10.
Jänner 2010
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Thema: Die Geschichte von den zwei Königen.
Liebe Gemeinde, Weihnachten ist schon längst vorüber und das neue Jahr hat angefangen. Alles wird wieder normal, die Schulen haben schon angefangen und auch alle Erwachsenen machen wieder, was sie normalerweise auch machen. Das Kapitel Weihnachten wird geschlossen bis zum nächsten Jahr. Jedenfalls ab morgen. Denn ich möchte noch eine Weihnachtsgeschichte mit Ihnen lesen. Eine Geschichte, die immer mit der ‚klassischen’ Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vermischt wird, und die sogar einen eigenen Tag hat: Epiphanias, Dreikönige.
Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren, zur
Zeit, als König Herodes das Land regierte. Bald nach seiner Geburt kamen
Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem
Daraufhin rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu
sich und fragte sie aus, wann sie den Stern zum erstenmal gesehen hätten.
Matthäus hat eine ganz andere Weihnachtsgeschichte als Lukas. Bei Matthäus gibt es keine Engel, keine Hirten, keine Futterkrippe und keinen Stall, sogar keine Reise von Josef und Maria von Nazaret nach Betlehem. Matthäus fängt seine Weihnachtsgeschichte an mit dem Stammbaum Jesu. Er erzählt, wer die Vorfahren Jesu sind, von Abraham bis zu Josef, und nennt dabei die größten Außenseiter aus den biblischen Geschichten. Danach kommt, ganz knapp, eine Geschichte über Josef, den Vater Jesu. Er hat sich mit Maria verlobt, sie aber ist schwanger. Er überlegt sich, was zu tun, um keinen großen Skandal zu machen und vielleicht auch um Maria zu beschützen. Eigentlich sollte Maria getötet werden, so waren die damaligen Gesetze. Er hat einen Traum und im Traum erzählt ihm ein Engel was zu tun ist. Er macht das so wie der Engel gesagt hat: er heiratet seine Verlobte und ihr Sohn wird auch sein Sohn.
Das ist alles was über die Geburt Jesu erzählt wird. Matthäus macht weiter: Josef und Maria und Jesus wohnen in Betlehem und weit weg passiert etwas anderes. Die Dreikönigsgeschichte.
Die Geschichte der drei Könige ist eigentlich eine Geschichte von zwei Königen. Es ist lustig zu sehen wie viel in der Vergangenheit dazu gekommen ist. In jeder Weihnachtskrippe sind drei Könige dabei, und jede Weihnachtsgeschichte erzählt, wie die drei Könige auf ihren Kamelen nach Betlehem gefahren sind und dem neugeborenen Kind Geschenke gebracht haben. Wir wissen es alle: drei Könige aus dem Morgenland, und sie heißen Balthasar, Caspar und Melchior. Zwei sind weiß und einer ist schwarz.
Heute haben wir gehört, dass das alles gar nicht in der Bibel steht. Sterndeuter aus dem Morgenland sind sie. Wir wissen nicht wie viele Sterndeuter, wir wissen nicht ob sie Kamele haben, wir hören keine Namen. Alles andere ist später dazu edacht worden. Diese Geschichte war offensichtlich inspirierend für viele Menschen, und sie haben weiter gedacht und alle Lücken gefüllt.
Sterndeuter sind sie, und sie kommen von fern. Sie haben einen merkwürdigen Stern aufgehen sehen und haben dieses Ereignis gedeutet. Sie haben die Schlussfolgerung gezogen: es muss ein neuer König geboren sein, in Israel. Und sie machen sich auf dem Weg, diesem König zu huldigen.
Warum? Keine Ahnung. Das ist auch egal. Wichtig für Matthäus ist nur: von weit weg, von allen Nationen her kommen Menschen, um dem neugeborenen König zu huldigen. Und wir haben gehört warum es dem Matthäus so wichtig ist, und vielleicht auch warum später die Sterndeuter in Könige verwandelt werden und auf Kamele reiten. Weil es bei Jesaja heißt: Nationen werden zu deinem Licht gehen, und Könige zu deinem strahlenden Lichtglanz. Von ferne kommen sie, mit Kamelen, und sie tragen Gold und Weihrauch.
Matthäus verweist auf diese Prophezeiung aus Jesaja, und sagt: schau, es stimmt, alles was prophezeit worden ist. Jesus ist der versprochene Retter. Die Geschichte der Sterndeuter ist nach dieser Prophezeiung Jesajas modelliert.
Die Sterndeuter kommen aus dem Morgenland und gehen nach Jerusalem. Das Zentrum Israels, das Zentrum der Macht. Dort befindet sich der König. Der echte König. König Nummer eins. Herodes. Er hat die Macht und er genießt sie. Und er will sie nicht aufgeben. Das ist selbstverständlich. Er will seine Macht so gerne behalten, dass er schon zwei seiner Söhne ermordet hat, auf dass sie ihm nicht nachfolgen könnten. Das steht übrigens auch nicht in der Bibel, wir wissen es aber aus anderen geschichtlichen Quellen.
Dieser König Herodes wohnt in Jerusalem, übt seine Macht aus und will das noch sehr lang tun. Dann kommen die Sterndeuter und fragen nach einem neugeborenen König. Herodes erschrickt, denn er hat keinen neugeborenen Sohn. Und ganz Jerusalem erschrickt mit ihm, heißt es. Logisch. Wenn eine Person schon lange die Macht hat, ist alles sicher und klar. Viele Personen arbeiten für Herodes, im Palast oder wo auch immer. Sie verdienen Geld, haben eine gute Position und wollen das alles nicht verlieren. Wenn ein König seine Macht verliert, verlieren viele andere Personen auch Macht und Einfluss und Geld. Niemand will das, auf jeden Fall niemand, der Macht hat. Es ist ein ganzes System, das sich selber aufrechterhält.
