31. Oktober 2009
 

Helene Miklas*

 

 

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:

Woher wird mir Hilfe kommen?

 

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Er lässt deinen Fuß nicht wanken;

der dich behütet, schlummert nicht.

 

Sieh, nicht schlummert noch schläft

der Hüter Israels.

 

Der HERR ist dein Hüter,

der HERR ist dein Schatten zu deiner Rechten.

 

Bei Tage wird dich die Sonne nicht stechen

noch der Mond des Nachts.

 

Der HERR behütet dich vor allem Bösen,

er behütet dein Leben.

 

Der HERR behütet deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit.

 

Psalm 121

 

 

Liebe Gemeinde,

 

Direkt ins Herz gehen die Worte und Bilder des 121. Psalms. Ja, eigentlich kann man fast nicht über sie predigen, man muss sie nach-erleben. Calvin hat das gleiche empfunden. Er liebte die Psalmen ganz besonders und sagt über sie:

„Es ist schwer, mit Worten auszudrücken, welch vielfältige und glänzende Reichtümer dieser Schatz in sich birgt. Ich jedenfalls weiß, dass alle meine Worte dem Wert bei weitem nicht gerecht werden.. Hier hat der Heilige Geist alle Schmerzen, Traurigkeit, Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, Verwirrungen, kurzum all die Gefühle, durch die Menschen innerlich hin und her geworfen werden, lebensnah vergegenwärtigt…“

 

Psalm 121. Er war vor 30 Jahren mein Hochzeitspsalm. Ganz konkret erlebt habe ich die Worte bei der ersten Fahrt mit meinem damaligen Verlobten durch das Dachsteingebiet. Mit großer Selbstverständlichkeit fuhr er die steilen Bergwege hinauf. Vor mir die hohen Berge, links die Abgründe, rechts ebenfalls. Da fragte ich mich ernsthaft wörtlich: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen?“ Und im übertragenen Sinn: Österreichische Bergkultur und holländische Flachlandkultur – kann das gut gehen?

Es ging gut.

 

Vielleicht hat Calvin sich das gleiche gefragt: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen?“  Noyon, wo er geboren wurde, liegt im Flachland, Paris, wo er studierte und Basel, wo er dann arbeitete, ebenfalls. Und dann wollte er nach Strassburg reisen. Aber es kam ganz anders:

„Weil ich auf direktem Weg nach Strassburg reisen wollte, dieser Weg mir aber durch Kriegshandlungen verschlossen war, entschied ich mich dafür, rasch durch Genf zu ziehen und nicht länger als eine Nacht in der Stadt zu bleiben. Hier war vor kurzem das Papsttum abgeschafft worden. Noch aber waren die Verhältnisse ungeordnet… Farel (=der Reformator Genfs), von unglaublichem Eifer zur Verbreitung des Evangeliums beseelt – richtete alle Anstrengungen beharrlich darauf, mich dazubehalten. Als er sah, dass ich mich in aller Stille dem Privatstudium hingeben wollte und erkannte, dass er durch Bitten nichts bei mir erreichen konnte, ließ er sich zu einem Fluch hinreißen: Gott möge meine Ruhe verwünschen, wenn ich mich in einer solchen Notlage der Hilfeleistung entziehe. Dieser Schreck erschütterte mich derart, dass ich die begonnene Reise nicht fortsetzte…“

 

Durchkreuzte Wege also. Aber eines hat er gewusst: Gott ist uns mit unbeugsamem und unermüdlichem Wohlwollen zugewandt. „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er lässt deinen Fuß nicht wanken“. Das hat ihm die  Kraft gegeben, den neuen Weg zu gehen.

 

Ich sinne nach und denke weiter zurück – vom 16. Jahrhundert in die Zeit des Alten Testaments. Wer mag es wohl als erster gewesen sein, der die Frage gestellt hat: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen?“ Denn eins ist sicher: Rhetorisch ist die Frage nicht gewesen. Dafür brennt sie zu sehr, dafür klingt sie wie ein Schrei. War es ein Wanderer,  der es vom letzten Schutzort aus vor den hoch aufragenden Bergen  ausgerufen hat, zutiefst erschrocken von seiner eigenen Kleinheit im Vergleich zu der Größe der Berge? Wie ein Blitz ist ihm womöglich die Gefahr vor Augen gestanden: Steile Wege, Schluchten – ein Fehltritt und keine Hilfe ist vorhanden. Stechende Sonne tagsüber, kaltes und unheimliches Mondlicht in der Nacht. „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen?

