24. Dezember 2009
 

Johannes Langhoff  

  

Nicht uns, HERR, nicht uns,
sondern deinem Namen gib Ehre,
um deiner Gnade, um deiner Treue willen.
Warum sollen die Völker sagen:
Wo ist denn ihr Gott?
Unser Gott ist im Himmel,
er vollbringt, was ihm gefällt.
Ihre Götzen sind Silber und Gold,
Machwerk von Menschenhand.
Sie haben einen Mund und sprechen nicht,
haben Augen und sehen nicht.
Sie haben Ohren und hören nicht,
haben eine Nase und riechen nicht.
Mit ihren Händen fühlen sie nicht,
mit ihren Füßen gehen sie nicht,
mit ihrer Kehle geben sie keinen Laut.
Ihnen werden gleich sein, die sie machen,
jeder, der ihnen vertraut.
Israel, vertraue auf den HERRN.
Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.
Haus Aarons, vertraut auf den HERRN.
Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.
Die ihr den HERRN fürchtet, vertraut auf den HERRN.
Er ist ihre Hilfe und ihr Schild.                              
Psalm 115,1-11

 

Liebe Gemeinde!

Sicherlich ist alles schon vorbereitet. Der Baum steht und ist herrlich geschmückt. Daneben oder darunter die Krippe. Wenn Sie nach Hause kommen, werden die Kerzen angezündet und alles strahlt im Glitzerglanz. Dazu himmlische Musik, Engelschöre wie die Sängerknaben oder dergleichen, die die versammelte Familie in warmherzige Festtagsstimmung versetzen. Das ist Weihnachten. Nur dass Sie ja alles schön beieinander haben. Dass Sie nichts von dem vergessen, was schon im letzten Jahr dabei war, und auch das fein säuberlich auspacken, das in diesem Jahr auf den vielen Christkindlmärkten noch hinzugekauft wurde.

Die herzigen kleinen Figuren. Man ahnt ja gar nicht wieviel Leute und Tierchen so eine Krippe alles fassen kann. Maria und Josef kann man zwar nur jeweils einmal haben. Das Kindlein sinnigerweise ebenfalls einzeln. Könige sind schon ihrer drei und denen kann man viel orientalisch, buntes Begleitpersonal dazu stellen. Die Lasttiere und exotischen Wesen aus dem weiteren Osten nicht zu vergessen. Da darf die Phantasie schon die Messer und Meißel der Figurenschnitzer frei fliegen lassen. Hirten erst gibt es nie genug. Ganze Schafherden und viele Hunde aller Art. Die Himmelswesen obendrauf. Sie streunen oben drüber herum, können alles sein, dürfen blendend aussehen und können alles hergeben. So eine Krippe lässt sich schier unendlich bevölkern.

Es ist zumeist nur Holz. Lackfarbe darüber gegeben, bunt und golden glänzend. Kitschig und anrührend. Das ist Weihnachten. Das soll Weihnachten sein. Ich kann Ihnen verraten: Weihnachten ist noch mehr. Es ist nämlich nicht alles Holz, was glänzt. Die niedlichen kleinen Figürchen sind alle Botschafter. Sie sind die Boten der besonderen Nachricht von der Weihnacht. Die Evangelisten Matthäus und Lukas haben sie erfunden, haben ihnen anrührende Geschichten gegeben und damit eine unendliche Geschichte ausgelöst. Jeder und jede mag sie nun weitererzählen und selbst zum Boten oder zur Botschafterin der unfassbaren Geschichte werden.

Ja, sie ist schwierig die Geschichte. Die Nachricht heißt: Gott ist Mensch geworden. Das ist so schnell gesagt wie endlos und erfolglos erklärt. Gott ist bei uns, Gott ist unter uns. Das wollen nicht alle so. Das ist unglaubwürdig. Das darf nicht wahr sein. Mich hat das schon als Kind gestört, wenn man mir einreden wollte: Gott sieht alles. Na ich hätte schon ganz gerne mal ein paar böse Dinge ausprobiert, ohne dass mich irgendwer gleich erwischt. Außerdem und überhaupt gibt es viele Gründe, warum der Gott, von dem die Bibel erzählt, nicht mehr zeitgemäß ist. Die Fundamentalisten, ob die jüdischen, christliche oder muslimische sind eine Warnung. Der alte Gott passt nicht in die moderne Welt. Das muss zu schweren Konflikten führen. Wir haben das Mittelalter hinter uns. Wir lassen uns nicht mehr unseren Glauben, unsere Meinung und unsere Maßstäbe vorschreiben. Wer braucht Gott noch?