Herodes hat schon von dem versprochenen Messias gehört und lässt sich genau informieren, wann und wo dieser Messias geboren werden soll. Auch das ist prophezeit worden: in Betlehem. Aus Betlehem wird ein Fürst hervorgehen. Betlehem, weit weg vom Zentrum der Macht, ist die andere Königsstadt. Dort befindet sich der zweite König: Jesus.
König Nummer zwei ist ein ganz anderer König. Ohne Macht, ohne bequeme Position, ohne Geld und sogar ohne Untertanen. Er ist ein König für andere Menschen, Menschen ohne Macht und Einfluss und Menschen, die sich von Macht nicht beeindrucken lassen. Wie die Sterndeuter. Sie gehen hin und suchen den zweiten König. Wenn sie Jerusalem verlassen, sehen sie den Stern wieder, den sie schon vorher gesehen haben.
Wiederum ist das also etwas, das nicht mit dem, was wir gelernt haben, übereinstimmt: es ist nicht so, dass sie dem Stern die ganze Zeit folgen, bis sie an der guten Stelle angekommen sind. Sie sehen den Stern im Morgenland, sie deuten diesen Stern und fahren nach Jerusalem. Erst wenn sie das Zentrum der Macht verlassen haben, sehen sie den Stern wieder. Der Stern bleibt stehen über dem Ort, wo das Kind ist.
Sie gehen ins Haus hinein, sehen das Kind und seine Mutter, fallen vor ihm nieder und geben ihm Geschenke: Gold und Weihrauch, wie es bei Jesaja schon gesagt wird, und Myrre. Drei sehr kostbare und teure Geschenke, königliche Geschenke. Symbolisch sind diese Geschenke auch. Gold ist Symbol von Geld, von weltlicher und wirtschaftlicher Macht. Weihrauch wurde und wird oft von Religionen benützt, in Gottesdiensten. Es riecht gut, und der Rauch geht nach oben und symbolisiert so die Verbindung zwischen Erde und Himmel, zwischen Menschen und Gott. Weihrauch ist also Symbol von Glauben, von Religion. Myrre ist ein wohlriechendes Öl, das benützt wurde um Könige zu salben. Es wird auch mit Liebe und Erotik verbunden, und es wurde benützt um die Toten einzureiben, sie zu balsamieren. Myrre ist also Symbol von dem persönlichen Leben, mit allen Höhen und Tiefen die dazu gehören.
Diese Geschenke umfassen das ganze Leben. Und sie umfassen damit alles, womit ein guter König sich beschäftigen sollte. Geld, Glaube und das persönliche, alltägliche Leben.
Alles was ich bis jetzt erzählt habe, ist vielleicht noch sehr weit weg von uns. Das war lange her, wir wissen sogar nicht ob das alles wirklich so war wie es beschrieben ist. Es hat aber etwas zu tun mit uns. Sogar sehr viel.
Mit diesen Sterndeutern sind auch wir eingeladen diesem kleinen König zu huldigen. Er ist ein König ohne Hauptresidenz. Sein Reich hat keine Grenze. Und das heißt, dass wir alle mitmachen können.
Anders als Herodes übt dieser König keine Macht aus. Er zwingt niemanden dazu, ihn zu ehren oder ihm Geschenke zu geben. Es ist eher umgekehrt, die Menschen kommen freiwillig und wollen etwas von sich verschenken. Weil sie spüren, dass sie bei diesem kleinen Kind etwas gefunden haben, das sie so lange gesucht haben: Befreiung, Heil, Gnade, Sinn.
Wir sind keine Sterndeuter, aber ich denke, dass wir alle die Erfahrung kennen, dass etwas in unserem Leben passiert und dass wir uns fragen, was das bedeutet. Auch wir suchen nach der Bedeutung davon, was wir sehen, davon, was uns passiert. Warum, fragen wir so oft. Zum Beispiel, wenn wir krank werden oder wenn ein geliebter Mensch stirbt. Warum ich? Warum jetzt? Wie soll ich das alles deuten?
Deuten oder suchen nach Bedeutung allein ist aber nicht genug. Es hat eine Gefahr in sich: die Gefahr, dass wir uns hinsetzen, nachdenken, und eigentlich vor allem Sicherheit suchen. Wenn wir wissen, warum so etwas passiert, haben wir Ruhe in unserem Kopf. Alles was uns passiert ist, hat auf jeden Fall einen Sinn. Unser Weltbild war zerstört, jetzt aber können wir es wieder aufbauen und weiter leben.
Warum ist das so gefährlich? Weil wir uns auf diese Weise nur etwas geholt haben. Wir haben uns Bedeutung geholt, und sind ein bisschen weiser geworden. Sonst ändert sich nichts.
Die Sterndeuter machen etwas anderes. Sie holen sich nicht nur eine Bedeutung, sie bringen auch etwas. Sie haben Geschenke mitgenommen und bringen sie dem neugeborenen König. Sie bringen Gold, Weihrauch und Myrre. Sie bringen Geld, sie bringen Glauben, sie bringen ihr ganzes persönliches Leben. Sie bringen was sie haben. Sie verschenken sich selber.
Es gibt eine Werbung, wo behauptet wird, wir hätten nichts zu verschenken. Ich bin damit gar nicht einverstanden. Wir haben etwas zu verschenken. Die Frage ist nur: was? Was haben wir zu verschenken? Was ist unser Gold, unser Weihrauch, unsere Myrre? Was sind unsere Begabungen? Womit können wir dem kleinen König dienen? Das sind ganz andere Fragen als: warum? Und auf andere Fragen kommen ganz andere, persönliche, spannende und neue Antworten. Amen. |