01.
November 2009
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So ermahne ich dich
inständig vor Gott und Christus Jesus, der da kommen wird zu richten die
Lebenden und die Toten, und bei seiner Erscheinung und seinem Reich:
Der Predigttext für diesen Gottesdienst stammt aus dem 2. Timotheusbrief und trägt in der Zürcher Bibel die dramatische Überschrift „Das Testament des Apostels“. Johannes Calvin sieht in der Vorrede zu seinem 1551 erschienen Kommentar zu den kleinen paulinischen Briefen den ganzen 2. Timotheusbrief als ein solches Testament an: „Die Hauptabsicht des Briefes besteht darin, Timotheus im Glauben an das Evangelium und in dessen beständiger und lauterer Verkündigung zu bestärken. Die zeitbedingten Verhältnisse trugen nicht wenig zu seinen Ermahnungen bei. Paulus hatte den Tod vor Augen und war bereit, ihn zum Zeugnis für das Evangelium auf sich zu nehmen. Was wir hier also über die Herrschaft Christi, über den Kampf eines Christen, über die Zuversichtlichkeit des Bekenntnisses und die Gewissheit der Lehre lesen, müssen wir so nehmen, als wenn Paulus es nicht mit Tinte, sondern mit seinem eigenen Blut geschrieben hätte. Er behauptet nämlich nichts, wofür er nicht auch sein Leben als Pfand setzt. Nach Lage der Dinge ist dieser Brief darum wie eine feierliche Unterschrift, die Paulus unter seine Lehre setzt.“ Calvin erinnert in diesem Zusammenhang auch daran, was er schon in der Einleitung zum 1.Timotheusbrief geschrieben hatte, dass nämlich das alles nicht für einen einzelnen Menschen geschrieben worden sei. Vielmehr habe Paulus unter der Adresse des Timotheus eine allgemeingültige Lehre vorgetragen, die dieser dann anderen weitergeben sollte, so dass es auch späteren Geschlechtern gepredigt werde. Es wundert so nicht, dass der Zweite Timotheusbrief als die biblische Lieblingsschrift Calvins gilt, in der Paulus „sich in frommes Rühmen steigert, um die Frommen durch die Größe seines Mutes aufzurichten. Alle sollen sie mit ihm den Siegeskranz anschauen, der uns im Himmel erwartet. Von Wortgefechten und eitlen Fragen sollen sie ablassen und allen Eifer auf den Aufbau der Gemeinde lenke.“ Verdorbene Leute und eitle Fragen, falsche Lehre erregen immer schweres Ärgernis. „Paulus lehrt aber, dass sich die Gläubigen dadurch nicht verwirren lassen sollen. Nicht alle, die den Namen Christi bekennen, sind auch wirklich Christi Eigentum, und die Kirche, die ja in dieser Welt unter bösen und gottlosen Menschen wohnt, ist solchem Unheil unweigerlich ausgesetzt. Um jedoch ungefestigte Gemüter nicht zu sehr zu erschüttern, mildert Paulus einsichtsvoll seine Aussage: Der Herr bewahrt seine Auserwählten bis ans Ende.“ Deswegen betont Paulus auch den rechten Gebrauch der Schrift, damit Timotheus „sich in jeder Beziehung recht ausgerüstet weiß, um die Kirche wirklich aufbauen zu können.“ Dieser Paulus, der seinem Tod in Rom entgegenfährt, tut so, „als wenn er als Sieger einem glanzvollen Triumph entgegeneile; ein großartiges Zeugnis für seine bewundernswerte Zuversicht!“ Ich habe diesen Text entdeckt im Zusammenhang unseres Calvinfestgottesdienstes am 14. Juni, wo ich auf die Bedeutung dieses Textes für die Ordnung der Genfer Kirche gestoßen bin. Aber hören wir zuerst 2.Tim 4, 1–5 nach der neuen Zürcher Bibelübersetzung:
Ich beschwöre dich vor Gott und vor Christus Jesus, der kommen wird, Lebende und Tote zu richten, bei seinem Erscheinen und bei seiner Herrschaft: Verkündige das Wort, tritt dafür ein, zur Zeit oder Unzeit, widerlege, tadle, bitte, in aller Geduld, wo die Lehre es gebietet! Denn es wird die Zeit kommen, da sie die gesunde Lehre nicht mehr ertragen, sondern nach eigenem Gutdünken und Verlangen von einem Lehrer zu anderen laufen werden, um sich die Ohren kitzeln zu lassen. Der Wahrheit werden sie ihr Ohr nicht mehr leihen und sich den Mythen zuwenden. Du aber, bleibe nüchtern in allem, nimm Mühsal und Plage auf dich, mach dich an dein Werk als Verkündiger des Evangeliums, erfülle deinen Auftrag!
