02. April 2010
Karfreitag
 

Marise Boon
 

 

 

Dann sangen sie die Dankpsalmen und gingen hinaus zum Ölberg.
Unterwegs sagte Jesus zu ihnen: »Ihr werdet alle an mir irre werden, denn es heißt: 'Ich werde den Hirten töten, und die Schafe werden auseinanderlaufen.' Aber wenn ich vom Tod auferweckt worden bin, werde ich euch vorausgehen nach Galiläa.«
Petrus widersprach ihm: »Selbst wenn alle andern an dir irre werden - ich nicht!«
Jesus antwortete: »Ich versichere dir: Heute, in dieser Nacht, bevor der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen und behaupten, dass du mich nicht kennst.«
Da sagte Petrus noch bestimmter: »Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde dich ganz bestimmt nicht verleugnen!«
Das gleiche sagten auch alle andern.
Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani hieß. Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Bleibt hier sitzen, während ich beten gehe!« Petrus, Jakobus und Johannes nahm er mit. Angst und Schrecken befielen ihn,
und er sagte zu ihnen: »Ich bin so bedrückt, ich bin mit meiner Kraft am Ende. Bleibt hier und wacht!«
Dann ging er noch ein paar Schritte weiter und warf sich auf die Erde. Er betete zu Gott, dass er ihm, wenn es möglich wäre, diese schwere Stunde erspare.
»Abba* - lieber Vater«, sagte er, »alles ist dir möglich! Erspare es mir, diesen Kelch trinken zu müssen! Aber es soll geschehen, was du willst, nicht was ich will.«
Dann kehrte er zu den Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: »Simon, du schläfst? Konntest du nicht eine einzige Stunde wach bleiben?«
38 Dann sagte er zu ihnen allen: »Bleibt wach und betet, damit ihr in der kommenden Prüfung nicht versagt. Der Geist in euch ist willig, aber eure menschliche Natur ist schwach.«
Noch einmal ging Jesus weg und betete mit den gleichen Worten wie vorher.
Als er zurückkam, schliefen sie wieder. Die Augen waren ihnen zugefallen, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.
Als Jesus das dritte Mal zurückkam, sagte er zu ihnen: »Schlaft ihr denn immer noch und ruht euch aus? Genug jetzt, die Stunde ist da! Jetzt wird der Menschensohn an die Menschen, die Sünder, ausgeliefert.
Steht auf, wir wollen gehen; er ist schon da, der mich verrät.«
Noch während Jesus das sagte, kam Judas, einer der Zwölf, mit einem Trupp von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren. Sie waren von den führenden Priestern, den Gesetzeslehrern und den Ratsältesten geschickt worden.
Der Verräter hatte mit ihnen ein Erkennungszeichen ausgemacht: »Wem ich einen Begrüßungskuss gebe, der ist es. Den nehmt fest und führt ihn unter Bewachung ab!«
Judas ging sogleich auf Jesus zu, begrüßte ihn mit »Rabbi!« und küsste ihn so, dass alle es sehen konnten.
Da packten sie Jesus und nahmen ihn fest.
Aber einer von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert, hieb auf den Bevollmächtigten des Obersten Priesters* ein und schlug ihm ein Ohr ab.
Markus 14,26-15,47

 

Liebe Gemeinde,

 

Was sollen wir noch sagen? Wir haben heute vor allem die Bibel sprechen lassen, die ganze, lange Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu. Zwei ganze Kapitel sind es, und wenn wir bedenken, dass das ganze Markusevangelium nur 16 Kapitel hat, können wir ahnen, wie wichtig diese Geschichte dem Evangelisten ist. So viel wird erzählt:

 

Jesus, der weiß, was an jenem Abend passieren wird. Die Jünger, die schwören, ihn nicht zu verlassen. Die Angst Jesu in Getsemani. Die Jünger, die alle einschlafen und es dann schon nicht aushalten, Jesus nahe zu sein. Die Festnahme Jesu und die Jünger, die alle fliehen. Jesus, der ganz alleine sich vor den Hohen Rat verteidigen muss, der beschimpft und verprügelt wird. Der Verrat des Petrus. Pilatus. Barabbas. Simon aus Kyrene. Die Kreuzigung. Die Beschimpfung. Die vielen, vielen Bibelzitate. Das Sterben Jesu. Der Hauptmann. Josef von Arimatäa. Die Frauen, die alles sehen. Das Grab.

