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Halleluja!
Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn unter seinem mächtigen Gewölbe!
Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
Lobet ihn mit Posaune, lobet ihn mit Harfe und Zither!
Lobet ihn mit Pauke und Reigen, lobet ihn mit Flöte und Saite!
Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit klingenden Zimbeln!
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!
Halleluja!
Psalm 150
A. EINLEITUNG
Das Thema dieser Predigt in der "Calvin"-Reihe des "Calvin"-Jahres" ist nicht "Calvin". Das hätte der Reformator entschieden abgelehnt. Das Thema ist vielmehr die Verherrlichung Gottes als Ziel unseres Glaubens, ja als Zweck der ganzen Schöpfung. Nicht die Lehre der Prädestination oder Aspekte davon, die Calvin berühmt, berüchtigt und umstritten gemacht haben, sondern dieser Gedanke ist der Eckstein seiner ganzen Verkündigung. So sagt er in seinem Genfer Katechismus, dass der Hauptzweck, wofür Gott uns schuf, darin bestünde, "dass unser Leben, dessen Quelle er ist, auf seine Verherrlichung ausgerichtet wird". Und das legt er im Detail am Anfang seines Hauptwerkes, der Institution der christlichen Religion aus. In der Natur zeigt Gott seine Glorie und der Brennpunkt unseres Lebens soll die Verherrlichung davon sein (etwa Inst. I.16.1).
Wenn man in der ehemaligen Kathedrale Saint Pierre, der Kirche von Johannes Calvin in Genf, steht, kann man etwas von Calvins Grundgedanken erfahren. Obwohl die Kirche den gotischen Stil mit dem romanischen kombiniert, strahlt etwas von diesem Effekt auch aus den Gewölben und Fenstern - die wir hier in Wien vielleicht noch deutlicher im Dom um die Ecke betrachten können. Die Höhe der Gewölbe, die Details und das wunderbare Licht der Fenster sind überwältigend. Die vielen Säulen und Linien, die zu den Gewölben emporsteigen und nie aufzuhören scheinen, ziehen die Gedanken himmelwärts. Aber nicht auf die Wirkung der Architektur hat Calvin in seinen predigten hingewiesen, sondern auf das Gewölbe Gottes in der Natur.
Das macht auch die Bibel. Jakob musste unter dem freien Himmel zu Betel (Haus Gottes) sagen: "Wie Furcht erregend ist dieser Ort!" So war es auch Zweck aller israelitischen Heiligtümer, zu einer ehrerbietigen Begegnung mit Gott zu führen. Das ist Calvins grundlegender Gedanke. Das Wort Gottes in der Bibel und das Bauwerk Gottes in der Schöpfung verkündigen das Gleiche, was Menschen mit Kirchenbau nachbilden. Davon ist nun unser Textpsalm das denkbar beste Beispiel, denn hier fließen Wort Gottes, Gottesdienst in seinem Haus und Schöpfung als seiner Hände Werk in der Natur alle zusammen.
B. Die Textauslegung
Ein einziger Blick auf den Psalm zeigt, dass es hier um Gottes Lob geht. Der Ausruf "Halleluja!", "lobet den Herrn!" ist nicht nur Anfang und Schluss des Liedes, sondern wird auch 10 Mal dazwischen wiederholt. Darüber hinaus ist dieser Psalm auch der letzte im Buch, also ist Lob das letzte Wort, was der Psalter über Gott und seinen Dienst zu sagen hat. So geht nicht nur alles in diesem kurzen Psalm um Gottes Lob, sondern alles im Liedbuch Israels, alles in der Religion überhaupt geht darum. Schauen wir mal genauer zu.
1. Der Eingangsausruf ist doppeldeutig.
"Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn unter seinem mächtigen Gewölbe!" Das Wort "Heiligtum" kann im Hebräischen sowohl den Tempel bedeuten, der mit Menschenhänden in Jerusalem gebaut ist, als auch die himmlische Wohnung Gottes. So kann auch "Gewölbe" sowohl die natürliche Luft als auch das Dach eines Gebäudes bedeuten. Gottes Haus befindet sich also sowohl in einem Gebäude, das mit menschlichen Händen gemacht wurde als auch in der Natur, die mit göttlichen Händen gemacht wurde. Es ist sehr wohl ein Ort, und dieser Ort ist überall. Das ist der Sinn der alten christlichen Lehre von der Allgegenwart Gottes. Daher ist es auch sinnlos, über die Frage, wo der Himmel ist, zu streiten. Der Himmel ist wo Gott ist – und er ist überall: in unseren kirchlichen Heiligtümern (wie wir meinen, wenn wir die Kirche ein "Gotteshaus" nennen) und im Heiligtum, das er selbst gemacht hat (wie unser Textpsalm und Jakob zu Betel meinen, wenn sie darüber sprechen).
