06. Juni 2010
 

Marise Boon
 

 

 

Jesus hatte beobachtet, wie die zum Essen Geladenen die Ehrenplätze für sich aussuchten. Das nahm er zum Anlass, sie in einem Bild darauf hinzuweisen, welche Regeln an Gottes Tisch gelten.
»Wenn dich jemand zu einem Hochzeitsmahl einlädt, dann setz dich nicht gleich auf den Ehrenplatz. Es könnte ja sein, dass eine noch vornehmere Person eingeladen ist.
Der Gastgeber, der euch beide geladen hat, müsste dann kommen und dich auffordern, den Ehrenplatz abzutreten. Dann müsstest du beschämt auf dem untersten Platz sitzen.
Setz dich lieber auf den letzten Platz, wenn du eingeladen bist. Wenn dann der Gastgeber kommt, wird er zu dir sagen: 'Lieber Freund, komm, nimm weiter oben Platz!' So wirst du vor allen geehrt, die mit dir eingeladen sind.
Wenn du dich selbst groß machst, wird Gott dich demütigen. Wenn du dich selbst gering
achtest, wird Gott dich zu Ehren bringen.«
Dann wandte sich Jesus an den Gastgeber: »Wenn du ein Essen gibst, am Mittag oder am Abend, dann lade nicht deine Freunde ein, deine Brüder und Verwandten oder die reichen Nachbarn. Sie laden dich dann nur wieder ein, und du hast deinen Lohn gehabt.
Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Verkrüppelte, Gelähmte und Blinde ein!
Dann darfst du dich freuen, weil sie es dir nicht vergelten können; denn Gott selbst wird es dir vergelten, wenn er die vom Tod erweckt, die getan haben, was ihm gefällt.«
Einer von den Gästen griff dieses Wort auf und sagte zu Jesus: »Ja, freuen dürfen sich alle, die mit zu Tisch sitzen werden in Gottes neuer Welt!«
Doch Jesus antwortete ihm mit einem Gleichnis; er sagte:
»Ein Mann hatte viele Leute zu einem großen Essen eingeladen.
Als die Stunde für das Mahl da war, schickte er seinen Diener, um die Gäste zu bitten: 'Kommt! Alles ist hergerichtet!'
Aber einer nach dem andern begann, sich zu entschuldigen.
Der erste erklärte: 'Ich habe ein Stück Land gekauft, das muss ich mir jetzt unbedingt ansehen; bitte, entschuldige mich.'
Ein anderer sagte: 'Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und will gerade sehen, ob sie etwas taugen; bitte, entschuldige mich.'
Ein dritter sagte: 'Ich habe eben erst geheiratet, darum kann ich nicht kommen.'
Der Diener kam zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Herr zornig und befahl ihm: 'Lauf schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Gelähmten her!'
Der Diener kam zurück und meldete: 'Herr, ich habe deinen Befehl ausgeführt, aber es ist immer noch Platz da.'
Der Herr sagte zu ihm: 'Dann geh auf die Landstraßen und an die Zäune draußen vor der Stadt, wo die Landstreicher sich treffen, und dränge die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird!'«
Jesus schloss: »Das sollt ihr wissen: Von den zuerst geladenen Gästen kommt mir niemand an meinen Tisch!«
Lk 14,7-24

 

Thema: Die Gedanken sind frei?

Liebe Gemeinde,

Wer gerne isst und trinkt, dem rate ich, das Lukasevangelium zu lesen und zu zählen, wie oft dort gegessen und getrunken wird. Wenn man darauf achtet, ist es wirklich erstaunlich, welch großen Raum das Essen in diesem Evangelium einnimmt.

Auch heute hören wir davon. Lukas erzählt, wie Jesus am Sabbattag zu einem Essen eingeladen ist bei einem Pharisäer. Dort erzählt Jesus mit vielen Bildern und Beispielen, wie Gottes Reich aussieht und wie man sich in den Augen Gottes am besten verhalten kann.

Das Gastmahl ist das große, führende Bild des Reiches Gottes. Wir hören, wie wir einen Sitzplatz aussuchen sollten, wen wir einladen müssen, und wir hören eine Geschichte von einem Mann, der viele Menschen zu einem großen Essen eingeladen hat.

Also: Essen, Gastfreundschaft, das Reich Gottes – alles einladende Themen und genau passend bei einem Abendmahlsgottesdienst.

Trotzdem werde ich ein bisschen unruhig, wenn ich diese Worte höre. Die Empfehlung, absichtlich einen zu niedrigen Platz auszusuchen, damit du die Ehre kriegst zu einem besseren Platz eingeladen zu werden, ist mir nicht sehr sympathisch. Die Aussage: wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, finde ich auch nicht fein. Ich muss dabei sofort an Menschen denken, die sich selbst ständig klein machen, und bei denen du dann immer sagen musst: nein, das stimmt nicht, du bist gut, du bist wertvoll – und manchmal ist das dann genau was sie hören wollen.

Müssen wir uns wirklich so verhalten? Müssen wir uns ständig klein machen, klein von uns denken? Das ist meine erste Frage.

