29. März 2009
 

James Alfred Loader*

 

 

Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die der HERR, Gott, gemacht hatte, und sie sprach zur Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? Und die Frau sprach zur Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: Ihr dürft nicht davon essen, und ihr dürft sie nicht anrühren, damit ihr nicht sterbt.

Da sprach die Schlange zur Frau: Mitnichten werdet ihr sterben. Sondern Gott weiß, dass euch die Augen aufgehen werden und dass ihr wie Gott sein und Gut und Böse erkennen werdet, sobald ihr davon esst.

Da sah die Frau, dass es gut wäre, von dem Baum zu essen, und dass er eine Lust für die Augen war und dass der Baum begehrenswert war, weil er wissend machte, und sie nahm von seiner Frucht und ass. Und sie gab auch ihrem Mann, der mit ihr war, und er ass.

Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter und machten sich Schurze.

Und sie hörten die Schritte des HERRN, Gottes, wie er beim Abendwind im Garten wandelte. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem HERRN, Gott, unter den Bäumen des Gartens.

Aber der HERR, Gott, rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?

Da sprach er: Ich habe deine Schritte im Garten gehört. Da fürchtete ich mich, weil ich nackt bin, und verbarg mich.

Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?

Und der Mensch sprach: Die Frau, die du mir zugesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. Da habe ich gegessen.

Da sprach der HERR, Gott, zur Frau: Was hast du da getan! Und die Frau sprach: Die Schlange hat mich getäuscht. Da habe ich gegessen.

Da sprach der HERR, Gott, zur Schlange: Weil du das getan hast:

Verflucht bist du vor allem Vieh

    und vor allen Tieren des Feldes.

Auf deinem Bauch wirst du kriechen,

    und Staub wirst du fressen dein Leben lang.    

Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau,

    zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs:

Er wird dir den Kopf zertreten,

    und du wirst ihm nach der Ferse schnappen.    

Zur Frau sprach er:

Ich mache dir viel Beschwerden und lasse deine Schwangerschaften zahlreich sein,

    mit Schmerzen wirst du Kinder gebären.

Nach deinem Mann wirst du verlangen,

    und er wird über dich herrschen.    

Und zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte: Du sollst nicht davon essen!:

Verflucht ist der Erdboden um deinetwillen,

    mit Mühsal wirst du dich von ihm nähren dein Leben lang.    

Dornen und Disteln wird er dir tragen,

    und das Kraut des Feldes wirst du essen.    

Im Schweiß deines Angesichts

    wirst du dein Brot essen,

bis du zum Erdboden zurückkehrst,

    denn von ihm bist du genommen.

Denn Staub bist du,

    und zum Staub kehrst du zurück.    

Und der Mensch nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter allen Lebens.

Und der HERR, Gott, machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell und legte sie ihnen um.

Und der HERR, Gott, sprach: Sieh, der Mensch ist geworden wie unsereiner, dass er Gut und Böse erkennt. Dass er nun aber nicht seine Hand ausstrecke und auch noch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!

So schickte ihn der HERR, Gott, aus dem Garten Eden fort, dass er den Erdboden bebaue, von dem er genommen war. Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwerts, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten. Genesis 3

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

In der Passionszeit geht es um die Frage nach dem Leiden Christi. Fragen wir uns warum sein Leiden nötig war, legt das ein Thema nahe, das stark in der reformierten Tradition belegt ist: wessen Schuld das Leiden der Welt ist. Darüber habe ich heute eine Lehr- oder Katechismuspredigt für Sie.

Man braucht die Welt nicht besonders genau zu beobachten, um zu spüren, dass ein erstaunliches Ausmaß des Leiden bringenden Bösen die Welt in der wir leben, in seinen Griff genommen hat. Unrecht, Gewalt, Terror, Krieg, Kriminalität, Unmenschlichkeit – davon hören wir jeden Tag, wir sehen wie alles das stattfindet und leider erfahren viele Menschen es auch. Es ist, als könne man nicht anders als fragen: „Warum?“ Eine uralte Form dieser Frage ist: „Wer ist schuld?“ So typisch es von Menschen ist, Schuld von sich zu weisen, so typisch ist es auch, davon auszugehen, dass Schuld irgendwie das Böse verursacht. Menschen gehen fast automatisch davon aus, dass wir Dinge verstehen können, wenn wir wissen, wie sie zustande kamen. Obwohl das nicht immer so ist, denke ich, dass wir von der Qual dieses Problems befreit werden können, wenn wir uns die Frage nach dem Ursprung des Bösen stellen.