2. Der Psalm kann über Gottes Gegenwart nur lobend jubeln.
Das Wunder kann nur poetisch beschrieben und in Liedform besungen werden. Damit ist etwas Großes gesagt: Gottes Gegenwart im Kulturleben des Menschen sowie in der Natur, an der alles teilhat, ist so wunderbar, dass nur Musik dafür taugt. Daher werden hier alle damals bekannten Musikinstrumente aufgelistet, als wolle der Dichter sagen, dass alle möglichen Mittel verwendet werden sollten, um Gott zu loben. Wir können schon allerlei sinnvolle Dinge über Gott sagen (etwa die Lehre der Allgegenwart Gottes), aber solche "Fakten" über Gott werden nie ausreichen. Nur ein Lied, nur Musik kann die Bewunderung vor dem allgegenwärtigen Gott zum Ausdruck bringen. Daher konnte Mozart sagen, dass es nicht viel ausmacht, ob Menschen die Worte, die sie singen, so gut verstehen, und daher besteht auch unser Psalm fast ausschließlich aus der Wiederholung eines einzigen Wortes. Es geht darum, dass Menschen Gott begegnen, von ihm angesprochen werden und sich anbetend vor ihm äußern im einzigen Medium, das dafür geeignet ist – ein Loblied.
3. Nun gibt es aber einen Vers, der von den anderen abweicht.
Jede Zeile beginnt mit dem Ruf
"Lobet
ihn!",
aber die letzte Zeile fügt etwas anderes voran:
"Alles
was Odem hat, lobe den Herrn!"
– die Eröffnungsworte von Mendelssohns Lobgesangsymphonie (heuer ist auch
Mendelssohn-Jubiläum!). Weil das die einzige abweichende Zeile ist, macht sie
sofort auf sich aufmerksam. In einem hebräischen Gedicht haben die Anfangsworte
einer Zeile immer die Hauptbetonung. Hier ist das
"alles
was Odem hat".
Das ist mehr als der Mensch: Menschen haben Odem, aber Tiere auch. Die Partitur
verlangt nicht mehr nur, dass alle Musikinstrumente zusammen spielen, nicht
einmal, dass nur alle Menschen zusammen singen, sondern nun wirklich vollauf
tutti – alle in der Symphonie von Mensch und Tier, Kultur und Natur. Mensch
und Tier werden vereinigt in ihrem Lob, denn der Eröffnungsruf über das
Dachgewölbe hat ja gezeigt, dass Gott bei den Menschen in unseren Kulturtempeln
und bei den Tieren im Naturtempel wohnt. Alles wird umfasst durch das
Gewölbe von Gottes Gegenwart.
C. Erläuterung
Stehen wir in den Alpen oder in der afrikanischen Savanne, dann ist es als stünden wir in der Calvin-Kirche zu Genf oder im Stephansdom – denn das kirchliche Dachwerk ahmt Gottes Himmelskuppel nach. Die Linien, die emporsteigen um einander im Gewölbe zu begegnen und uns erscheinen als hören sie nie auf, ziehen auch unsere Herzen nach oben. Die gleiche Zweiseitigkeit unseres Textes: Wenn wir hinaufschauen, sehen wir im Dachwerk das menschlich gemachte Abbild des göttlichen Himmelwerks. Und wir wissen: der Schöpfer davon ist hier gegenwärtig, Immanuel, Gott bei uns ist sein Name.
Aber auch die sonstigen Facetten eines klassischen Domes haben Sinn. So das große Rosenfenster in der Funktion der Sonne als Symbol von Christus, der nach dem Johannesevangelium (1,9) gekommen ist, um alle Menschen zu erleuchten; jede kleine Nische geplant und nichts umsonst da; jede Rippe mit ihrem Gegengewicht; sogar die Details, die zu hoch sind um gut sichtbar zu sein, sind präzise abgerundet. Kein Wunder, dass man sagte, das Steinwerk lebte und das alles sei nur mit einem musikalischen Wort zu beschreiben: Harmonie.
