22. November 2009
 

Johannes Langhoff  

 

Da antwortete Hiob und sprach:
Wahrhaftig, ihr seid die rechten Leute,
und mit euch wird die Weisheit sterben.
Ich habe Verstand so gut wie ihr,
ich stehe nicht hinter euch zurück,
und wer wüsste all dies nicht?
Dem eigenen Freund werde ich zum Gespött,
der ich zu Gott rief, dass er antworte.
Zum Gespött wird der Gerechte, der Schuldlose.
Dem Unglück Verachtung!, denkt der Sichere,
ein Stoß noch denen, deren Fuß schon wankt!
Um die Zelte der Gewalttätigen steht es gut,
und sicher leben, die Gott erzürnen,
die glauben, Gott in der Hand zu haben.
Aber befrage das Vieh, dass es dich lehre,
und die Vögel des Himmels, dass sie es dir kundtun.
Oder sprich zur Erde, dass sie dich lehre,
und die Fische des Meeres sollen es dir erzählen:
Wer von ihnen allen wüsste nicht,
dass die Hand JAHWES es so gemacht hat?
In seiner Hand ist die Seele alles Lebenden
und der Geist im Leib jedes Menschen.
Soll nicht das Ohr die Worte prüfen,
wie der Gaumen die Speise kostet?
Bei Greisen soll Weisheit sein,
und langes Leben soll Einsicht bringen?
Weisheit und Macht sind bei ihm,
ihm gehören Rat und Einsicht.
Hiob 12,1-13

Liebe Gemeinde!

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.

Das ist wohl ein etwas ungewöhnlicher, beinahe schon unpassender Predigtanfang. Alle setzen sich, werden ruhig und warten darauf, dass einer redet. Und dann das: die Weisheit des Schweigens. Das klingt wie ein Witz, wie eitle Selbstironie und fishing for compliments: "Nun fang schon an!" Für eine launige Rede ganz nett. Als rhetorische Floskel gefürchtet: "Ich bin kein Redner. Ich will auch nicht viel sagen…" Doch dann hört er nicht auf langatmig das Publikum zu langweilen.

Nein, bei einer Predigt soll es anders sein. Es geht nicht darum dass sich eine oder einer durch geschliffene Rhetorik, bestechende Gedankenführung, philosophisch-theologische Aufklärung und inter­essante Wissensvermittlung beweist, obwohl das genauso hilfreich sein kann wie eine hinreichende Lautstärke und Aussprache. Von der Predigt wird erwartet, dass durch sie Gottes Wort  lebendig wird. "Der Glaube kommt aus der Verkündigung, die Verkündigung aber geschieht durch das Wort von Christus," schreibt Paulus in seinem programmatischen Brief nach Rom (Römer 10,17 – in der neuen Zürcher Übersetzung). Luther übersetzt: " So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi." Wörtlich übersetzt steht da: "Der Glaube kommt aus dem Hören, das Gehörte aber durch das Wort Christi." Das Wort, das laut Johannes von Anfang an war und das Fleisch wurde, d.h. das in einem Menschen lebendig wurde, in Christus Jesus lebendig wurde. Gottes Wort ist nicht toter Buchstabe, sondern will lebendig werden, indem es ausgesprochen, gesagt und weitergesagt wird. Calvin bringt es auf den Punkt: Das Wort Gottes ist nicht zum plappern da, auch nicht, um gewandt und hintergründig sich auszudrücken, sondern um unser Leben zu ändern.

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.

Das waren jetzt viele Worte gegen das Schweigen. Das war ein Appell für die Umkehr der Volksweisheit, die bereits Salomo hat aufschreiben lassen: Wer seine Worte zurückhält, hat Erkenntnis, und wer kühl überlegt, ist ein einsichtiger Mensch. Auch einen Toren hält man für weise, solange er schweigt, für verständig, solange er seine Lippen verschließt. (Spr. 17,27f)

Der Predigttext, eine Antwort Hiobs an seine Freunde, die fleißig auf ihn eingeredet haben, hat mir das Sprichwort in Erinnerung gebracht. Denn diesen schleudert er das entgegen: Hättet ihr nur geschwiegen, man hätte euch Einfaltspinsel für klug und gescheit halten können. Denn Reden ist Silber, Schweigen aber Gold.

