20. Juni 2010
 

Marise Boon
 

 

Das Wort des HERRN erging an Jona, den Sohn von Amittai, er sagte zu ihm:
»Geh nach Ninive, der großen Stadt, und kündige ihr mein Strafgericht an! Ich kann nicht länger mit ansehen, wie böse die Leute dort sind.«
Jona machte sich auf den Weg, aber in die entgegengesetzte Richtung. Er wollte nach Tarschisch in Spanien fliehen, um dem HERRN zu entkommen. In der Hafenstadt Jafo fand er ein Schiff, das dorthin segeln sollte. Er bezahlte das Fahrgeld und stieg ein.
Da schickte der HERR einen Sturm aufs Meer, der war so heftig, dass das Schiff auseinanderzubrechen drohte.
Die Seeleute hatten große Angst, und jeder schrie zu seinem Gott um Hilfe. Um die Gefahr für das Schiff zu verringern, warfen sie die Ladung ins Meer.
Jona war nach unten gegangen, hatte sich hingelegt und schlief fest.
Der Kapitän kam zu ihm herunter und sagte: »Wie kannst du schlafen? Steh auf, rufe zu deinem Gott! Vielleicht hilft er uns, und wir müssen nicht untergehen!«
Die Seeleute wollten durch das Los herausfinden, wer an ihrem Unglück schuld sei. Da fiel das Los auf Jona.
Sie bestürmten ihn mit Fragen: »Sag uns: Warum sind wir in diese Gefahr geraten? Wer bist du eigentlich? Was für Geschäfte treibst du? Zu welchem Volk gehörst du, wo ist deine Heimat?«
Jona antwortete: »Ich bin ein Hebräer* und verehre den HERRN, den Gott des Himmels, der Land und Meer geschaffen hat.«
Er sagte ihnen auch, dass er auf der Flucht vor dem HERRN war. Da bekamen die Männer noch mehr Angst, und sie fragten ihn: »Wie konntest du das tun?
Was sollen wir jetzt mit dir machen, damit das Meer sich beruhigt und uns verschont?« Denn es war inzwischen noch stürmischer geworden.
Jona sagte: »Werft mich ins Meer, dann wird es sich beruhigen. Ich weiß, dass dieser Sturm nur meinetwegen über euch gekommen ist.«
Die Seeleute machten einen letzten Versuch, durch Rudern das Land zu erreichen; doch sie schafften es nicht, denn der Sturm tobte immer heftiger.
Da beteten sie zum HERRN: »HERR, strafe uns nicht, wenn wir diesen Mann jetzt opfern müssen! Rechne uns seinen Tod nicht als Mord an. Es war dein Wille, und alles, was du willst, geschieht.«
Dann nahmen sie Jona und warfen ihn ins Meer. Sofort wurde es ruhig.
Da packte sie alle große Furcht vor dem HERRN. Sie schlachteten ein Opfertier für ihn und machten ihm Versprechen für den Fall ihrer Rettung.
Jona 1

Thema: Es gibt kein Entkommen

Liebe Gemeinde,

Manchmal möchte ich auch so tun wie Jona. Du musst etwas machen, wozu du gar keine Lust hast. Jemand besuchen, telefonieren, irgendwohin fahren, etwas schreiben – irgendetwas das du gar nicht magst. Um dann einfach zu sagen: ‚ich mache es nicht, ich gehe weg, ich lasse alles hinter mir und verschwinde’. Manchmal sehne ich mich danach.

Und darin bin ich nicht die einzige. Ich habe gelesen, es verschwinden in Wien jährlich Hunderte von Menschen – und die meisten von ihnen werden nicht entführt oder ermordet. Die meisten haben es einfach satt und verschwinden. Sie lassen alles im Stich und fliehen.

Und innerhalb von einigen Tagen tauchen die meisten von ihnen wieder auf. Was haben diese Menschen sich ausgedacht? Alles zu vergessen? Ein neuer Mensch zu werden? Wirklich ein neues Leben anfangen zu können?

Ich denke, sie würden alle sehr unterschiedliche Geschichten erzählen, manchmal sehr traurig, manchmal sehr naiv. Aber dass so viele wieder zurückgehen, ist jedenfalls ein Hinweis darauf, dass es nicht so leicht ist, deinem Leben, dir selbst zu entfliehen.

Wenn schon so viele Menschen das tatsächlich tun, muss noch eine Vielfalt von ihnen darüber nachdenken, sich danach sehnen, seinem oder ihrem Leben zu entfliehen. Im Fernsehen hat man diese Sehnsucht erkannt, und es werden viele Programme ausgestrahlt, die sich damit beschäftigen. Familien, die ins Ausland gehen und an einem exotischen Ort ein Restaurant eröffnen. Frauen, die ihr Leben mit dem Leben einer anderen Frau tauschen. Jugendliche, die einen Monat lang mit einer ganz anderen Familie leben müssen. Und was ist dann der Moral?

