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18. Oktober 2009 Johannes Langhoff
Wie könnte man denen, die doch wie wir den heiligen Geist empfangen haben, das Wasser zur Taufe vorenthalten? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. Da baten sie ihn, einige Tage bei ihnen zu bleiben. Acta 10,47f
Liebe Gemeinde! Ich gebe es ehrlich zu. Ich bin froh, im 21.Jahrhundert zu leben und nicht im 16.Jahrhundert. Das Jahrhundert der Reformation war eine spannende Zeit. Die Reformation war ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, ohne die unsere heutige Zeit gar nicht vorstellbar wäre. Was die Menschen jener Zeit gewagt und getan haben, ist aller Ehren und dankbaren Erinnerung wert. Die bekannten Namen, deren Schriften bis heute nachgedruckt und zitiert werden. Die vielen namenlos gebliebenen, die Kopf und Kragen riskiert haben. Sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Nein, das war kein Spiel. Das war blutiger Ernst. Der Besitz eines Buches, des Buches, der Bibel konnte mit schwersten Strafen belegt werden. Sie wurden aus der Heimat vertrieben, ihres Eigentums und ihrer Lebensgrundlage beraubt und ihres Erbes, ihrer Kinder. Die Kinder wurden ihnen weggenommen und von strenggläubigen Anhängern der römisch-katholischen Kirche zwangsadoptiert. Das hat es noch bis ins 20.Jahrhundert gegeben. Zwangsadoptionen von Kindern der Widerstandskämpfer oder Zonenflüchtlingen durch regimetreue Familien. Nein, dabei sein hätte ich nicht wollen. Damals sind für die jeweils andere Überzeugung Menschen auf den Scheiterhaufen verbrannt worden. Aber ohne die mutigen Protestanten würden wir heute noch in den dunklen Zeiten des gequälten und missbrauchten Gewissens leben. Wir wären der ständigen Angstmacherei ausgesetzt. Wir würden zu Kreuze kriechen. Für den banalsten Ungehorsam müssten wir um Leib und Leben fürchten. Schlimmer noch. Wir würden um unser Seelenheil fürchten. Für die angedrohten Höllenqualen, die der Phantasie jener entsprungen sind, die sich ihrem eigenen Körper versagen, würden wir auf Freude und Lust verzichten. Das freie Denken und das eigenverantwortliche Handeln waren verbotene Früchte. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich damals auch ein tapferer Protestant geworden wäre. Wir sind es, nachdem inzwischen selbst die beiden Diktaturen des 20.Jahrhunderts – der Faschismus und der Kommunismus – Vergangenheit sind, nicht mehr gewöhnt, für eine Überzeugung in den Widerspruch zur herrschenden Mehrheitsmeinung und den Widerstand gegen die bestimmende Macht zu gehen. Wir lassen es zu, dass Hass und Vorurteile die öffentliche Meinung beeinflussen. Wir schauen zu, wie die Toleranz in neue Grenzen gezwängt wird. Minarette dürfen nicht sein wie es einst als zutiefst unösterreichisch galt, dass evangelische Bethäuser mit Kirchtürmen und Glocken den Horizont verschandelten und die zwanghafte Idylle störten. Ich will mir und Ihnen nichts einreden und unterstellen, was wäre wenn. Ich erinnere mich durchaus noch meiner stürmischen Jugendjahre. Ich war ziemlich rebellisch und habe es Eltern und Lehrern zeitweilig sehr schwer gemacht. Von meiner eigenen Meinung zutiefst überzeugt, meinem eigenen Gerechtigkeitssinn bedingungslos verpflichtet habe ich eifrig gestritten und einige Male den Rausschmiss aus der Schule und von der Uni provoziert. Sie waren zum Glück geduldiger mit mir als ich mit ihnen. Also könnte ich mir genauso gut einreden, dass ich wie ein John Knox in Genf die Fackel anzündete und das Fanal nach Schottland schaffte, um die verhassten Stewarts zu vernichten. - Nein, das gerade nicht. Das Töten, selbst das Töten aus guter Überzeugung habe ich nie gewollt. Ich war und ich bin ein eifriger Gegner jeglichen Militär- und Kriegsdienstes und ein eingefleischter Gegner der Todesstrafe. Darum war ich so rebellisch. Und das stört mich an der Reformationszeit. Sie haben sich gegenseitig auf die Scheiterhaufen gebracht. Auch in Genf hat der Scheiterhaufen für einen Andersgläubigen gebrannt. Das tut mir heute noch weh. Er hatte die Dreieinigkeit geleugnet. Er ließ sich nicht eines Besseren belehren. Miguel Serveto y Reves hat der Reformation die Krone aufsetzen wollen und die Grundlage des christlichen Glaubens in Frage gestellt, den Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist. Die Trinität unterscheidet uns von den beiden anderen Religionen, die wie wir an den gleichen Gott