21. Februar 2010
 

Marise Boon
 

 

Thema: Verbotene Früchte.

 

Die Schlange war das klügste von allen Tieren des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie fragte die Frau: »Hat Gott wirklich gesagt: 'Ihr dürft die Früchte von den Bäumen im Garten nicht essen'?«

»Natürlich dürfen wir sie essen«, erwiderte die Frau,
»nur nicht die Früchte von dem Baum in der Mitte des Gartens. Gott hat gesagt: 'Esst nicht davon, berührt sie nicht, sonst müsst ihr sterben!'«
»Nein, nein«, sagte die Schlange, »ihr werdet bestimmt nicht sterben!

Aber Gott weiß: Sobald ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet alles wissen, genau wie Gott. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.«
Die Frau sah den Baum an: Seine Früchte mussten köstlich schmecken, sie anzusehen war eine Augenweide, und es war verlockend, dass man davon klug werden sollte! Sie nahm von den Früchten und aß. Dann gab sie auch ihrem Mann davon, und er aß ebenso.
Da gingen den beiden die Augen auf, und sie merkten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze.
Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott, der HERR, durch den Garten ging. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott zwischen den Bäumen.
Aber Gott rief nach dem Menschen: »Wo bist du?«
Der antwortete: »Ich hörte dich kommen und bekam Angst, weil ich nackt bin. Da habe ich mich versteckt!«
»Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?« fragte Gott. »Hast du etwa von den verbotenen Früchten gegessen?«
Der Mensch erwiderte: »Die Frau, die du mir an die Seite gestellt hast, gab mir davon; da habe ich gegessen.«
Gott, der HERR, sagte zur Frau: »Was hast du da getan?«
Sie antwortete: »Die Schlange ist schuld, sie hat mich zum Essen verführt!«
Da sagte Gott, der HERR, zu der Schlange:
»Verflucht sollst du sein wegen dieser Tat!
Auf dem Bauch wirst du kriechen
und Staub fressen dein Leben lang -
du allein von allen Tieren.«
Gen. 3,1-14 

 

Danach führte der Geist Gottes Jesus in die Wüste, wo er vom Teufel auf die Probe gestellt werden sollte.
Nachdem er vierzig Tage und Nächte gefastet* hatte, war er hungrig.
Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: »Wenn du Gottes Sohn* bist, dann befiehl doch, daß die Steine hier zu Brot werden!«
Jesus antwortete: »In den Heiligen Schriften steht: 'Der Mensch lebt nicht nur von Brot; er lebt von jedem Wort, das Gott spricht.'«
Darauf führte der Teufel ihn in die heilige Stadt Jerusalem, stellte ihn auf den höchsten Punkt des Tempels
und sagte: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann spring doch hinunter; denn in den Heiligen Schriften steht: 'Deinetwegen wird Gott seine Engel schicken, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du dich an keinem Stein stößt.'«
Jesus antwortete: »In den Heiligen Schriften heißt es auch: 'Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht herausfordern.'«
Zuletzt führte der Teufel Jesus auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt in ihrer Größe und Pracht
und sagte: »Dies alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.«
Da sagte Jesus: »Weg mit dir, Satan*! In den Heiligen Schriften heißt es: 'Vor dem Herrn, deinem Gott, wirf dich nieder, ihn sollst du anbeten und niemand sonst.'«
Darauf ließ der Teufel von Jesus ab, und Engel kamen und versorgten ihn.
Mt. 4,1-11

 

 

Liebe Gemeinde,

Die zwei Bibelstellen, die wir soeben gehört haben, könnten nicht unterschiedlicher sein. Und doch sind sie einander sehr ähnlich. Sie sind als Kontrast zueinander zu verstehen, und ich kann sie heute nur in Kontrast miteinander besprechen. Auf der einen Seite: Der Garten Eden, das Paradies. Überall Bäume, Obstbäume sogar, es gibt Essen, so viel man will, überall sind Tiere und alles ist nur schön und friedlich. Dieser Garten ist der große Wunschtraum von vielen: so sollte das Leben sein. Alles ist schön und unschuldig. Hier gibt es keine Spinnen und Gelsen und Schnecken – nur Hasen und Vögel und Schmetterlinge – und eine Schlange.

 

Das Paradies also ist warm und fruchtbar, friedlich und sicher. Hier spielen der Mann und seine Frau. Sie entdecken, was es alles gibt, sie essen und schlafen, wenn sie das brauchen – und das ist ihr Leben.

 

An der anderen Seite des Spektrums: die Wüste. Es gibt nur Sand und Steine, ein paar ungenießbare Pflanzen vielleicht und Einsamkeit. Und es gibt einen Menschen, ganz alleine, ohne Essen, in einer unangenehme Stille, und totale Verlassenheit. Er spielt nicht, er geht in sich. Er denkt nach über seinen Auftrag in der Welt. Wie sein Leben aussehen wird, was er tun soll. Und er hungert.