Der Unterschied der neuen Übersetzung zur alten, die wir vielleicht noch im Ohr haben, ist groß, wenn der Satz: „Nach ihren eigenen Lüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, wonach ihnen die Ohren jücken, und werden die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren“ jetzt wiedergegeben wird als „sondern nach eigenem Gutdünken und Verlangen von einem Lehrer zu anderen laufen werden, um sich die Ohren kitzeln zu lassen. Der Wahrheit werden sie ihr Ohr nicht mehr leihen und sich den Mythen zuwenden“. Die Drastik der Sprache der alten Übersetzung kommt vielleicht der Rücksichtslosigkeit näher, die Calvin bei der Auslegung unseres Textes für den Prediger und für die Gemeinde fordert. Das Testament des Paulus, mit Blut unterschrieben, im Neuen Testament, neben dem Alten Testament, daneben auch noch gleich das Abendmahl, „das neue Testament in meinem Blute“, und irgendwie liegt auch das Testament Calvins in der Luft, jedenfalls in der reformierten Luft des Jubiläumsjahres 2009 – vor Testamenten können wir uns sozusagen nicht retten. Und dabei wissen wir doch, wie schwierig Testamente zu lesen sind, wie sehr es auf die genaue Auslegung ankommt, wie viel Streit und nicht nur Rechtsstreit um Testamente entsteht, wie Testamente ärgerlich sein können, enttäuschend, ja: rücksichtslos. Nachlässe und Testamente – die Lessingsche Ringparabel kommt einem hier in den Sinn: das wahre Testament wahrscheinlich ging verloren. Der Jurist Johannes Calvin musste sich mit Testamenten von seiner Ausbildung her auskennen. Da hatte er das genaue Lesen gelernt und die damals für alle Wissenschaften moderne Frage nach der Absicht des Verfassers als dem eigentlichen Ziel der Auslegung von Texten, Testamenten und auch der biblischen Bücher. Und Calvin hatte im Zusammenhang der großen humanistischen Bewegung erkannt, um Texte zu verstehen, braucht man Bildung –– und Bildung ist an Lehre und Lehrer gebunden. Dies gilt auch für die Testamente, auch für die biblischen Texte, ja ganz besonders bei Texten, die mit der Predigt in einen Zusammenhang gebracht werden. Den Weg der Unterweisung gering zu schätzen, heißt, aus dem lebendigen Wort eine „stumme Schrift“ zu machen. Jeder Gläubige hat sich nach Calvins Verständnis deshalb eifrig um Fortschritte im Lesen und im Hören zu bemühen. Fortschritte im Verstehen weisen erst einmal auf ein Bemühen, die Absicht des Textes und seines Autors herauszufinden und zu verstehen. Den Text in seiner Fremdheit und in seiner Nähe zu sehen, meine Gefühle dem Text gegenüber zu kontrollieren, den Text in seiner Zeit und in seiner eigenen Aussage zu verstehen, um mir etwas sagen zu lassen, ohne dass ich mich und meine Lieblingsmeinungen und -lehren gleich in den Text werfe und mich dort wiederfinde. Hier in einer solchen Unterrichtsgemeinschaft liegt für Calvin auch die ursprüngliche Bedeutung von Klerus, der ganzen Kirche als Erbe des Herrn, woraus sich nach und nach all der Missbrauch der kirchlichen Hierarchie ergab. Diesen will Calvin seinerseits unter Rücksicht auf die herkömmliche Unterscheidung von Klerikern und Laien dahingehend korrigieren, dass er unter Klerikern solche versteht, die in der Kirche ein öffentliches Amt ausüben. Lehrer sind in der Kirche nötig, d.h. Pfarrer und die Personen, die Pfarrer ausbilden. Wir müssen aber wohl heute den Kreis der Lehrer erweitern und über den Kreis hinausgehen, den Calvin meinte. Fügen wir also zu dem theologischen Lehrer auch die Lehrer für die Verwaltung und für die Diakonie hinzu, die wir in einer Spezialistengesellschaft nicht entbehren können, ohne mit Recht den Vorwurf des gut gemeinten Dahinwurstelns auf uns zu ziehen. Das Ältestenamt und das Diakonat bedürfen genauso der Professionalisierung wie das Lehramt des Pfarrers und Professors und hier