Und dann das zweite. Stellen Sie sich vor: du machst ein gutes Essen und lädst interessante Menschen ein. Und dann kommt einer, der dein Mahl verspeist, und sagt: du solltest eigentlich nicht uns einladen. Wir laden dich wieder ein und so hast du nichts Gutes gemacht. Nein, du musst Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde einladen. Die können es dir nicht vergelten, und so sollte es sein. Na, danke! Das wird ein interessantes Tischgespräch werden, wenn nur Leute da sind die hungrig sind und kaum Tischmanieren haben! (Denn alle diese Menschen waren damals arm und verstoßen.) Dazu gebe ich kein Festmahl! Ein Festmahl gebe ich, weil ich interessanten Menschen begegnen und in aller Ruhe genießen will. Ein Festmahl geben oder den Armen helfen – das sind zwei total unterschiedliche Sachen.

Erstens finde ich es sehr unverschämt, dass ein Gast so etwas behauptet an deinem Tisch. Zweitens ist auch hier wieder die Frage: müssen wir uns wirklich so verhalten? Müssen wir ständig gut tun, uns um Arme und Kranke kümmern, dürfen wir das was wir haben, nicht genießen? Es macht unsicher und unruhig.

Und dann kommt die Geschichte vom Gastmahl. Ein Herr lädt viele Leute bei sich ein, zu einem guten Essen. Wenn es Zeit ist zu kommen, entschuldigen sich aber alle. Grundsätzlich hätten sie vielleicht Zeit, in der Praxis aber nicht. Sie alle haben andere Prioritäten. Und so verpassen sie das Mahl und verärgern den Gastgeber.

Der Gastgeber lässt sich das Mahl nicht entgehen: er schickt seine Diener weg, um alle Menschen, die sie finden können, mitzunehmen. Da werden wieder die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen genannt.

Und die Frage ist: müssen wir uns wirklich als Arme und Lahme verstehen, wenn wir an Gottes Gastmahl teilnehmen wollen? Die ‚normalen‘ Menschen, mit ihren normalen Beschäftigungen, sind offensichtlich nicht gut genug. Die haben keine Zeit und werden abgelehnt.

Also: das, was mich stört bei diesen beiden Geschichten, ist dass ich dabei denke, dass man als normaler Mensch nicht gut genug ist, dass man arm oder krank sein muss, oder dass man ständig wohltätig oder demütig sein muss.

Warum stört das mich eigentlich so? Ich denke, es ist eine psychologische Empfindlichkeit.

In meinem Umfeld siehe ich sehr viele Menschen, die sich nicht so viel wert fühlen, die unsicher sind, und die es brauchen, dass manchmal gesagt wird dass sie gut sind, dass es gut ist was sie tun. Und die Menschen, die eitel sind, die sich sehr selbstsicher benehmen, vertuschen oft nur ihre Unsicherheit. Müssen wir dann wirklich in der Kirche jedes Mal hören, wie schlecht und unfähig und krank wir sind? Wie eitel wir sind und hochmütig? Wie sündig wir sind?

Wenn diese Empfindlichkeiten sich rühren, ist es notwendig einen Unterschied zu machen zwischen Theologie und Psychologie, zwischen dem Evangelium, der guten Nachricht, so wie sie gemeint ist, und dem Glauben, so wie wir es oft verstehen. Zu oft wird das vermischt. Dass wir aus theologischer Sicht Sünder sind und uns selbst erniedrigen müssen, bedeutet nicht, dass wir als Menschen schlecht und ohne Wert sind. Ich werde versuchen, das zu erklären.

Die Grenzen zwischen dem Evangelium und unserem Verständnis davon sind schwer von einander zu trennen. Das Evangelium sagt: ‚Gott liebt uns. Er will die Trennung zwischen sich und den Menschen aufheben. Die Trennung ist da, weil Menschen immer eigene Wege gehen, die von Gott wegführen. Gott will uns retten von der Sünde.’

Und sofort ist unser Gedanke da. Er sagt: ‚es ist nicht gut, eigene Wege zu suchen. Die Wege sind böse. Seht mal, was die Menschen alles falsch machen. Sie lügen und stehlen und saufen und kümmern sich nicht um einander. Die Sünde ist alles, was die Menschen falsch machen. Wir sind schuldig und nur Gott kann uns retten.’

Das Evangelium sagt: ‚liebe Menschen, es gibt eine gute Nachricht. Wir wissen, wir sind nicht perfekt. Die Welt ist nicht heil, und obwohl wir es theoretisch schaffen könnten, die Welt besser zu machen, tun wir es nicht. Die Menschen trennen sich immer wieder von Gott und sind, wenn wir ganz ehrlich sind, verloren. Doch: zum Glück liebt Gott uns so sehr, dass er uns jedes Mal eine neue Chance gibt. Er rettet uns und vergibt uns immer wieder. Wir dürfen unbeschwert leben, weil wir wissen, dass es nie definitiv vorbei ist. Und weil wir das wissen, dürfen und müssen wir dankbar leben, mit offenen Ohren und offenen Augen für die Not anderer Menschen.’

