23. Mai 2010
 

Marise Boon
 

 

 

11 1 Die Menschen hatten damals noch alle dieselbe Sprache und gebrauchten dieselben Wörter. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, kamen sie in eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an.

3 Sie sagten zueinander: »Ans Werk! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie!« Sie wollten die Ziegel als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel.

4 Sie sagten: »Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.«

5 Da kam der HERR herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. 6 Als er alles gesehen hatte, sagte er: »Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.«

7 Und dann sagte er: »Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!«

8 So zerstreute der HERR sie über die ganze Erde und sie konnten die Stadt nicht weiterbauen. 9 Darum heißt diese Stadt Babel, denn dort hat der HERR die Sprache der Menschen verwirrt und von dort aus die Menschheit über die ganze Erde zerstreut. Gen 11,1-9

 

1 Als nun die Zeit erfüllt und der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren sie alle beisammen an einem Ort. 2 Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen; 3 und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder. 4 Und sie wurden alle erfüllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab. 5 In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun jenes Tosen entstand, strömte die Menge zusammen, und sie waren verstört, denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. 7 Sie waren fassungslos und sagten völlig verwundert: Sind das nicht alles Galiläer, die da reden? 8 Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache hört? 9 Parther und Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, von Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asia, 10 von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem kyrenischen Libyen, und in der Stadt weilende Römer, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber - wir alle hören sie in unseren Sprachen von den grossen Taten Gottes reden. 12 Sie waren fassungslos, und ratlos fragte einer den andern: Was soll das bedeuten? 13 Andere aber spotteten und sagten: Die sind voll süßen Weins. Apg. 2,1-13

 

 

Thema: Ans Werk!

 

Liebe Gemeinde,

 

Seitdem ich in Österreich lebe, lese ich die Pfingstgeschichte mit neuen Augen. Jetzt kann ich mich auf einmal identifizieren mit diesen frommen Juden, eingewandert aus allen Gegenden der Welt. Wenn du dich daran gewöhnt hast, immer eine andere Sprache zu verwenden als deine eigene, vertraute Sprache, ist es sowohl verwirrend als auch wunderbar, plötzlich deine Muttersprache zu hören. Du bist total erstaunt, kannst gar nicht so schnell umschalten – dann aber ist es wunderbar, so viele Worte zu haben, um alles sagen zu können ohne nachdenken. Du bist auf einmal wie zu Hause.

 

Ich denke, alle die in ihrem Leben ihre Gegend verlassen haben, kennen diese Erfahrung.

Ich bin hier nicht die Einzige, die nicht hier ihre Wurzeln hat. Das ist ein Grund, warum viele Menschen, die ins Ausland gehen, als Tourist oder dauerhaft, so oft in die Kirche gehen.

 

In der Kirche ist es vertraut, der Ablauf ist überall ungefähr derselbe, und jedenfalls das Unser Vater kann man überall erkennen und beten.

 

Sprache verbindet und Sprache trennt. In Wien beschwert man sich oft: ‚heutzutage hört man nur noch Fremdsprachen auf der Straße und in der Straßenbahn.’ Man fühlt sich in manchen Gegenden wie im Ausland, und das macht ängstlich. Man fühlt sich selber wie eine Minderheit und hat das Gefühl, dass alle Ausländer gemeinsam eine Mehrheit bilden. Das stimmt natürlich nicht, denn alle diese Fremdsprachen sind auch sehr unterschiedlich – es sind alles relativ kleine Gruppen, die sich miteinander treffen um sich mal nicht wie Ausländer zu fühlen. Grundsätzlich aber überwiegt oft die Angst, das Gefühl von anderen bedroht zu werden.

 

Sprache verbindet auch. Gemeinsam fühlt man sich stark und nichts ist mehr unmöglich. Davon spricht die wunderbare Erzählung aus dem 1. Buch Mose.

