recht wie den Mittag.
Sei still vor JAHWE
und harre auf ihn.
Erhitze dich nicht über den, dessen Weg gelingt,
und nicht über den, der Ränke schmiedet.
Lass ab vom Zorn, gib auf den Grimm,
erhitze dich nicht, es bringt nur Böses.
Denn die Übeltäter werden ausgerottet,
die aber auf JAHWE hoffen, sie werden das Land besitzen.
Nur eine Weile noch, und der Frevler ist nicht mehr,
und suchst du seine Stätte, so ist sie dahin.
Die Gebeugten aber werden das Land besitzen
und sich freuen an der Fülle des Friedens.
Meide das Böse und tue das Gute,
und du wirst auf ewig bleiben.                  
Psalm 37,1-11.27

Liebe Gemeinde!

Immer mit der Ruhe. Keine Aufregung. Schön langsam angehen lassen. Erst einmal hinsetzen und dann gar nichts tun. Bei dem Wetter sowieso. Obwohl und gerade weil sich im Sommer die Gemüter besonders schnell erhitzen. Die Zunge ist nicht zu bremsen und die Hand sitzt locker. Ein Gewitter. Die Hitze – man weiß schon. Die Südländer sind ob ihres warmen Klimas sprichwörtlich temperamentvolle Naturen. Da gerieren schon harmlose Themen zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen. Selbst im Urlaub und hier oben etwas weiter im Norden sind Italiener laut und alle gleichzeitig am tönen.

Wie passend dazu ein Lied Davids. Der Hirtenjunge im heißen Bergland nahe der Mittelmeerküste greift in die Saiten und trällert sich eins von Gelassenheit und Ruhe. Singen muss er allerdings auch. Und vielleicht so laut wie ein italienischer Wirt. Nur der Text gibt sich anders. Immer die Ruhe bewahren. Nicht alles so ernst nehmen. Lass man gut sein. Nur keine Aufregung. Am Ende sieht alles ganz anders aus. Misch dich nicht ein. Kannst es eh nur verschlimmern. Also lass es gleich bleiben.

So stellt man sich die Schäferidylle vor. Den leiben langen Tag den Bauch in die Sonne halten und möglichst wenig bewegen. Sonst kommt man viel zu sehr ins Schwitzen. Die Lebensphilosophie des Hirtenvolkes. Wer gewohnt ist, mit der Dummheit der Schaffe und der Dreistigkeit der Ziegen, der Trägheit der Kamele und der Störrigkeit der Esel seinen Lebtag zu verbringen, den kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Der stellt sich unbefangen wilden Tieren, Bären und Löwen, genauso wie Räubern und plündernden Horden. Die böse Nachrede der Nachbarn und das böse Spiel der Reichen und Mächtigen darf nicht anstecken. Der Schwächere gibt nach, duckt sich und macht sich seinen Reim drauf.

David ist mit dieser Ideologie zum Erfolg gekommen. Er hat lieber die Flucht ergriffen als sich aufspießen zu lassen. Er blieb am Ende der Gewinner. Schäferspiele, eine eigene Lebenseinstellung. D.h. Nein. Das war nicht die Lebensanschauung Davids. David war von einer seltenen und besonderen Überzeugung geprägt, die ihn unbefangen sein Leben anpacken ließ. David hatte ein unverschämtes Gottvertrauen. Ungeniert und rücksichtslos wie ein Kind hat er seinen Gott Jahwe in Anspruch genommen. Der musste alles richten. Mit dem ging er durch dick und dünn. Den hat er zutiefst verletzt und dem hat er geschmeichelt, ihn umtanzt und umworben, von seinem Gott Jahwe hat er alles erwartet und alles bekommen.

Es war nicht die träge Gelassenheit des Hirten den lieben langen Tag herumhängend, die ihm dieses Liedchen auf die Lippen schrieb. Es ist sein unbändiges Vertrauen auf Jahwe, das David zum Dichter einer großen und lyrischen Lebensweisheit werden lässt. Freue dich JAHWES, und er wird dir geben, was dein Herz begehrt. Befiehl dem HERRN deinen Weg und vertraue auf ihn, er wird es vollbringen. Halt dich raus! Misch dich nicht ein! Überlass das mal dem lieben Gott.

Irgendwann muss der Zwischenruf kommen. Halt! So nicht weiter. Wir sind hier in einer reformierten Kirche, in der Reformierten Kirche Österreichs, die sich Grundsätze gegeben hat. Da heißt es nämlich:

6. Der ganzen Gemeinde ist das prophetische Amt aufgetragen. Sie ist verpflichtet, die aktuelle politische, soziale und kulturelle Situation zu analysieren und aus dieser Analyse ihr konkretes Sprechen und Handeln zu entwickeln. Sie ist bereit, die Zukunft mit zu gestalten, und ist sich bewusst, damit Konflikte zu riskieren.

