25.
April 2010
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Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet. Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Das habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. Joh. 15,1-11
Thema: Süße Trauben
Liebe Gemeinde, Als ich 22 Jahre alt war, bin ich konfirmiert worden. In Holland macht man das immer später als hier, traditionell wenn man 18 Jahre alt ist. Ein unglückliches Alter, denn dann ist man mit vielen Sachen beschäftigt, nur nicht mit der Kirche. Auch ich hatte damals viel wichtigere Dinge zu tun, aber als ich Theologie studierte, wusste ich, dass ich dann echt irgendwie meine Konfirmation nachholen musste. Also, ich war 22 und wurde konfirmiert. Mein Konfirmationsspruch war: 'Jesus sagt: ich bin der wahre Weinstock.'
Ich weiß noch genau, wie ich reagierte. Es war eine Überraschung, ich habe den Spruch nicht selbst ausgesucht, das hat der Pfarrer gemacht. Als ich den Spruch hörte, musste ich lachen und habe ich mich nur gefragt wieso er ausgerechnet diesen Spruch für mich ausgesucht hatte. Doch nicht etwa weil ich Studentin war und regelmäßig Partys mit viel Wein feierte?
Eine andere Bedeutung dieses Spruches war mir nicht klar und ist mir auch lange Zeit unklar geblieben. Denn dieses Jesus-Wort ist für mich so wie ein Werbeslogan oft ist: klingt wunderbar, ich will sofort mitmachen, aber ich habe keine Ahnung, worum es genau geht.
Vor allem Werbungen von Hautcremes sind so gemacht: Revitalift, mit hauteigenen Kollagenen, die ihre Haut strahlend machen und revitalisieren, weil sie die freien Radikale abfangen und Feuchtdingsen in den Poren speichern.
Ja, ich will es haben und ich möchte auch so aussehen, aber was Kollagene, Radikale, und Feuchtdingsen sind und wie sie in den Poren gespeichert werden, weiß ich nicht. Es klingt gut, doch es bleibt mir fremd.
So ist das auch mit dem Weinstock. Jedenfalls für mich. Ich bin leider nicht so esoterisch begabt, dass mir die tiefere Bedeutung sofort klar ist. In Jesus bleiben. Gereinigt sein. Frucht bringen. Schön, aber wie mache ich das? Und gerade weil es nicht konkret ist, klingt die andere Möglichkeit sehr bedrohend: nicht in Jesus bleiben, keine Frucht bringen, weggenommen werden, weggeworfen und verbrannt.
Es klingt radikal – wenn ihr nicht in mir bleibt, werdet ihr weggeworfen. Und wenn ihr in mir bleibt, werdet ihr gereinigt. Und was heißt das? Im Weinbau heißt das: die Reben zurückschneiden, Teile wegnehmen. Muss man das wörtlich verstehen? Dann wird es Folgendes: Gott, der Weinbauer, schneidet im Leben der Gläubigen ein, nimmt Teile weg, damit die Gläubigen noch mehr Früchte bringen können. Und genau das ist in der reformierten Tradition, jedenfalls in der Tradition, in der ich aufgewachsen bin, oft gesagt worden. Wenn ein gläubiger Mensch mit Leid konfrontiert wird, krank wird, einen Lebensgefährten oder ein Kind verliert, wird gesagt, dass Gott das getan hat, damit der Gläubige mehr Früchte bringen wird.
Das ist als Trost gemeint und auch lange so verstanden worden. Das Leid ist nicht sinnlos, sondern es hat einen Sinn – du leidest, damit du wachsen kannst, weiser wirst, noch mehr bei Gott deine Zuflucht suchst.
Dass viele andere Menschen diese Aussagen nicht als Trost empfinden, ist klar. Wie kann man leben mit einem Gott, der seine Menschen wie Bäume behandelt? Wie kann ein liebender Gott seinen Kindern absichtlich Leid zufügen? Wie kann ein Mensch Trost und Sicherheit bei Gott suchen, wenn man nicht weiß was Gott als nächstes bedenken wird, um uns wachsen zu lassen?
Um es kurz zu machen: dieser Text hat eine gefährliche Wirkung. Er ist unklar, nicht konkret und was man versteht, ist eher das Negative als das Positive. Lange habe ich daher den Text ignoriert, nun, da ich aber schon drei Jahre in einem Weinland lebe, muss ich es mal versuchen, mich mit dem Text auseinanderzusetzen.
Also, noch einmal der Text:
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Um das Bild gut zu verstehen, müssen wir bedenken, dass das Johannesevangelium etwa um 100 oder 110 n. Chr. fertig gestellt worden ist, also 70 bis 80 Jahre nach dem Tod Jesu. Die ersten Generationen der Christen waren schon gestorben, das Christentum hatte sich schon weit verbreitet und es gab schon viele unterschiedliche Fassungen des Christentums. Denn von Anfang an waren die Interpretationen unterschiedlich: wer war Jesus, was war seine Bedeutung, was war das Wichtigste seiner Lehre, wie musste man als Christ leben, usw. Darüber gab es auch Auseinandersetzungen, es gab Verwirrung: wieso machen die anderen das so, und wir nicht?
