11.
April 2010
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Thema: vergeben und vergessen
Da wandte sich Petrus an Jesus und
fragte ihn: »Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester an mir schuldig wird,
wie oft muss ich ihnen verzeihen? Siebenmal?«
Jesus fuhr fort: »Macht euch klar,
was es bedeutet, dass Gott angefangen hat, seine Herrschaft aufzurichten! Er
handelt dabei wie jener König, der mit den Verwaltern seiner Güter abrechnen
wollte. Dann übergab er ihn voller Zorn den Folterknechten zur Bestrafung, bis er die ganze Schuld zurückgezahlt haben würde.
So wird euch mein Vater im Himmel
auch behandeln, wenn ihr eurem Bruder oder eurer Schwester nicht von Herzen
verzeiht.«
Liebe Gemeinde, Dieses Gleichnis ist immer noch sehr aktuell. Es handelt von einem Menschen mit einer unvorstellbar großen Schuld. Zehntausend Talente. Ein Arbeiter musste damals mehr als 500 Jahre arbeiten, wenn er diese Summe verdienen wollte. Herodes, der König, musste mehr als zehn Jahre arbeiten, wenn er diesen Betrag verdienen wollte. Es war 50 Jahre Steuereinkommen von Israel. Also: eine unvorstellbare Summe. So unvorstellbar wie das Defizit bestimmter österreichischer Banken oder wie das Budget des amerikanischen Staates. Ein einfacher Mensch kann nur staunen und fragen: wie ist es überhaupt möglich mit solchen Geldsummen zu rechnen? Unvorstellbar.
Es gibt also einen Menschen, der dem König so viel Geld schuldig ist. Diese Erzählung ist ein Gleichnis, ein Bildsprache. Gleichnisse sind immer knapp; wir bekommen wenige Informationen. Wir wissen nicht, wie dieser Mann so viele Schulden gemacht hat. Nur dass es einfach so ist. Und es gibt einen König, den angeblich sehr reich und mächtig ist. Er will abrechnen mit seinen Knechten, und dieser Mann mit seiner unvorstellbaren Schuld wird zu ihm gebracht.
Was macht man mit einem Menschen, der so viele Schulden hat, dass er sie offenbar nie zurückzahlen kann? Man könnte ihn bankrott erklären, alles verkaufen was er hat, und alles was er in der Zukunft noch verdienen wird einfordern. Dieser König macht noch mehr, indem er auch die ganze Familie verkaufen will. Auch in der Zeit Jesu war das nicht üblich. In den jüdischen Gesetzen steht, dass die Familie niemals verkauft werden darf. Der König aber stört sich nicht daran, seine Gesetze sind hart. Der Mann sieht, dass alles völlig hoffnungslos ist.
Er wirft sich auf die Knie und fleht. Was kann es sonst noch tun? Er bittet um Geduld und verspricht, dass er alles zurückzahlen wird. Es ist klar, dass das Unsinn ist; er kann es nie zurückzahlen. Aber der König bekommt Mitleid mit dem Mann und lässt ihn gehen.
Auch das ist unvorstellbar. So, plötzlich, mit einem Strich, hat sich das Leben des Schuldners völlig geändert. Er war hoffnungslos: es drohte Gefängnis und Verlust der Familie, und plötzlich ist er ein freier Mensch, ohne Schuld. Von totaler Finsternis zu hellem Licht. Der König hat die Macht um das Leben seines Knechtes zu verändern. Schnipp, machen seine Finger, und der Knecht ist frei.
In diesem Gleichnis gibt es keine Nuancen. Es sollte klar sein, dass ein Mensch völlig von Gott abhängig ist. Dass ein Mensch bei Gott so viele Schulden hat, dass er das selber nie gutmachen kann. Und es sollte klar sein, dass Gott ein gnädiger Gott ist. Er will und er kann Schluss machen mit unserer Schuld. Er macht uns frei.
Das Ende des Gleichnisses ist klar: wenn ein Mensch so befreit ist, wenn sein Leben sich völlig geändert hat, sollte auch er Mitleid haben mit seinen Brüdern und Schwestern. Auch er sollte vergeben. Vor allem weil die Schuld eines Mitmenschen nur unbedeutend sein kann im Vergleich mit der Schuld vor Gott.
Was Jesus hiermit sagen will, ist klar. Und trotzdem bin ich unzufrieden, wenn ich dieses Gleichnis höre. Immer wieder.