 

Die zwei Menschen im Garten und der eine Mensch in der Wüste werden getestet, versucht. Die zwei Menschen werden verlockt, der eine nicht.

 

Beide Geschichten sind mythische Erzählungen, voller Symbolik und Bedeutung. Und beide Geschichten sind so bekannt, dass es schwierig ist, sie unbelastet davon, was wir schon (meinen zu) wissen, zu hören.

 

Beide Geschichten sind auch Antworten auf Fragen. Wie ist es möglich, dass ein guter Gott die Welt geschaffen hat, und dass es trotzdem so viel Pein, Leid, Katastrophen gibt? lautet die erste Frage. Wie ist es möglich, dass ein Mensch, der angeblich Gottes Sohn ist, seine göttliche Macht nicht für sich selbst benutzt hat? lautet die zweite Frage.

 

Und auf beide Fragen gibt es eine Antwort, die zugleich keine Antwort ist, indem sie eine Erzählung ist und deshalb auf viele Weisen zu interpretieren. Wir bekommen keine eindeutigen Antworten. Wir bekommen eine Geschichte.

 

Zuerst die Geschichte vom Sündenfall. Sie soll die Antwort sein auf die Frage, woher doch alles Leid komme, wenn ein guter Gott die Welt geschaffen habe. Allzu oft ist der Fehler gemacht worden, diese Erzählung als geschichtlich, als historisch, zu verstehen. Was dann herauskommt, ist etwas Inakzeptables: die Erbsünde, die dann so verstanden wird: es gibt Leid auf der Welt, weil es vor lange Zeit zwei Menschen gegeben hat, die einen Fehler gemacht haben. Ihr Fehler hat sie so korrumpiert, dass diese Schuld an jede Generation weitergegeben wird. Wir haben also Schuld, weil unsere Ururururgroßeltern sich schuldig gemacht haben. Meiner Meinung nach ist so eine Konstruktion inakzeptabel. Wie können wir für etwas verantwortlich sein, was vor langer Zeit passiert ist? Immer wieder bin ich erstaunt, wie hartnäckig dieser Gedanke ist. Immer noch wird von manchen Menschen so gedacht.

 

Nein, es ist eine Universalgeschichte. Nicht zwei Menschen, lange her, sondern der Mensch im Allgemeinen tut so, wie es hier beschrieben ist. In einem Garten voller Essen, voller Genuss, will der Mensch gerade das haben, was er nicht haben darf. Oder haben kann. Das Mögliche ist nicht interessant, die wahre Herausforderung ist doch, das Unmögliche zu bewirken. Das hat der Mensch sehr weit gebracht, wir haben vieles bewirkt, aber damit zerstören wir auch uns selbst und unsere Erde. Wir wollen das, was wir nicht haben können. ‚Mein Handy ist toll, aber das Handy meines Kollegen ist viel toller.’ Immer mehr, immer besser, immer schneller, immer teurer wollen wir.

 

So ist der Mensch, und so war er vom Anfang an. Wir brauchen nicht so viel, um verlockt, getäuscht zu werden, so wie die Frau sagte. Der eine Baum, zwischen allen anderen Bäumen, ist gerade deshalb so interessant, weil er verboten ist. Erkenntnis zu haben von Gut und Böse. Das klingt spannend, vor allem wenn man nicht weiß, was gut und böse ist. Die Menschen brauchen nicht so viel, um verlockt zu werden. Nur eine Schlange, die sagt: wenn du von diesem Baum isst, wirst du sein wie Gott.

 

Sein wie Gott. Gut und Böse erkennen. Warum will der Mensch das überhaupt? Ich denke, weil wir dann nicht mehr abhängig sein müssen. Weil wir dann alles durchschauen werden. Weil wir nie mehr falsche Entscheidungen treffen werden.

 

Wenn wir wissen, was gut ist und was böse, müssen wir uns nie mehr ärgern, weil wir etwas so gut gemeint hatten, es aber trotzdem total schief läuft. Wir bestimmen alles, durchschauen alles, haben alles in unserer Hand, scheitern nie mehr und sind gewaltig. Wer will das nicht?

 

So geht es aber nicht. Das einzige, das der Mensch weiß, wenn einmal seine Augen geöffnet sind, ist, wie klein und empfindlich und nackt wir sind. Wieso gewaltig? Die Welt ist kein Paradies: neues Leben wird nur mit vielen Schmerzen geboren und für unser Brot müssen wir hart arbeiten. Nichts geht von selber. Das Leben ist hart. Wir sind nicht wie Gott – das lernen wir jedes Mal, wenn wir versuchen, wie Gott zu sein.