So ist es auch im Heiligtum der Schöpfung. Das Naturgewölbe zeigt genauso Gottes Wohnsitz wie das Dachgewölbe einer Kirche. Auch diese Kuppel über der Welt zieht unser Herz empor, denn wir wissen: der Gott, der die Feste schuf, ist hier gegenwärtig.
Aber auch die anderen Facetten dieses Schöpfungsheiligtums haben
Sinn. Die Sonne, die Quelle der Energie, erleuchtet nicht nur jeden Menschen,
sondern auch alles andere in der Schöpfung, so dass es Wärme, Regen,
Fotosynthese, Nahrung geben kann; jede Spezies hat eine eigene Nische (gerade
ein Wort, das die Ökologie der Kirchenbaukunst entnommen hat) – einen Platz in
Gottes Dom und eine spezifische Funktion; nichts ist umsonst da, auch nicht das,
was zu weit oder zu klein ist, um wahrgenommen zu werden. Sogar die Steine
leben, denn daraus erodiert der Boden für Wachstum und Nahrung. Wiederum macht
alles eine Einheit aus, die nur mit einem musikalischen Wort beschrieben werden
kann: Harmonie. Kein Wunder, dass Joseph Haydn (dessen Todesjahr wir auch noch
2009 gedenken!) in seinem großen Schöpfungsoratorium singen konnte: „Vom
himmlischen Gewölbe / Strömt reine Harmonie / Zur Erde hinab!“
D. Schluss
Wenn nun unser Text das Tempelgewölbe mit dem Himmelsgewölbe verbindet, bedeutet es, dass das Werk von uns Menschen Teil ausmacht von einem großen Ganzen, dass es nämlich verflochten ist mit der Schöpfung. Menschen und Gott bauen gemeinsam am gleichen Bauwerk. Auch wir haben in diesem Dom unsere Nische, unseren Platz und unsere Aufgabe. Spüren wir die wunderbare Harmonie von jedem Teilchen, dann sehen wir auch ein, dass wir Teil von jener Harmonie sein sollen, dann wird uns auch unsere Verantwortung dafür bewusst. Wir sind die einzige Spezies, die wählen kann, ob wir unsere Verantwortung übernehmen wollen oder nicht, die also für oder gegen Gott wählen kann. Gott hat den Menschen angestellt, um die Natur zu „bebauen und bewahren“, sagt die Schöpfungserzählung (Gen. 2,15). Bauer und Feldschutzbeamter – beides in einem ist der ursprüngliche Beruf des Menschen. Um die Erde für Lebenserhalt zu kultivieren; das ist – wie das Wort selbst sagt – die Kulturaufgabe des Menschen. Aber zu gleicher Zeit muss er auch dieses Heiligtum als Quelle seines eigenen Lebenserhalts und als Gottes Heiligtum lieben, pflegen und versorgen; das ist seine Naturaufgabe. Ohne Natur, keine Kultur. Ohne Gottes Himmelsgewölbe kein Domesgewölbe. Wäre die Schändung einer Kathedale nicht Sakrileg? Wie kann der Mensch es dann wagen, Gottes Himmelsgewölbe mit Gasen, Rauch und Smog zu verschmutzen, seinen Garten auszurauben und seine Tiere auszurotten? Er wohnt doch da? Wie kann man fahrlässig sein über andere Elemente im fein geplanten Gleichgewicht seines Bauwerks? Es ist doch sein Haus?
In einem Dom fühlt sich auch der größte Mensch klein, überwältigt vor Staunen. Wie kann man sich denn anders fühlen, wenn man in der Kathedrale steht, die die Fingerabdrücke Gottes trägt? Wie kann man anders als seine Einladung sowie seine Aufgabe anzunehmen? Die Einladung ist: Öffnet eure Augen, sehet das Licht meiner Liebe und lebet davon! Und die Aufgabe: Werdet meine Küster und mein Chor, um die Hymnen der Meister zu singen: Haydns Schöpfungsoratorium, Beethovens rühmenden Himmel und das Finale aus dem biblischen Psalmbuch: „Lobet ihn unter seinem mächtigen Himmelsgewölbe!“.
Amen.
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*O. Univ. Prof. DDr. Dr.
James Alfred Loader, Dekan der
evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien