07. Februar 2010
 

Marise Boon
 

 

Thema: Wer ist wichtig?

 

Naaman, der Heerführer des Königs von Syrien, war an Aussatz erkrankt. Er war ein tapferer Soldat, und der König hielt große Stücke auf ihn, weil der HERR durch ihn den
Syrern zum Sieg verholfen hatte.
In seinem Haus befand sich ein junges Mädchen, das von syrischen Kriegsleuten bei einem Streifzug aus Israel geraubt worden war. Sie war Dienerin bei seiner Frau geworden.
Einmal sagte sie zu ihrer Herrin: »Wenn mein Herr doch zu dem Propheten gehen könnte, der in Samaria lebt! Der würde ihn von seiner Krankheit heilen.«
Naaman ging zum König und berichtete ihm, was das Mädchen gesagt hatte.
»Geh doch hin«, antwortete der König, »ich werde dir einen Brief an den König von Israel mitgeben.«
Naaman machte sich auf den Weg. Er nahm 7 Zentner Silber, eineinhalb Zentner Gold und zehn Festgewänder mit.
Er überreichte dem König von Israel den Brief, in dem es hieß: »Ich bitte dich, meinen Diener Naaman freundlich aufzunehmen und von seinem Aussatz zu heilen.«
Als der König den Brief gelesen hatte, zerriss er sein Gewand und rief: »Ich bin doch nicht Gott! Er allein hat Macht über Tod und Leben! Der König von Syrien verlangt von mir, dass ich einen Menschen von seinem Aussatz heile. Da sieht doch jeder: Er sucht nur einen Vorwand, um Krieg anzufangen!«
Als Elischa, der Mann Gottes, davon hörte, ließ er dem König sagen: »Warum hast du dein Gewand zerrissen? Schick den Mann zu mir! Dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten* gibt!«
Naaman fuhr mit all seinen pferdebespannten Wagen hin und hielt vor Elischas Haus.
Der Prophet schickte einen Boten hinaus und ließ ihm sagen: »Fahre an den Jordan und tauche siebenmal darin unter! Dann bist du von deinem Aussatz geheilt.«
Naaman war empört und sagte: »Ich hatte gedacht, er würde zu mir herauskommen und sich vor mich hinstellen, und dann würde er den HERRN, seinen Gott, beim Namen rufen und dabei seine Hand über der kranken Stelle hin- und herbewegen und mich so von meinem Aussatz heilen.
Ist das Wasser des Abana und des Parpar, der Flüsse von Damaskus, nicht besser als alle Gewässer Israels? Dann hätte ich ja auch in ihnen baden können, um geheilt zu werden!«
Voll Zorn wollte er nach Hause zurückfahren.
Aber seine Diener redeten ihm zu und sagten: »Herr, bedenke doch: Wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, hättest du es bestimmt getan. Aber nun hat er nur gesagt: 'Bade dich, und du wirst gesund!' Solltest du es da nicht erst recht tun?«
Naaman ließ sich umstimmen, fuhr zum Jordan hinab und tauchte siebenmal in seinem Wasser unter, wie der Mann Gottes es befohlen hatte. Da wurde er völlig gesund, und seine Haut wurde wieder so rein wie die eines Kindes.
Mit seinem ganzen Gefolge kehrte er zu Elischa zurück, trat vor ihn und sagte: »Jetzt weiß ich, dass der Gott Israels der einzige Gott ist auf der ganzen Erde. Nimm darum von mir ein kleines Dankgeschenk an!«
Aber Elischa erwiderte: »So gewiss der HERR lebt, dem ich diene: Ich nehme nichts an.« So sehr Naaman ihm auch zuredete, Elischa blieb bei seiner Ablehnung.
Schließlich sagte Naaman: »Wenn du schon mein Geschenk nicht annimmst, dann lass mich wenigstens so viel Erde von hier mitnehmen, wie zwei Maultiere tragen können. Denn ich will in Zukunft keinem anderen Gott mehr Brand- oder Mahlopfer darbringen, nur noch dem HERRN.
In einem Punkt jedoch möge der HERR Nachsicht mit mir haben: Wenn mein König zum Tempel seines Gottes Rimmon geht, um zu beten, muss ich ihn mit dem Arm stützen und mich zugleich mit ihm niederwerfen - der HERR möge es mir verzeihen!«
Elischa sagte: »Kehre heim in Frieden*!«
2.Kön. 5,1-19a

 

Liebe Gemeinde,

 

Wie Sie bestimmt schon bemerkt haben, mag ich die alttestamentlichen Geschichten sehr. Ich mag sie, weil sie, obwohl schon sehr alt, immer noch Menschen zeigen. Menschen, mit Gedanken und Gefühlen, die immer noch erkennbar sind. Und oft, vor allem im Alten Testament, sind die Geschichten so lebhaft erzählt, dass man fast sehen kann, was alles passiert. Wie im Kino.

 

So ist auch diese Geschichte Naamans geschrieben. Es ist eine positive und komische Geschichte, und wir lernen auch noch etwas davon. Das ist doch ideal, oder nicht?

 

Es geht in dieser Geschichte um Macht, oder besser noch: um Wichtigkeit. Menschen, die wichtig sind oder Menschen, die sich wichtig benehmen. Und das ist immer noch aktuell. Ich nenne nur internationale Gipfeltreffen, oder, kleiner: den Opernball. Sonst brauche ich gar nichts mehr zu sagen.

 

Die Hauptpersonen in der biblischen Geschichte sind alles wichtige Männer: Könige, ein Prophet, ein Heerführer des Königs. Sie sind wichtig und das zeigen sie. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte, und darum erzähle ich sie nochmals, mit meinen eigenen Worten, und sage dazu, was mir wichtig ist zu erzählen.

 

Naaman ist ein Aramäer. Er ist der Heerführer des Königs von Aram, das ist Syrien. Die Aramäer sind Feinde von Israel; sie haben Menschen aus Israel verschleppt und sie zu Sklaven und Sklavinnen gemacht. Naaman ist ein bedeutender Mann und ist angesehen, weil er ein tapferer Soldat ist und Sieg gebracht hat für die Aramäer. Die Geschichte, geschrieben von israelischen Menschen, erzählt, dass der Herr, der Gott von Israel, ihm Sieg verliehen hat. Das weiß Naaman aber noch nicht. Er denkt, dass er das selber gemacht hat, vielleicht noch mit Hilfe seines eigenen Gottes, Rimmon.

 

Dieser wichtige Mann hat ein Problem: er hat Aussatz. Wir wissen nicht genau, was das bedeutet. Eine Krankheit der Haut auf jeden Fall. Wahrscheinlich ansteckend. Und es ist nicht zu heilen. Seine Frau hat aber eine israelische Sklavin. Sie erzählt, dass es in Israel einen Propheten gibt, der ihn heilen könnte. Warum sagt sie das eigentlich? Weil sie ihn mag? Oder weil sie zeigen möchte, dass ihr Land, dass ihre Landsleuten auch wichtig sind, obwohl sie keine Sieger sind? Vielleicht beides.

 

Naaman tut etwas, das ungewöhnlich ist: er hört auf seine Sklavin, oder auf seine Frau.

 

Er sagt seinem Herrn, dem König, dass es in Israel einen Propheten gibt, der ihn heilen könnte. Der König ist ein sehr wichtiger Mann, und er weiß, wie man so etwas machen muss: er schreibt dem König Israels einen Brief.

 

Dieser Brief ist wirklich sehr lustig: es heißt: Servus Kollege! Ich habe meinen Diener Naaman zu dir gesendet, damit du ihn von seinem Aussatz befreist. Punkt.

 

Könige unter einander. Ich habe ein kleines Problem und du hast die Lösung, habe ich gehört, also: fix das, bitte.

