24. Jänner 2010
 

Marise Boon
 

 

Thema: Was ist der Mensch...

 

Ein Lied Davids, zu begleiten auf gatitischem Instrument.
HERR, unser Herrscher!
Groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde!
Deine Hoheit reicht höher als der Himmel.
Aus dem Lobpreis der Schwachen und
Hilflosen baust du eine Mauer,
an der deine Widersacher und Feinde
zu Fall kommen.
Ich bestaune den Himmel,
das Werk deiner Hände,
den Mond und alle die Sterne,
die du geschaffen hast:
Wie klein ist da der Mensch,
wie gering und unbedeutend!
Und doch gibst du dich mit ihm ab
und kümmerst dich um ihn!

Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen;
es fehlt nicht viel, und er wäre wie du.
Du hast ihn zum Herrscher gemacht
über deine Geschöpfe,
alles hast du ihm unterstellt:
die Schafe, Ziegen und Rinder,
die Wildtiere in Feld und Wald,
die Vögel in der Luft
und die Fische im Wasser,
die kleinen und die großen,
alles, was die Meere durchzieht.
HERR, unser Herrscher,
groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde!
Psalm 8

 

Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder von Jakobus, mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen.
Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden strahlend weiß. Und dann sahen sie auf einmal Mose und Elija bei Jesus stehen und mit ihm reden.
Da sagte Petrus zu Jesus: »Wie gut, dass wir hier sind, Herr! Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.«
Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: »Dies ist mein Sohn*, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!« Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde.
Aber Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte: »Steht auf, habt keine Angst!«
Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein.
Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl er ihnen: »Sprecht zu niemand über das, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn vom Tod auferweckt ist.« (Matthäus 17,1-9)

 

Liebe Gemeinde,

Als unser Sohn geboren wurde, und mein Mann und ich das erste Mal alleine mit ihm zu Hause waren, war das ein Moment, den ich nie vergessen werde. Wir freuten uns freilich sehr, waren total stolz auf unser Baby, das natürlich das schönste Kind der Welt war. Wir fühlten uns sehr groß und unverletzbar, denn: wenn wir so ein Kind auf der Welt setzen konnten, war alles möglich.

 

Auf der anderen Seite fühlten wir uns allerdings sehr klein und ängstlich. Ja, hier sind wir, mit unserem Baby, und jetzt? Jetzt sind wir für ihn verantwortlich. Was machen wir, wenn er schreit? Was, wenn er hungrig wird? Stillen, wie geht das eigentlich genau? Und Windeln wechseln, und baden? Und was machen wir, wenn er krank wird?

 

Das Baby, unser Sohn, so empfindlich und klein, machte uns allmächtig und ohnmächtig zu gleicher Zeit.

 

So eine Erfahrung haben viele Menschen manchmal in ihrem Leben. Irgendwann denkt man mal: Wir Menschen können so viel, wir haben so viel Macht, der Mensch kann so viel bewirken. Und doch sind wir so empfindlich, so verletzbar, so klein.

 

Eine Grenzerfahrung heißt das: der Mensch realisiert, dass er sich irgendwo zwischen Himmel und Erde befindet. Mit so viel Macht auf der Erde, aber im Licht des Himmels, oder des Weltalls, ohne Bedeutung.

 

So groß und doch so klein. So klein und doch so groß. Ich könnte viele Beispiele geben, aber wir wissen es alle schon: der Mensch, im Allgemeinen, und auch wir als Personen, sind beides.

 

Vielleicht ist es darum, dass Psalm 8 so beliebt ist. Wir können es nachvollziehen, dass ein Mensch irgendwo in der Wüste ist, die Sterne bestaunt und einen Psalm dichtet. Wie ist es möglich, dass das All so groß ist, dass die Welt so groß ist, dass es mich gibt, und dann noch dazu, dass es einen Gott gibt, irgendwo da oben, der mich kennt und liebt? Wie groß und unfassbar ist das alles!

 

Nun ist es so, dass bei einer Grenzerfahrung, zum Beispiel: die Begegnung mit dem Tod, mit einer Geburt, mit Liebe oder Hass, dass diese Erfahrung meist nur kurz ist. Sie dauert eine Viertelstunde oder maximal ein paar Tage, dann fängt das normale Leben wieder an und ist sie vorbei.

 

Und das ist eigentlich nur gut. Denn in der Spaltung zwischen groß und klein, zwischen Macht und Ohnmacht, kann man nicht funktionieren. Wir können staunen und spüren, aber leben können wir so nicht. Dass die Erfahrung nur kurz ist, gerade das, macht sie bedeutungsvoll. Wenn wir die Erfahrung länger machen möchten, müssten wir leben wie romantische Staunende – sinnvoll handeln könnten wir auf Dauer jedenfalls nicht.

 

Im normalen Alltagsleben müssen wir es vergessen, dass wir beides sind. Wir fühlen uns manchmal groß und mächtig, mit vielen Möglichkeiten, oder klein und bedeutungslos, fast unsichtbar. Wie wir uns fühlen, ist oft abhängig von persönlichen Umständen und psychischen Gegebenheiten.

 

Die Erfahrung, von der Psalm 8 spricht, kann nur kurz sein. Das ist es, warum mir die Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die wir gehört haben, so gefällt. Jesus will beten. Er will dicht bei Gott sein und besteigt darum einen Berg. Gott ist da oben, also sind wir Gott am nächsten, wenn wir hoch sind. So einfach ist das.

