13. September 2009
 

Johannes Langhoff  

 

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen.

Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.

Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie untertan, und herrscht über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen. Genesis 1,26-28

 

Liebe Gemeinde!

Das Calvinjahr geht in sein Schlussdrittel. Also noch ein Weilchen dürfen Sie Calvin ertragen. Oder freundlicher gesagt: Wir nähern uns dem Höhepunkt. "Calvin aktuell", ein Predigtzyklus. Calvin war Prediger und hat als Prediger des Wortes Gottes die Reformation der Stadt Genf betrieben. Wir predigen. Kollegen und Kolleginnen aus der reformierten Provenienz, die wir uns alle unseres Lehrers Calvin bewusst sind und uns mit ihm auseinandergesetzt haben. Wir wollen Anliegen von Calvin aufgreifen und erfahren, wie lebendig und aktuell sie heute noch oder wieder sind. Wir haben uns an ihm gerieben und von ihm inspirieren lassen. Wir wollen mit Calvin und wie er, das Wort Gottes, wie es in den Heiligen Schriften der beiden Testamente überliefert ist, durch die Predigt lebendige werden lassen.

Zum Auftakt und Anfang nehme ich mich des Themas an, das Calvin an den Anfang seines Bekenntnisses und seiner Dogmatik, der folgenschweren Institutio Christianae Religionis, also der Einführung in den christlichen Glauben gestellt hat. Das Genfer Bekenntnis war Grundbestandteil der Genfer Kirchenverfassung und alle Genfer Bürger mussten sich eidlich darauf verpflichten. Diese Confession de foi wie auch das große Lehrbuch, die Institutio, beginnen mit dem Thema: Von der Erkenntnis Gottes und der Selbsterkenntnis des Menschen. Der erste Satz: "All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde eigentlich zweierlei: Die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis."[1]

Was für ein Thema? Was für ein langweiliges Thema! Damit kann man doch keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken. Wer fragt heutzutage noch nach Gott? Solche Predigt kann nur ein öder akademisch-philosophisch-theologischer Vortrag werden. Wenn es denn stimmt. Fragt wirklich keiner mehr nach Gott?
 

 
Tobias Moretti

Am Burgtheater zumindest lässt es sich der neue Intendant nicht nehmen, zur Saisoneröffnung in eigener Regie die Gretchenfrage nach Jahrzehnten Abwesenheit wieder auf die Bühne zu bringen. 200 Jahre nach des Dichters Bereimung hämmert ein kahlköpfiger Dr. Faustus alles was ihm Schädelweh bereitet in seinen Labtop, um diesen anschließend mit all dem bedeutungsschweren Inhalt zu zertrümmern. Also keine Angst vor: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie…Einfach alles hinein in die unendliche Datenflut der Elektronik und dann grob entsorgt. Danach ist das Leben leicht, unbeschwert und skrupellos. Den Fahrplan und die Angebote für Fun und Happiness gibt ein clownesker Mephistopheles, der so gar nichts von einem Teufel hat und sich mit seinem Gott nur zu gut versteht. "Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern und hüte mich, mit ihm zu brechen." Menschen, heutige Menschen, scheinen dieses satanische Bedürfnis der Gottesbegegnung seltener oder weniger zu haben. Dafür umso mehr das unbeschwerte und bedenkenlose Leben eines Faust, der nur die Sehnsucht nach dem Augenblick der vollkommenen Glückseligkeit kennt, welcher dann endlos sein möchte.
 


Gert Voss, Tobias Moretti 

Ja, so legte sich auch das Premierenpublikum die Gretchenfrage aus. Gretchen fragt den spröden Doktor und schmierigen Verführer, wie er es mit der Religion halte und ob er an Gott glaube. Und die adabei-Gesellschaft des Premiereabends antwortet: Es ist erstrebenswert zum Augenblick zu sagen: Verweile doch, du bist so schön. Oder fragt zurück: Was ist wirklich wichtig im Leben. Die Frage stellt sich doch jeder - oder?! Eine nichts und alles sagende Antwort: Da geht's schon um Tiefe. Einer gibt zu: Jeder von uns verkauft jeden Tag ein Stück seiner Seele und macht Kompromisse. Die Frage ist nur, wie weit man geht. Und eine gibt sich philanthropisch auf Gretchenfrage und Teufelspakt, gibt den moralisch, mitmenschlichen Touch: Dinge für die man sich einsetzt, für die man bereit ist, sehr weit zu gehen und sehr viel in Kauf zu nehmen. Das muss nicht immer der Pakt mit dem Teufel sein, es kann auch einmal die Ablehnung sein.
 


Tobias Moretti, Katharina Lorenz

Calvin ist steiler in seiner Antwort auf die Frage nach der Religiosität der Menschen. Er beginnt das Bekenntnis: "Da man nirgends einen Menschen, möge er noch so ungesittet und wild sein, ohne religiöses Empfinden antrifft, ist offenkundig, daß wir alle auf dieses eine Ziel hin erschaffen wurden: die Herrlichkeit unsres Schöpfers zu erkennen und, indem wir sie erkennen, ihn über alles zu verehren und in aller Furcht, Liebe und Ehrerbietung anzubeten." [2] Die Feststellung, dass es niemanden ohne religiöses Empfinden gäbe, ist heute so zeitgemäß wie im 16.Jahrhundert. Die Schlussfolgerung Calvins weniger. Man braucht sich nur umzuschauen, wie reichhaltig der religiöse Markt bestückt ist, auf dem sich die Österreicherinnen und Österreicher bedienen. Der Kirche den Rücken gekehrt und Buddha oder Allah heraufbeschworen, Bäume umarmt, Steine und Amulette gehegt, den Terminkalender und Handlungen nach dem Mond ausgerichtet, Demeterprodukte als die schicke Variante von Bio. Nein, Religion ist allerorten. Nur wozu man sie gebrauchen will, hat eher mit den eigenen Wohlfühlbedürfnissen und - in der Gutmenschenvariante - mit Verantwortung und ethischen Prinzipien zu tun. Ja, die erste Frage ist nicht die der Gotteserkenntnis, sondern die nach dem rechten Tun für mich selbst und sowieso.

Die Gebote könnten das Thema Nr.1 der Religion und Lebensphilosophie sein. So beginnt denn auch tatsächlich Martin Luther seinen Katechismus und stellt die Regeln wie ein moralisches Gesetz vorne an. Die Frage ist lediglich, warum ich mich nach diesen Geboten richten soll. Und wer richtet sich schon danach? Das sind 10 Gummiparagraphen, wo es selbst fürs Töten reichlich Ausnahmeregelungen gibt. Ganz abgesehen von der Sonntagsheiligung, dem Ehebruch, dem Bildanbetungsverbot und den anderen lästigen kurzen und sehr prägnanten, eigentlich überzeugenden Sätzen. Es braucht eine überzeugende Autorität, um derer Willen - aus Furcht oder Liebe - Mann und Frau sich an die Gebote halten. So sieht es auch der Vordenker aus Königsberg, der alle Philosophie und Logik darauf verwandt hat zu beweisen, dass man Gott nicht beweisen könne. Aber dass es dennoch einen Gott gäbe, einen geben müsse, weil die Menschheit eine Instanz brauche, die für die Grundwerte der Moral steht und deren Autorität sie sichert. Also rätseln sie doch zuerst über die Gotteserkenntnis, bzw. basteln sich den gebrauchsfähigen Gott zusammen.

Calvin ist anders. Calvin tut anders. Er bastelt nicht eine Religions- und Gesellschaftsgrundlage zusammen, die als überirdisches Wesen für die nötige Aufteilung und Ordnung sorgt. Er fragt nach, er sucht Gott, den einzigen Gott, der sich selbst offenbart, der sich selbst zu erkennen gibt. Kein anonymes Wesen oder bloßer Gedanke für jeden und alles, sondern Gott JAHWE, der HERR, den Schöpfer Himmels und der Erden, der leidenschaftlich liebt und sich um die Krone seiner Schöpfung, die Menschen, müht. Der ihnen nachläuft, um sie wirbt, für sie kämpft, der straft und selbst darunter leidet. Für Calvin ist die Gotteserkenntnis kein Gedanken- oder Gesellschaftsspiel.

"Die Frömmigkeit besteht vielmehr aus dem reinen und echten Eifer, der Gott als den Vater liebt und als den Herrn verehrt, der seine Gerechtigkeit annimmt und mehr fürchtet, Gott zu erzürnen als zu sterben," schreibt Calvin und ergänzt: "Alle, die diesen Eifer in sich tragen, versuchen nicht, sich voll Kühnheit einen Gott nach ihrem Willen auszudenken, sondern suchen die Erkenntnis des wahren Gottes bei Gott selbst und erfassen ihn nur so, wie er sich offenbart und sich ihnen zu erkennen gibt." [3]

