06. Dezember 2009
 

Johannes Langhoff  

 

Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen,

der Frieden verkündet, der gute Botschaft bringt, der Rettung verkündet,

der zu Zion spricht: Dein Gott ist König geworden!

Horch, deine Wächter haben die Stimme erhoben, allesamt jubeln sie,

denn Auge in Auge werden sie sehen, wie JAHWE zurückkehrt nach Zion.

Freut euch, jubelt allesamt, ihr Trümmerstätten Jerusalems!

Denn JAHWE hat sein Volk getröstet, hat Jerusalem erlöst.

Vor den Augen aller Nationen hat JAHWE seinen heiligen Arm entblößt,

und alle Enden der Erde werden das Heil unseres Gottes sehen.

Flieht! Flieht! Zieht weg von dort! Rührt nichts Unreines an.

Zieht weg aus ihrer Mitte! Haltet euch rein, die ihr die Geräte JAHWES tragt!

Nicht in Hast werdet ihr ausziehen, und nicht als Flüchtlinge werdet ihr gehen,

denn JAHWE zieht vor euch her, und der Gott Israëls ist eure Nachhut!

Jesaja 52,7-12

 

Liebe Gemeinde!

Das muss man sich erst einmal geben. Man lädt in das monarchische Ambiente der Hofburg ein, um seine Erfolgsbilanz eines Regierungsjahres vor ausgewähltem Volk zum Besten zu geben. Eh gescheiter, als im Parlament Rede und Antwort zu stehen. Man muss halt mit guten Nachrichten vorsichtig  umgehen. Schnell macht einen wer madig und verkehrt die guten Neuigkeiten wohl gar in ihr Gegenteil.

Die Propheten kannten das Problem und hatten es schon vor langer Zeit. Wenn sie nur den Mund auftaten, drohte Ungemach, konnte das Volk schlechte Botschaft erwarten. Deshalb hat man sich von Regierungsseite bereits zu biblischen Zeiten Hofschranzen gehalten. Das waren geschulte Propheten, die gefälligst wussten, was sie wann und wo zu sagen hatten. Störenfriede die anderen. Es gibt kein gescheites Regieren, wenn jemand die mühsam erworbene Regierungslinie blamiert und untergräbt oder gar zerbröselt. Besonders problematisch war es allerdings, wenn Propheten einmal nicht herumwetterten, sondern "Gut Wetter"-Predigten hielten. Das hatte einen gefährlichen Unterton, der misstrauisch machte. Das klang höhnisch und zwiespältig. Der Aufruf höchst verdächtig.

"Frieden! Frieden! Es ist vorbei. Wir können zurück. Kehrt um! Die Heimat ruft. Die geliebte Stadt wird wieder auf dem heiligen Berg leuchten. Kommt mit und vergesst die Jahrzehnte der Schmach und Demütigung nach der Niederlage. Wir sind wieder wer. Uns gibt es wieder. Gott Jahwe geht uns voran auf den Zion."

Der Prophet lobt sich gleich selbst mit: " Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen, der Frieden verkündet, der gute Botschaft bringt, der Rettung verkündet." Dass nur ja niemand sich anderes dabei denkt. Das soll eine gute Nachricht sein.

Die neuen weltpolitischen Machtverhältnisse haben es möglich gemacht. Die einzig übrig gebliebene Großmacht sortiert die Völker neu, teilt die Lager von Freund und Feind, Verbündeten und Schurken neu ein. Die Perser bestimmen die Rückkehr der Judäer in die einstige Heimat. Dort sollen sie - wiedervereinigt mit den wenigen Zurückgebliebenen - ein Bollwerk gegen mögliche neue Bedrohungen bilden.

Wenn man diese Geschichte so liest, kommt man leicht durcheinander und andere Daten der Weltgeschichte drängen sich auf, die Erinnerung an andere Weltkriege und deren Folgen. Man stelle sich nur vor, es hätte nach dem Zusammenbruch der östlichen Schutz- und Besatzungsmacht eine Rückkehrbewegung und Wiederbesetzung der alten Heimat gegeben. Der Versuch, die Vertreibungen des ersten Weltkrieges rückgängig zu machen und die Schmach von St.Germaine zu tilgen, hat bekanntlich in den zweiten Weltkrieg mit noch mehr Vertreibungen geführt. Wer heute Rückkehrparolen verkaufen will, hat schlechte Karten. Das kommt nicht gut an. Die Landkarten werden nicht mehr verrückt. Das wollen nur Wahnsinnige und Ewiggestrige. Das wäre gefährlich und würde neues Leid dem alten hinzufügen. Das wollen selbst die Betroffenen bzw. deren Kinder und Enkel nicht. Die neuen Verhältnisse in der einstigen Heimat haben wenig mit den Erinnerungen zu tun. Das Leben ist in der neuen Heimat angekommen und eingerichtet. Dort in der einstigen, der ungewollten und zunächst ungeliebten Fremde ist man zu Wohlstand gekommen. Das gibt man nicht auf für ein Abenteuer in der Wiederholung der Vergangenheit.