 

Wer immer noch davon überzeugt war, dass die Bibel keinen Humor hat, weiß nun definitiv, dass das nicht stimmt – diese Erzählung ist voller Ironie. Die Geschichte, wie die ganze Urgeschichte der Bibel, ist entstanden, als viele Juden im Exil waren und in Babylon leben mussten. Sie waren also selber Ausländer und machten sich lustig über die Babylonier, über deren Glauben und deren Machtansprüche. Die Babylonier dachten, die ganze Welt beherrschen zu können, und so ist dann auch die Geschichte des Turmbaus zu Babel entstanden. Die Babylonier behaupteten: ‚Wir sind ein Volk mit einer Sprache und mit einer unzerstörbaren Stadt. Wir beherrschen die Welt und machen alles, was wir wollen.’

 

Dann, so erzählt uns die Geschichte, kommt der Herr, der Gott Israels, der richtige Herrscher der Welt – und er verwirrt einfach ihre Sprache. Er spricht genauso wie die Menschen: Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht.

 

Die Sprachen werden verwirrt, niemand versteht den anderen mehr und die Macht und Einheit sind verschwunden. So wird eindeutig klar: Menschen, die denken Macht zu haben, irren sich total. Nur einer hat wirklich Macht: der Gott Israels.

 

Alles schön und gut, aber was ist eigentlich das Problem? Warum ist es so gefährlich, einheitlich zu sein, zusammen zu arbeiten? Das ist doch gut, oder?

 

Wie wir alle wissen, ist es sehr unterschiedlich, wie man sich eine Einheit, oder eine Gruppe, denkt. Oder ein Land. Sind wir eine Gruppe um uns selbst wohl zu fühlen, zu profitieren von unserem Wohlstand und uns zu schützen vor allen, die unsere Ruhe bedrohen könnten? Wollen wir nur behalten, was wir haben, wollen wir eine starke Stadt mit großen, starken Mauern? Denken wir, dass unser Land, unsere Gegend uns gehört?

 

Oder sind wir eine Gruppe, damit wir verantwortungsvoll umgehen können mit unserem Erbe, brauchen wir keine Mauern und trauen wir uns, weiter zu schauen als auf unsere eigene Gruppe?  Ist es für uns möglich zu sehen, dass Menschen anders sein können, andere Meinungen vertreten können, und können wir das positiv bewerten? Lassen wir uns manchmal verwirren?

 

Ich denke, Babel repräsentiert die erste Gruppe. Sie haben sich eine Burg gebaut und haben nur vertikal gedacht. Sie interessieren sich nicht für den Rest der Welt. Sie bleiben innerhalb ihrer Mauern. Das ist nicht gut. Ihre Einheit ist gefährlich und bringt nichts. Gott greift ein, verwirrt sie – sie verlassen die Stadt und entdecken die Welt und alle neuen Möglichkeiten, die sie gibt.

 

Es war eine gute Sache, dass die Menschen nicht immer zusammen geblieben sind. Es hat viel Gutes gebracht. Leider sind die Menschen auch so einander entfremdet, dass sie einander gar nicht mehr verstehen können oder wollen. Eine Großstadt, wo die Menschen eine Sprache sprechen und sich nicht trauen über die Mauern heraus zu schauen, ist nicht gut. Eine Großstadt, wo Menschen einander nicht verstehen und einander als Fremde und Feinde sehen, ist allerdings auch nicht gut.

 

Gott hat darum noch einmal eingegriffen. Er hat noch einmal gesagt: Ans Werk! Wir steigen hinab und bringen den Menschen wieder Begeisterung und Feuer. Wir versuchen, die Menschen ihren Ursprung wieder finden zu lassen. Wir versuchen zu vermitteln wie ich, Gott, mir die Menschen denke. In Jesus hat Gott gezeigt, wie er ist. Jesus grenzte sich nicht ab. Für ihn war kein Mensch ein Fremder. (In den Evangelien wird zwar auch darüber gesprochen, dass Jesus sich nur auf Israel beschränkte – aber man lese dazu zum Beispiel Matthäus 15,21ff.) Er sprach seine eigene Sprache, aber jeder, der das wollte, konnte ihn verstehen. Er hat Menschen miteinander verbunden – und hat dafür mit seinem Leben bezahlen müssen.

