11. Juli 2010
 

Marise Boon
 

 

Das gefiel Jona gar nicht, und er wurde zornig.
Er sagte: »Ach HERR, genau das habe ich vermutet, als ich noch zu Hause war! Darum wollte ich ja auch nach Spanien fliehen. Ich wusste es doch: Du bist voll Liebe und Erbarmen, du hast Geduld, deine Güte kennt keine Grenzen. Das Unheil, das du androhst, tut dir hinterher leid.
Deshalb nimm mein Leben zurück, HERR! Sterben will ich, das ist besser als weiterleben!«
4Aber der HERR fragte ihn: »Hast du ein Recht dazu, so zornig zu sein?«
Jona verließ die Stadt in Richtung Osten. In einiger Entfernung hielt er an und machte sich ein Laubdach. Er setzte sich darunter in den Schatten, um zu sehen, was mit der Stadt geschehen würde.
Da ließ Gott, der HERR, eine Rizinusstaude über Jona emporwachsen, die sollte ihm Schatten geben und seinen Ärger vertreiben. Jona freute sich riesig über diese wunderbare Staude.
Aber früh am nächsten Morgen schickte Gott einen Wurm. Der nagte den Rizinus an, so dass er verdorrte.
Als dann die Sonne aufging, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen. Die Sonne brannte Jona auf den Kopf, und ihm wurde ganz elend. Er wünschte sich den Tod und sagte: »Sterben will ich, das ist besser als weiterleben!«
Aber Gott fragte ihn: »Hast du ein Recht dazu, wegen dieser Pflanze so zornig zu sein?«
»Doch«, sagte Jona, »mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!«
Da sagte der HERR: »Schau her, du hast diese Staude nicht großgezogen, du hast sie nicht gehegt und gepflegt; sie ist in der einen Nacht gewachsen und in der andern abgestorben. Trotzdem tut sie dir leid.
Und mir sollte nicht diese große Stadt Ninive leid tun, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?«
Jona 4

Thema: Ist das Gerechtigkeit?

Liebe Gemeinde,

es gibt nicht so viele Bibelstellen, wo Menschen echt wütend auf Gott sind. In den Psalmen wird oft geklagt: Gott, warum tust du nichts? Warum lässt du mich alleine? Das sind Aufforderungen, manchmal sogar sehr freche, doch ein Streitgespräch ist es nicht.

Es gibt noch Abraham und Mose, die beide versuchen, Gott von seinem Zorn abzuhalten und die darin sehr weit gehen. Es gibt natürlich Hiob, der sich laut bei Gott beschwert, dass einem Gerechten wie ihm so viel Unheil passiert. In der Bibel wird, zum Glück, nicht nur mit Ehrfurcht von Gott gesprochen. Immer wieder hören wir, dass Menschen nicht akzeptieren, was Gott tut und sagt, dass sie Gott darauf ansprechen. Dass Gott allmächtig ist (was das dann auch genau bedeutet), heißt nicht, dass wir alles ohne Protest hinnehmen müssen.

Doch heute hören wir von einem, der etwas Einzigartiges tut in der Bibel. Wirklich wütend sein, Gott beschimpfen und verhöhnen, das tut meines Wissens nur einer: Jona. Es ist unglaublich, was er Gott alles sagt. Das Unglaubliche ist vor allem, dass er nur Bibelzitate spricht. Es ist nur der Ton, der alles anders macht. Eigentlich ist es ein Lobgesang: du, Gott, bist ein gnädiger und barmherziger Gott, bist langmütig und reich an Gnade, und einer, dem das Unheil leid tut. Das ist theologische Sprache, und zwar ein Zitat eines anderen Propheten: Joel. Von einer Danksagung wird es nun zum Vorwurf gemacht: was muss ich mit so einem Gott! Ist das Gerechtigkeit?

Obwohl dies eine Predigtreihe ist, kann ich heute nicht auf einmal beim Schluss der Jonageschichte anfangen. Die meisten von Ihnen haben die beiden anderen Predigten nicht gehört, ich werde also einiges wiederholen müssen.