Sie kennen solchen Krankenbesuch. Sie muss schwatzen, er hört nicht auf drumherum zu reden. Man möchte sie rausschmeißen. Schön dass du gekommen bist. Aber vielleicht war es doch keine so gute Idee. Du gehst mir auf die Nerven. Das kann ich jetzt am wenigsten gebrauchen. Die eigene Verlegenheit, die Beklemmung der eigenen Betroffenheit, die Angst vor dem Aufbrechen der eigenen Gefühle, die Ängstlichkeit etwas Falsches zu sagen, lässt drauflosreden. Banaler Wortschwall gegen teilnehmende Worte. Hast du schon gehört? Und der hat doch gesagt. Und die war ganz erschüttert. Aber wenn man mal an die andern denkt, denen es viel schlechter geht. Und irgendwie bist du auch selber Schuld. Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort, große…

Sie haben auf Hiob eingeredet. Sie wollten ihn eines Besseren belehren. Sie wollten sich selbst verteidigen. Du musst an deinem schrecklichen Schicksal schuld sein. So etwas passiert einem rechtschaffenen und gottgläubigen Menschen nicht. Gott bestraft keinen Unschuldigen. Unser Gott ist ein Gott des Heils und nicht des Unheils, ein Gott der Heilung und nicht der Krankheit. In vielen Psalmen beklagen die Betroffenen, dass sie zu ihrem Unglück, ihrer Krankheit und ihrer Notlage auch noch die Häme der anderen ertragen müssen und sich ausgegrenzt sehen. Das geht so schnell. Wiederkehrende Krankheit nach einem Verlust, nach einer Enttäuschung oder Niederlage führt zur Kündigung. Ausstehende und verzögerte Überweisungen des Arbeitslosengeldes oder der Notstandshilfe zu Schulden. Sie sind draußen. Sie können nicht mitmachen, nicht mithalten. Sie können niemanden besuchen ohne Mitbringsel. Sie können keinen Besuch bewirten. Sie können sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen in dem verschlissenen Gewand. Selber Schuld! hören sie es hinter der Hand oder ins Gesicht gesagt von den gutmeinenden Freundinnen.

Die Schuldfrage. Bei uns muss immer einer oder etwas schuld sein. Krankheit soll eine Ursache haben, die die Schulmediziner suchen, um sie bekämpfen zu können. Krankheit als Herausforderung und Aufgabe, als Signal und gar als Hilfe gehören in den Aberglauben und in die Esoterik. Wir brauchen Greifbares, Angreifbares, das mit Skalpell und Medikamenten vernichtet werden kann. Uns fehlt die Geduld für langwierige Heilpraktiken. Das Krankengeld wird nicht unendlich bezahlt und die Kolleginnen wollen auch nicht andauernd meine Arbeit zusätzlich machen müssen. Da werden sagenhafte Worte gemacht, Fremdworte, erfundene Latinismen und Gräzismen, die ablenken. Letzte Miniprozente an Wahrscheinlichkeit müssen aufgelistet werden und das Opfer in bedingungslose Erwartung und verzweifelten Gehorsam gegenüber den Weisungen der weißen Götter zu bannen. Denn die wagen es nicht, auf Gott zu verweisen. Das wollen die Patienten nicht hören. Wenn die Ärzte schon raten zu beten, dann muss man wohl das Schlimmste befürchten. Lieber weiter drumherum reden und schön viel Getue, Salben und Pflästerchen, Pillen und Spritzen, Operationen und Therapien. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Nur nicht die Wahrheit. Nur nicht die Wahrheit über mich selbst. Die Weisheit der Ärzte: Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.

Hiob wehrt sich gegen lähmendes Gefasel und Getue. Haltet endlich den Mund! Ich will euch etwas sagen. Ach, nicht so wichtig. Ich muss euch nichts sagen. Ich will mir etwas sagen. Ich muss mich erinnern. Ich muss mich Gottes erinnern. Ich will ihn an mich erinnern. Er soll mich nicht vergessen. "In seiner Hand ist die Seele alles Lebenden und der Geist im Leib jedes Menschen. Soll nicht das Ohr die Worte prüfen, wie der Gaumen die Speise kostet? Bei Greisen soll Weisheit sein, und langes Leben soll Einsicht bringen? Weisheit und Macht sind bei ihm, ihm gehören Rat und Einsicht."

Da tut sich ein Graben auf zwischen dem Reden der einen und dem des anderen. Hiobs vorgebliche Freunde gerieren sich als Jongleure des gesunden Menschenverstandes. Sie schwingen sich zu Anwälten Gottes auf und verteidigen Gott gegen die Klagen des Hiob. Sie versteigen sich in die Rolle des göttlichen Richters, setzen sich an Gottes Statt. Sie erklimmen den Gipfel der selbstgerechten Frömmigkeit. Sie wissen alles besser. Sie kennen sich mit Gott aus. Sie wissen, was Gut und Böse ist. Das haben sich schon Eva und Adam herausgenommen, vom Baum geholt und den paradiesischen Garten verloren, die schamlose Nähe Gottes vertan. Sie sind um keine Antwort verlegen und können Gottes Willen und Handeln jederzeit erklären. Wozu hat man schließlich Theologie studiert oder schon mal ein Buch über Gott und die Welt gelesen? Die Bibel war es nicht. Die ist zu dick. Doch viele Fachbücher über die Bibel. Das geht sich aus. Hätten sie lieber geschwiegen. Hätten sie mehr gefragt. Hätten sie nach Gott gefragt. Hätten sie Gott befragt und stille für sich gebetet.