 

Und seine Jünger? Die haben sich nachher miteinander eingesperrt in einem Haus. Sie trauerten über den Tod Jesu. Sie feierten seine Auferstehung. Sie sprachen miteinander. Sie haben miteinander gegessen und getrunken. Sie haben sich umeinander gekümmert. Eigentlich waren sie schon eine Gemeinde.

 

Für Gott war das aber nicht genug. Sie waren eine Gemeinde, hatten sich allerdings immer noch in ihrem Haus eingesperrt. Sie schauten nicht durch die Fenster. Sie kümmerten sich umeinander, aber nicht um alle Menschen da draußen.

 

Noch einmal greift Gott ein. Noch einmal kommt Gott herab – er weht wie ein Sturmwind durch das Haus, er weht allen Staub aus den Ecken und aus den Köpfen. Er öffnet die Fenster, bringt Verwirrung – und Einheit.

 

Die Jünger gehen aus ihrem Haus heraus und fangen an zu erzählen, was Gott alles gemacht hat. Und das Wunder: alle hören es in ihrer eigenen Sprache. Das bedeutet nicht nur: alle verstehen es. Sondern auch: für alle ist es wie eine Muttersprache, vertraut und passend.

 

Sie sind wie zu Hause. Die Verschiedenheit bleibt. Sie reden nicht in einer Art übersprachlicher Sprache. In ihrer Verschiedenheit aber verstehen sie einander. Sie fangen an, miteinander zu reden.

 

Gottes Geist weht, die Kirche ist geboren.

 

Und jetzt, 2000 Jahre später? Weht der Geist immer noch? Wir wissen, wie schwierig es ist, offen zu sein. Wir wissen, wie frustrierend es ist, offen sein zu wollen, und keine Zuhörer zu finden. Um die richtige Sprache zu finden, damit andere verstehen, was wir meinen. Das ist in unserem persönlichen Leben so: wie vermitteln wir, was uns wichtig ist? Wir meinen es so gut und scheitern so oft. So ist es auch in unserer Kirche. Wie erreichen wir den Menschen mit unserer guten Nachricht? Wie vermitteln wir, was wir zu sagen haben. Wie kommen die Menschen über die hohe Schwelle der Kirche? Oder, wie finden wir unseren Weg nach draußen?

 

Wir bemerken das gleiche Problem auch in unserer Stadt, in unserem Land: es gibt so viele Initiativen zum Thema Integration, und trotzdem bleiben die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen einander fern. Immer mehr Menschen ziehen sich zurück in ihre Angst.

 

Wir bemerken es weltweit: so viel Streit, so viel Hass, so viel Gleichgültigkeit.

 

Weht der Geist  nicht mehr? Oder sind wir zu müde, zu frustriert ihn noch zu spüren? Denn: Gottes Geist weht sicher noch. Vielleicht nicht so wie damals, dass tausende Menschen sich bekehrten. Vielleicht ist es ein bisschen kleiner: in den persönlichen Beziehungen zwischen Menschen, in allen guten Initiativen, um einander zu begegnen, vielleicht in ganz einfachen Gedanken und Handlungen. In aller Verschiedenheit wird doch immer wieder die Einheit gesucht – und manchmal auch gefunden.

 

Ja, der Geist weht. Und er braucht uns um weiter wehen zu können. In unerwartete und unbekannte Richtungen. Und wir brauchen umgekehrt auch den Geist. Um uns verwirren zu lassen, um alle Sorgen und allen Staub aus uns heraus wehen zu lassen. Um Unruhe zu bringen – und um Ruhe und Vertrauen zu bringen: wir sind nicht allein. Und hier, in der Kirche, bei Wort und Brot und Wein, spüren wir unsere Verbundenheit und stärken uns – in aller Verschiedenheit. Amen

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