 

Auf dem Berg hat Jesus eine wunderbare Erfahrung: er verwandelt sich in etwas, das wir einen Engel nennen würden. Sein Gesicht strahlt wie die Sonne und seine Kleider werden weiß wie das Licht. Es wird noch wunderlicher: es erscheinen Mose und Elija, und sie reden mit ihm. Drei seiner Jünger sind dabei und auch für sie ist es wohl eine wunderbare Erfahrung. Der Petrus, wie immer schneller mit dem Mund als mit seinen Gedanken, sagt: Herr, es ist schön, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für jeden. Petrus will diesen Moment behalten. Er will nicht, dass es vorbei ist. Gut ist es und schön und alle freuen sich. So sollte es sein und so sollte es ewig bleiben.

 

Aber das geht nicht. Es kommt eine Wolke, sie hören Gottes Stimme, und wenn alles fast zu viel für sie wird, ist es vorbei. Sie steigen vom Berg herunter und die Erfahrung ist zur Erinnerung geworden. Eine Erinnerung, worüber sie auch noch mit niemandem reden dürfen. Ein wohl unmöglicher Auftrag, aber vielleicht ist es auch unmöglich um darüber zu reden. Wie sollen sie das erklären, was sie mitgemacht haben? Was ist eigentlich passiert? Wie sollen sie alles interpretieren? Wenn wir davon ausgehen, dass diese Geschichte echt so passiert ist (und für heute lasse ich das so), kann man sagen: Das alles ist erst später klar (jedenfalls: klarer) geworden, nach Tod und Auferstehung Jesu. Jetzt, auf diesem Punkt in der Geschichte, haben sie nur eine Erinnerung an eine unfassbare Erfahrung, ein Höhepunkt, auf dem Berg.

 

Die Erfahrung von groß und klein sein, die überwältigende Erfahrungen von Liebe, Glück, das sind die Höhen des Lebens. Sie bekommen erst ihre Bedeutung, wenn sie mit dem normalen Alltagsleben kontrastieren.

 

Das wirkliche Leben ist nicht auf dem Berg, sondern unten, im Tal. Das andere ist eine glückliche Erinnerung geworden, aus der man leben kann. Als Kontrast: so könnte es sein.

So kann auch die Harmonie, die in Psalm 8 besungen wird, eigentlich nur ihre Bedeutung haben im Kontrast mit anderen Erfahrungen. Wie dieser Gedanke musikalisch verarbeitet wird, hören wir jetzt, in einer modernen Psalmfassung von Zsolt Gardony, komponiert in 1993.

 

Als ich das Stück das erste Mal hörte, war ich ziemlich schockiert. Warum wird die schöne Harmonie des Psalms so unharmonisch? Wieso macht der Verfasser so schwer, was eigentlich leicht und schön sein sollte?

 

Ich denke, er hat das gemacht, weil er den Kontrast, den ich soeben erwähnt habe, zu beschreiben versucht. Ich weiß nicht, ob Sie den Text verstanden haben? Der Text folgt dem Psalm, schiebt aber noch einen Gedanken hinein. Es heißt, wie im Psalm: Gott hat alles gemacht und alles gegeben. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Und dann: ‚doch ach, der Mensch ist von den Wesen allen am tiefsten in die Schuld und Schand gefallen.‘

 

Mit aller Macht und Verantwortlichkeit kann der Mensch gar nicht umgehen. So oft ist die Herrschaft der Menschen missbraucht worden, so tief ist der Mensch gefallen. Übrigens, dieser Text ist 1944 geschrieben worden. Das zu bedenken macht aus dieser theologische Aussage eine sehr konkrete Aussage.

 

Der Text geht weiter: ‚Drum stieg herab von seinem Himmelsthrone Jesus und ward zum wahren Menschensohne. Erniedrigte sich selbst bis in den Tod und wendete der Menschheit Schand und Not.‘  Und zum Schluss wird der Name Jesu Christi gelobt.

 

Es ist also eine Christologie hinzugefügt. Was der Psalm ursprünglich in einer Erfahrung, in einem Seufzen, ausdrückt: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, was ist des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? – das wird in dieser Psalmfassung christologisch gesagt. Der Mensch, von Gott gemeint als Herrscher, das ist: Behüter der Welt, kann nicht umgehen mit seiner Freiheit und Verantwortlichkeit. Besessen von Allmachtsphantasien und Größenwahn beherrscht er die Welt – und scheitert vollkommen.

 

In Christus rettet Gott den Menschen. Er zeigt uns Gottes Gesicht, Gottes Liebe, er zeigt uns, wie der Mensch gemeint ist. Er zeigt, mit seinem Leben und Tod, dass es neue Möglichkeiten gibt, dass man immer neu anfangen kann. Er zeigt, wie es sein könnte. Und das ist ein Grund, Gott lobzusingen – im Text heißt es: Christus‘ Name strahlt, so wie sein Gesicht und seine Kleider auf dem Berg strahlten.

 

Ein Moment kann alles ändern. Eine Erfahrung kann einem ganzen Leben eine andere Farbe geben. Eine schöne Erinnerung kann sehr hilfreich sein um durchzuhalten, wenn das Leben schwer ist.

 

Wir brauchen es, manchmal auf den Berg zu gehen, zu staunen, glücklich zu sein, Schönheit zu genießen, uns zu realisieren wie großartig wir sind, und wie klein und bedeutungslos wir sind. Wir brauchen es, still zu stehen, Gottes Stimme zu hören oder zu suchen, einfach zu sein. Das gibt uns Kraft um wieder herunter zu gehen, zu leben, zu arbeiten, zu lieben, durchzuhalten wenn wir scheitern, wenn wir trauern, wenn wir akzeptieren müssen, dass das Leben nicht schön ist. Der Kontrast zwischen: so ist es halt, und: so kann es sein – erst das macht das Leben lebenswert. Und das will uns Gott immer wieder zeigen. Amen.

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