 

Was soll ich noch sagen? Was kann ein Mensch sagen, wenn er hört von unfassbarem Leid, von Angst und Einsamkeit, von Verhöhnung und brutaler Gewalt, von Demütigung, Schadenfreude, Schmerzen, Tod? Da bleibt ein Mensch still. Und er denkt blitzschnell nach: kann ich nicht irgendwie doch noch etwas Gutes sagen, etwas Tröstendes, etwas das wirklich hilfreich ist?

 

Allzuschnell neigen wir dazu, das Leid schönzureden. Wegzuputzen. ‚Natürlich ist es schlimm, dass ein geliebter Mensch gestorben ist, aber das Leben zusammen war doch schön? Nicht denken an das, was uns fehlt, nur an das, was gewesen ist.’ Diese gut gemeinten, tröstenden Worte, die eher die totale Hilflosigkeit ausdrücken als wirklich tröstend zu sein.

 

Das Leid einfach auszuhalten und nichts zu sagen: keine Erklärungen, keinen Trost zu geben, das ist schwer. Sehr schwer. Aber für die Leidenden ist gerade das der beste Trost.

 

Ich glaube, das finde ich am  beeindruckendsten in den Evangelien. Sie erklären nichts. Sie erzählen. Sie lassen nichts weg. So lange, so detailliert erzählen sie, dass es kaum auszuhalten ist.

 

Aber sie erzählen doch weiter, könnten Sie jetzt sagen. Die Geschichte endet hier doch nicht? Wir wissen doch alle, dass noch etwas folgt? Wieso sollten wir heute das Leiden aushalten, wenn wir alle wissen, dass Jesus auferstanden ist? Dazu gibt es doch Ostern? Wieso sollten wir uns quälen mit Leid und Tod, wenn wir wissen von Befreiung und Auferstehung?

 

Ja, wieso tun wir uns das an, am Karfreitag? Wieso tue ich Ihnen das an? Nicht weil ich eine Masochistin bin, die das Leiden verherrlicht. Nicht weil ich so gerne traurig bin. Sondern weil ich davon überzeugt bin, dass wir nicht richtig Ostern feiern können, wenn wir den Karfreitag nicht aushalten können. Wir können nicht das Leben feiern, wenn wir den Tod ignoriert haben. Es gibt keine Auferstehung ohne das Sterben.

 

Gerade darum will ich heute nichts schönreden. Und nichts erklären. Keine theologischen Gedanken hineinschleppen wie: Genugtuung. Für unsere Sünden. Versöhnung durch das Blut Christi. Nein. Das sind alles Versuche, das Unfassbare fassbar zu machen. Paulus tut das, und viele folgen ihm. Die Evangelisten aber nicht. Sie zeigen nur das Unfassbare. Das unfassbare Leid und das unfassbare Wunder der Auferstehung.

Ganz ohne Worte können wir allerdings nicht bleiben. Denn wir wollen heute das Abendmahl feiern. Und da wird gesagt: für uns gebrochen. Für uns vergossen. Für uns, alle Menschen der Welt. Weil es der einzige Weg war, den Jesus gehen konnte, um Gottes Liebe für die Menschen zu zeigen. Die absolute Wehrlosigkeit. Die Hingabe bis in den Tod. Und Liebe, die stärker ist als der Tod. Das wird gesagt. Und das reicht völlig. Amen.

 

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