In dieser Situation sind die Evangelien entstanden. Sie sind ein Versuch, klar zu stellen was wichtig ist. Johannes war einer von denen und hatte seinen eigenen Stil und seine eigenen Schwerpunkte. Und er betont die Verbundenheit mit Gott, mit Christus und mit einander. Denn der Kern dieser Bibelstelle ist natürlich gar nicht das Weggenommenwerden, und auch nicht das Reinigen. Der Kern ist die Verbundenheit mit Christus. Diese Aussage ist ganz eindeutig und alle, die sich mal einen Weinstock angeschaut haben, wissen was gemeint wird.
Christus ist wie ein Weinstock. Er hat Wurzeln, mit denen er Nahrung aus dem Boden aufnehmen kann. Aber ohne Reben ist der Weinstock tot. Wir alle, so unterschiedlich wie wir sind, wachsen auf seinem Stamm. Wenn wir alle so mit Christus verbunden bleiben, sagt Johannes, sind wir auch mit einander verbunden. Achten wir also darauf, dass wir nicht unseren eigenen Weg suchen, sondern uns immer mit Christus verbunden wissen. Nur so können wir Frucht bringen.
Und was ist das dann, Frucht bringen? Das ist, was sichtbar ist. Wenn du ein gläubiger Mensch bist, muss das irgendwie sichtbar sein. Musst du anders sein als die anderen. Wenn keiner merkt, dass du Christ bist, hat es auch keinen Wert. Welche Früchte du bringst, ist von deiner Persönlichkeit, von deiner Geschichte, von deinen Möglichkeiten abhängig. Irgendwie hat es allerdings immer mit Liebe zu tun.
Man kann nur Frucht bringen, indem man mit Christus verbunden bleibt, sagt Johannes. Wenn man sich abtrennt, eigene Wege geht, gibt es keine Nahrung mehr und bringt man daher auch keine Früchte. Also, Christus ist die Voraussetzung um Frucht bringen zu können. Umgekehrt ist es allerdings auch: wenn man keine Frucht bringt, macht man sich selbst überflüssig und schneidet sich vom Weinstock ab.
Ich glaube nicht, dass das Sammeln der überflüssigen Reben und sie ins Feuer zu werfen etwas mit dem ewigen Höllenfeuer, oder so etwas, zu tun hat. Es ist eher eine klare Aussage: man kann dabei bleiben und mitmachen, oder man kann sich abtrennen und sich damit für die christliche Gemeinschaft, für die Kirche, wertlos machen. Das ist noch keine freundliche Aussage, aber es ist die praktische Konsequenz dieses Glaubens. Wenn du keine Früchte trägst, hast du für die Gemeinschaft keinen Nutzen. So einfach ist es. Du trennst dich selber ab.
Wie ein Mensch mit Christus verbunden bleibt, wird hier nicht explizit gesagt. Aber Johannes sagt es immer wieder: das Handeln und Reden Jesu bringt uns Gott nahe. Wir müssen nachdenken, lesen, uns erinnern, mit einander teilen, also in einer kirchlichen Gemeinschaft leben, um mit Christus verbunden bleiben zu können. Und um uns mit einander verbunden zu wissen. Die Liebe verbindet alle.
Und das Reinigen der Reben? Auf Griechisch ist das ein Wortspiel. Es bedeutet zurückschneiden, und es bedeutet reinigen, sauber machen. Und das kann auch religiös interpretiert werden, wie ‚rein‘, oder ‚heilig‘ sein. Vorbereitet sein auf eine Begegnung mit Gott. Ich glaube nicht, dass wir das Reinigen der Reben verstehen sollen als schmerzliches aber gut gemeintes Eingreifen Gottes. Mehr als eine intensive Beschäftigung mit unserem Leben. Als Unterstützung und als das Schaffen möglichst guter Voraussetzungen um Frucht zu tragen.
Also, was Johannes sagen will, ist, dass die Verbundenheit mit Christus uns mit einander verbindet. Dass wir uns so lieben lernen. Dass wir stets darauf achten müssen, dass wir Frucht bringen. Dass Frucht bringen und mit Christus verbunden bleiben von einander abhängig sind.
Dass wir nur so leben können.
Das Bild des Weinstockes ist also nicht so einfach, wie es aussieht. Mit allem Nachforschen ist es mir jedenfalls klarer geworden, was dieser Text bedeutet. Und was der Text nicht bedeutet – ich aber immer dabei gedacht habe. Zu konkret muss der Text auch nicht werden, denn dann wird er moralistisch und damit banal. Zu schnell wird es dann: wir müssen in die Kirche gehen und brav sein. Das muss so nicht sein. Das Aktive des Textes aber gefällt mir. Wir müssen darauf achten, dass wir Nahrung bekommen. Wir müssen darauf achten, dass wir irgendwie Frucht bringen. Wir müssen darauf achten, dass wir miteinander sind und keine individuelle Gläubigen, deren Glaube nur Privatsache ist. Nur die Verbundenheit bringt Liebe und nur die Liebe bringt das Leben.
Übrigens habe ich nie gewusst, warum mein Pfarrer den Weinstock passend für mich fand. Vielleicht war es nur Zufall, aber ich denke nun, es war die Verbundenheit, die er für mich als wichtig empfand. Und das macht ihn im Nachhinein zu einem weisen Menschen. Amen |