Das ist ein Einmischungsparagraph. Da hat sich unsere Kirche eine Verpflichtung aufgelegt, ja nicht stille zu halten und bloß nicht wegzuschauen. Und die Verpflichtung wird jedem einzelnen Gemeindeglied auferlegt, eben der ganzen  Gemeinde und nicht allein irgendwelchen Amtsträgern, Funktionären oder gar an eine Kirchenleitung, womöglich eine Bischof delegiert, den die Presseleute vornehmlich als Autorität, die für alle sprechen muss, vors Mikrophon holen. Das passt so gar nicht mit Davids Psalm zusammen. Erhitze dich nicht über die Übeltäter, ereifere dich nicht über die, die Unrecht tun.

Die Grundsatzerklärung lässt das nicht zu. Der nächste Paragraph legt noch ein Schäuflein drauf, damit sich ja niemand abputzen kann.

7. Weil Christus sich eindeutig auf die Seite der Erniedrigten und Beladenen gestellt hat, ist die ganze Gemeinde verpflichtet, alle Formen von Unrecht, Unmenschlichkeit und Bedrohung der Schöpfung nicht als unabänderlich hinzunehmen, sondern dagegen öffentlich Widerstand zu leisten.

David dagegen: Sei still vor JAHWE und harre auf ihn.

Jetzt habe ich mich wohl endgültig verrannt in meiner Predigt, auch ohne Zwischenruf. Das schaut sich doch recht widersprüchlich aus. Wachsamkeit gegenüber dem Geschehen in Politik und Gesellschaft, Einmischung und gegebenenfalls Widerstand als überzeugte Christen und bekennende Kirche auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite ein Glaube, der in Gottvertrauen und Geduld bereit ist zu erleiden und mitzuleiden ohne einzugreifen und selbst für Recht und Ordnung zu sorgen. Beten statt kämpfen.

So einfach wird es nicht gehen können. Das ist Schwarz-Weiß-Malerei und nicht die Wirklichkeit des Lebens. Das hilft nicht weiter, bedingungsloses Entweder-Oder genauso wenig wie ineinander vermischtes Sowohl-als-auch. Da stehen nicht die christlichen Freiheitskämpfer und Tyrannenmörder den Klostereremiten und Gebetskreisen gegenüber. Genauso wenig wie es auf der einen Seite die Attentäter in Gebetsriemen oder Koranspruch auf der Stirn gibt und auf der anderen die schweigend demonstrierenden Lebensretter vor der Abtreibungsklinik, den Gebetsterror der Kampfbeterinnen, wie Wolf Haas es in seinem neuen Brenner nennt.

Es geht wohl eher um die Gratwanderung, den rechten Blick für die angemessene Entscheidung, wann Zurückhaltung und wann Einmischung erforderlich ist. Blick, passende Anschauung, überzeugende Einrede? Nein! Das Gebet braucht es: Gott, gib mir den Mut zu tun, was das meine ist! Gib mir die Geduld, zu lassen, was das deine ist! Und gib mir die Weisheit zu unterscheiden.

Die Alternative ist heutzutage nicht länger beten statt kämpfen sondern beten statt rächen. Terror und Unterdrückung reizen zu gewaltsamem Zurückschlagen. Die Bilder lassen nicht kalt und heizen die Wut an, schreien nach Rache und Vergeltung, befördern den endlosen Lauf der Gewalt. Nach dem 11.Septemberm, als die Flugzeuge in die Wolkenkratzer von New York rasten und wir zu einem Gebetsgottesdienst wenige Tage darauf einluden, wurde ich entsetzt gefragt: Wie kann man da nur beten? Meine Antwort: Lieber beten anstatt loszulaufen und den erstbesten Turbanträger zu erschlagen. Gebete und Gewaltlosigkeit haben die poststalinistischen Diktaturen ohne Blutvergießen gestürzt und zu eben der Zeit das Apartheidregime in Südafrika, haben die britische Kolonialherrschaft in Indien beendet und die Bürgerrechte aller Rassen in den Vereinigten Staaten von Amerika erstritten.

Um auf den Psalmsänger zurückzukommen. David war weiß Gott nicht der Leisetreter, der sich hat alles in den Schoß fallen lassen. Er hat die Szene immer wieder aufgemischt, sich eingemischt, seinen Vorteil herausgeschlagen, nach Lust und Laune – im wahrsten Sinne des Wortes – zugepackt und ist dabei im persönliche Bedarfsfall sogar über Leichen gegangen. Untätig war er nie. Selbst seine Fluchten sind von taktischem Kalkül gelenkt.

Es ist eine unbeschreibliche Erfolgsgeschichte. David packt zu ohne Skrupel und Bedenken. Er verlässt sich auf seinen Gott Jahwe. Der Papa wird's schon richten. Und er richtet es. Alle Strafen, wenn er denn doch einmal zu doll über die Stränge geschlagen haben sollte, fallen fast harmlos aus. Jedenfalls treffen sie David selbst weniger als andere. David war sehr aktiv und hat sein Schicksal oft genug herausgefordert, es selbst in die Hand genommen und sich zu unüberlegten Gegenschlägen hinreißen lassen. Das haben einige in seinem näheren Umfeld gezielt auszunutzen gewusst. Das Besondere an David ist sein Gottvertrauen. Das geht allem voraus und darauf greift er zuletzt noch zurück. Sein Gottvertrauen ist der Rückhalt für alles, was er wagt. Sein Gottvertrauen ist sein Rückzug, wo er gescheitert ist. Sein Gottvertrauen ist die einzige Gelegenheit, dass er sich zurechtweisen und bestrafen lässt, wenn es denn sein muss. Wenn man in Davids Lebenshaltung eine Hirtenphilosophie entdecken will, dann ist das eine pastorale Lebensweise im doppelten Sinne des Wortes und mit beispielhafter Umkehrung. Der HEER – Jahwe – ist mein Hirte, singt David in seinem berühmtesten Lied. Das meint er und das lebt er. Das ist die Erfahrung, die er im 37.Psalm besingt: Erhitze dich nicht über die Übeltäter, ereifere dich nicht über die, die Unrecht tun. Denn schnell wie das Gras verwelken sie, und wie grünes Kraut verdorren sie. Vertraue JAHWE und tue das Gute, bleibe im Land und bewahre die Treue.

Die Frage nach Widerstand oder Ergebung ist durchaus von der Situation abhängig. Sie stellt sich in Diktaturen und Unterdrückungssituationen, wo Menschen ausgebeutet, verfolgt, vertrieben, misshandelt, missbraucht und getötet werden, anders als in unserem Land derzeit. Ich kann das nicht stellvertretend für die Betroffenen andernorts und anderer Zeit entscheiden und bestimmen. Ich kann Solidarität mit ihnen üben, mitleiden, mit beten und die Hilfe – wenn möglich -  geben, die sie von mir erbitten. Ansonsten kann ich nur für mich und meine Umstände sprechen und vielleicht von den Entscheidungen anderer in schwerer Zwangslage lernen. Oder von David in seinen Liedern lernen.

Erhitze dich nicht über den, dessen Weg gelingt, und nicht über den, der Ränke schmiedet. Lass ab vom Zorn, gib auf den Grimm, erhitze dich nicht, es bringt nur Böses. Die Probleme in unserem Land derzeit gehören wohl eher in die Kategorie der Neidgesellschaft. Jede Einmischung heißt, die niederen Instinkte befriedigen. Politik ist zu einer Show verkommen, die der Ablenkung dient von den tatsächlichen Machtverhältnissen und Machtinteressen. Weder die fremdenfeindliche Hetze noch die Verteidigung des österreichischen Ansehnens nach außen als Deckmantel für fehlerhafte Politik müssen uns aufregen. Wenn uns etwas betrifft dann ist es das Fehlen einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Problemen des Zusammenlebens verschiedener Kulturen, Religionen und Gebräuchen, aber eben auch Erwartungen und Ansprüchen. Das ist ganz gewiss ein Thema für die protestantischen Kirchen, die eben ihre österreichische Geschichte der Abweisung, Toleranz und Integration haben. Wenn uns etwas treffen sollte, dann ist es die verschleiernde Politik der sogenannten Grundsicherung, die sich weigert, die zunehmende und ungerechte Umverteilung von Reichtum und Armut in der Gesellschaft anzupacken. Aber das sind keine Themen für Widerstand oder Einmischung mit kirchlichen Kommentaren und Besserwissereien. Das sind Herausforderungen eines und einer jeden einzelnen. Und damit sind wir nicht auf verlorenem Posten als die Kleien, die nichts ausrichten können. Wir sind auf der Seite des Großen, der es ausrichten kann und wird.

Davids Gottvertrauen: Denn die Übeltäter werden ausgerottet, die aber auf JAHWE hoffen, sie werden das Land besitzen. Nur eine Weile noch, und der Frevler ist nicht mehr, und suchst du seine Stätte, so ist sie dahin. Die Gebeugten aber werden das Land besitzen und sich freuen an der Fülle des Friedens.

Befiehl dem HERRN deinen Weg und vertraue auf ihn, er wird es vollbringen. Meide das Böse und tue das Gute, und du wirst auf ewig bleiben. 

Amen.

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