Schauen Sie auf die kleinen Botschafter aus bunt bemaltem Holz. Hirten mit ihrem vom Wetter gegerbten Gesichtern und den von kalten Nächten auf der Weide gekrümmten Rücken. Wir stellen sie vor das Kind in der Krippe. Wir lassen sie die Laterne hochhalten und staunen. Kann das wahr sein? Das ist kein beliebiges Kind, kein elendes Balg armer Schlucker mit unerfreulicher Lebenserwartung. Und kein verwöhntes Hätschelkind, das in seinem Wohlstand dereinst verwahrlosen wird. Sagen wir mal: Das ist das Gotteskind. Das ist Gott in einem kleinen hilfesuchenden und Liebe heischenden Kind. Lukas hat sich das so gedacht. Also lassen wir auch unsere Hirten durch die Stadt ziehen, ihre Hörner blasen, singen und tanzen und die Leute aufwecken: Heute wird nicht geschlafen. Das müsst ihr alle erfahren. Gott ist ein Menschenkind geworden.

Wenn sie auf dem Feld geblieben wären, hätten sie das nie erfahren, wäre ihre Welt so triste, trostlos und gottverlassen geblieben wie sie war. Lassen wir unsere Hirtenfiguren schön fleißig herumgehen und uns gleich mit aus unserem Trott reißen.

Die Königsfiguren gefallen mir am meisten. Die lassen sich prächtig ausstatten und alle Träume des Orients versammeln. Sie sind die Weisen, die Sternenkundler. Sie sind eine Herausforderung für die aufgeklärten Generationen, die sich mit den Erkenntnissen aller Wissenschaften versorgen und die Welt zu verändern lernen. Leider haben es die Kirchen und Geisteswächter Forschern und Entdeckern immer wieder schwer gemacht. Kein Wunder, dass sie glauben mussten und glauben machen möchten, dass Erkenntnis und Wissen im Widerspruch zu Glauben und Gottvertrauen stehen.

Ich führe meine weisen Könige herum. Ich benutze meinen Verstand und mein Wissen und entdecke die Schöpfung Gottes. Ich ahne mit jedem Geheimnis der Natur, dass mir die Forscher enthüllen, wie gut und sinnvoll Gott sein Werk angelegt hat. Ich möchte mich mit den Weisen aus dem Morgenland auf den Weg zu Gott machen, um aus seiner Zuwendung, seiner Weisung und seinem Recht zu lernen, wie wir alle friedlich und gerecht miteinander leben und die Reichtümer seiner Schöpfung genießen können.

Ich picke mir die Tiere heraus. Kamele, ach gleich auch Elefanten nehme ich mit. Sie können nicht groß und stark genug sein, um allen Reichtum herzutragen. Die Schafe brauche ich, um mich einzukuscheln. Die Hunde müssen dabei sein, deren Treue Menschen lehren könnte. Ochse und Esel sind die Paradetiere.

Das ist ihr Stall. Da sind sie zu Hause. Da sollten alle anderen nichts zu suchen haben. Angepasste Tiere sind sie, maß- und arbeitsgerecht gezüchtet und geschneidert. Ihre Trägheit, in der sie sich einspannen, benutzen und ausnutzen lassen, ist selbstredend. Ein Spiegelbild womöglich meiner Lebensphilosophie. Nur nicht anecken. Stromlinienförmig mit einem überzeugenden Lächeln und vielen nichtssagenden schönen und schmeichelnden Worten werde ich meinen Broterwerb angehen. Es soll nicht nur fürs Brot reichen. Butter muss drauf und schließlich Leckereien. Da heißt es umsichtig sein. So ein Arbeitsplatz ist schnell anderweitig vergeben. Der Wettbewerb um den Posten und seine Sicherung verlangt meine ganze Hingabe. Da reichen nicht nur Wässerchen und Crèmes. Da muss das Messer her und Figur und Antlitz richten, muss die Absaugnadel Problemzonen beseitigen und die Spritze dem Gesicht die aktuelle Ansehnlichkeit geben.