glauben, von den Juden und den Muslimen. Man ahnt die Schwere der Provokation, wenn man sich nur einmal in der eigenen Umgebung umsieht. Das tolerante, weltoffene Wien mit seiner wein- und walzerseligen Lebensart und einer Kaffeehauskultur, die es erlaubt, über alles und jeden beim großen Braunen ungeniert herzuziehen. Den Juden wird’s immer noch nachgesagt und die Muslime… Beim dritten Ansturm haben die Türken Wien erobert. Man sieht's ja. In der Leopoldstadt beherrschen die schwarz gewandeten orthodoxen Juden das Straßenbild wie in Favoriten und Ottakring die Kopftuchträgerinnen. Und im "goldenen U" der Innenstadt aus Kohlmarkt, Graben und Kärntnerstraße geben die in ihre Burkas gehüllten Touristinnen ihr überschüssiges Geld in den Luxusboutiquen aus, um Wien noch reicher zu machen. Ganz so weit weg von uns ist der heikle Fall von 1553 in Genf doch nicht, wie man meinen möchte. Da stand und steht mehr als eine Idee, eine Theorie oder eine Glaubensnorm auf dem Spiel. Die Ablehnung der Dreieinigkeit Gottes wurde als Gotteslästerung verstanden. Das ist wie Majestätsbeleidigung ein Angriff auf die Autorität eines Staates, also die Gefährdung der Grundfesten eines Gemeinwesens. Was wie eine bloße Unhöflichkeit oder Dreistigkeit gegenüber Gott oder einem Staatsoberhaupt klingt, ist die Herabsetzung der Grundwerte einer Gesellschaft. Wem das nichts bedeutet, dem bedeutet dann womöglich über kurz oder lang auch anderes, was eine friedliche Gemeinschaft braucht, nicht mehr viel. Fremdes Eigentum, partnerschaftliche Treue und Zuverlässigkeit, gegenseitiger Respekt und gar die Unversehrtheit und das Leben der anderen. So die gängige Auffassung bis in die heutige Rechtssprechung und seit den Tagen der Bundesgebote vom Sinaï, wo bereits an vorderer Stelle der Schutz des Gottesnamens reklamiert wird. Noch vor dem Gebot nicht zu töten oder zu stehlen. Sicherlich würde Servet bei uns schnell Sympathisanten gefunden haben. Die Sache mit der Trinitätslehre ist ohnehin zu kompliziert als dass man sie verteidigen möchte. Über die Jahrhunderte der christlichen Tradition, der Kirchengeschichte, der Dogmenbildung und der Theologiegeschichte ist ein aufwendiges und verwirrendes Definitionsgeflecht entstanden, das man schlecht unter die Leute bringen kann. Musst es halt glauben. Augen zu und durch. Glauben vom schlimmsten. Gegen Sinn und Verstand. Dass sich der liebe Gott solch ein enges Korsett überhaupt gefallen lässt. Nun ja, Gott braucht das vielleicht nicht, offenbar nur wir. Man muss halt nicht übertreiben und ebenso wenig gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Dann geht das wohl. Wie wollen wir sonst den lebendigen Gott wahrnehmen und erfahren? Wie wollen wir verstehen, dass jener Jesus aus Nazareth der Christus und der Mensch gewordene Gott ist? Wie wollen wir die Lebendigkeit Gottes in der Gemeinschaft seiner Vertrauten beschreiben als im Geiste? Drei Erscheinungsweisen, drei Wirkungsweisen, drei Erfahrungen, die doch ein und das Gleiche sind. Die Unfassbarkeit Gottes, für die unsere Sprache zu klein ist, die unser Denken nicht fassen und unsere Logik nicht festschreiben kann. Also besser nicht an dem Unfassbaren vergreifen. Und am besten damit keine akrobatischen Geistesübungen machen und hitzige Streitereien anstellen, sich deswegen jedenfalls nicht die Schädel einschlagen. Es gibt sie noch die Leugner der Dreieinigkeit, also die sogenannten Antitrinitarier oder, wie sie sich selbst nennen, die Unitarier. Wenn sie nach Österreich kommen, schließen sie sich zumeist unserer Kirche an. Viele in der magistratischen wie auch in der kirchlichen Verwaltung halten sie nämlich für Unierte und wissen nichts von dieser einzigartigen Glaubensgemeinschaft, die hierzulande nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Unierte nennen sich in anderen Ländern die vereinigten lutherisch und reformierten Kirchen oder Gemeinden, was bei uns die A. und H.B.