Unser Geist sagt: ‚ah, ja, ich verstehe es, wir sind unfähig etwas Gutes zu tun. Darum haben wir Angst und versuchen wir ständig, uns zu verbessern – es gelingt uns aber nie. Eigentlich sollten wir leben wie Heilige – wir sind aber Menschen. Traurig ist es – versuchen wir doch das Beste daraus zu machen.’

Das Evangelium hebt also Menschen hoch – wir selber (oder unsere Interpretationen) drücken uns oft nieder.

Schauen wir nun danach, was Jesus tatsächlich sagt, und nicht danach, was unser durchtrainierter selbstkritischer Geist uns hören lässt.

Jesus ist zum Essen eingeladen bei einem der führenden Pharisäer. Das sind die Schlechten, wie wir wissen, jedenfalls sind sie so in der Erinnerung geblieben. Die Pharisäer sind stolz darauf, dass sie genau so leben, so wie Gott es verordnet hat. Bei ihnen gibt es keine Fehler.

Jesus ist da und genießt es, diese stolzen Männer zu beunruhigen. Er stört sie, indem er vieles tut und sagt, das ihren Glauben verunsichert. Zuerst heilt er einen kranken Mann, obwohl es Sabbat ist und er nicht arbeiten darf. Dann sagt er: ‚seid euch nicht so sicher über euren Wert – sucht euch nicht die Ehrenplätze aus, seid vielmehr bescheiden. Seid ihr wirklich sicher, dass ihr für Gott auch so wichtig und makellos seid? Besser wäre es, von Gott erhöht zu werden, als euch selber zu erhöhen. Darum, wenn ihr auf Nummer Sicher gehen wollt: sucht euch einen niedrigeren Platz. Dann gibt es jedenfalls die Möglichkeit, voller Ehre erhöht zu werden.’ Es bleibt sehr unsympathisch, wir sollten aber nicht vergessen, dass es zu sehr unsympathischen Leuten gesagt wird.

Das alles ist nicht so nett. Jesus ist kein netter Gast. Er sagt: ‚ja, es ist leicht, der große Gastgeber zu sein, und großzügig dein Essen zu verteilen, wenn du weißt, dass du morgen eine Einladung von einem deiner Gäste bekommen wirst. Es ist eine Investition, das stimmt, mehr aber nicht. Es kostet etwas, und es bringt auch etwas. Kein Problem, aber es ist nicht etwas, um stolz darauf zu sein.

Wenn du echt etwas Gutes tun willst – dann lade die Menschen ein, die es wirklich brauchen, und die nichts vergelten können. Erst dann ist es etwas, das für Gott wichtig ist.’

Es geht also nicht darum, dass wir uns ständig erniedrigen müssen oder dass wir ständig gut tun müssen. Wichtig ist nur, dass wir den Unterschied wissen zwischen einem angenehmen Leben und einem guten Leben. Zwischen menschlichem Leben und Gottes Zielen. Diese Aussagen sind als Warnung gemeint: seid nicht zu stolz auf eure Wichtigkeit. Für Gott sind ganz andere Sachen wichtig.

Dass die Zuhörer fromme Leute sind, können wir gut hören. Jesus sagt: Du wirst selig sein, weil die Armen nichts haben es dir zu vergelten. Denn es wird dir vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten. Ah, denkt einer der frommen Leute, die Auferstehung.

Endlich etwas, das ich verstehe. Und fromm sagt er: ja, selig, wer im Reich Gottes essen wird.

Er meint also: ja, das Reich Gottes, danach sehne ich mich, dann wird alles so sein wie es gemeint ist.

Jesus erwidert: du musst zuerst mal abwarten, ob du dabei sein wirst. Bist du nicht viel zu beschäftigt mit total unwichtigen Sachen, mit deinem tagtäglichen Leben, um das Reich Gottes überhaupt wahrzunehmen?

Wiederum: nein, unser Leben ist nicht total unwichtig. Allerdings, im Licht der großen Einladung Gottes ist es manchmal gut, andere Prioritäten zu setzen. Wir können alle fromm tun, sagen dass wir glauben und uns nach Gottes Reich sehnen. Wenn wir aber in der Praxis nichts damit tun, hat es keinen Sinn. Wir sind bei Gott immer willkommen – wir müssen dann aber aufmerksam sein und das Ganze nicht verpassen.

Ich glaube, das ist es was Jesus sagen will. Er sagt nicht, unser Leben sei bedeutungslos.

Er warnt uns aber: wir müssen uns bewusst sein, dass es andere Werte gibt im Leben. Was wir als wichtig empfinden ist oft etwas anderes als was für Gott wichtig ist.

Gott lädt alle ein. Er sucht alle Menschen – reich oder arm, gesund oder krank, Mann oder Frau – jeder ist bei ihm eingeladen. Nicht nur die Reichen, aber auch nicht nur die Armen. Alle. Wir müssen also nicht anders sein, als wir sind. Wir sind wir, so wie wir sind, und so sind wir von Gott geliebt. Amen.

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