07. März 2010
 

Marise Boon
 

 

Thema: Blindes Vertrauen

 

Einige Zeit danach geschah es: Gott stellte Abraham auf die Probe.
»Abraham!« rief er.
»Ja?« erwiderte Abraham. »Nimm deinen Sohn«, sagte Gott, »deinen einzigen, der dir ans Herz gewachsen ist, den Isaak! Geh mit ihm ins Land Morija auf einen Berg, den ich dir nennen werde, und opfere ihn mir dort als Brandopfer*.«
Am nächsten Morgen stand Abraham früh auf. Er spaltete Holz für das Opferfeuer, belud seinen Esel und machte sich mit seinem Sohn auf den Weg zu dem Ort, von dem Gott gesprochen hatte. Auch zwei Knechte nahm er mit.
Am dritten Tag erblickte er den Berg in der Ferne.
Da sagte er zu den Knechten: »Bleibt hier mit dem Esel! Ich gehe mit dem Jungen dort hinauf, um mich vor Gott niederzuwerfen; dann kommen wir wieder zurück.«
Abraham packte seinem Sohn die Holzscheite auf den Rücken; er selbst nahm das Becken mit glühenden Kohlen und das Messer. So gingen die beiden miteinander.
Nach einer Weile sagte Isaak: »Vater!«
»Ja, mein Sohn?«
»Feuer und Holz haben wir, aber wo ist das Lamm für das Opfer?«
»Gott wird schon für ein Opferlamm sorgen!«
So gingen die beiden miteinander.
Sie kamen zu dem Ort, von dem Gott zu Abraham gesprochen hatte. Auf dem Berg baute Abraham einen Altar und schichtete die Holzscheite auf. Er fesselte Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf den Holzstoß.
Schon fasste er nach dem Messer, um seinen Sohn zu schlachten,
da rief der Engel des HERRN vom Himmel her: »Abraham! Abraham!«
»Ja?« erwiderte er,
und der Engel rief: »Halt ein! Tu dem Jungen nichts zuleide! Jetzt weiß ich, dass du Gott gehorchst. Du warst bereit, mir sogar deinen einzigen Sohn zu opfern.«
Als Abraham aufblickte, sah er einen einzelnen Schafbock, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte. Er ging hinüber, nahm das Tier und opferte es anstelle seines Sohnes auf dem Altar.
Er nannte den Ort »Der HERR sorgt vor«. Noch heute sagt man: »Auf dem Berg des HERRN ist vorgesorgt.«
Genesis 22,1-14

 

Da gingen Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, zu Jesus hin und sagten zu ihm: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst!«
»Was möchtet ihr denn?« fragte sie Jesus. »Was soll ich für euch tun?«
Sie sagten: »Wir möchten, dass du uns rechts und links neben dir sitzen lässt, wenn du deine Herrschaft angetreten hast!«
Jesus sagte zu ihnen: »Ihr wisst nicht, was ihr da verlangt! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?«
»Das können wir!« sagten sie.
Jesus erwiderte: »Ihr werdet tatsächlich den gleichen Kelch trinken wie ich und mit der Taufe getauft werden, die mir bevorsteht.
Aber ich kann nicht darüber verfügen, wer rechts und links neben mir sitzen wird. Auf diesen Plätzen werden die sitzen, die Gott dafür bestimmt hat.«
Die anderen zehn hatten das Gespräch mit angehört und ärgerten sich über Jakobus und Johannes.
Da rief Jesus alle zwölf zu sich her und sagte: »Ihr wisst: Die Herrscher der Völker, ihre Großen, unterdrücken ihre Leute und lassen sie ihre Macht spüren.
Bei euch muss es anders sein! Wer von euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen.
Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben.«
Markus 10,35-45

 

Liebe Gemeinde,

Die Bibelgeschichte, die wir gerade hörten, worin Abraham seinen Sohn Isaak als Brandopfer darbringen soll, geht immer noch unter die Haut. Ich kann es kaum lesen. Es ist gut, dass wir alle schon wissen, wie die Geschichte endet, sonst ist es fast unerträglich.

 

Ich glaube nicht, dass ich die einzige bin, bei der wütende Fragen kommen: welcher Vater tut so etwas? Welcher Gott tut so etwas? Was ist das für ein Test? Auch wenn man Gott ist, darf man so etwas nicht fragen. Gott ist gemein in dieser Geschichte, und Abraham unmenschlich brav – und darum unmenschlich. Was können wir noch mit unserer Religion anfangen, wenn der Gründer der monotheistischen Religion, sozusagen, kein Mensch ist, sondern eine gefühlslose Maschine? Was können wir noch mit unserem Glauben anfangen, wenn der Gott, an den wir glauben, verlangen kann, unser Kind zu schlachten? Wie war das mit dem liebenden Gott?

 

Diese Fragen verhindern allerdings ein gutes Zuhören. Wir vergessen dann leicht, dass die Geschichte erzählt, dass Isaak nicht geopfert wird. Dass Gott also gerade das nicht will.