Dieser Tage ist mit viel Aufwand und Öffentlichkeit des Falls der Mauer vor 20 Jahren gedacht worden. Gut, dass man in Erinnerung ruft, solange die Zeugen noch leben und Legenden die Wahrheit nicht verschleiern. Ich war aus völlig anderen und sehr persönlichen Gründen gerade an dem Tag, diesem 9.November 20 Jahre danach, wieder in Berlin. Ich war überhaupt nicht auf das Gedenken der Ereignisse von 1989 eingestellt. Das war für mich längst Vergangenheit, auch wenn mich jeder Berlinbesuch an die Jahre mit der Mauer und die Jahre des Aufbruchs und Umbruchs nach ihrem Fall erinnert. Ich schaue auch möglichst jedes Mal nach, ob das eine kurze Stück Originalmauer, dessen Platz ich kenne, immer noch steht, vergessen, zurückgelassen auf einem Stück Grund und Boden, den anscheinend niemand braucht und vermarkten kann, nicht einmal mit dem Mauerstück, dessen Nachahmungen andernorts in Szene gestellt werden.

Diesmal hat mich die Vergangenheit eingeholt, die Erinnerung an die Vergangenheit. Und ich habe mich bewusst wieder erinnert. Ich habe mich an unsere Gottesdienste, Andachten und Predigten in jenen Monaten erinnert. Das häufige Lob der besonderen Rolle der Kirchen für das Wunder einer friedlichen Revolution auf deutschem Grund und Boden greift zu kurz. Wir waren  nicht so mutig in unserem Ghetto, das uns das Regime zuließ. Wir haben nicht die Initiative ergriffen und eher zögerlich die Türen geöffnet für Punks und Dissidenten. Wir haben uns ängstlich zurückgezogen auf unsere – wie man heute sagen würde - Kernaufgabe: Bibellesen, Predigen und Beten. Ich habe längst begriffen und aus den Erinnerungen der Kolleginnen und Kollegen erfahren, dass wir damit genau das Richtige getan haben.

Manche und mancher von uns, mich eingeschlossen, haben sich mit dem Predigtamt schon abgeplagt. Was ein Glück für viele, die sich Texte in kirchlicher Tradition vorschreiben ließen, hinter denen sie sich verstecken konnten. Was für eine Hilfe, die vielen Predigthilfsbücher, die dazu Empfehlungen und einschlägige Zitate vergangener Größen auflisteten. Da ließ sich gut verstecken hinter aller Welt und aller Zeiten Richtigkeiten. Und nun in diesen aufgeregten Zeiten, vor diesen aufgewühlten Menschen sollten wir Partei nehmen, Farbe bekennen und uns aus der schützenden Hülle der Kirchenmauern wagen. Da half eben nur eins: Bibel pur. Da sprach plötzlich eines: die Bibel aktuell. Das gepredigte Wort Gottes ist das Wort Gottes, haben die Berner in ihr reformatorisches Bekenntnis geschrieben. Allein das Vorlesen der biblischen Worte hat uns Gott lebendig erfahren lassen. Lebendig in seinem bis dato für alt und überholt geglaubten Wort. Lebendig an unserer Seite und unter den Volksmassen, die sich und ihr Land in ungeahnter Weise veränderten.

Reden ist Silber – Schweigen ist Gold. Wir haben nicht geredet wie bisher unsere Texte und die Versatzstücke, die uns die Schere im Kopf übrig gelassen hatte. Wir haben geschwiegen und das Gold des Wortes Gottes unverhüllt in den Raum gestellt. Wir haben die Weisheit des leidenden Hiobs in unserer Wirklichkeit erfahren:

In seiner Hand ist die Seele alles Lebenden und der Geist im Leib jedes Menschen. Soll nicht das Ohr die Worte prüfen, wie der Gaumen die Speise kostet? Bei Greisen soll Weisheit sein, und langes Leben soll Einsicht bringen? Weisheit und Macht sind bei ihm, ihm gehören Rat und Einsicht.

Amen.

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