 

Dass der Mensch stirbt, ist nicht, weil er von Gott bestraft wird. Der Tod ist keine Strafe. Der Mensch entdeckt nur, dass er sterben muss, dass er sterblich ist. Der Tod im Alten Testament, jedenfalls in den ältesten Teilen, ist etwas anderes als was wir über den Tod denken. Der Tod, so glaubte man damals, ist die endgültige Trennung von Gott. Die Sünde ist, dass wir uns jedes Mal von Gott weg bewegen, uns von ihm trennen. Der Tod ist das endgültige Resultat von diesem Prozess. Gott ist ein Gott von Lebenden, nicht von Toten.

 

Die Geschichte vom Sündenfall beschreibt also die Tatsache. Die Realität ist so, wie es nach dem Sündenfall aussah: harte Arbeit, Schmerzen, Tod. So war das Leben ursprünglich nicht gemeint, ist die Aussage. Die Welt ist gut und könnte gut sein – durch die Sünde aber haben wir sie selber so gemacht wie sie ist. Und das machen wir immer wieder. Der Mensch ist universal gedacht – alle Menschen. Und auch die Sünde ist universal gedacht. Die Sünde ist eine Tatsache, nicht ein moralisches Vergehen. Es sind nicht die persönlichen Fehler, die wir machen, oder die Unsitten, die wir alle haben. Die Sünde ist die Tatsache, dass der Mensch nicht in der Lage ist, mit Gott zu leben. So ist es halt, damit müssen wir leben lernen. Wir leben von Gott getrennt, und trennen uns nur mehr von ihm, indem wir wie Gott sein wollen.

 

In großem Kontrast zu diesen Aussagen über den Menschen steht die andere Erzählung. Ein Mensch geht in die Wüste. Es ist leer, heiß, einsam, er ist hungrig. Vierzig Tage lang ist er da. Und dann kommt der Teufel, um ihn zu versuchen.

 

Jesus wird also getestet. Von ihm wird gesagt, er sei Gottes Sohn. Im Matthäusevangelium wird das gerade vor diesem Abschnitt gesagt, wenn bei der Taufe Jesu eine Stimme aus dem Himmel klingt, die sagt: dies ist mein geliebter Sohn.

 

Die Geschichte gibt uns eine Antwort auf die Frage: Was heißt das, Gottes Sohn zu sein? Wir würden sagen: man ist dann wie Gott, mit der Macht, alles so zu bewirken, wie man das will. Das Wort für Teufel, diabolos, kommt ursprünglich aus der juristischen Welt: es ist der Ankläger. In dem Sinn kann man also sagen, dass Gott der Richter ist, und der Teufel klagt. Der Teufel testet, ob Jesus wirklich Gottes Sohn ist. Er schlägt Jesus vor, seine göttliche Macht zu benutzen. Wenn du hungrig bist, dann mache Brot aus diesen Steinen! Jesus will es nicht. Er sagt: ich vertraue auf Gott – ich lebe von dem, das Gott mir gibt. Ich bin kein Wundermann, der seine Macht für sich selbst benutzt.

 

Dann beweise mir, dass du Gottes Sohn bist, sagt der Teufel. Stürze dich vom Tempel hinab. Du wirst niemals fallen. Und der Teufel zitiert sogar die Schrift. Jesus aber erwidert: ich werde Gott nicht versuchen, seine Macht zu zeigen um mich zu retten. Ich brauche keine Beweise. Ich vertraue auf Gott.

 

Dann sagt der Teufel direkt: bete mich an. Ich werde dir alles geben. Aber auch Reichtum und Macht können Jesus nicht versuchen. Ich diene nur Gott, sagt er.

 

Was passiert hier eigentlich? Dass Jesus nicht tun will, was der Teufel ihm sagt, ist klar. Aber es ist mehr. Jesus zeigt, wie er wirklich Gottes Sohn ist. Nämlich indem er gerade nicht wie Gott sein will. Menschen wollen wie Gott sein, wollen Macht und Kontrolle haben, wollen alles im Griff haben und unabhängig sein. Die Tragik ist, dass dieses Denken uns nicht näher zu Gott bringt, sondern uns von ihm trennt.

 

Jesus will nicht wie Gott sein. Er bleibt Mensch. Er sucht keine Macht, keine Kontrolle, keinen Griff. Er vertraut vollkommen auf Gott – zeigt sich völlig von ihm abhängig. So ist er Gott ganz nahe und so zeigt er Gottes Gesicht. In diesem Sinn ist er wahrlich Gottes Sohn.

 

Wenn wir wie Gott sein wollen, wirklich wie Gott sein wollen, müssen wir Menschen bleiben. Müssen wir darauf vertrauen, dass wir als Menschen von Gott geliebt werden. Dass er uns als Menschen gemeint hat, nicht als Götter. Als freie Menschen, die in Freiheit sich entscheiden können, Gottes Liebe zu akzeptieren und zu beantworten.

 

Und vielleicht, vielleicht, wird es dann einmal wieder so, wie es war: die Welt ein Garten, voller Reichtum, und Gott, der uns ruft, mit ihm einen Abendspaziergang zu machen. Amen 

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