Wir vergessen leicht, dass diese Geschichte ein Meisterstück der Erzählkunst ist, gerade weil sie so spannend und verwirrend ist. Und weil wir alle schon wissen, wie sie endet.

 

Ich sage es fast jedes Mal, wenn ich predige, weil es meiner Meinung nach so wichtig ist und so oft vergessen wird: was will uns die Geschichte erzählen? Was sollen wir daraus lernen?

Was ist denn das Beispiel, das Abraham uns zeigt? Sollen wir etwa blind gehorchen, wenn wir meinen, dass Gott von uns verlangt, etwas Schreckliches zu tun? Sollen wir unser Denken vielleicht überhaupt ausschalten?

 

Nein, die ganze Geschichte ist ein Beispiel von Abrahams grenzenlosem Vertrauen. Es geht nicht darum, dass ihm gesagt wird, einen Menschen zu ermorden. Es geht darum, dass ihm gesagt wird, seine Zukunft aufzugeben und seine Hoffnung, und nur Gott zu vertrauen.

 

Stellen Sie sich vor: Abraham hat eines Tages von einem ihm unbekannten Gott den Auftrag bekommen, seinen Wohnort zu verlassen, seine Familie zu verlassen, um mit einer völlig unsicheren Reise anzufangen. Die einzige Sicherheit, die er dabei hat, ist Gottes Versprechen: du wirst zu einem großen Volk werden und ein eigenes Land haben.

 

Abraham geht. Obwohl er keine Kinder hat, die ein großes Volk werden könnten. Obwohl er schon ziemlich alt ist. Obwohl seine Frau keine Kinder bekommen kann. Er geht. Er vertraut auf Gott. Und lesen Sie die ganze Geschichte mal nach: immer, wenn er anfängt, sich selber etwas Gescheites zu überlegen, geht es schief. Er versucht, seine Frau für seine Schwester auszugeben, damit ein König ihn nicht tötet: es wird nur Streit, Verwirrung und Ärger. Er versucht, mit Hilfe einer Sklavin einen Sohn zu bekommen: es wird nur Streit und Ärger. Gott hat andere Ideen, und für Gott ist nichts unmöglich. Das Vertrauen Abrahams führt zum Segen, sein eigenmächtiges Auftreten führt zu nichts. 

 

Abraham hat das gelernt. Obwohl er und seine Frau schon uralt waren, haben sie noch einen Sohn bekommen. Isaak – und aus ihm wird also das große Volk werden. In Isaak ist nun Abrahams ganze Hoffnung verkörpert. Isaak, jung und gesund, ist schon das Volk, das Land, die Verheißung des Herrn.

 

Und ausgerechnet das verlangt Gott nun aufzugeben. Peinlich klar sagt er es, unmöglich um nicht zu verstehen, wen er meint: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, Isaak, und geh, und bring ihn als Brandopfer dar. Anders gesagt: wer ist deine ganze Hoffnung: dein Sohn, oder ich, dein Gott? Kannst du es noch einmal, nun du weißt, dass ich mein Versprechen gehalten habe; kannst du es noch einmal: alles aufgeben und gehen wohin ich dich führe?

 

Kinderopfer gab es übrigens tatsächlich in jener Zeit. Ich denke, mit diesem Gedanken im Hinterkopf: geben wir Gott das Allerwichtigste, unsere Zukunft und Hoffnung. Es kommt Gott zu. Das war allerdings bei anderen Religionen, bei anderen Göttern. Von dem Gott der Bibel hören wir nicht, dass er so etwas Schreckliches verlangt. Nur hier.

 

Und Abraham tut was ihm gesagt ist. Er nimmt seinen Sohn und geht. Unabwendbar schreitet die Geschichte fort. Es hat Ähnlichkeiten mit den Autoraces, die man in Jugendbanden manchmal organisiert: zwei Personen fahren mit einem Wagen aufeinander zu, möglichst hart. Einer muss stoppen, sonst gibt es einen Unfall. Aber keiner will der erste sein, der aufgibt. Keiner will ein Feigling sein. Es ist besser, einen tödlichen Unfall zu haben, als ein Feigling zu sein.

 

So ist es auch hier. Die spannende Frage ist: wer gibt auf? Wer greift hier ein? Wie weit gehen die beiden noch, in ihren Anforderungen aneinander? Gott zwingt einem Menschenopfer ab. Abraham zwingt einem göttlichen Eingriff ab.

 

Es ist so schön erzählt und so spannend. Abraham sagt zu seinen Knechten: wir kommen zurück. Glaubt er das, oder täuscht er seinen Knechten etwas vor? Wir wissen es nicht. Abraham geht weiter, mit seinem Sohn. Mit Holz und einem Messer. Sein Sohn fragt: wo ist das Lamm, das wir brauchen? Abraham sagt: Gott selbst wird sich das Lamm ausersehen, mein Sohn. Glaubt er das, oder täuscht er seinem Sohn etwas vor? Wir wissen es nicht. Und Gott weiß es auch nicht.