Man versucht die Woher-Frage gewöhnlich auf einer von zwei Weisen zu beantworten.

Einerseits sagt man: Gott ist allmächtig. Daher muss alles was passiert sein Wille sein, daher auch das Böse. Das Problem damit ist aber, dass Menschen so für das Böse keine Verantwortung haben können und daher immer unschuldig sein müssen – auch an Mord, Raub oder Unmenschlichkeit. Vielleicht noch schlimmer ist daran, dass Gott selbst für das Böse verant­wortlich gemacht wird. Wenn er alles Böse verursacht, wäre er ein Sünder und daher nicht Gott.

Andererseits hat man oft eingesehen, wie unhaltbar das ist und gefolgert, dass es nur eine Alternative gäbe, und zwar, dass es seit immer eine andere Macht neben Gott existiert hat, die für das Böse verantwortlich ist. Aber auch das ist unannehmbar, weil es bedeuten würde, dass neben Gott eine zweite ewige Gottheit existiert.

Das Dilemma ist, dass die beiden Optionen unser Bekenntnis zu einem einzigen, ewigen und guten Gott leugnen. Aber es gibt eine Dritte Möglichkeit, die es uns ermöglicht, das Dilemma unter Beibehaltung unseres Glaubens zu lösen.

Eines der zentralen Dokumente des Protestantismus, der Heidelberger Katechismus, sagt (Sonntag III), dass Gott die Menschheit gut schuf, und dass der Mensch dann vom Anfang an diese gute Natur verdorben hat. Er sagt aber nicht, wo jene erste Sünde her kam. Hier sehen wir unser Problem. Unser Bekenntnis sagt, dass Menschen selbst, und nicht Gott, für die Sünde als Ursache des Bösen verantwortlich sind (womit die „Gott-macht-alles“-Antwort ab­ge­lehnt ist). Aber unser Bekenntnis besteht auch darauf, dass es nur einen Gott geben kann (womit die Alternative abgelehnt ist). Was machen wir nun daraus?

1.   Gott sei Dank (im wörtlichen Sinn!), es gibt eine dritte Möglichkeit –

(a) und zwar, dass der Ursprung des Bösen im Wesen der Schöpfung liegt. Wohl gemerkt, nicht dass Gott die Natur böse geschaffen hat oder dass er einen Mangel eingebaut hat, denn dann wäre Gott selbst mangelhaft. Er hat tatsächlich eine Harmonie zustande gebracht, und Teil dieser Harmonie ist, dass er die Menschen nicht als Roboter vorprogrammiert hat, damit sie nur Gutes tun können. Um wahre Menschen zu sein, mussten sie die Möglichkeit haben, zu sündigen. Gott hat keine Sünder gemacht, den Menschen aber eine freie Wahl gegeben. Ohne Wahl kann man nicht gegen Gott wählen, aber eben so wenig für ihn. Solche Menschen wären Spielzeuge, programmiert zu tun, was der Meister bestimmt.

(b) Der große Kirchenvater und Vorbild Calvins, sowie der große protestantische Theologe neu­eren Datums, Karl Barth, dessen Vorbild wiederum Calvin war, haben sich ähnlich dazu geäußert. Barth sagte, dass die Schöpfung sicher gut gemacht war, aber an das Nichts grenzt, woraus sie kreiert wurde, und aus dieser Leere übt das Böse eine Saugwirkung aus.

2.    Überprüfen wir nun diese Idee an der Bibel.

In sowohl dem Alten als auch dem Neuen Testament finden wir einerseits die Vorstellung des Bösen als die eigene Schuld der Menschen, wofür sie selbst die Verantwortung tragen, aber andererseits auch, dass es eine überwältigende Kraft in der Schöpfung gibt, wodurch der Mensch verführt wurde.  

