16. Mai 2010
|
|
Darauf führte Jesus sie aus der Stadt hinaus nach Betanien. Dort erhob er die Hände, um sie zu segnen. Und während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie aber warfen sich vor ihm nieder. Dann kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück.
Sie
verbrachten ihre ganze Zeit im Tempel* und priesen Gott.
Verehrter Theophilus, in meiner ersten Schrift habe ich alles berichtet, was Jesus tat und lehrte, von Anfang an bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde.
Zuvor gab er den Aposteln Anweisungen für die Zukunft. Er hatte sie früher mit
dem Beistand des Heiligen Geistes ausgewählt.
Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen
plötzlich zwei weißgekleidete Männer neben ihnen.
Thema: Zum Himmel hinauf schauen.
Liebe Gemeinde, Der Himmelfahrtstag ist ein merkwürdiger Tag. Er wird seit dem 2. Jh. in der christlichen Kirche gefeiert, er ist immer noch ein offizieller freier Tag, aber so lange ich mich erinnern kann, weiß man nicht so gut, was damit anfangen. In Österreich haben die evangelischen Kirchen das Problem gelöst, indem die Konfirmation an diesem Tag stattfindet und man also nicht von der Himmelfahrt selber reden muss. In manchen anderen Ländern wird der Himmelfahrtstag für Gemeindeausflüge genutzt oder überhaupt nicht mehr kirchlich gefeiert.
Denn, was muss man mit der Himmelfahrt anfangen? Wieso sollten wir das feiern? Reicht es nicht, dass Christus vom Tod aufgeweckt worden ist? Warum müssen wir zum Himmel hinauf schauen?
Das zum Himmel schauen ist das einzige der Himmelfahrtsgeschichte, das für Menschen wirklich vorstellbar ist. Wenn man sich das konkret vorstellt: die Jünger, der Auferstandene, eine Wolke, die den Auferstandenen aufnimmt und verhüllt – was können die Jünger sonst tun als nach oben schauen ob noch etwas zu sehen ist, schauen wohin Jesus gegangen ist?
Und genau diese Szene ist es auch, die oft gemalt worden ist. Wenn die Himmelfahrt in alten Kirchen oder auf Gemälden abgebildet ist, sieht man oft eine Wolke - manchmal sind noch gerade die Füße Jesu zu sehen, die aus der Wolke heraus schauen - und die Jünger, die hinauf blicken. Das ist was man sich bei der Himmelfahrt vorstellt. Was es aber sonst bedeutet, wissen nur wenige.
Es wird immer noch angenommen, dass das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte den gleichen Verfasser haben. Und dieser Verfasser ist der einzige der Evangelisten, der von der Himmelfahrt Jesu spricht. Im Markusevangelium wird die Himmelfahrt auch noch erwähnt, aber nur im Schlussteil, der erst viel später entstanden ist. Der älteste Bericht von der Himmelfahrt stammt also von Lukas.
Im Lukasevangelium wird gesagt, dass Jesus seine Jünger aus Jerusalem hinaus führte und dort seine Hände hob und sie segnete. Während er sie segnete, schied er von ihnen und wurde in den Himmel emporgehoben. Die Jünger fielen nieder und kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück. Sie waren allezeit im Tempel und priesen Gott.
Das ist der Schluss des Evangeliums. Ein Hinweis darauf, sozusagen, dass die Geschichte noch nicht vorbei ist. Dass noch viel mehr folgen wird. Die Jünger werden von Jesus gesegnet, und so geht Gottes Geschichte mit ihnen weiter.
In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie es tatsächlich weiter ging. Was tun die Jünger, wie geht es der jungen Kirche? Und die ersten Sätzen nehmen wieder auf, womit das Evangelium abgeschlossen wurde: Jesus wird von seinen Jüngern weggenommen und ab diesem Moment sind sie dran.
Hier wird ausführlicher erzählt, wie sich Lukas die Himmelfahrt vorgestellt hat. Hier werden die 40 Tage erwähnt, die Jesus nach seiner Auferstehung noch auf Erden verbracht hat. Hier ermutigt Jesus seine Jünger, indem er sagt, dass sie zwar nicht wissen, wie lange es noch dauern wird, bis Gottes Reich tatsächlich kommt, dass sie aber Kraft vom heiligen Geist bekommen werden, um durchzuhalten. Hier fallen die Jünger nicht auf dem Boden, sondern sie bleiben stehen, schauen Jesus nach und schauen zum Himmel hinauf. Erst zwei weiß gekleidete Männer zeigen ihnen, wie es weiter gehen muss – sie richten den Blick auf die Zukunft. Jesus wird wiederkommen, so wie er von ihnen gegangen ist.