 

Weiter gehen die beiden. Sie kommen auf den Berg. Abraham baut den Altar. Er schichtet das Holz auf. Er fesselt seinen Sohn und legt ihn auf den Altar. Wie viel weiter wird dieses Spiel noch gehen? Hört auf, ihr beiden! rufen alle Zuhörer. Er nimmt sein Messer. Und dann endlich, wirklich im letzten Moment, gibt Gott auf. „Ist schon gut, ist schon gut! Ich glaube dir! Dein Vertrauen in mich ist tatsächlich groß. Hör jetzt auf, ich gebe dir ein Opfertier.“  

 

Das war knapp. Das war spannend. Und wir Zuhörer werden nie wissen, was die beiden: Gott und Abraham, sich wirklich gedacht haben. War Gott eifersüchtig? Musste er unbedingt wissen, wer am Wichtigsten war? War es ein Test? Oder war es eine Warnung, eine Erinnerung an Abraham: pass auf, denke nun nicht, dass du es ohne mich, Gott, auch schaffen wirst, das Land und das Volk zu haben. Vergisst du nicht, von wem du alles bekommen hast, und wie empfindlich deine Hoffnung immer noch ist? Schaffst du es immer noch, alles aufzugeben und mir nachzugehen? Vertraust du mir immer noch?

 

Und Abraham? Handelte er wie eine Maschine, gehorchte er wie ein Sklave? Ohne Wahl, ohne nachzudenken? Oder stellte er Gott auf die Probe? Wir wissen es nicht. Ich hoffe das letzte. Und das schönste ist: Beides gilt als Beweis für Abrahams blindes Vertrauen in Gott. Wenn er tatsächlich seinen Sohn opfern will, beweist das sein Vertrauen in Gott, der ihm das gesagt hat. Er beweist damit, dass er wirklich alles aufgeben kann. Wenn er (die zweite Möglichkeit) Gott auf die Probe stellt, beweist das sein Vertrauen in seinen Gott, von dem er sicher ist, dass er eingreifen wird.

 

Zwei Arten von blindem, oder fast blindem Vertrauen.

 

Die Perikopenordnung schlägt vor, diese Abraham-Geschichte zu kombinieren mit der anderen Bibelstelle, vom Herrschen und Dienen, die wir soeben gehört haben. Und die beiden Texte sollen in der Passionszeit gelesen werden. Eine spannende Frage ist dann freilich: wieso werden diese Texte miteinander verknüpft? Wahrscheinlich ist es der Opfergedanke: Abraham opfert seinen Sohn – Gott opfert seinen Sohn, Jesus. Oder eher: Gott befreit Isaak und sorgt für ein Opfertier – Gott befreit die Menschen und opfert anstatt Jesus?

 

Ich weiß es nicht genau. Mir sind jedenfalls andere Gedanken wichtiger: es geht um das Vertrauen. Wir können uns nicht einen Platz im Himmel sichern, wir können auch nicht vorhersehen, was in unserem Leben passieren wird und wie wir darauf reagieren werden.

Sicherheit haben wir nie, und je mehr wir versuchen, sicher zu leben – alle Gefahren und Risikos auszuschalten - umso schrecklicher ist es, wenn dann doch etwas passiert.

 

Vertrauen auf Gott heißt aber: akzeptieren, dass das Leben nie risikofrei ist. Akzeptieren, dass man nicht vorhersehen kann, wie das Leben in ein, zwei, drei Jahre aussehen wird. Manchmal einen Schritt zu wagen, von dem nicht im Vornherein feststeht in welche Richtung er geht. Manchmal etwas völlig Blödes zu tun. Nicht herrschen wollen, sondern dienen. Nicht groß sein, sondern klein. Der Knecht aller sein. Nicht am Vertrauten festhalten, sondern loslassen.

 

Ich glaube, niemand von uns würde freiwillig das opfern, was ihm am liebsten ist. So wie es uns in der Abraham-Geschichte geschildert wird: Gott fordert und Abraham macht es.

Wir könnten es aber auch psychologisch deuten: Manchmal müssen wir. Manchmal müssen wir etwas aufgeben, das wir unbedingt behalten wollen: einen Traum, ein Heimatland, einen geliebten Menschen, einen gesunden Körper. Wir müssen. Dann bleibt uns nichts übrig als blind zu vertrauen, dass es möglich ist, loszulassen. Dass Gott bei uns ist und bei uns bleibt, wohin auch unser Weg uns führt.

 

In solchen Situationen können das Vertrauen Abrahams und der Glaube, den Jesus lebte und predigte, für uns ein Beispiel und eine Hilfe sein. Denn niemand ist unser Vertrauen mehr wert als Gott. Auf ihn können wir uns verlassen, freilich ohne selbst ganz blind zu sein. Amen 

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