(a) Am bekanntesten ist Genesis 3, unsere Schriftlesung sowie Predigttext. Auf der einen Seite hören wir hier, wie Menschen zur Verantwortung gerufen werden. Sie werden wegen ihrer Sünde angesprochen und bestraft: der Mann muss die Last von Mühe und Angst tragen, und die Frau bekommt Schmerzen beim Gebären von Kindern. Wenn nun Gott die Menschen für das, was sie getan haben, verantwortlich macht, bedeutet das, dass sie ihre Freiheit missbraucht haben, um gegen Gott zu rebellieren. Es war ihre eigene Wahl und daher ihre eigene Schuld, dass sie für die Möglichkeit optiert haben, sich gegen Gott und für das Böse zu wenden. Aber auf der anderen Seite spielt die Schlange, „die Gott der Herr gemacht hatte“, eine wichtige Rolle in der Erzählung. Da unser Text keine zoologische Dissertation, sondern Verkündigung ist (wie etwa die Gleichnisse Jesu), geht es überhaupt nicht um die Frage, ob Tiere sprechen können. Diese Geschichten handeln über grundlegende Lebensthemen, die letzten Grundfragen der Menschheit. Die Schlange ist ein normales Tier der Klasse Reptilien; es wird nicht gesagt, dass sie der Satan oder irgendein böser Halbgott ist. Die Schlange als Symbol der verführerischen Kraft in der Welt ist Teil der normalen Natur. Also liegt der verleitende Sog, der seine Wirkung auf den Menschen ausübt, innerhalb der Schöpfung. Das ist genau, was der reformatorische Klassiker, der Heidelberger Katechismus lehrt (Sonntag IV), wo wir hören, dass Gottes Geschöpfe sich selbst ins Unglück stürzten, aber auch, dass sie dazu irregeführt wurden.  

(b) Durch die Bibel hindurch kommt diese Idee von einer mitreißenden Kraft oft vor. Im Alten Testament wird die verführerische Macht manchmal „Satan“ genannt (Hiob 1-3, 1. Chronik 21,1). Später wurde das der normale Ausdruck. So wird auch im Neuen Testament von der bösen Macht als Person gesprochen und neben „Satan“ (Lukas 22,31), auch „Versucher“ oder „Teufel“ genannt (Matthäus 4), manchmal umschrieben, z.B. „der Fürst dieser Welt (Johannes 12,31), und manchmal als unpersönliche Kraft vorgestellt, z.B. „die bösen Mächte in der Luft“ (Epheser 6,12), oder mit einem Symbol, wie die Schlange in unserem Text. Ob persönlich oder unpersönlich oder symbolisch vorgestellt, immer ist deutlich, dass die böse Macht wovon in der Bibel die Rede ist, keine urzeitliche göttliche Kraft ist, sondern etwas, das selbst Teil der Schöpfung ist. Wollen wir mit „Star-Wars“-Begriffen davon sprechen, dann können wir schon von der „Dark Side“, also von der „Dunklen Seite“ sprechen, aber dann von der dunklen Seite der Welt, nicht von Gott. So wie die Schlange von unserem Text ein Geschöpf ist, so ist auch der Teufel, von dem im Neuen Testament die Rede ist, ein Teil der Schöpfung. Daher sprechen etwa Petrus (2. Petrus 2,4) und Judas (Judas 6) von einem Fall unter manchen Engeln, die Gott gemacht hatte, einschließlich der Teufel.

Zu gleicher Zeit verkündet dieselbe Bibel unermüdlich – sei es in Predigten und Mahnungen, sei es in Erzählungen, Briefen oder Psalmen – dass die Menschheit selbst schuld ist. Menschen müssen ihre eigenen Sünden verantworten, denn die Schuld ist ihnen zuzuweisen.

Wir Menschen müssen also unsere eigene Schuld tragen. Aber: wir sind unter dem unentrinnbaren Sogzwang einer überwältigenden Kraft. Was sollen wir daraus machen? Die Botschaft davon ist wie ein Medaillon mit zwei Seiten.

