27. Dezember 2009
 

Johannes Langhoff  

  

Als Herodes gestorben war, da erscheint dem Joseph in Ägypten ein Bote des Herrn im Traum und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und geh ins Land Israël. Denn die dem Kind nach dem Leben trachteten, sind tot. Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog ins Land Israël. Als er aber hörte, dass Archelaos anstelle seines Vaters Herodes König geworden war über Judäa, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Weil aber ein Traum ihn angewiesen hatte, zog er sich in die Gegend von Galiläa zurück und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder; so sollte in Erfüllung gehen, was durch die Propheten gesagt ist: Er wird Nazarener genannt werden. Matth.2,19-23

 

Liebe Gemeinde!

Sie waren gerade ein paar Tage aus Ägypten weggezogen. Sie waren geflohen. Unterdrückung und Ausbeutung hatten sie hinter sich gelassen. Sie irrten durch die fremde Wüste auf der Suche nach ihrer Hoffnung, einem Ziel. Da wuchsen ihnen die Probleme über den Kopf. Die Gefahr der Verfolgung durch den ägyptischen Despoten, der seine Ansprüche verteidigen würde und Vergeltung suchte. Die Gefahren einer unbekannten Wüstenwelt. Die Aussichtslosigkeit, eine neue Heimat zu finden, in der es ihnen gut gehen könnte. Es brach einfach aus ihnen heraus und sie schrien Mose an: "Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns herausgeholt hast, damit wir in der Wüste sterben? Was hast du uns angetan, indem du uns aus Ägypten herausgeführt hast!"(Ex.14,11)

Ägypten, das heimliche, das unheimliche gelobte Land. Die Dauerversuchung des Gottesvolkes. Die Verheißung von Größe und Reichtum, die sogar von den Propheten heraufbeschworen wird: "Als Israël jung war, habe ich es geliebt, und ich rief meinen Sohn aus Ägypten."(Hos.1,11) Der Evangelist muss den neugeborenen Gottessohn erst nach Ägypten vor dem tobenden und mordenden Herodes her fliehen lassen. So sollte in Erfüllung gehen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. (Matth. 2,15) Aus Ägypten muss der Erlöser kommen, der Befreier, der Messias, der Christus des erwählten Volkes.

Das ist eine verwirrende Beobachtung. In der Heilsgeschichte des Volkes Israël wie der Heilsgeschichte des Christenvolkes spielt Ägypten eine Schlüsselrolle. Im Islam gibt es eine weitere Ergänzung. Der Stammvater Ismaël ist der Sohn Abrahams und der ägyptischen Magd Hagar (Gen.16,1.11f). Faszinierendes Ägypten. Eine Jahrtausende währende Kultur und Großmacht, die den vorderen Orient wie Nordafrika in seinem Bann hält. Rom ist ohne die Kornkammer Ägypten nicht denkbar. Julius Cäsar und Marc Anton erliegen den Reizen der Pharaonin und wollen Cleopatra Rom ausliefern. Erst Augustus kann ihr, in seinem eigenen Größenwahn gefangen, widerstehen. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. (Lk.2,1) Der Christus Jesus wird geboren und in das ägyptische Exil vertrieben vor dem anderen her, dem kleinen Judäischen König Herodes, bei dem Cleopatra auch nicht landen konnte.

Die Geschichte ist spannend. Je mehr man den ägyptischen Spuren in der Bibel folgt, umso bedeutender wächst sich sein Einfluss auf das Heilsgeschehen aus.  Abram und Saraï bereits verfehlen ihr Ziel, das verheißene Land, und landen in Ägypten. Sie widerstehen mit Müh und Not den Reizen und Versuchungen des Luxus und des zügellosen Lebens. Sie gehen zurück, ihrem ursprünglichen Ziel entgegen, nicht ohne von den Reichtümern Ägyptens reichlich mitgenascht zu haben (Gen.12,10ff). Joseph muss auf seinem Weg zum Retter seines Volkes und nebenbei gleich mit zum Retter Ägyptens durch Todesgefahr und Demütigung in dieses Land der Totenreligion (Gen.39-46). Mose wird ein Zögling und Zauberlehrling Ägyptens, bevor er zum Retter der Hebräer werden kann. Die Zahl der Stationen Israëls in Ägypten ist groß. Oft ist es die falsche Hoffnung. Ägypten kann vor dem Untergang nicht retten und sie vor dem Babylonier Nebukadnezar nicht schützen. Der einsame Rufer Jeremia, der vor dem ägyptischen Wahn und der gefährlichen Täuschung warnt (Jer.43,8ff), ist einst selbst in den ägyptischen Harem des Königs Josia als Prinzenerzieher geholt worden. Josia war der einzige König in Juda und Israël, der die Einheit und Einzigkeit der mosaïschen Religion durchgesetzt hat. Und dennoch scheitern er und seine Söhne auf dem Jerusalemer Thron an der ägyptischen Herausforderung. Jeremia, der das hat verhindern wollen, wird wie zum Hohn nach Ägypten verschleppt, um dort zu enden.