-Gemeinden sind. Die Unitarier, die auf der Einheitlichkeit Gottes in Christus bestehen, gehören von Rechts wegen nicht erlaubt. Sie finden jedoch bei uns, in der reformierten Kirche, Unterschlupf. Und sie fühlen sich bei uns am ehesten zu Hause. Das klingt schon einmal gut, wenn man sich die Hinrichtung des Antitrinitariers Servet in Genf als reformierte Ursünde vorhalten lassen muss. Wir haben uns entwickelt. Wir haben gelernt. Wir, die Kinde der Toleranz, haben es gelernt, Toleranz zu üben. Wir haben mit den Unitariern eine gemeinsame Geschichte der Verfolgung, Unterdrückung und Vertreibung. Während die lutherische Reformation im Reich schon anerkannt war, wurden die Reformierten noch weiter bekämpft. Allein in Siebenbürgen fanden sie Duldung. Unter der Herrschaft der Türken durften in diesem ungarischen Fürstentum alle Religionen und Kirchen des einzigen Gottes ihren Glauben frei ausüben. Das waren neben den privilegierten Muslimen die Juden, die Orthodoxen und Römisch-katholischen, die Lutheraner, die Reformierten und schließlich einzigartig die Unitarier. So weit war man im Genf der Reformation wie im gesamten römischen Reich deutscher Nation und den übrigen europäischen Monarchien noch lange nicht. Zur Entschuldigung Calvins und der Genfer Obrigkeit wird gerne ins Feld geführt, dass das Verfahren und das Todesurteil gegen Servet woanders stattgefunden hat und Genf in der reichsrechtlichen Pflicht stand, dieses Urteil zu vollstrecken, wenn er sich in Genf aufhielte. Der kleine von Savoyen ernsthaft bedrohte Stadtstaat wäre unter die Reichsacht gefallen und hätte damit seine Selbständigkeit verloren. Außerdem haben die übrigen reformierten Kantone der Schweiz und die Reformatoren von Wittenberg bis Zürich dringend zur Hinrichtung Servets geraten. Das enthebt Calvin jedoch nicht seiner persönlichen Mitverantwortung für die Anzeige Servets als Antitrinitariers und seiner Zustimmung zur Verbrennung. Sie haben sich vor dem Niedergang der letzten Ordnung gefürchtet. Hatten sie doch selbst das alte Rechtssystem, das von der Römischen Kirche bestimmt wurde, außer Kraft gesetzt und mühsam zu einem eigenen neuen gefunden, so konnten sie seine Gefährdung durch die Infragestellung von Grundwahrheiten und Grundwerten beim besten Willen nicht zulassen. Wir sind heute zum Glück weiter. Aber das Problem sind wir nicht los. Wir werden mit Gewalt, Missbrauch, Mord und Totschlag in gestörten Partnerschaftsbeziehungen konfrontiert. Kontakt- und kommunikationsgestörte Menschen laufen Amok. Die Umverteilung des Reichtums wird inzwischen mit Steuergeldern vorangetrieben und die Sozialkassen geschrumpft. Der Ruf nach mehr Bildung und Kultur wird von Sparmaßnahmen erstickt. Politiker werden in Führungsämter gewählt je skrupelloser sie sich gebärden. Soll niemand mehr über die heranwachsende Jugend klagen. Sie hat es schwer, alte Werte wieder zu entdecken und neue Werte zu entwickeln, die ein friedliches und gerechtes Miteinander und ein befriedigendes Leben ermöglichen. Wir sind ihnen die Vorbilder und die Erfahrungen schuldig. Wir sind ihnen das Evangelium schuldig von dem einen und einzigen Gott, der sich uns in Jesus Christus als der liebende Vater, der sich aufopfernde Sohn und als der sichere Beistand im Heiligen Geist offenbart. Wie könnte man denen, die doch wie wir den heiligen Geist empfangen haben, das Wasser zur Taufe vorenthalten? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. Da baten sie ihn, einige Tage bei ihnen zu bleiben. Auf die zwei Bibelverse für die heutige Predigt hat mich unbeabsichtigt, wenn auch nicht zufällig ein Unitarier aufmerksam gemacht. Er hat seine Enkel zu uns gebracht und seine Kinder gedrängt, sie bei uns taufen zu lassen. Wir waren für ihn die einzig denkbare Adresse und bei uns sollten die Familien ihre Gemeinde finden. Als Taufspruch für alle seine Enkel hat er diese beiden Verse aus der Apostelgeschichte bestimmt. Er hat mit sicherem Auge die passenden Bibelverse gefunden. Da werden auf den Namen Jesu Christi Menschen getauft und in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, die man nicht dabei haben wollte. Der Erfahrung, die Petrus mit diesen Worten ausdrückt, geht ein Lernvorgang in Toleranz und Anerkennung voraus, den er und die erste christliche Gemeinde durchmachen mussten. Toleranz gegenüber anderen Menschen und Anerkennung des unergründlichen Willens Gottes. Sie waren überzeugt, dass das Evangelium eine Angelegenheit der Juden und nur für diese bestimmt sei. Nun mussten sie erfahren, dass der Geist Gottes auch Nichtjuden ergriffen hatte. Gott wirkte weiter als sie es sich vorstellen und in ihren Ordnungen und Regeln erfassen konnten. Sie haben gelernt. Sie haben die sogenannten Heiden getauft und das Evangelium damit in die gesamte Welt hinaus gelassen. Es ist nicht an uns, Gott Vorschriften zu machen. Aber seine Weisungen können wir sehr wohl gebrauchen. Amen. |