Sie sind nicht aus Babylon nach Israël zurückgekehrt. Wenige nur haben es gewagt. Siedler unter den Neubewohnern, die ihre zugeteilten Ansprüche erkämpfen und verteidigen mussten. Die Rückkehrwerbung kreuzte sich mit den Nachrichten von den Schwierigkeiten der Wiederbesetzung. Der Rückkehrwille musste schon ganz schön aufgemischt werden. Die letzten Nachfahren der Judäer in einstiger babylonischer Gefangenschaft haben sich erst vor wenigen Jahren in Folge der amerikanischen Irakkriege  aus dem ehemaligen und längst zur Heimat gewordenen Exil im Irak vertreiben lassen. Sie sind beleibe nicht alle im Land Israël gelandet. Die zionistische Idee hat sie nicht überzeugt. Die Nachrichten vom andauernden Krieg zwischen Israël und den Palästinensern und dem Unfrieden und Terror im Land waren für die meisten keine Alternative zu der nun auch von Terror und Krieg zerrissenen jahrhundertelangen fremden Heimat.

Politisch war der "Freudenruf" des Propheten, der es nicht einmal wagte, seinen eigenen Namen preiszugeben, nicht sehr erfolgreich und ist nicht gut angekommen. Es war auch kein bloßer politischer Rückkehrruf. Den hatte die persische Führung selbst ausgegeben. Es war ein prophetischer Aufruf zur Wiedereinsetzung Gott JAHWES in sein Regiment: "Dein Gott ist König geworden!" Schluss mit der gottlosen und gottvergessenen Politik. Schluss mit der Herrschaft der Gewalt und dem Kräftespiel der Mächte. Gott JAHWE herrscht und bestimmt Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand. Der Zion wird Hort der Eintracht und Versöhnung. Die Völker und Religionen, die an den Jerusalemer Berg gekommen sind, ob freiwillig oder unfreiwillig, als Eroberer oder Gäste, werden das Miteinander lernen und zum Beispiel des gedeihlichen Zusammenlebens allerorten werden.

Nicht von Ungefähr haben die Worte des Propheten unter dem geborgten Namen des Jesaja ein Eigenleben entwickelt. Jahrhundertelang sind sie der schlechthinige Ausdruck der Sehnsucht und Hoffnung gewesen. Als revanchistische Parolen haben sie nie wirklich getaugt. Sie bezeichnen eher den Herzenswunsch nach einer von Gott bestimmten heilen Welt. Keine Jenseitstäuschung, kein Vertrösten auf eine außerirdische, überirdische Vorspiegelung. In unserer Welt muss es möglich sein. Bei uns soll Gott sein Regiment der Versöhnung und des leistungsfähigen Zusammenlebens der Menschen und der Menschen mit ihrem Gott und Garanten verwirklichen. Das ist ein frommer Wunsch, aber kein weltferner Traum.

Er ist schon fast alltäglich, zumindest alljährlich. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Und diese Veranstaltung zieht sich über Monate hin. Die Begleitproduktion in Schokoladenweihnachtsmänner oder Schokoladennikolos kann mit wenigen Umstellungen ganzjährig durchgezogen werden und das Grundmuster saisonal als Osterhasen verkaufen. Nicht einmal ganz abwegig, die beiden Feste süß verschmelzen zu lassen. Es trifft die eine und entscheidende Botschaft: Gott ist da. Gott ist für uns da. Eine prophetische Botschaft. "Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen." Das muss dazu gesagt werden. So wird üblicherweise die jährliche Botschaft nicht verkauft.

Das Thema ist auf die Verpackung konzentriert. Symbolisch geradezu, welcher Aufwand und wie sehr zeitgemäß die Verpackung der Geschenke betrieben werden muss. Der Inhalt ist austauschbar, sprich umtauschbar, wenn man damit schief lag. Mit der Verpackung zumindest sollte man im richtigen Trend liegen. Es macht nichts, dass sie als erstes und auf Nimmerwiedersehen vernichtet wird. Das ist auch schon wieder symbolisch: es ist überflüssig, sofort veralte, Schnee von gestern, es muss dem Neuen Platz machen, ist der Mode unterworfen, und doch entscheidend für die Stimmung und Wirkung.