 

Der König Israels ist ‚not amused‘. Er denkt, dass er selber den Mann heilen muss, und kann das freilich gar nicht. Er traut dem Ganzen nicht und denkt, dass der aramäische König nur einen Anlass zum Streit sucht. Dieser König von Israel ist kein guter König. Er beschäftigt sich nur mit sich selbst und mit seiner Macht. Er weiß gar nicht, dass es in Israel einen Propheten gibt, der heilen kann. Das junge Mädchen weiß das, er aber nicht. Er ist zu hoch, zu wichtig, um noch zu wissen, was in seinem Land gedacht oder wie gehandelt wird.

 

Elischa aber, der Prophet, der Gottesmann, hört, was passiert ist. Er ist auch ein wichtiger Mann. Auch er hat Diener, die er zum König senden kann und er lässt fragen: König, weißt du nicht mehr, dass es Propheten gibt in deinem Land? Du brauchst nicht alles selber zu machen, du hast Hilfe, weißt du noch?

 

Vielleicht denken wir jetzt: Was ist das für ein dummer König, dass er das alles gar nicht mehr weiß. So dumm ist das aber nicht. Das passiert oft bei Menschen, die verantwortlich sind oder sich verantwortlich fühlen. Sie arbeiten hart und vergessen immer mehr, dass sie nicht alleine sind. Dass sie nicht alles alleine machen sollten. Dass sie einfach fragen könnten oder delegieren. Sie sehen nur noch, was alles getan werden muss, und sehen nicht mehr, wer das alles tun könnte. Sie machen immer mehr selber und werden immer einsamer. Es ist die große Gefahr für Menschen mit Verantwortlichkeit. Das ist so in unserer Kirche, es ist so in großen Firmen, es ist so bei der Regierung. Verantwortliche Menschen brauchen andere verantwortliche Menschen, die sagen: hallo, ich bin auch noch da und ich kann helfen! Weißt du noch?

 

So tut Elischa und der König freut sich wahrscheinlich sehr und sendet Naaman zu Elischa. Und dann wird die Geschichte erst wirklich lustig. Naaman kommt mit seinem Wagen und seinen Pferden, steigt aus und läutet an der Tür. Jetzt kommt endlich dieser berühmte Heiler, denkt er. Aber nein. Es kommt ein Diener, der sagt: geh, und wasch dich sieben Mal im Jordan. Dann wird dein Leib wieder rein sein.

 

Naaman ist sehr beleidigt. Er, ein wichtiger Mann, kommt aus dem Ausland hierhin, um von einem wichtigen Propheten geheilt zu werden. Und jetzt muss er baden in diesem winzigen Strom? In seinem Land gibt es Flüsse, den Abana und den Parpar. Wir können es vergleichen mit der Donau einerseits und der Liesing anderseits. Das ist doch nichts! Darin kann ich gar nicht baden! Und ich will es auch nicht. Ich will eine Wohlfühlbehandlung, mit Ritualen und Streichungen. Ich will nicht weggeschickt werden wie ein kleines Kind.

 

Wiederum passiert etwas ganz Ungewöhnliches: seine Diener reden mit ihm und er hört auf sie. Sie beruhigen ihn, sagen: komm, so schlimm ist es doch nicht, es ist ganz einfach, man kann nie wissen, versuch es doch! Naaman vergisst seinen Stolz und tut, was ihm gesagt ist.

 

Und tatsächlich, er wird gereinigt. Gereinigt sein ist nicht das Gleiche wie gesund sein. Es ist mehr. Der Körper wird geheilt, etwas geschieht aber auch mit dem Geist. In der biblischen Sprache ist Reinheit: bereit sein Gott zu begegnen. Vorbereitet sein. Die jüdischen Gesetze kennen viele Reinheitsgesetze. Darin geht es um Hygiene, um Sauberkeit und Gesundheit. Man bewirkt damit aber auch einen Übergang zwischen dem Alltäglichen und dem Heiligen. Im alltäglichen Leben wird man schmutzig, wird man krank, wird man unrein. Kein Problem, das gehört dazu. Um aber Gott zu begegnen, muss man sich reinigen. Saubere Kleidung anziehen, sich waschen, sich dadurch auch im Kopf vorbereiten auf eine Begegnung mit Gott. Rein sein ist vorbereitet sein.