Diese Blickrichtung in den Himmel hat mich fasziniert. Sie wissen mittlerweile, ich bin eine bodenständige Person und meine ersten Gedanken waren daher negativ. Es ist nicht gut, in den Himmel zu starren. Wenn man andauernd nach oben schaut, vergisst man zu leben. Wenn wir nur sehen, was war und nicht mehr ist, leben wir in der Vergangenheit und das ist nicht gesund. Wir müssen weiter mit unserem Leben, auch wenn schwierige Sachen passiert sind. Also: nimm deinen Blick vom Himmel weg und schau auf die Erde. Tu, was du tun musst. Die Jünger Jesu müssen zurück nach Jerusalem und verkündigen, was sie alles gesehen und mitgemacht haben. Sie müssen weiterführen, was Jesus angefangen hat. Von Gottes Reich erzählen. Gottes Liebe für die Menschen zeigen. Gemeinschaft stiften. Das ist ihr Auftrag, nicht herumstehen und nach oben schauen.
Damit könnte diese Predigt zu Ende sein. Frage erledigt: was ist Himmelfahrt? Der definitive Abschied von Jesus, die Akzeptanz, dass er nicht mehr da ist und dass die Jünger, dass wir nun weitermachen müssen. Und die Kraft dafür bekommen die Jünger dann zu Pfingsten: der heilige Geist wird ihnen gegeben. Und fertig sind wir.
Aber, wie immer, so einfach ist es nicht. Es ist komplizierter. Lukas hat ein theologisches Motiv, wenn er von der Himmelfahrt Christi erzählt. Für Lukas ist die Geschichte der Himmelfahrt ein entscheidender Schritt, um zu zeigen, dass Jesus nicht irgendein Wundermensch war. Jesus hat Wunder getan, er hat von Gott erzählt, er ist gekreuzigt, gestorben und begraben. Gott hat ihn auferweckt. Aber das alles könnte Gott theoretisch mit jedem machen, wenn er möchte. Das muss auch nicht unbedingt einmalig sein. Um zu zeigen, dass Jesus wirklich der Messias, der von Gott gesalbte, war und ist, erzählt Lukas am Anfang seines Evangeliums von der wunderbaren Geburt Jesu, und am Schluss von der Himmelfahrt. Jesus wird im Himmel aufgenommen. Er sitzt zur Rechten Gottes und regiert die Welt. Jesus ist erhöht worden, er ist der Christus, der Messias, der König im Himmel. Das ist einmalig und das ist das theologische Motiv des Lukas.
Also, wenn wir etwas mit der Himmelfahrt anfangen wollen, müssen wir uns hiermit auseinandersetzen. Was bedeutet das alles für uns? Für unser Leben, für unseren Glauben? Das Spannende ist, dass wir dafür doch zum Himmel hinauf schauen müssen. Wie gesagt, meine ersten Gedanken dabei waren nicht positiv. Ich habe gesagt: Nach oben zu starren heißt Stillstand, es heißt Idealisierung von dem, was nicht mehr ist. Es heißt in der Vergangenheit zu leben und die Realität nicht akzeptieren zu können. Um weitergehen zu können, muss man einen anderen Blickwinkel haben: nicht nach oben, sondern nach unten und vor allem nach vorne.
Ich habe mich aber geirrt. Und Paulus, der Apostel, der sonst von mir nicht so heiß geliebt wird, hat mir geholfen, anders zu sehen. Er sagt (ich habe den Gottesdienst mit diesen Worten angefangen): Sucht nach dem, was oben ist, wo Christus ist, zu Rechten Gottes sitzend. Er sagt also genau das Umgekehrte: schaut nach oben. Schaut zum Himmel hinauf. Da ist Christus, und wir müssen uns nach ihm richten. Seine Gesetze und Gebote sind es, denen wir folgen müssen, und nicht die irdischen Gesetze.
Ich bleibe eine bodenständige Person und ich mag es nicht so, das Himmlische und das Irdische gegeneinander auszuspielen – das Idealisieren von allem Himmlischen führt unabwendbar zu Abwertung von allem Menschlichen. Wenn wir es so verstehen: alles Irdische ist ungut und unwichtig, dann können wir nicht leben. Aber, was Paulus mir doch gezeigt hat, ist, dass in den Himmel starren nicht notwendig gleich wie rückwärts leben ist.