Ich klage nicht über den ganzen Rummel und Konsumrausch. Wo viel Geld ist, muss auch Geld ausgegeben werden. Die Sparstrümpfe sind voll und ihr Inhalt gehört in den Wirtschaftskreislauf. Einige Aktionen zum Ausgleich der unausgewogenen Umverteilung des Reichtums gehören außerdem traditionellerweise in die Saison. Kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Es kommt allein auf das richtige Mascherl an. So genau will keiner wirklich wissen, wie meine Spende ankommt und hilft. Ich bin dann schon entsetzt, wenn die arme Sandlerin am Straßenrand sich von mir nicht die 2 Euro schenken lassen will. Sie wollte Kerzen verkaufen, die ich nicht von ihr haben wollte. Formfehler bei der beabsichtigten Hilfeleistung. Sie will nicht für eine Bettlerin gehalten werden. Ich wollte mit ihr nicht in Berührung kommen.

"Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten auf den Bergen." - Süßer die Glocken nie klingen als zu der Weihnachtszeit. Der liebliche Klang der gemütvollen Advent- und Weihnachtslieder wird jedes Jahr lauter, aufdringlicher, nichtssagender, des ursprünglichen Inhaltes beraubt und internationalisiert in allgemeinen Fest- und Freudentiteln am besten gleich in englisch, dass man den Text teilnahmslos überhören kann. Um den lieblichen Klang von Schritten und Fußtritten hören zu können, muss ich viele Geräusche ausblenden, überhören und meiden.

Die Botschaft ist provokant und unbequem, auch wenn sie sich als "Gut Wetter"-Nachricht gibt. Gott in meiner Nähe? Das muss ich mir erst einmal gründlich überlegen. Was würde das in meinem Leben ändern? Besser soll es sein. Na gerne. Nur darf es nicht zu viel durcheinander bringen. Schließlich habe ich mich mühsam in meinem Leben eingerichtet und mich an die Unabänderlichkeiten gewöhnt, mich mit dem Unabweislichen abgefunden und in mein Schicksal drein gegeben. Das ist ein mühsam zusammengehaltenes Gewebe, das bei allzu freudiger Erregung reißen und zerreißen könnte. Will ich das? Suche ich wirklich noch die Herausforderung eines erfüllten Lebens oder genügt mir die Erreichung eines angemessenen gesellschaftlichen Status?

Die Evangelisten haben es anschaulich in ihre jeweilige Geschichte von der Ankunft des Gottessohnes verpackt. Für ihn ist kein Raum in der Herberge. Die Botschaft erschreckt wie ein fürchterlicher Traum. Die Fachleute erweisen sich als Traumtänzer und gefährden durch ihre spektakulären Nachforschungen das Kind. Die Politik kann einen solchen unkalkulierbaren Eingriff in das wacklige Machtgefüge nicht dulden und greift mit staatlichem Terror durch. Die Geschichten vom predigenden, lehrenden und heilenden Gottessohn sind prall gefüllt mit Ablehnung und Widerstand gegen ihn. Und sobald sie ihn als menschlichen Gott wahrnehmen, müssen sie ihn beseitigen und töten. Er passt nicht in ihre Religion. Er nimmt ihnen ihre Aufgabe und Macht, das Gottesverhältniss eines jeden einzelnen Gläubigen und jeder Gläubigen zu regeln und zu knechten.

Nicht jede und nicht jeder will die Nähe Gottes. Wie man an der Verteilung der Religionen sieht, ziehen es die meisten Menschen vor, dass entsprechendes Kultpersonal, spezifische Zeremonien, kalkulierte Opfer und angemessene Bußübungen die Angelegenheiten mit Gott regeln. Man weiß ja nie, nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Besser dem Fachpersonal den Gegenstand zu übertragen.

Der Prophet macht sich mit seiner erfreulichen Botschaft weithin lächerlich und unbeleibt. Er tut es trotzdem und schützt sich und die Botschaft, indem er sie der Autorität eines bewährten und geschätzten Prophetennamens anhängt. Wir machen ja auch jedes Jahr weiter und mühen uns, die gute Nachricht unter all der Stimmungsmusik, hinter all dem Lichterglanz und zwischen den vielen Genüssen mitten im Trubel hörbar und wahrnehmbar zu machen.

Gott hat uns eine neue Zeit gegeben, in der nicht länger Krieg herrscht, sondern die Völker sich versöhnen und vereinen. Wir lernen zu teilen, Gerechtigkeit zu schaffen und den Wohlstand gemeinsam und grenzübergreifend aufzubauen. Was in Europa Fortschritte macht und Frieden sichert, braucht anderswo noch einiger Anstrengungen. Besser keiner militärischen, denn die haben auch hier immer wieder das friedliche und gedeihliche Miteinander nur aufgehalten und verzögert. "Vor den Augen aller Nationen hat JAHWE seinen heiligen Arm entblößt, und alle Enden der Erde werden das Heil unseres Gottes sehen." Wir verkünden den Frieden, bringen die gute Botschaft, verkünden die Rettung, und sagen in dieser Stadt: Dein Gott ist König geworden! "Fürchtet euch nicht! Denn seht, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens."(Lk.2,10f.14) Die Botschaft verträgt eine tägliche Wiederholung.

Amen.

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