18. Februar 2009
 

Wolfgang Wischmeyer*
 

 

 

Bezalel, Oholiab und alle, die Fertigkeiten besitzen, weil der HERR ihnen Weisheit und Einsicht gegeben hat, sollen nun ausführen, was er angeordnet hat.

Mose rief Bezalel, Oholiab und alle, die der HERR fähig und bereit gemacht hatte, ans Werk. Er übergab ihnen alles, was die Israeliten für die Herstellung des Heiligtums gespendet hatten.

Auch weiterhin brachten die Leute zu Mose jeden Morgen freiwillige Gaben. Da kamen alle kunstfertigen Männer, die an dem Werk beteiligt waren, zu Mose, jeder von seiner Arbeit, und sagten: »Das Volk bringt mehr, als wir für die aufgetragene Arbeit brauchen!«

Darauf ließ Mose im Lager ausrufen: »Niemand, weder Mann noch Frau, soll von jetzt an noch eine Spende für das Heiligtum abliefern!«

So hörte der Spendenfluss auf. Was bisher abgeliefert worden war, reichte als Material für alle Arbeiten aus und es blieb sogar noch davon übrig. Exodus 36,1-7

 

 

„mehr als nötig“

 

Mit dem heutigen Sonntag, dem letzten Sonntag nach Epiphanias, geht im strengen liturgischen Sinn die Weihnachtszeit zu Ende. Und manche von uns werden sagen: es ist auch genug, mehr als nötig von Weihnachten, Dekoration, Krippen und Kerzen – und all das auch noch vor dem schwarz und schwärzer werdenden Hintergrund von Rezession und Bankenkrise und Wirtschaftskrise, schrecklich drohenden Zahlen, Angst machenden Statistiken und nach unten mehr oder weniger steil abstürzenden Statistiken.

 

Und dann vor diesem Hintergrund der seltsame Predigttext. Moses hat das Volk in einen frommen Taumel versetzt. Man baut die Stiftshütte, das Heiligtum der Israeliten während des Zuges durch die Wüste, das Zelt der Zusammenkunft Gottes mit Mose, in das nach Gottes Gebot die Bundeslade und alle Heiligtümer Israels kommen sollten. Und das Volk spendet und opfert, ist ganz erfüllt von diesem Gebot und will seinen Gott, der es aus Ägypten geführt und vor dem Pharao beim Durchzug durch das Schilfmeer gerettet hat, feiern. Das ist ein Gebot, dem man nachkommen kann, das auch kontrollierbar ist, ich kann sehen, was mein Nachbar gibt; wir strengen uns an, das Gesetz zu erfüllen. So können wir doch eindeutig unsere Religion praktizieren – als Gemeinschaft und zugleich als Einzelne unseren religiösen Gefühlen Ausdruck geben. Was ist es doch erhebend, sich sagen zu können, auch an dieser Vergoldung war ich mit meinem Kirchenbeitrag, mit meiner Stiftung beteiligt.

 

Hier könnte ein Prediger ansetzten mit moralisierenden Ausführungen über Gesetz und Gesetzlichkeit, die sich hier einschleichen. Uns aber sollte hier etwas anderes interessieren: „und es war noch übrig geblieben, denn es war genug gebracht worden“. Eine Freiheitsspur gewissermaßen, etwas, was den Zwang des Heiligen begrenzt, ihm eine Grenze, ein Ende gibt und die Dynamik der Freiheit ermöglicht. „Es ist genug, es ist noch etwas übrig geblieben“, eine Freiheitsspur, interessanterweise von den Künstlern, den Intellektuellen gelegt. Das erinnert mich an das Motiv aus der Wundergeschichte der Speisung der Fünftausend: „und sie aßen alle und wurden satt und sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll“. Was geschieht eigentlich mit dem, was übrig bleibt; was geschieht, wenn wir sagen, es ist genug? Was geschieht, kommen wir etwa auf Epiphanias zurück, mit Gold, Weihrauch und Myrrhe? Ich weiß es nicht; keine Antwort, außer dass die Künstler wiederum etwas Schönes zu malen hatten.