Im Gegenteil sogar. Denn die Himmelfahrt zeigt uns nicht, dass Jesus definitiv weg ist, sondern dass Christus für ewig bleibt. Sie zeigt uns nicht, dass was er getan und gesagt hat, endgültig vorbei ist, sondern dass das alles eine weltweite Dimension bekommen hat. Denn das alte Leben Jesu auf Erden ist zwar vorbei, aber was er zeigen wollte, geht weiter. Zum Himmel hinauf schauen heißt also: mit einer Vision zu leben, mit der Hoffnung und mit dem Glauben, dass sich Gott den Menschen immer noch zeigen will und Menschen braucht um sein Reich näher zu bringen.
Und genau das haben die Männer mit den weißen Kleidern gemeint, als sie sagten: was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn in den Himmel habt auffahren sehen. Schaut Jesus nach, und bleibt dabei, denn er wird wiederkommen, und dann musst ihr vorbereitet sein.
Also: man kann auf zwei Weisen nach oben schauen. Man kann passiv nachschauen, was war. Das heißt rückwärts leben und die Vergangenheit nicht loslassen können. Und man kann aktiv schauen, sich inspirieren und Mut machen lassen. Schauen nach dem, was immer noch ist, schauen nach dem, was kommen wird.
Wissen Sie, es ist nicht leicht zu verstehen, weil das alles noch so abstrakt ist. Vielleicht ist ein Beispiel hilfreich und macht es konkreter was ich meine. Wenn ein Ehepaar schon seit Jahren zusammen lebt, hat man sich an einander gewöhnt. Der andere hat keine überraschenden Seiten mehr – sie kennt ihn durch und durch. Ihre Launen und Empfindlichkeiten kennt er und er weiß damit umzugehen. Früher waren die zwei heiß verliebt und war das Leben spannend: das erste Mal gemeinsam den Urlaub verbringen, das erste Mal zusammen wohnen, das Leben neu gestalten, eine Familie gründen. Nach 20 oder 30 Jahren aber gibt es nichts Neues mehr, das Tempo des Lebens ist viel langsamer geworden, man lebt das Leben miteinander, weil das nun halt so ist.
Wenn man die ganze Zeit zurück schaut, wird man vielleicht sehnsüchtig danach, wie es damals war. So spannend war der Anfang, so herausfordernd, so kompliziert. Damals hat man wenigstens gelebt! Und nun? Nun ist das vorbei und das Leben ist langweilig geworden. Die Liebe, die man damals so stark empfand, ist nun manchmal noch kaum spürbar. Der Zweifel kommt. Will ich mein Leben so weiter leben? Muss ich nicht eine neue Liebe suchen? Alle Wünsche und Träume verwirklichen, die ich noch habe?
Wenn man nur rückwärts schaut, sieht man nur die Vergangenheit, nimmt sie als Norm und Maßstab und wird unzufrieden und unsicher. Das bedeutet Stillstand, oder es bedeutet ein sehr unruhiges Leben, worin man immer wieder versucht ‚Kicks‘ zu erleben, etwas zu empfinden, das wenigstens so aufregend ist wie damals, als man noch jung war.
Man kann auch anders schauen. Man kann sagen: wie schön war es damals, und wie gut ist es, dass die Liebe sich immer wieder verwandelt in etwas Reiferes und Ruhigeres, passend bei unseren Lebensumständen. Wie schön, dass wir so viele Erfahrungen gemacht haben, dass wir uns so gut kennen. Wie schön, den anderen/die andere altern zu sehen. Ich bin gespannt, was der Zukunft uns bringen wird. Ich möchte wissen, wie der/die andere in 20 Jahren aussehen wird. Wie wir unsere Enkelkinder erleben werden.
So weit mein Beispiel.
Das echte Leben ist natürlich viel komplizierter, aber ich hoffe trotzdem, dass Sie verstehen, was ich meine. Man kann dem Alten nachschauen und krampfhaft versuchen, es festzuhalten. Oder man kann dem Alten nachschauen, loslassen und sich freuen auf das Neue, das darauf wachsen wird.
Ich denke, wenn wir es so sehen, hat die Himmelfahrt einen Sinn. Die Geschichte will uns Mut machen: der auf Erden lebende Jesus ist definitiv weg, das ist vorbei. Wir müssen das loslassen. Aber die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Die Zukunft ist offen. Jesus ist zwar körperlich nicht mehr bei uns, aber was er uns gezeigt hat, ist doch nicht weg. Wir sind gespannt wie es weiter geht!
Amen |