Schön war die Zeit. Dem Mose ist es gut gegangen am königlichen Hof, unter Prinzen aufgewachsen. Es ist ihm zu gut gegangen, dass er gleich über die Stränge schlug (Ex.2,11-15). Jesus muss es auch gut gegangen sein als Asylantenkind in der prachtvollen Umgebung. Andere Evangelien erfinden gleich dreiste Lausbubengeschichten, in denen der Knabe Jesus ebenfalls über die Stränge schlägt (Thom.Ev.). Sein Vater Joseph ist derweil als Gastarbeiter auf den vielen Baustellen Ägyptens offenbar so reich geworden, dass er mit dem Verdienst sein eigenes Baugeschäft in der Heimat aufmachen konnte. Es wurde nicht ganz die alte Heimat. Aus Ägypten zwar habe ich meinen Sohn gerufen, wird das Gotteswort zitiert. Auffälliger Weise also nicht aus der Davidsstadt. Dahin, nach Bethlehem, verpflanzen Matthäus und Lukas wenigstens die Geburtsgeschichte des Messias. Nicht einmal die große Stadt der messianischen Herrscher, die davididischen Königsstadt, wird seine Heimat. Diese wird ihm stattdessen zum Verhängnis, zum Ort der Verurteilung, von dort wird er vertrieben und vor den Toren der Zionsstadt wird er hingerichtet. Im galiläischen Nazareth reift er heran. Aus Nazareth geht er fort zu dem Täufer am Jordan. Dort erfährt er seine Berufung und geht von dort auf Selbstfindung in die Wüste. In Galiläa sammelt er seine Schüler und Mitläufer. Verwunderlich genug das alles. Nathanaël fragte: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen? (Joh.1,46)

Er kommt nicht aus Ägypten, nicht aus Bethlehem und nicht aus Jerusalem. Aus einem unbedeutenden bis dato eher unbekannten Nest in der abgelegenen Region Galiläa, das immer wieder als lästiges Durchzugsgebiet aller Heere auf dem Weg zu ihren afrikanischen, orientalischen oder europäischen Eroberungen herhalten musste. Aus Ägypten kamen sie, Mose wie Jesus, als die zwei Befreier. Sie mussten weg aus Ägypten, um ihre Mission erfüllen zu könne. Sie mussten die ägyptische Verblendung hinter sich bringen. Sie mussten der Versuchung widerstehen und durch die Wüste gehen, um den Weg in die Freiheit zu finden. Schön war die Zeit, aber ein Wahn, ein Trugschluss.

Das biblische Spiel mit den Punkten auf der Landkarte ist symbolträchtig. Das ist die Sprache der Propheten, auf die der Evangelist Matthäus wie kein zweiter massiv und sinnbildlich, geradezu bekenntnishaft zurückgreift. Das ist bildliche Sprache, die einen übertragenen Sinn andeutet. Der christliche Glaube, den Matthäus wecken will, gründet nicht auf Macht, Einfluss und Erfolg. Er ist kein Attribut der führenden Metropolen und beliebtesten Lebensräume. Er greift erst da, wo man befreit wird von der Verführung des Erfolges und der Machbarkeit. Der christliche Glaube greift erst da, wo man in aller Unbefangenheit von Gott allein erwartet und erbittet, was man zum Leben, zu einem erfüllten, zu einem reichen Leben braucht.