Zu Hause ist es doch nicht so schlimm. Es geht noch viel schlimmer. Du nimmst immer dich selbst mit.’ Und wir, Zuschauer, gemütlich auf unserer Couch und auch nicht immer mit unserem Leben zufrieden, können schadenfreudig zusehen: wie dumm die Menschen mit ihren Sehnsüchten sind, die denken, dass es woanders besser ist.

Dass diese Sehnsucht und diese Schadenfreude schon Jahrtausende alt sind, wissen wir, wenn wir die Erzählung des Jona hören. Die Geschichte ist sehr bekannt, doch sie wird nur selten im Ganzen gelesen, weil sie doch ziemlich lange ist. Ich habe darum vor, mehrere Sonntage lang die Jonageschichte zu lesen und darüber zu predigen. Eine kleine Jonareihe also.

Denn die Geschichte ist zu schön um sie nicht im Ganzen zu lesen. Sie ist voller Ironie, manchmal sogar voller Sarkasmus, und voller Wortspiele. Es braucht daher Zeit und Aufmerksamkeit sich damit zu beschäftigen.

Jona. Wenn man als unschuldige Bibelleserin anfängt, die Geschichte zu lesen, sind schon die ersten Sätze entsetzlich. Das Wort des Herrn geht an Jona. Er bekommt einen Auftrag. Mach dich auf, geh nach Ninive, in die große Stadt, und rufe gegen sie aus, denn ihre Bosheit ist vor mir, dem Herrn, aufgestiegen. Und Jona macht sich tatsächlich auf, so wie es für einen Propheten üblich ist. Aber er geht nicht nach Ninive. Er macht sich nur auf, um vor dem Herrn zu fliehen. In eine ganz andere Richtung.

Liegt Ninive im Nordosten, so liegt Tarschisch (Tarsus) im Norden. Muss man eine Wüste durchziehen, um nach Ninive zu kommen, so sucht sich Jona ein Schiff. Mit einem Schiff kann man niemals, auch nicht unabsichtlich, in Ninive kommen. So tut Jona. Er macht einfach nicht was ihm gesagt worden ist. Er denkt, seinem Auftrag entrinnen zu können, und bemüht sich sehr darum, das zu tun. Er ist bereit, viel dafür zu bezahlen. In der hebräischen Originalfassung ist es sogar unklar, ob er nur sein Fährgeld bezahlt, oder ob er das ganze Schiff kauft. Und ich denke, es ist absichtlich unklar. Wie sich dieser Jona anstrengt, um nicht tun zu müssen was ihm gesagt worden ist...

Jona – sein Name ist schon bedeutungsvoll. ‚Taube‘ heißt er, und die Tauben können zwar Nachrichten bringen und sind Opfertiere. Aber sie sind auch ohne Verstand und ängstlich. Sie wissen nicht immer, wohin sie fliehen müssen und lassen sich schnell ablenken. Der Prophet Hosea spricht vom Volk Israel, das wie eine Taube ist: Ohne Verstand. Ägypten rufen sie, nach Assur laufen sie. Und Gott fängt sie einfach mit einem Fangnetz. (Hosea 7,11-12)

So wird auch Jona gefangen. Er flieht und tut alles, um von seinem Gott weg zu gehen. Aber Gott ist Herr über den Himmel und die Erde. Über das Land und das Meer. Er lässt Jona nicht entkommen. Er wirft einen gewaltigen Wind auf das Meer und das Schiff droht auseinander zu brechen. Die Seeleute fürchten sich sehr. Sie fangen an zu beten, ein jeder zu seinem Gott. Sie fangen an, zu handeln: sie werfen die Ladung, alles, was sie nicht unbedingt brauchen, ins Meer. Sie tun, was sie können, um das Schiff zu retten.

Derjenige aber, der alle Probleme verursacht hat, tut nichts. Der ist möglichst tief in die hintersten Winkel des Schiffs hinabgestiegen und schläft. Er ist völlig passiv. Der Kapitän findet ihn und fordert ihn auf, auch zu seinem Gott zu beten. Jona tut aber nichts.

Wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind, sind die Seeleute angeblich davon überzeugt, dass einer von ihnen etwas gemacht haben muss, weshalb sie der Sturm trifft. Sie werfen das Los, und finden heraus, dass es Jona ist. Sie fragen, wer er ist, und er sagt: Ich bin ein Hebräer, und ich fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.

Er sagt, dass er sich vor Gott fürchtet, aber er meint damit nicht, dass er jetzt Angst oder Ehrfurcht vor Gott hat. Er betet nicht. Er bittet Gott nicht um Vergebung, obwohl er weiß, dass Gott seinetwegen den Sturm geschickt hat. Er bleibt passiv und möglichst auf Distanz: ‚ja, das ist mein Gott. Entschuldige, ich kann auch nichts dafür. Es ist bloß meine Religionszugehörigkeit.’

Was sollen wir mit dir tun, damit das Meer sich beruhigt? fragen die Männer. Und Jona will oder sieht nur eine Lösung: den Tod. Werft mich ins Meer, sagt er – allein der Tod kann mich endgültig von Gott trennen. Er will immer noch nicht auf Gott hören. Er lässt sich nicht von Gott zwingen. Sein Nein ist Nein: er will nicht, er mag nicht und er tut es nicht. Und aus. Dann kann er besser tot sein.

