04. April 2010
Ostersonntag
 

Marise Boon
 

 

 Thema: Fürchte dich nicht

 

Nach dem Sabbat aber, beim Anbruch des ersten Wochentages, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

Und siehe da: Es gab ein starkes Erdbeben, denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel herab, kam und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

Seine Erscheinung war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee.

Die Wächter zitterten vor Angst und erstarrten.

Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Denn ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.

Er ist nicht hier, denn er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat. Kommt, seht die Stelle, wo er gelegen hat.

Und macht euch eilends auf den Weg und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferweckt worden ist; und jetzt geht er euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Ich habe es euch gesagt.

Und sie gingen eilends weg vom Grab voller Furcht und mit großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu berichten.

Und siehe da: Jesus kam ihnen entgegen und sprach: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, umfassten seine Füße und warfen sich vor ihm nieder.

Da sagt Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen sollen, dort werden sie mich sehen.

Die elf Jünger (aber) gingen nach Galiläa, auf den Berg, wohin Jesus sie befohlen hatte.

Und als sie ihn sahen, warfen sie sich nieder; einige aber zweifelten.

Und Jesus trat zu ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.

Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes,

und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Matthäus 28,1-10.16-20

 

 

Liebe Gemeinde,

Fürchtet euch nicht, sagt der Engel zu den Frauen. Eine seltsame Bemerkung eigentlich.

Stellen Sie sich das vor: ein geliebter Mensch ist gestorben. Ein Mensch, der sehr beeindruckend gelebt hat. Ein Mensch, der den anderen Menschen gezeigt hat, wie Gott ist. Seine Jünger, alle Frauen und Männer die ihm gefolgt sind, hofften, dass er sie befreien würde. Befreien von Unterdrückung durch die Römer. Befreien von Schmerzen, von Krankheit, vielleicht sogar vom Tod. Er war die Verkörperung der Hoffnung der Menschen.

 

Dieser Mensch ist, trotz aller Hoffnung, verhaftet worden. Er ist verspottet worden und geschlagen. Er ist zum Tode verurteilt und gekreuzigt worden. Die Frauen haben es alles gesehen. Sie waren dabei, und sie konnten nichts tun. Sie haben nur hilflos und machtlos zugesehen was alles passiert ist. Es war grausam. Sie haben gesehen wie Jesus gestorben ist – und damit ist auch ihre Hoffnung gestorben. Aber sie sind geblieben. Sie haben nachher gesehen, wie ein Freund den Leichnam vom Kreuz genommen hat und in ein Grab gelegt hat. Er rollte einen schweren Stein vor den Grabeingang – und ging weg.

 

Die Frauen haben alles gesehen – und konnten nichts tun. Aber sie waren da und gingen nicht weg. Sie blieben da bis zum Sonnenuntergang. Dann sind sie nach Hause gegangen, um zu Hause den Sabbat zu feiern. Sie konnten nichts mehr tun. Gefeiert haben sie wohl nicht. Nur getrauert und nachgedacht über alles was passiert ist.

 

Ich denke, die meisten von Ihnen wissen wie das ist. Einen geliebten Menschen verloren zu haben. Oder überhaupt zu trauern. Man sitzt einfach und tut nichts. Gar nichts. Alles ist schwer. Reden, essen, aufstehen, alles was normalerweise von selbst geht, ist jetzt unfassbar schwer. Wenn ein Mensch keine Hoffnung mehr hat, ist alles vorbei.

 

Die Frauen, die um Jesus trauerten, fanden jedoch die Kraft um nach dem Sabbat aufzustehen. Es war Abend, der Sabbat war vorbei und sie konnten wieder frei gehen wohin sie wollten. Und es war klar wohin sie wollten. Sie wollten zum Grab, sie wollten immer noch in der Nähe von Jesus sein.

 

Übrigens gibt es, wie Sie wissen, vier Ostergeschichten in der Bibel, alle unterschiedlich. In der Fassung des Matthäus, die wir heute gehört haben, wird nichts von dem Öl gesagt, mit dem die Frauen Jesu Leichnam salben wollten. Es gibt kein Öl, es gibt auch keine Frage, wer den Stein wegrollen könnte. Sie kommen schon am Abend zum Grab, nicht am Sonntagmorgen in der Früh. Die vier Fassungen sind sehr unterschiedlich, und wir erinnern uns fast immer an eine Mischung aus allen Fassungen. Heute aber wollen wir uns Matthäus' Fassung genauer anschauen.

 

Die Frauen gehen zum Grab, nicht um Jesus zu salben, nur um nahe zu sein. Sie sind nicht allein – die Römer haben das Grab gesichert: es gibt Wächter, die aufpassen müssen, dass das Leichnam nicht gestohlen wird. Damit seine Jünger nicht behaupten können, Jesus sei auferstanden.

 

Die Frauen sind da, die Wächter sind da, es ist Abend. Was haben die Frauen da gemacht? Nicht viel, wahrscheinlich. Bei einander sitzen, ein bisschen reden, müde sein.

 

Ich bin schon mehr als 10 Jahre Pfarrerin, ich habe diese Geschichte schon zig Mal gehört oder gelesen, und anscheinend habe ich es nie gut gehört. Denn was dann passiert, ist ganz anders als ich immer gedacht habe. Da bebt plötzlich die Erde. Ein Engel des Herrn kommt vom Himmel herab, tritt an das Grab, rollt den Stein weg und setzt sich darauf. Ich habe immer gedacht, dass das auch das Moment war, als Jesus auferweckt wurde. Das ist aber gar nicht so. Jesus ist schon weg. Der Engel kommt nicht um Jesus irgendwie zu helfen oder so. Er kommt nur um den Frauen zu sagen und zu zeigen, was sie selber nicht sehen konnten:

 

Fürchtet euch nicht! Denn ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat. Kommt, seht die Stelle, wo er gelegen hat.

 

Der Engel rollt den Stein weg. Nicht um Jesus herauszulassen, sondern um die Frauen hinein schauen zu lassen. Er zeigt das leere Grab, und sagt: erzähle es den anderen!

 

Ich finde das sehr schön und sehr menschlich. Wenn wir trauern, sind wir völlig auf das Objekt unserer Trauer fokussiert. Wir denken nur an das, was wir verloren haben. Alles andere ist bedeutungslos geworden. Wir haben keine Hoffnung mehr. Wir sehen nichts mehr.

 

Wie sollten diese Frauen, die trauerten, glauben, dass Jesus lebendig sei? Was muss passieren, um diesen Fokus auf Tod und Verlust in Hoffnung und Freude zu verwandeln? Dafür braucht man sehr, sehr viel. Wenn nur ein Engel gesagt hätte: er ist auferweckt worden, weiß ich nicht, ob die Frauen es geglaubt hätten. Wenn sie nur das leere Grab gesehen hätten, hätten sie es wahrscheinlich auch nicht geglaubt. Diese Frauen brauchen sehr viel, und sie bekommen sehr viel. Ein Erdbeben. Einen Engel. Ein leeres Grab. Eine Erklärung. Und dann später auch noch Jesus selbst.

 

So viel ist nötig, um ein Feuer, das ganz gelöscht worden ist, wieder zu entzünden. Es ist wirklich etwas, das niemand verpassen kann, wofür niemand blind bleiben kann: Jesus ist auferweckt worden. Er lebt. Wenn die Frauen es glauben – dann sollten alle es glauben.

 

Und so ist es auch. Die Jünger glauben was die Frauen sagen – und sie gehen nach Galiläa. Ohne Widerstand. Sie gehen nicht selber auch noch zum Grab. Sie glauben was die Frauen sagen, stehen auf und gehen.

 

Als sie in Galiläa sind, zeigt Jesus sich seinen Jüngern. Einige aber haben auch Zweifel, heißt es. Kaum zu glauben, oder? Sie hören die Frauen, gehen nach Galiläa (das ist weit weg), sehen Jesus, und dann zweifeln sie.

 

Irgendwas stimmt nicht in dieser Geschichte. Was mich vor allem gewundert hat, ist dass der Engel sagt: Habt keine Angst. Fürchtet euch nicht. Später sagt auch Jesus das zu den Frauen: habt keine Angst. Ich würde sagen, dass das gerade nicht ist, was die Frauen haben. Wovor sollten sie Angst haben? Alle Hoffnung ist schon verloren. Sie können nicht noch mehr verlieren. Sie sind nur noch müde. Warum sollten sie sich fürchten, wenn sie einen Engel sehen? Und vor allem: Warum sollten sie sich fürchten, wenn sie Jesus sehen? Dass sie erschrecken, das verstehe ich, aber Angst haben...

 

Es passt eigentlich nicht, was der Engel und Jesus sagen. Wir müssen aber bedenken, dass Matthäus, die eigentlich unbekannte Person, die das alles aufgeschrieben hat, das nicht umsonst geschrieben hat. Er erzählt diese Geschichte, Jahrzehnte später, Männern und Frauen die Jesus nicht gesehen haben.

 

Das Evangelium ist geschrieben worden für Menschen, die Jesus nicht persönlich gekannt haben. Die Mitglieder einer Kirche geworden sind. Die Geschichten von Jesus gehört haben. Die Christen sind, manchmal weil sie das selber so entschieden haben, manchmal auch weil sie Kinder von Christen sind.

 

So wie wir, eigentlich.

 

Diese Menschen waren nicht dabei, als Jesus auferweckt worden ist. Sie haben noch nie einen Engel gesehen. Sie wissen nicht wie Jesus aussah. Sie wissen nur, was ihnen vermittelt worden ist. Müssen sie das alles glauben oder nicht? Wie können sie sicher sein, dass sie sich nicht irren? Dass ihr Glaube nicht ein Irrtum ist? Sie zweifeln manchmal. Es ist doch auch eine unglaubliche Geschichte? Ein Mensch, der etwas von Gott hatte – vielleicht sogar Gottes Sohn war? Der tot war, und nachher wieder lebendig? Diese Menschen sind nicht mehr so begeistert wie die ersten Christen.

 

Sie hören ganz unterschiedliche Geschichten über Jesus. Sie sehen, welche Menschen sich Christen nennen. Sie sehen, was alles nicht gut geht in der Kirche. Sie sehen wie mühsam es ist, mit so vielen verschiedenen Menschen eine Gemeinde zu bilden.

 

Für diese Menschen hat Matthäus seine Fassung vom Evangelium, von der guten Nachricht, geschrieben. Und zu diesen Menschen sagt er: Habt keine Angst! Jesus ist auferweckt worden, echt! Natürlich zweifelt ihr manchmal. Sogar die Jünger damals zweifelten. Das macht nichts. Hört, was Jesus sagte, als er seine zweifelnden Jünger sah: Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Jesus sagt nicht: zweifle nicht. Er sagt nicht: glaube. Er sagt: steht auf. Geht. Erzählt, tauft, lehrt. Und: vertraut mir. Ich bin bei euch. Immer.

 

Liebe Gemeinde, in der Karwoche und zu Ostern bemühen sich viele Christen zu erklären, warum Jesus sterben musste. Und kommen dann oft mit der für mich unakzeptablen Erklärung: sein Blut war notwendig, um Gott seinen Zorn vergessen zu lassen und den Menschen vergeben zu können.

 

Ich kann nicht leben mit so einer Lösung und sage heute etwas anderes: Jesus ist kein Opfer, das bewusst dargestellt ist um Gott zufrieden zu stellen. Jesus ist von den Römern als Rebell hingerichtet worden. Mehr nicht. Nicht sein Tod ist das wirkliche Wunder, sondern seine Auferweckung. Die Liebe ist stärker als der Tod. Gottes Liebe zeigt sich in der Auferstehung Christi. Nicht das ‚Warum‘ ist das Wichtigste. Viel wichtiger als das ‚Warum‘, ist das ‚Wozu‘.

 

Jesus ist auferweckt worden, damit auch wir auferstehen. Damit wir gehen, verkündigen, erzählen, taufen, lehren. Damit wir tun, so wie Jesus uns gelehrt hat. Damit wir keine hoffnungslosen Menschen sind, die trauern und vor allem Angst haben, sondern Menschen mit Vertrauen, mit Hoffnung. Menschen die etwas zu tun haben. Menschen die sich freuen.

 

Wenn wir so leben können, ist Jesus nicht umsonst gestorben. Ist Jesus nicht umsonst auferweckt worden. Amen.

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