04. Juli 2010
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Der HERR aber ließ einen
großen Fisch kommen, der verschlang Jona. Drei Tage und drei Nächte lang war
Jona im Bauch des Fisches.
Thema:
Aus dem Wasser und in den
Staub Liebe Gemeinde, Vor zwei Wochen habe ich über das erste Kapitel des Jonabuches gepredigt. Sie kennen bestimmt die Geschichte: Jona wird von Gott gerufen, nach Ninive zu gehen. Er tut es nicht; er flüchtet mit einem Schiff, kann Gott aber nicht entrinnen. Weil Gott einen Sturm sendet, weiß Jona keine andere Lösung als sich ins Meer werfen zu lassen. Damit haben meine Bibellesung und meine Predigt vor zwei Wochen aufgehört – und nun, zwei Wochen später, ist der arme Jona immer noch im Meer. Erst nun hören wir wie es weiter ging. Zum Glück wissen fast alle das schon, denn es ist eine sehr bekannte Geschichte. Gott lässt einen großen Fisch kommen, der Jona verschlingen soll. Drei Tage und drei Nächte ist Jona im Bauch des Fisches – und er betet zu Gott. Merkwürdige Worte betet er (wir haben einen Teil seiner Worte soeben gehört), und merkwürdig weitsprachig ist er auf einmal. Er betet einen Psalm – was er sagt, sind fast nur Psalmzitate. Er betet einen Psalm voller Hoffnung und sogar voller Dankbarkeit – Jona weiß, dass seine Hilfe vom Herrn kommt und er will Gott danken und in Gottes Tempel Opfer darbringen. Ich könnte nun eine fromme Predigt halten über die Tatsache, dass Menschen in der tiefsten Not den Weg zu Gott zurückfinden, auch wenn sie vorher von ihm nichts wissen wollten. Ich tue das aber nicht. Nicht, weil ich das nicht ernst nehme. Nur, weil es gar nicht zu dieser Geschichte des Jona passt. Denn: Jona bekehrt sich gar nicht. Jona ist auch gar nicht dankbar und voller Hoffnung, jedenfalls nicht in den nächsten Abschnitten der Geschichte. Der Erzähler dieser Geschichte lässt Jona einen Psalm beten, oder vielleicht ist er auch erst viel später eingefügt worden – das ist nicht klar. Wie auch immer: es klingt alles fromm, passt allerdings gar nicht zu Jona. Er hatte nämlich gar keine Angst. Er wollte auch gar nicht überleben. Er wollte ins Meer geworfen worden, weil er tot sein wollte. Jetzt ist er tot – jedenfalls: er sollte tot sein. Im Meer und verschlungen von einem Fisch. Aber er stirbt nicht. Gott lässt ihn nicht entkommen. Gott hat den Fisch gesandt und Gott sorgt dafür, dass Jona nicht ertrinkt, sondern wieder auf das Trockene kommt. Der Fisch speit Jona aufs Trockene, er kotzt ihn buchstäblich aus. Sogar für einen Fisch ist er unerträglich. Da liegt er, am Strand, zutiefst gedemütigt. Er hat gedacht, seinem Auftrag entrinnen zu können. Er hat gedacht, Gott entrinnen zu können. Das kann er offenbar nicht. Was ist nun zu tun? Nach Hause gehen? Tun als ob nichts passiert ist? Ich denke, am liebsten würde er das machen, doch auch das ist unmöglich, denn Gott ruft ihn zum zweiten Mal. ‚Jona, mach dich auf, und gehe nach Ninive, in die große Stadt, und rufe ihr die Botschaft zu, die ich dir sage.‘ Und Jona macht sich auf – und dies Mal geht er tatsächlich nach Ninive. Er weiß nun, dass ihm nichts anderes übrig bleibt. Irgendwie mag ich diesen Gott, so wie er hier beschrieben wird. Man könnte sagen: er zwingt Jona, zu tun, was er sagt – es wird aber so subtil und ironisch beschrieben, dass Gott ganz liebevoll aus der Geschichte herauskommt. Jona benimmt sich wie ein kleines Kind, und Gott benimmt sich daher wie ein geduldiger Vater oder eine geduldige Mutter. Die Eltern sagen, das Kind soll sein Zimmer aufräumen. Es will nicht, macht ein Drama, streitet und schreit, ist böse, und wenn es sich beruhigt hat, fragen die Eltern: Gut, kannst du denn nun zuhören und dein Zimmer aufräumen? Und das Kind macht es und alles wird wieder gut. Etwas Ähnliches geschieht hier. Gott nimmt es mit Geduld und mit Humor, dass Jona wie ein kleines Kind verweigert, zu tun, was er tun soll. Er lässt ihn nicht entkommen, er lässt ihn nicht sterben. Das für mich Berührende ist, dass Jona die Freiheit, den Raum bekommt, um zu verweigern und zu scheitern. Gott lässt ihn seine Grenzen erfahren und gibt ihm dann eine zweite Chance. Er sagt ihm, mit fast genau den gleichen Worten, was er tun soll. Geh nach Ninive. Und Jona tut es. Dann ändert sich die Szene. Jona kommt nach Ninive – eine Riesenstadt: ein Mensch muss drei Tage gehen um die Stadt zu durchqueren. Und eine böse Stadt – was aber die Bosheit der Stadt ist, wird nicht gesagt. Das war lustig für mich, denn ich wusste schon, was die Bosheit der Stadt war: die Einwohner waren eitle Menschen, die nur essen und trinken und feiern wollten, und die sich um nichts Weiteres kümmerten. Wieso wusste ich das? Ich denke, das ist es, was die calvinistischen holländischen Kinderbibeln, mit denen ich aufgewachsen bin, mir vermitteln wollten. Ich habe noch eine kleine Untersuchung gemacht und habe hier in ein paar Buchgeschäften geschaut, wie die Kinderbibeln die Jonageschichte erzählen. Aber hier wird das kaum gesagt. Entweder hat sich die Theologie der Kinderbibeln in dreißig Jahren verbessert, oder es ist das österreichische und katholische Umfeld: ich weiß es nicht. Jedenfalls wird in der Exegese meist gesagt: da Ninive ein Stadtstaat ist, war es wohl sehr aggressiv und gewalttätig. Die Menschen sind brutal und nicht eitel. Das klingt schon viel logischer und auch viel schlimmer. Und ich bin erleichtert, denn ich habe als Kind wirklich eine Weile gedacht, dass schöne Kleidung und Fröhlichkeit Gott nicht gefallen würden. Jona geht in die böse Stadt hinein und sagt nur ein paar Worte; nur das Notwendigste: Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört. Auch hier wird Raum geschaffen, obwohl die Worte hart sind. Denn vierzig Tage sind eine lange Zeit. Es wird nicht gesagt, dass es eine Möglichkeit gibt, umzukehren und die Strafe abzuwenden und doch wird Raum geschaffen, genau das zu tun. Bei Gott gibt es Spielraum, immer wieder. Für Jona, den ungehorsamen Propheten, und für die Einwohner von Ninive. Man kann sich ändern, es ist nie zu spät. Gott hat Geduld. Er gibt Ninive 40 Tage um nachzudenken – obwohl nichts versprochen wird. Die Einwohner dieser bösen Stadt benehmen sich wirklich vorbildlich. Erstens: sie glauben. Sie glauben nicht nur, was Jona ihnen sagt; sie glauben an Gott. So wie die Leute auf dem Schiff sofort an Jonas Gott glaubten und ihm ihr Vertrauen schenkten, so machen es auch die Niniviten. Sie glauben und (zweitens) sie kehren um. Und drittens, das zeigen sie. Bis ins Extreme. Alle fasten, von groß bis klein. Alle legen Trauergewänder an. Der König gibt das gute Beispiel: er legt seine Würdigkeit ab und setzt sich in den Staub – so wie die jüdischen Bußgesetze das vorschreiben. Der Höchste erniedrigt sich am meisten. Er ist verantwortlich für sein Volk. Der König lässt verkünden, dass alle Einwohner, Mensch und Tier, fasten müssen und Trauergewänder umlegen. Das ist wirklich unerhört: dass Tiere fasten müssen und sogar Trauerkleidung tragen. Auch die strengsten Bußrituale schreiben das nicht vor. Das ist wieder die Ironie, mit der die Geschichte geschrieben ist. Alles wird übertrieben. Die totalen Heiden, die furchtbaren Gottlosen bekehren sich mit einem ungekannten Eifer. Sogar die Tiere bekehren sich. Nur Jona, der Prophet Gottes, bekehrt sich nicht. Wie ich das vorige Mal erzählt habe: die ganze Jonanovelle ist gedacht, um der damaligen Bevölkerung Israels einen Spiegel vorzuhalten. Die Reaktionen der Heiden auf Gottes Handlungen sind als Kontrast zu Israels Verhalten zu deuten. Und sie sind also eine Kritik – ironisch, und trotzdem streng: wenn die Heiden, die nichts von Gott wissen und noch nie Gottes Güte erfahren haben, so reagieren – wieso seid ihr dann so hartnäckig? Ihr, Gottes geliebtes und erwähltes Volk, müsst Gott doch ernst nehmen! In der Geschichte wird gezeigt, dass es sich immer lohnt, Gottes Wort ernst zu nehmen. Denn die Niniviten setzen all ihre Hoffnung auf Gott. Sie wissen, dass es Gott frei steht, zu tun, was er will. Sie können Gottes Entscheidungen nicht beeinflussen. Trotzdem tun sie was sie tun können, um Gott davon zu überzeugen, dass es nicht notwendig ist, Ninive zu zerstören. Sie bekehren sich, denn, ‚wer weiß, Gott könnte umkehren, es könnte ihm Leid tun, und er könnte sich abkehren von seinem glühenden Zorn. Dann gehen wir nicht zugrunde. Und Gott sah, was sie taten, dass sie zurückgekehrt waren von ihrem bösen Weg. Und Gott tat das Unheil Leid, das über sie zu bringen er angekündigt hatte, und er führte es nicht aus.’ Es gibt Raum, es gibt Spielraum und Freiheit für jeden und jede von uns. Das ist die Hoffnung, die uns vermittelt wird. Freilich: wir sind erwachsen und handeln immer verantwortungsvoll. Aber, ganz ehrlich: benehmen wir uns manchmal nicht auch wie Kinder? Sind auch wir nicht manchmal gereizt und reagieren wir nicht oft mit unserem Bauch statt mit unserer Vernunft? Ich schon: auf viele Dingen lasse ich mich einfach gar nicht ein, weil ich keine Lust dazu habe, mich damit zu beschäftigen. Ich will manchmal auch flüchten und nicht tun, was ich tun muss. Und darum ist es für mich jedenfalls ein Genuss, die Jonageschichte zu hören. Nicht im moralistischen Sinn: Gott packt uns in unserem Nacken und zwingt uns, zu tun was er sagt. Sondern, weil es Spielraum gibt: es ist kein Problem, dass wir uns nicht immer wie Erwachsene benehmen – früher oder später werden wir das tun, was wir tun müssen. Wir dürfen unsere Verantwortlichkeiten fliehen – nur nicht für ewig. Wir dürfen Fehler machen. Dieser Spielraum, den Gott uns gibt, gibt Ruhe und Vertrauen im Leben. Das kann Jona uns lehren in all seiner Kleinheit und seinem kindischen Benehmen. Amen. |