 

In dieser ersten Ursprungssituation muss aber jemand da gewesen sein, der ihm antwortet. Ein väterlicher Freund, ein Vater, ein Großvater – sicher wohl ein Mann in der damaligen Zeit. Der fängt mit einem Bekenntnis an: „Ich kann dir nur sagen: Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“ Und er zieht die Linie gleich weiter zu dem Wanderer und spricht ihm zu:

„Er, der große Schöpfer von Himmel und Erde, wird dich als Geschöpf ganz bestimmt behüten. Er wird deinen Fuß nicht wanken lassen. Er schläft nicht, er schlummert nicht, wie es den anderen Göttern nachgesagt wird. Er ist da, er ist wach, schützt und behütet dich aktiv, so wie er sein Volk immer bewahrt hat. Du kannst dich darauf verlassen! Er ist dein Hüter, dein Beschützer, er steht dir zur Seite und ist da dein Schatten vor der sengenden Hitze. Bei Tag sticht dich die Sonne nicht und in der Nacht nicht das unheimliche Mondlicht. Er behütet dich vor allem Bösen, er behütet dein Leben.“

 

Eine lange Antwort, die der Wanderer erhalten hat. Vielleicht hat er ein wenig ungeduldig zugehört. Aber doch muss das offene Bekenntnis Eindruck gemacht haben. Vielleicht hat er es sich unterwegs immer wieder und wieder vorgesagt: „Der dich behütet schlummert nicht.“ „Er wird deinen Fuß nicht wanken lassen“. „Der Herr behütet dich vor allem Bösen.“ Nach der Ankunft muss er die Worte wohl weiter gegeben haben, an andere Wanderer, an Nachbarn, Freunde, Kinder, bis die Worte Allgemeingut wurden, sich verdichteten und wie ein Lied Gestalt annahmen.

 

Denn so hat Jesus hunderte Jahre später den Psalm kennen gelernt, als Wallfahrtslied, eingebunden in einer festen Liturgie von Frage und Antwort. Von nah und fern kamen damals zur Zeit Jesu die Menschen nach Jerusalem, um zu feiern in dieser großen Stadt mit ihrem gewaltigen Tempel. Einige Tage Auszeit und spirituelles Auftanken mit festlichen Gottesdiensten. Sicher war das für alle Erlebnis pur, von langer Hand vorbereitet und ins Kleinste ausgekostet.

 

Aber dann ist die Auszeit vorbei. Der Aufbruch nach Hause steht bevor durch das zerklüftete Bergland. Zurück zum Alltagstrott, zurück nach Hause. Wird es da halten, was in Jerusalem erlebt und zugesprochen wurde? Das Große, das ganz Nahe? Wird Gott zuhause auch noch so nahe sein?

 

Da zum Abschied in Jerusalem wurde Psalm 121 in Wechsel gesungen, wie wir es vorher getan haben - als Bekenntnis und als Zuspruch. Als Vertrauenslied für unterwegs und für zuhause: „Der Herr behütet dich vor allem Bösen, er behütet dein Leben. Der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit“. Der Segen wurde damit vom Zentrum des Glaubens mit auf den Weg und in die Häuser gegeben.

 

Ich sinne weiter. Durch die Jahrhunderte ist der Psalm dann zu uns gekommen, von den christlichen Gemeinden aufgenommen und weiter gesungen - nach der Zerstörung von Jerusalem in Rom, in Griechenland und dann später in unseren Breiten. Dort  wurden sie vor allem in den täglichen Gebetszeiten der Klöster gebetet und gesungen: „Der Herr ist dein Hüter, der Herr ist dein Schatten zu deiner Rechten…“ Immerhin waren die Fragen, die Worte, die Bilder, die Antworten des Trostes und der Hoffnung damit den Mönchen, Nonnen und Gebildeten zugängig – allen zumindest, die Latein verstanden.

 

Die Gebildeten, die Latein verstanden. Aber dann kam die Reformation – und gerade um das zu feiern, sind wir ja heute hier, liebe Gemeinde. Es ist schon eine großartige Sache, dass Menschen in der Bibel wieder das ganz Elementare des Glaubens entdeckten. Unsere Vorfahren haben teilweise begeistert lesen gelernt, um die Bibel selbst lesen zu können. Sie haben es neu entdeckt: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“.

Gerade im reformierten Genf wurden die Psalmen enorm populär und bald in Reimform gebracht. Calvin selber predigte fünf Jahre lang Sonntag für Sonntag über die Psalmen um, wie er sagt: „Diesen Schatz zum gemeinsamen Nutzen aller Glaubenden zu heben“. Er war es dann auch, der die bereimten Psalmen, vertont in unnachahmlicher Weise von Goudimel, für den Gottesdienst einsetzte. Die Balken müssen sich gebogen haben in den Genfer Kirchen, wo mit Überzeugung gesungen wurden: „Siehe, nicht schlummert noch schläft der Hüter Israels“. Der Hüter Israels, das war von der Stimmung und vom Verständnis her auch der Hüter für das neue Volk Gottes, nämlich für alle Menschen. Das war Realität, Aufbruchstimmung pur für die Menschen. Ich kann es noch nachempfinden, wenn ich an die Gottesdienste im Holland meiner Jugend zurückdenke.