Die Bibel hilft bei der Suche. Man muss nicht einmal lange blättern. Die Bibel bekennt gleich zu Anfang das Besondere und Einzigartige der Beziehung Gottes zu uns Menschen. Und Gott schuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Wir Menschen sind Gott ähnlich. Er ist uns ähnlich. Wir sind Abbilder Gottes. Ein faszinierender und verstörender Gedanke, wenn man daraus Bilder machen will. Ist Gott jetzt männlich oder weiblich, beides in einem oder in zweien, dreien? Ist Gott ein eurasischer Typ, negroid oder semitisch? Das ist von vielen Bilderanbetern beantwortet worden und in beinahe jeder Kirche nachzuschauen. Über Jahrtausende hat der alte Mann über allem gethront und ist ein lang gewanderter und langhaariger Jüngling, blasshäutig und blauäugig in alle Ecken der Erde getragen worden. Das hat den Anspruch und die Autorität der Herrenvölker über die Eingeborenen erklärt. Es hat lange gedauert bis sie sich in einem eigenen Bilderstreit befreit haben und den göttlichen Gestalten andere Hautfarbe, Wangenknochen, Nasen und Augen gegeben haben, sogar andere Gewänder. Damit erst war Gott bei ihnen angekommen. Gott ihnen ähnlich. Gott, der sie sich zum Ebenbild geschaffen hat.

Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Gott lässt sich eh nicht in ein einziges Bild zwängen und als Prototyp hinstellen. Das biblische Bekenntnis von der Schöpfung erlaubt sich eine Ungereimtheit. Gott redet von sich und mit sich in der Mehrzahl. "Wie Euer Majestät belieben."  Die Bibel und die überlieferte Sprache erlauben sich die Vorstellung eines himmlischen Hofstaates. JAHWE Zebaoth, der HERR Zebaoth, wie er bis in unsere Gesangbücher gekommen ist, versammelt um sich die himmlischen Heerscharen, die Zebaoth. Das sind Seraphim, drachenartige Wesen oder schlangenartig wie beim Wüstenüberfall auf die aus Ägypten geflohenen Hebräer. (Num.21) Cherubim als Wesen mit Flammenschwertern, die den Garten bewachen. (Gen.3,24) Und in der bunten Riege schließlich auch immer mal wieder Satan, der von Zeit zu Zeit den Alten gern besucht. Die berühmte Szene, die Goethe inspiriert haben muss, als es um den frommen Hiob ging, den Satan prüfen durfte. (Hiob 1f) Für Bilderfreunde ein reichhaltiges Angebot, sich ein Spiegelbild zu verschaffen. Ein bisschen Schlange oder Kriecher, ein intergalaktischer Krieger mit Laserschwert. Die wunderbare Vielfalt eines Luzifer, Mephisto, Satan und sein schillernder Hofstaat aus Hexen und Hexern schön und hässlich, ewig alt oder ewig jung. Da ist der Phantasie unbegrenzter Spielraum gegeben, sich ein eigenes Lebensmotto und ein passendes Image zuzulegen.

In den ersten Kapiteln der Bibel hat die Gottähnlichkeit aber weniger einen Spiegel im Blick als eine Beziehung. Die Geschichte im Garten Eden gibt die Deutung. Gott schafft sich eines unter den Wesen der Schöpfung, dass ihm Gegenüber und Partner ist. Und Gott schafft dieses Wesen Adam als zwei verschiedene, als männliches und weibliches Wesen. Sie wiederum sind auf Partnerschaft angelegt wie sie Partner Gottes sind. Ebenbilder Gottes sind wir, indem wir mit anderen Menschen zusammenleben wollen, sie brauchen und für sie da sein wollen. Das beispielhafte Paar in Eden gibt es vor. Die Sehnsucht zweier, die vereint und zusammen erst sie selbst sind. Nicht einer oder eine allein, sonder vereint eines, das Abbild Gottes. Anziehung und Reibung, Sehnsucht und Widerstand. Der Hang zum anderen und zur anderen, den man schlicht Liebe nennt. Gottes Ebenbild in der Liebe.

Das ist die Erkenntnis Gottes, dass wir seine Liebe und Hingabe erfahren. Das ist die Selbsterkenntnis des Menschen, dass ich mich wiederfinde, wo ich mich anderen öffne, gebe und nehme, mitleide und mitfreue.

Alle folgenden Seiten, Kapitel und Bücher der Bibel in beiden Testamenten erzählen nichts weiter als von dieser Liebe und Leidenschaft Gottes für sein Volk und für alle Völker.

Calvin zu Abschluss: "Da die Herrlichkeit Gottes an sich die menschliche Fassungskraft übersteigt und gar nicht verstanden werden kann, bleibt uns nur, ihre Größe lieber anzubeten als mit der Vernunft zu erforschen, damit wir nicht von ihrem hellen Glanze überwältigt werden." [4]           

Amen.

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[1] Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, Institutio Christianae Religionis, Nach der  letzten Ausgabe übersetzt und bearbeitet von Otto Weber Neunkirchen 1963 S. 1

[2] Jean Calvin, Christliche Unterweisung. Der Genfer Katechismus von 1537 in der Übersetzung von Lothar Schuckert, Furche Verlag, Hamburg 1963 S. 7

[3] ebd. S.8f

[4] ebd. S.9

Photo-Copyright: Georg Soulek, Burgtheater

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