Auf der einen Seite sind die ganze Bibel und das darauf gebaute christliche Bekenntnis einstimmig, dass der Mensch selbst aus eigenem freien Willen gegen Gott entschieden hat. Damit ist der Monismus, wie sich dieser heute am meisten im Islam ausdrückt, abgelehnt – Gott ist nicht Urheber oder Anstifter des Bösen. Der Mensch hat seine Entscheidungsfreiheit, Gott zu gehorchen oder nicht zu gehorchen, verwendet, um gegen Gott zu rebellieren. Wer das nicht erkennen will und alles was in der Welt passiert, einfach zu seinem Willen deklariert, der macht ihn zu einem Abgott, denn ein Gott, der die Sünde will oder anstiftet, ist selber ein Sünder und daher kein Gott. Menschen mit einer Religion dieser Art müssen sich nicht schwer tun, anderen die schrecklichsten Dinge anzutun und einfach zu behaupten, das sei Gottes Wille – Mord, Entführung, Terrorismus und der Gleiche werden akzeptabel, weil das für Gottes Wille gehalten wird. Bei dieser Auffassung ist ein moralisches Leben oder Ordnung in der Welt letztendlich unmöglich.

Die Kehrseite des Medaillons ist, dass die Bibel sich ebenso von der Tragik bewusst ist, der die Menschheit unterliegt. Es gibt eine böse Macht, deren Saugkraft die Menschen ausgesetzt sind. Aber diese Macht ist kein unabhängiges Wesen, kein Gegengott, der gegenüber dem wahren Gott steht. Damit ist auch der Dualismus abgelehnt. In der Natur der Schöpfung, im Wesen unseres Mensch­seins, liegt die Möglichkeit, gegen Gott zu sündigen. Wäre dem nicht so, so hätte Gott keine Menschen gemacht, sondern nur Maschinen, die niemals wahre Partner für Gott sein könnten. Diese Möglichkeit ist eine magnetische Wucht, die uns in ihren Wirbel einsaugen will. Daher sollten wir auch die tragische Seite des Lebens einsehen und nicht allzu schnell bereit sein, unsere Mitmenschen für alles Böse auf der Welt zu verurteilen. Ist etwa jemand, der in Elendsvierteln großgezogen wurde und dem beigebracht wurde, dass man von der Kriminalität lebt – ist so ein Mensch sündiger als privilegierte Bürger, die sonntags in der Kirche sitzen? Soll jemand, dessen persönliche Umstände ihn zu Gewalt und anderen Verbrechen veranlagt hatten – soll so ein Mensch größer Schuld haben als diejenigen, die das Glück hatten, andere Lebensumstände zu haben?

Sehen wir, dass das Medaillon zwei Seiten hat, von denen keine die andere ungültig macht, dann können wir die schreckliche Realität des Bösen verstehen wie die Bibel sie versteht. Die Vorderseite: Wir sind alle schuldig und brauchen, von dem Bösen erlöst zu werden, wie wir im Vaterunser beten. Und die Kehrseite: Die Welt ist ebenso einer Gravitation des Bösen ausgesetzt, weshalb nicht leichtfertig oder frömmlerisch darüber geredet werden darf. Wenn wir das wissen,

·   können wir an einem Gott glauben, da wir keinen dämonischen Gegengott akzeptieren;

·  Gott bleibt Gott, weil er nicht zum Anstifter und daher Herr des Übels erklärt wird;

·  ein moralisches Leben, Recht und Ordnung in der Zivilisation sind möglich, weil Menschen zur Verantwortung für ihre Taten gerufen werden können;

·  wir lernen kritisches Mitgefühl mit SünderInnen, ohne die Dinge, die sie tun, schönzureden – weil wir selbst schuldig sind und auch, weil wir den Ernst der Sünde verstehen;

·  und: so können wir um Vergebung beten – für Menschen, die ihren Mitmenschen furcht­bare Dinge antun, für diejenigen, die davon profitieren, für alle, die als Fanatiker oder Staaten Terror üben, die private Terror in Häusern oder Heimen an Kindern und Frauen üben, Diebe von Millionen oder Milliarden und Kleinigkeiten, für alle, die harte Dinge sagen und gefühllose Gedanken denken, und … für uns selbst. Denn: alles das zu erkennen, ist zu erkennen wie nötig es war, dass Jesus Christus dieses Leid zu unserer Errettung tragen musste.

Amen.

______________________________________
*O. Univ. Prof. DDr. Dr. James Alfred Loader, Dekan der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien

zum Anfang