Ich denke, dass meine Unzufriedenheit damit zu tun hat, dass eine menschliche Schuld nicht mit einer finanziellen Schuld verglichen werden kann. Wir wissen heute, dass eine finanzielle Schuld einen Menschen zutiefst treffen kann, ein ganzes Leben zerstören und hoffnungslos machen kann. Theoretisch aber ist es möglich, Geldschulden los zu werden. Wenn wir heute in den Nachrichten hören, wie viel Kapital, Reserve, Stütze und Schutz die europäischen Länder versprechen, damit etwa Griechenland nicht pleite geht, wissen wir, dass es möglich ist. Eine dritte Partei kann die Schulden eines anderen übernehmen.
Das neue Testament ist auf Griechisch geschrieben. Auf Griechisch ist ‚vergeben‘ loslassen, gehen lassen. Befreien. Also kann man den Knecht, der so viele Geldschulden hatte, gehen lassen, genauso wie man einen Bruder, der uns betrogen hat, gehen lassen, vergeben, kann.
Bei uns aber ist das nicht dasselbe. Erlassen und vergeben sind zwei Worte, die nicht genau dasselbe meinen. Vergebung nämlich ist ziemlich kompliziert.
Wenn es wirklich etwas zu vergeben gilt, gibt es zwei Parteien. Es gibt einen, der etwas Falsches gemacht hat. Und einen, der dadurch verletzt worden ist. Je größer die Verletzung, desto schwieriger ist es zu vergeben.
Der große Unterschied zwischen erlassen und vergeben ist, dass man durch eine Geldschuld nicht schnell wirklich verletzt wird. Wenn du jemandem Geld geborgt hast, und er/sie es nicht zurückzahlt, ist das unbequem, frustrierend, Anlass für Streit. Aber durch Geldsachen wirklich zutiefst verletzt werden, das passiert nicht so schnell. Wenn man das Geld wirklich braucht, könnte auch ein anderer zahlen, die Schuld übernehmen.
Wie wichtig Geld auch im Leben sei, bloß das Geld verletzt nicht so schnell. Es ist mehr, was dazu kommt: das Gefühl betrogen zu sein oder missbraucht, das wirklich weh tut. Wenn so etwas passiert, wenn dein Vertrauen in einen Mitmenschen weg ist, oder in die Mitmenschen, oder in die Welt, ins Leben, in dich selbst – das ist nicht so leicht zu vergeben.
Ich denke, wir alle haben schon einiges mitgemacht und jeder von uns ist verletzt worden in seinem/ihrem Leben. Wir alle haben so unsere Beispiele. Ich gebe heute ein Beispiel, das ziemlich unschuldig ist: wir haben etwas sehr Privates einem guten Freund erzählt. Der aber hat es überall weiter erzählt. Wir sind stinksauer. Was machen wir?
Wir könnten vieles tun. Wir könnten uns selbst beschuldigen: ‚ich hatte ihm nie vertrauen dürfen!’ Wir könnten nach Entschuldigungen suchen: ‚vielleicht wusste er gar nicht wie wichtig und intim es war?’ Wir könnten Rache suchen: Sie sind kreativ genug um etwas Passendes zu bedenken. Aber was wir auch machen: wir sind verletzt. Einem Freund, dem wir vertrauten, ist nicht zu trauen. Das tut weh. Was machen wir?
Wir sind erwachsen, also reden wir mit ihm. Wir fragen: ‚Warum hast du das gemacht?’
Er sagt: ‚Ach, so wichtig war es ja auch nicht, und außerdem war es so eine lustige Geschichte.’ Wir sagen: ‚Wir haben gesagt, dass es ein Geheimnis war und privat!’ ‚Ja’, sagt er, ‚das stimmt, aber es war zu lustig um darüber zu schweigen.’ Wir versuchen noch: ‚Aber verstehst du nicht wie peinlich es für mich ist?’ Aber offenbar ist ihm das egal.
Was machen wir? Wir sagen: ich will ihn nicht mehr sehen. Wir streichen seinen Namen in unserem Adressbuch, wir ignorieren ihn wenn wir uns zufällig treffen. Immer aber bleibt es peinlich. Jahre später tut es noch immer weh, wenn wir daran denken.
Warum vergeben wir ihm nicht einfach? Das ist unmöglich. Wenn er nicht um Vergebung bittet, wenn er nicht sagt, dass es ihm Leid tut, können wir nicht vergeben. Wir brauchen den Täter um vergeben zu können. Und es gibt keine dritte Person, die hier was ändern könnte. Die statt dem Täter etwas tun könnte, damit wir leichter vergeben können.
Viele Menschen kämpfen hiermit, manchmal ein Leben lang. Denn wenn man nicht vergeben kann, kann man es auch nicht loslassen. Ist man nie frei. Das Opfer ist vom Täter abhängig geworden. Der Täter hat verletzt und hat auch später noch eine Beziehung mit dem Opfer, indem das Opfer den Täter braucht um ihm vergeben zu können. Die Beziehung zwischen Opfer und Täter bleibt, bis der Täter um Vergebung bittet und damit sein Opfer gehen lässt.
Ein Opfer will aber kein Opfer sein, sondern Mensch. Ein freier Mensch. Also: was machen wir, wenn wir unseren nicht-mehr-Freund vergessen wollen? Wenn wir ihn nicht mehr ignorieren wollen, sondern einfach wieder frei sein?
Ich denke, wir brauchen Zeit. Zeit um alle diese Sachen zu überdenken. Zeit um zu entscheiden: ich will nicht länger durch meine Verletzungen gefangen sein. Diese Entscheidung ist am wichtigsten: ich bin mehr wert als meine Verletzung. Ich will weiter gehen. Wir sagen: ja, wenn wir diesen nicht-mehr-Freund treffen, tut das weh. Aber dieser Schmerz bestimmt ab heute nicht mehr unser Leben. Wir haben nicht unseren Wert verloren, er hat seinen Wert verloren. Also können wir ihn treffen, anschauen, ohne Angst zu haben.
Er hat Schuld, wir nicht.
Später treffen wir ihn und handeln äußerlich normal. Wir spüren den Schmerz in uns, aber auch seine Verwirrung. Er geht weg, nicht wir. Wir bleiben und feiern unsere Freiheit.
Es ist ein langes Beispiel geworden. Denn: Es ist mir wichtig, Ihnen zu zeigen dass Vergebung nicht einfach ist. Und dass Vergebung keine christliche Tugend schlechthin ist. Zu oft wird an diese Bibelstelle die Verpflichtung gebunden, immer vergebungsfähig zu sein. Und ein Mensch, der von einem anderen so schwer verletzt ist, dass er nicht vergeben kann, wird noch mehr verletzt, weil er sich schuldig fühlt, dass er nicht vergeben kann.
Jesus will nicht schuldig machen, sondern frei machen. Aber Jesus war sehr klar in seinen Aussagen. Petrus fragt, wie oft er seinen Bruder vergeben muss. Er zählt. Er sucht die Grenzen der christlichen Liebe. Ja, sagt er, natürlich, wir sollen mitmenschlich sein und unsere Nächsten lieben. Aber doch nicht immer? Wie oft genau muss ich vergeben?
In der jüdischen Tradition wird gesagt: drei Mal muss man vergeben, aber kein viertes Mal. Petrus sagt: ich mache noch ein bisschen weiter: muss ich sieben Mal vergeben?
Und Jesus sagt: Hör auf damit! Rechne nicht alles nach, zähle nicht alles was du tust! Du bekommst als Mensch so viel Gnade von Gott! Gnade ohne Ende. Ein freier Mensch zu sein verlangt auch etwas von dir.
Du sollst nie vergessen, dass du selbst auch Vergebung bekommen hast. Und dass du immer damit rechnen kannst, dass dir vergeben wird. So sollst du leben. Wenn ein Mensch dir etwas schuldig ist und um Vergebung bittet, musst du ihm vergeben.
Das sagt Jesus, und nicht, dass wir nie verletzt werden können oder dass wir alles Leid einfach verschwinden lassen können, weil auch Gott uns vergibt. Christ zu sein meint nicht ein Supermensch zu sein. Es meint, von Schmerzen und Leid zu wissen, aber auch von Hoffnung, Freiheit und Loslassenkönnen.
Gott lieben heißt den Mitmenschen lieben. Christ zu sein meint Gott zu sehen in den Augen der Mitmenschen. Und es meint, dass wir glauben und vertrauen dürfen, dass Gott uns auch hilft, wenn wir Hilfe brauchen. Wir müssen einem anderen vergeben, oder auf jeden Fall versuchen zu vergeben. Und wenn es nicht geht, überlassen wir es Gott. Amen.
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