Als Kontrast mit der Passivität Jonas wird die Aktivität der Männer geschildert. Sie wollen nicht tun, was Jona sagt. Sie wollen ihn nicht töten. Verbissen tun sie, was sie tun können um Jona zu retten. Er will sich selbst nicht retten, doch die Männer wollen ihn retten. Es gelingt aber nicht.

Jona ist nicht mehr zu retten. Jona will nicht zu seinem Gott beten. Die Seeleute tun es. Sie beten zu Jonas Gott. Sie sagen: bitte, nimm es uns nicht übel, Gott, dass wir einen Menschen töten werden. Du hast es so gemeint, jedenfalls, das hat uns dein Prophet so gesagt.

Das dritte Mal wird geworfen. Gott hat einen Sturm auf das Meer geworfen, die Seeleute haben die Ladung ins Meer geworfen, und nun werfen sie Jona ins Meer. Der letzte Wurf bringt Rettung: das Meer wird still. Die Männer bekehren sich: sie fürchten sich vor Gott und bringen Opfer da.

Die Ironie dieser Geschichte ist klar. Jona, der kein Botschafter Gottes sein will, ist ohne jede Absicht der Grund, warum ein ganzes heidnisches Schiff sich zu seinem Gott bekehrt. Jona will nur weg, und tot sein, wenn nichts anderes übrig bleibt; er tut nichts und distanziert sich von seinem Gott. Das alles bringt ihm nichts. Er hat trotzdem Menschen zu Gott gebracht. Und sterben wird er auch nicht. Denn wir wissen, wie es weiter geht: es kommt ein großer Fisch, der Jona verschlingt. Er wird gerettet, obwohl er das nicht will. Aber darüber das nächste Mal mehr.

So lange wir Zuhörer sind, Leser, die gemütlich auf der Couch diese Geschichte zu sich nehmen, ist es eine lustige Geschichte. Blöder Jona, können wir denken. Als nächstes schlagen wir das Buch zu und gehen weiter mit unserem Leben. Doch, wenn es nur eine blöde-Jona-Geschichte wäre, wäre es kein Teil der Bibel. Die Geschichte ist mehr: sie ist eine Verkündigung.

Was verkündigt diese Erzählung? Dass Gott etwa Menschen zwingt, zu tun was er sagt?

Dass er ohne weiteres ein Schiff zerstört, um zu haben was er will? Dass Menschen ihrem Schicksal nicht entrinnen können? Dass alles doch schon vorbestimmt ist?

Nein, ich denke nicht. Das sind nur die Extreme, die in dieser Erzählung notwendig sind, um das Wichtigste zu betonen. Es werden nämlich keine einzelnen Menschen angesprochen, sondern eine Gruppe. Der damalige Erzähler wollte dem Volk Israel einen Spiegel vorhalten: schau, wie ihr euch oft benehmt. Ihr versteckt euch, ihr wollt nicht Gottes heiliges Volk sein. Ihr wollt nicht Gottes Zeichen in der Welt sein. Ihr meint, vor eurer Verantwortung fliehen zu können, ihr strengt euch an, nicht anders als andere Völker zu sein. Aber ebenso gut seid ihr Gottes Volk. Also, strengt euch nicht so an, bemüht euch nicht so, zu fliehen. Lacht über euch selbst, und akzeptiert wie ihr seid.

In diesem Sinne ist vielleicht nicht Jona, aber sicher der Erzähler ein richtiger Prophet. Er kritisiert sein Volk und verkündigt ihnen, was sie tun sollten.

Es ist nicht so leicht, eine Kritik, vor Jahrtausenden aufgeschrieben, und auf eine ganz andere Gruppe zielend, ohne weiteres auf uns selbst zu beziehen. Und doch sehe ich darin Ansätze, die uns nachdenklich machen können, die uns Mut und Hoffnung bringen können. Wir sind zwar kein heiliges Volk. Ich glaube nicht, dass Christen oder die christliche Kirche anders sind als alle andere. Dass wir uns von anderen unterscheiden. Ich glaube auch nicht, dass wir heilig sein oder uns klar von anderen Gruppen abgrenzen sollten.

Aber, vielleicht wäre es möglich zu realisieren, dass unser Handeln nicht nur für uns selbst eine Bedeutung hat. Dass das, was wir tun, Folgen hat. So etwas wie der ökologische Fußabdruck. Aber dann positiv. Ein göttlicher Fußabdruck? Was wir tun, hat Folgen für andere. Hoffentlich positiv. Manchmal absichtlich, aber auch oft ohne unser Wissen.

Wir müssen dafür nicht schreien und uns immer wieder zu Wort melden. Wir müssen dafür allerdings auch nicht schweigen und uns verstecken. Wir müssen nur leben, handeln, beten, tun was wir tun können, und darauf vertrauen, dass Gott damit etwas anfangen kann. Für das, was Gott mit uns vorhat, gibt es kein Entkommen. Amen.

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