 

Wie aber reagieren wir auf den Zuspruch: es ist genug. Wie kennen die Wendung ganz elementar erst einmal aus der Situation am Esstisch. Das sagt der Gastgeber: Greift zu, es ist genug da. Und da sagt der höfliche Gast im Schraubstock zwischen Appetit und guten Sitten: es ist genug. Und wenn man besten italienischen Sitten huldigt, lässt man seinen Teller zu sieben Achteln ungegessen zurückgehen. Was ist mit dem, was übrig bleibt? Mit dem, was von Gottes Güte für mich übrig bleibt und, was bei mir übrig bleibt?  Vielleicht ist da ja auch gar kein Unterschied? Vielleicht lebe ich ja auch gerade davon, von dem, was übrig bleibt, von den Resten – von den Resten der Kultur in aller Profanisierung, von den Resten der Religion in der Säkularisierung, von den Resten des Lebens in einer Welt der Lebensfeindlichkeit.

 

Es ist genug: dahinter steckt ein – ich mag nicht sagen – lauter, aber jedenfalls ein uns angehender und berührender Aufruf, der uns in der Hektik der stürzenden Zahlen und in den uns traumatisierenden  und hysterisierenden Schlagworten des Tages mit all seinem Negativen und seinen Verengungen und Abstürzen auf einen Überfluss hinweist und darauf, was uns unsere Situation verstehen lässt. Denn es ist der Überfluss, das Überfließende, was uns uns  und Gott verstehen lässt. Es ist das Überraschende, das uns Überwältigende, das uns das Glück geliebt zu werden schenkt.

 

Nicht durch den Mund des Propheten und Religionsstifters Mose, so hörten wir, sondern von den Künstlern und Intellektuellen, die mit der Summe ihrer Kunstfertigkeiten und ihres Genies die Stifthütte schmückten, wurde die Freiheitsspur zuerst ausgelegt, jenes „es ist genug“, das dem religiösen Zwang ein erstes Ende bereitete. Ganz ähnlich ist auch die Formulierung, die ihm ein für alle mal das Ende bringen sollte: Das „Es ist vollbracht“ Jesu am Kreuz. Das bedeutet doch nach unserem Bekenntnis: „Christus hat die Sünden der Welt auf sich genommen und getilgt und so der göttlichen Gerechtigkeit Genüge getan. Gott sieht also einzig um Christi willen, der gelitten hat und auferstanden ist, gnädig auf unsere Sünden und rechnet sie uns nicht an; dagegen rechnet er uns Christi Gerechtigkeit an, als ob es unsere eigene wäre, so dass wir nicht nur von Sünden gesäubert und gereinigt oder heilig sind, sondern auch solche, die dazu die Gerechtigkeit Christi bekommen haben“. So im 15. Kapitel des zweiten Helvetischen Bekenntnisses.

Dieses „Es ist genug“ kann wohl kaum überboten werden. Hier  ist in der Tat

 

„mehr als nötig“ zu finden. Wie gehen wir damit um? Was machen wir daraus? Wie nutzen wir diesen Mehrwert? Finden wir hier die Besonnenheit, in der Panik des täglichen Lebens einen ruhigen Ort zu finden, an dem wir vernünftig nachdenken können, was sonst noch nötig ist, wo Hilfe am nötigsten ist und wo sich eine Hilfe in andere umsetzen kann, eine Kette des Helfens bildet? 

 

Es ist erstaunlich, welche Stichworte uns auf einmal aus der Wirtschaftsszene zugerufen werden, Stichworte, mit denen wir als Kirche eigentlich eher zu tun haben. Vom Vertrauen ist jetzt vielerorts die Rede. Strahlen wir Vertrauen aus, sind wir selbst vertrauenswürdig? Vertrauen meint ja nicht einfach, dass ich ein lächelndes Gesicht habe, auf das viele hereinfallen können, sondern Vertrauen bildet sich dort, wo Verstand, Weisheit und Güte zusammen kommen und die Hoffnung dazu tritt. Vertrauen kann auch sehr skeptisch sein und die ihm angebotenen Schlagworte und Lösungen höchst kritisch abklopfen, ob sie halten, was sie versprechen, ob sich dahinter nicht verlockende Verführungen verbergen, die Lösungen anbieten, die doch nichts anderes sind als Potemkinsche Dörfer.

 

Mehr als nötig haben wir geschenkt bekommen im geistlichen Geschenk der Weihnachtszeit. Die von diesem Überfluss genährte Phantasie unserer Liebe ist gefordert. Die Künstler der Stiftshütte wissen, sie können das verwirklichen, was ihnen vorschwebt, das große Werk zur Ehre des Gottes, der das Volk aus Ägypten geführt hat. Und das Volk hat genug, seine Solidarität zu gestalten. Treten wir um Gottes willen an ihre Seite.

       

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*Univ.Prof. Dr. Wolfgang Wischmeyer, Vorstand des
Instituts für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien

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