Die christlichen Kirchen und die christliche Religion haben der Verlockung von Macht und Einfluss in ihrer Geschichte und Gegenwart nicht immer widerstanden. Sie haben sich zur herrschenden Weltanschauung, zur beherrschenden Gesinnung und zum gewichtigen Machtfaktor aufgeschwungen. Wenn die reformierten Kirchen nicht wirklich dazu gehören, dann ist das nicht bloß das Verdienst ihrer Väter und Mütter, von Reformatoren wie Calvin und Bullinger oder Buzer, sondern schlicht eine Folge ihrer häufigen Minderheitensituation. In fast allen Ländern der Welt sind reformierte Kirchen eine Minderheit unter den Kirchen und Religionen. Mitunter allein dadurch, dass sie sich selbst in mehrere reformierte Kirchen geteilt haben. In den wenigen Ländern mit einst vorherrschendem reformiertem Anteil wie in der Schweiz, in den Niederlanden oder in Schottland sind sie längst eine Minderheit in der Bevölkerung geworden. Wo reformierte Kirchen dennoch einmal die Gesellschaft mit beherrscht haben wie zeitweilig in Südafrika, da ist das wie überall, wo christlicher Glaube zur Machtausübung missbraucht wurde und wird, ganz übel gelaufen und hat zu dem schrecklichen Apartheidsystem geführt.

Wir brauchen keine heiligen Orte, keine Pilgerstätten und keine Zentren der geistlichen Oberhäupter. Christen haben auch nicht die Aufgabe, Jerusalem als Heilige Stadt gegen diese und jene Religion zu verteidigen. Unselige evangelikale Gruppen in ihrem fundamentalistisch-zionistisch-missionarischen Wahn zumeist aus Amerika wie jüdische Fundamentalisten aus der einstigen Sowjetunion heizen den Konflikt im sogenannten Heiligen Land unaufhörlich an und hindern die dort ansässigen Völker und Religionen an jeglicher Versöhnung und friedlichem Zusammenleben. Wir brauchen keine römischen Träume zu träumen. Die "Heilige Stadt" war schon für Luther die wieder auferstandene Hure Babylon. Es gibt für Reformierte keinen Grund, die Analyse der babylonischen Gefangenschaft der römisch-katholischen Kirche durch Martin Luther aufzuheben oder zu relativieren, wie es einige Lutheraner in ihrer Sehnsucht nach römischer Einheit und Gleichstellung mit der römischen Hierarchie klammheimlich betreiben.

Wir können nur dankbar sein, dass wir kein Rom haben. Und wenn wir reformierte Stimmen aus Rom hören, dann schimpfen die wie wir über die Kreuze und Kruzifixe, die uns an jedem öffentlichen Ort und nicht ganz zufällig in den Bildungsstätten aufs Auge gedrückt werden. Auch Genf ist kein reformiertes Rom. Es ist das außerordentliche Verdienst Johannes Calvins, die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt zu haben. Selbst Debrecen ist nicht das Genf des Ostens, auch wenn es für manche ein ungarischer Traum wäre.

Mein Spiel mit der religiösen Landkarte ist bildhaft und im übertragenen Sinne zu hören. Wir leiden so gerne an unserer Minderheitenlage statt uns ihrer zu erfreuen und ihre besondere Möglichkeit zu gebrauchen. Da klagen wir darüber, dass wir nicht zur Kenntnis genommen und unsere Stimme überhört wird. Da erwarten wir von einem Landessuperintendenten, dem Oberkirchenrat oder den Theologieprofessoren unser Wort zu diesem oder jenem aktuellen Aufreger. Jesus lehrt uns beten: …und führe uns nicht in Versuchung…Die gute Sache, die rechte Überzeugung ist nicht mit Ansehen, Macht oder Gewalt durchzusetzen. Das Evangelium geht von Mund zu Mund und Hand zu Hand. Es gewinnt nicht durch Massentaufe, Einheitserziehung und Gehirnwäsche. Die Liebe Gottes gewinnt nicht durch Übernahme, sondern durch Hingabe.

Aus Ägypten hat er seinen Sohn herausholen müssen und in das unbedeutende Nazareth versetzen. Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? Philippus sagt: Komm und sieh!                                        

Amen.

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