gerade der Umgang mit den biblischen Schriften. Hier im 1.Tim aber geht es um die Predigt und damit um den theologischen Lehrer. Aber was heißt das denn: „theologischer Lehrer“? Der Mann, der hier so für den theologischen Lehrer eintritt und dann selbst zu einem der großen theologischen Lehrer wurde, war studierter Jurist mit einer hervorragenden Allgemeinbildung, zu der auch die theologische Literatur der Zeit gehörte, und er mahnt hier mit Paulus zu einem geradezu wissenschaftlichen Umgang mit den biblischen Texten. Ein solcher Umgang ist für ihn nach Paulus die Voraussetzung dafür, die Schrift mit der Predigt in Verbindung zu bringen. Das Lesen der Schrift allein genügt nicht. Zu sagen, das Lesen der Schrift sei alles, worauf es ankäme, ist für Calvin Anmaßung und führt zur Schwärmerei. Die von Paulus behauptete Nützlichkeit der Schrift führt auf ein Doppeltes: natürlich müssen alle deshalb die Schrift lesen, aber es muss ebenso auch Lehrer geben, sie auszulegen, soll die ganze Gemeinschaft nicht in Schwärmerei verfallen. Das Bibellesen der Gemeinde und das Lehren der Pfarrer gehören zusammen. Der Schwärmerei des missverstehenden Lesens entspricht die Nachlässigkeit der Prediger. Es ist eine ernste Sache mit dem Lesen und Predigen. Beides geschieht vor dem Hintergrund der Herrschaft Christi. Und das gehört ebenso zu unserem Testament, genauer muss ich wohl sagen: zu der Erbschaft, dem Legat, das uns das Testament, das Vermächtnis Jesu Christi, hinterlassen hat, wie die Rücksichtslosigkeit, die Calvin bei der Auslegung unseres Textes so stark mehrfach betont. Das Temperament Calvins ist ja ebenso wie das Temperament der Reformierten in der Literatur oft betont worden. Denken Sie nur an Scotts Romane über die schottischen Reformierten. Andererseits wird ebenso die bis in die Verformung der Person reichende Selbstbeherrschung und -disziplinierung bei den Reformierten betont. Das Psychologisieren über die reformierte Seele führt aber weg von der hier von Calvin angesprochenen Rücksichtslosigkeit, die nicht nur für den Prediger, sondern auch für die Gemeinden gilt. Der Prediger muss nach Calvin seiner Gemeinde gegenüber rücksichtslos sein. „Mit rücksichtsloser Beharrlichkeit müssen in der Gemeinde die Schläfer aufgerüttelt und die Irrenden aufgehalten werden, und wer von den eitlen Dingen der Welt in Anspruch genommen ist, muss auf den rechten Weg gebracht werden.“ Dabei sollen wir die Strenge mit Sanftmut würzen; allein Hitzigkeit, die nicht begründet ist, die nicht in ein gütiges Herz blicken lässt, findet nur Verachtung. Die Schärfe darf allein in der Lehre begründet sein. Auch dazu ist Ausbildung und Bildung wieder nötig, die Schärfe durch Sanftmut mildern kann. Es ist nun nicht hier unsere Aufgabe zu untersuchen, ob Calvin selbst in bestimmten Fällen diesen hohen Ansprüchen genügt hat. Wir müssen vielmehr abschließend auch noch den mit der Rücksichtslosigkeit des Predigers im Zusammenhang stehenden Part der Rücksichtslosigkeit der Gemeinde betonen, um festzustellen, wie es denn um unsere Testamentsvollstreckung bestellt ist. Gehen wir konform mit der immer stärker sich formierenden Ja-sage-Gesellschaft, die den Konsens als den einzigen Wert akzeptiert, oder verrichten wir als Evangelische Kirche HB im Rückblick auf Calvin und im Vorblick auf die Welt von heute und morgen und die Welt unserer Kinder rücksichtslos und in aller Nüchternheit das Werk eines Evangelisten? Geben wir dem nach, wonach uns die Ohren jücken, oder verlassen wir uns auf das Heilmittel und geben uns mit der reinen Lehre des Evangeliums zufrieden, dem Testament von der Herrschaft Christi, zu der gehört, dass ich durch Christus vor Gottes Gericht bestehen kann und ein Erbe des ewigen Lebens bin?
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