Den satten, faulen, gleichgültigen Arbeitstieren wird ihr Asyl genommen. Ihre Fluchtburg, wo sie die letzten Ansätze von Unzufriedenheit vor sich hinbuhen und schaurig kreischend und unverständlich herauswiehern konnten, wird in Beschlag genommen, wird ein Ereignisort, wird der Mittelpunkt der Welt. Es hat sie niemand gefragt, ob sie etwas mit Gott zu tun haben wollten. Er wollte mit ihnen etwas zu tun haben. Er hat sich bei ihnen eingenistet.

Die unfreiwilligen Botschafter der Weihnacht. Wenn alle anderen Krippenfiguren fehlen, die Besucher aus nah und fern noch nicht dazugestellt sind, dann sind Ochs und Esel längst dabei. Sie sind die Zeugen der ersten Stunde. Ohne sie kein Stall. Ohne ihre Futterkrippe kein Ort, wo sie das göttliche Neugeborene hinlegen könnten. Das ist ihr Baby und ist ihre Geschichte.

Das ist kein bloßes Holz, das mich in den vielen Figürchen und ihrem farbenfrohen Schein aus der Krippe anlockt. Das ist die lebendige Botschaft der Weihnacht. Jedes Jahr muss sie überall wieder aufgebaut werden. Mag sein, dass sie für einige Leute nichtssagende Märchenfiguren sind. Mag sein, dass sie für manche zu Heiligenbildern werden, die selbst zum Objekt der Anbetung mutieren.

Ihre Götzen sind Silber und Gold, Machwerk von Menschenhand. Sie haben einen Mund und sprechen nicht, haben Augen und sehen nicht. Sie haben Ohren und hören nicht, haben eine Nase und riechen nicht. Mit ihren Händen fühlen sie nicht, mit ihren Füssen gehen sie nicht, mit ihrer Kehle geben sie keinen Laut. Ihnen werden gleich sein, die sie machen, jeder, der ihnen vertraut. So lästert der Psalm.

Ein bisschen unfreundlich und schadenfroh. Eine Retourkutsche gegen diejenigen, die sich so gern mokieren  über die, die auf Gott vertrauen wollen. Einfach nur Werbung. Die Welt ist nicht schön und die Welt hat keine Zukunft, in der sich Menschen ihre eigenen Götter schaffen müssen. Die Welt wird keinen Frieden bekommen, solange mit Waffen und Armeen Menschen und Völkern die gängigen Normen aufgezwungen werden sollen. In der Welt können nicht alle satt werden, wo die Attribute des Wohl­standes und die Macht des Geldes weniger wirtschaftskräftige Länder korrumpieren. Die Welt wird nicht sauber und gesund, wo Millionengagen gezahlt werden, damit die Gutmenschen ihre überheizten Villen verlassen, um die Botschaft der Bescheidenheit und des Sparens zu verkünden. Die Welt ist unerträglich, in der nicht geboren werden darf und nicht weiterleben möchte, wer den gestellten Ansprüchen nicht genügt. Ihre Götzen mögen noch so vor Gold und Silber strotzen. Sie sind tot und bringen nichts als Tod.

Die Botschaft der kleinen Holzfigürchen ist das Leben. Die Botschaft ist lebendig. Sie ist so lebendig, wie wir sie machen, wie wir sie unters Volk streuen, wie wir sie uns gefallen lassen.

Was soll ich rätseln, ob Gott ist, wie Gott ist oder wo Gott ist. Er ist da. Er hat sich seiner wie auch immer gearteten Göttlichkeit begeben und sich mir als Mensch gezeigt. Er will sich mir verständlich machen. Er will mein Vertrauen wecken. Er lockt mich zu sich, bricht die Barrieren meiner Hemmungen, Zweifel und Widerstände ein. Er legt sich als kleines Kind vor mich hin in eine Krippe und reißt mir die Schleusen meiner kontrollierten Gefühle und Gedanken auf.

Es ist nicht alles bloß Holz was da glänzt, sondern ein Angebot Gottes: Die ihr den HERRN fürchtet, vertraut auf den HERRN. Er ist für euch Hilfe und euer Schutz und Schild.                                                 

Amen.

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