 

Aber Goudimel wurde mit vielen anderen in der Bartolomäusnacht brutal ermordet, die Hugenotten verfolgt, die Protestanten in Österreich gegenreformiert, ungarische Reformierte auf die Galeeren geschickt. Der Konfessionskrieg begann. Die Aufbruchstimmung brach jäh ab und damit auch das Gefühl für die große neue Einheit. Die bange Frage des Psalms 121 war es, die nun wieder ganz lebendig wurde: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen?“.

 

Denn durch die Reformation war eines verloren gegangen und eines gewonnen. Verloren gegangen war das Gefühl, sich in ein großes Kollektiv wie Kirche und Staat selbstverständlich einzuordnen. Nach dem Motto: „Die wissen, wo es entlang geht. Die werden es wohl richtig machen und das gilt auch für mich.“ Nein, das Gefühl war verloren. Gewonnen wurde die Möglichkeit, für sich in Selbstverantwortung eigene Antworten zu finden. Aber diese Möglichkeit ist gleichzeitig seitdem eine Notwendigkeit. Täglich müssen und dürfen wir die Antworten neu gewinnen: „Er wird meinen Fuß auch in einer schweren Realität trotzdem nicht wanken lassen“. „Er ist doch in Wirklichkeit, obwohl ich es womöglich nicht sehe und verstehe, der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Die innere Freiheit konnte letztlich nicht mehr weggenommen werden, wie sehr die äußerliche Freiheit auch bedroht wurde. „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib. Lass fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn. Das Reich muss uns doch bleiben“, so werden wir es nachher im Lied „Ein feste Burg“ singen. Sechs reformierte junge Männer sangen das miteinander 1944 im Konzentrationslager Vught auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte. Einer von ihnen war der Bruder meines Vaters.

 

Und so bin ich in meinem Nach-Sinnen zum Heute gekommen, liebe Gemeinde. Hier steht er nun, der Psalm mit den einzelnen Bildern und Worten, so stark wie zuvor, in nicht nachlassender Kraft. Welche Worte sind es, die uns heute ansprechen?

 

Sicher die Frage „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen“. Sie ist sogar existenzieller, lebendiger und drängender als je zuvor. Wir sind wahrscheinlich besser als irgendjemand vor uns in der Lage, die Berge auf unser Inneres zu übertragen. Abenteuer Berg, ja. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass es Berge von Sorgen gibt, Berge von Arbeit, Schluchten von Nicht-Arbeit. Abgründe, die sich vor uns auftun, vor allem im Bereich der Beziehungen. Klippen der Konkurrenz, die es zu umwandern gilt. Enge Bergpässe der Einsamkeit.

 

Und auch heute steht über allem wie ein Fels das Versprechen: „Der Herr ist dein Schatten zu deiner Rechten. Bei Tage wird dich die Sonne nicht stechen, noch der Mond des Nachts“. Das erfüllt eine große Sehnsucht in uns. Gott ist da!

 

Aber es gibt ein Aber. Das Problem liegt heute eher im Bekenntnis. „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ – das mit einer solchen Sicherheit zu sagen, ist steil und fast nicht zeitgemäß. Im Gegenteil: Die Sicherheit ist vielen abhanden gekommen und die Frage „woher kommt mir Hilfe“ wird eher mit anderen Fragen quasi beantwortet: Hört Gott? Handelt Gott? Sieht Gott? Ist er der Gott der Geschichte, der Hüter unserer Kirche? Ja, vielleicht der Hüter unserer ganz persönlichen Biografie, wo wir manchmal die große Freude erleben, dass einzelne Fäden unseres Lebens sich zu einem Muster verbinden. Aber im Großen und Ganzen? Hält er die Welt noch in seiner Hand? Schläft und schlummert er in Wirklichkeit nicht doch?

 

Nein, sagt Calvin, ganz eindeutig nein! Gott ist unbeugsam und unermüdlich in Christus uns und seiner Welt zugewandt. Mensch und Welt sind nicht zu trennen, Geschöpf und Schöpfung nicht. Unser Glaube kann und darf nicht nur eine uns vertraute Welt sein, die mit Welt, Umwelt, Arbeitswelt nichts mehr zu tun hat. Glaube kann nicht privatisiert werden, er bewährt sich im Privaten und in unserer Öffentlichkeit.

 

Mögen wir heute daher ein ganz persönliches Bild aus unserem Psalm mitnehmen, das uns wie ein Segen auf unseren Wegen und in unsere Häuser hinein begleitet. Aber mögen wir heute auch etwas von dem klaren Vertrauen mitnehmen, das uns letztlich ermutigt und motiviert, zu wissen: „Sind wir also durch Christus mit Gott verbunden, so haben wir die Gewissheit, dass Gott uns (und unserer Welt!) mit unbeugsamem und unermüdlichem Wohlwollen zugewandt ist.“

 

Amen.

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*Dr. Helene Miklas, reformierte Theologin, Vizedirektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien

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