 

Wir haben das eigentlich total verloren. Im Neuen Testament werden diese Reinheitsgesetze kritisiert, weil man sich damit so beschäftigte, dass es ein Zweck an sich geworden war. Man hatte vergessen, dass der Zweck nicht Reinheit war, sondern Gottesbegegnung. Die christliche Lehre hat betont, dass Gott immer zu begegnen ist. Jetzt aber gibt es wenig mehr von dieser Heiligkeit und dieser Vorbereitung. Wer bereitet sich noch vor, um Gott zu begegnen? Wer zum Beispiel hat noch echte Kirchenkleidung, nur für den Sonntag? Rituelle Waschungen, so wie die Juden und die Muslime sie machen, sind nicht umsonst. Etwas von dieser Vorbereitungszeit möchte ich manchmal auch haben. Denn am Sonntagmorgen gibt es allzu oft zu viel Stress um wirklich vorbereitet zu sein. Und erst wenn wir vorbereitet sind, sind wir auch offen. Ohne Offenheit ist eine Begegnung gar nicht möglich. Bei unseren Gottesdiensten ist es immer wieder eine Herausforderung, alles, was wir noch im Kopf haben, los zu werden, für eine Stunde zu vergessen, und offen zu werden für Gottes Wort. Wie machen wir das? Es wäre gut, darüber mal nachzudenken.

 

Naaman taucht sieben Mal in den Jordan ein. Und sein Leib wird wieder wie der Leib eines jungen Knaben, und er ist rein. Sein Leib ist gesund, und er ist rein. Zwei Ereignisse. Das erste Ereignis war gewünscht, das zweite kommt noch dazu. Ich denke aber, dass das zweite nicht ein Wunder war wie seine Heilung. Er selbst hat es bewirkt, indem er sich nicht zu wichtig gefühlt hat, um seinen Dienern zuzuhören. Indem er seinen Stolz ignoriert hat.

 

Er macht sich klein, statt sich immer groß zu machen. Wie die Könige. Sich klein machen, sich nicht zu gut fühlen für irgendwas, sich wieder in Erinnerung zu bringen, dass man ein Mensch ist, das alles ist schon Reinigung. Vorbereitung. Die Bedingung zur Gottesbegegnung.

 

Dass er wirklich ein anderer Mensch geworden ist, zeigt er in seine Dankbarkeit. Er geht zurück zu Elischa und sagt, dass er ab jetzt den Gott Israels als seinen Gott annimmt. Er will Elischa Geschenke geben, aber der will sie nicht annehmen. Er beschreibt sich selber als den Diener Elischas. Und er möchte eine Fuhr Erde mitnehmen. Israelische Erde, um dem Gott Israels opfern zu können.

 

Vorher war er ein stolzer, wichtiger Mann. Er hat das fremde Land verachtet, er hat das Wasser in Israel verachtet. Jetzt ist er ein Diener, und nimmt sogar Erde aus Israel mit nach Hause.

 

Er hat sich total geändert. Er hat gelernt, dass wirklich wichtige Personen ihre Diener, ihre Mithelfer und Mitarbeiter schätzen müssen. Er hat gelernt, dass Gott am wichtigsten ist, nicht der Mensch, das Land oder die Karriere. Oder die Kirche, könnten wir noch dazu sagen.

 

Was ist wichtig? Wer ist wichtig? Die wirklichen Hauptpersonen in dieser Geschichte sind die Diener. Sie treffen die Entscheidungen. Sie sagen die wichtigsten Dingen. Sie zeigen ihren Herrschern den Weg zu Gott.

 

Und was machen wir? Fühlen wir uns wichtig? Oder sind wir wichtig? Beschäftigen wir uns nur noch mit allen unseren wichtigen Sachen, oder nehmen wir uns auch noch Zeit, uns zu reinigen, uns vorzubereiten, offen zu werden für Gott und für unsere Mitmenschen? Sind wir noch Menschen, die Gott begegnen können? Die noch auf einander hören können? Das sind Fragen, die wir mitnehmen können, in die Woche hinein. Amen.

 

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