Darum zuerst ganz kurz die Geschichte, obwohl sie sehr bekannt ist: Jona wird von Gott gerufen, um als sein Prophet nach Ninive zu gehen. Jona will aber nicht. Er denkt, Gott entrinnen zu können, flüchtet mit einem Schiff nach Tarschisch – in eine ganz andere Richtung also. Gott ist, wie Jona später selbst zugestehen muss, der Herr, der Himmel und Erde, das Meer und das Trockene gemacht hat; man kann ihm nicht entkommen. Gott schickt einen Sturm, die Schiffsleute tun alles was sie tun können um das Schiff zu retten. Es stellt sich heraus, dass nur eins hilft: Jona muss seinen Streit mit Gott aufgeben. Weil er das nicht will, lässt er sich ins Meer werfen: denn sterben ist, meint er, die einzige Weise um Gott definitiv zu entkommen. Doch auch da irrt er sich: Gott schickt einen Fisch und der Fisch verschluckt Jona. Immer noch ist er nicht tot.

Er wird auf das Trockene ausgespuckt und es bleibt ihm nichts anderes übrig als zu tun, was Gott ihm sagt. Geh nach Ninive. Es sieht so aus, als ob er nun wirklich Spaß daran kriegt, ein Prophet zu sein. Noch vierzig Tage, ruft er, dann ist Ninive zerstört! Ein echter Unheilsprophet zu sein und eine ganze Stadt zerstören zu lassen: eigentlich ist es ein toller Job!

Doch was passiert: die Einwohner Ninives glauben, was er sagt. Sie glauben an Jonas Gott und bekehren sich. Sie büßen, alle Menschen und sogar die Tiere der Stadt legen Trauergewänder um und fasten, und sie ändern sich total. Und dann geschieht es: Gott sieht es, er bekommt Mitleid und er zerstört die Stadt nicht.

Dann ist Jona fertig. Er ist wütend. Nun hat er, letztendlich, gemacht, was Gott ihm gesagt hat, und nun tut Gott selbst nicht, was er gesagt hat. Was hat es bitte für einen Sinn, die ganze Strecke nach Ninive zu gehen, sich zu bemühen, dass jeder es hört, dass die Stadt zerstört wird – wenn Gott im letzten Moment abhaut und es nicht tut! Jetzt steht er wie ein Blöder da. Dankeschön Gott, sagt er, hast du auch an mich gedacht? Hast du dich um deinen Propheten gekümmert, der die ganze Arbeit gemacht hat? Und was mache ich jetzt? Ich wusste es schon vorher, darum wollte ich es nicht tun. Ich wusste, du bist gnädig und langmütig, einer dem das Unheil leid tut. Ich will jetzt definitiv nichts mehr mit dir zu tun haben, also lass mich bitte sterben. Dann bin ich endgültig von dir getrennt; im Totenreich bist du jedenfalls nicht.

Es ist natürlich urkomisch. Jona ist so mit sich selbst beschäftigt, dass er gar nicht bemerkt, wie ungerecht es ist, was er verlangt. Er sagt es theologisch: warum geht Gnade vor Gerechtigkeit? Aber er meint: für was habe ich mich so angestrengt? Er kann Gottes Gnade nicht fassen, weil er nur an sich selbst denkt.

Wie ich den vorigen Sonntag schon gesagt habe: ich mag den Gott, so wie er hier in der Geschichte beschrieben wird, sehr. Er nimmt die Launen seines Propheten mit sehr viel Geduld und Humor. Er ist wie ein Vater oder eine Mutter eines sehr eigensinnigen Kindes.

Er fängt gar nicht an, die Frage von der Gnade und Gerechtigkeit mit Jona zu besprechen.

Er fragt nur: ist es recht, Jona, dass du zornig bist? Darauf bekommt er keine Antwort.

Jona geht weg und baut sich außerhalb der Stadt eine Hütte, wo er genau zusehen kann, ob doch noch etwas mit der Stadt passieren würde. Nun tut Gott genau das einzige, das noch helfen könnte: er versucht das Herz Jonas zu bewegen. Er schenkt Jona etwas, worüber er sich sehr freut: einen schattenreichen Strauch. Einen Tag lang ist Jona ganz zufrieden. Er sitzt im Schatten und genießt die Aussicht auf die Stadt. Am nächsten Tag ist der Strauch tot. Ein Wurm hat ihn gestochen, wie das auch möglich sei. Und nun sticht die Sonne Jona auf den Kopf. Und wiederum bricht er zusammen und wünscht sich tot. Wiederum fragt Gott sanft: ist es recht, Jona, dass zu zornig bist? Ja, schreit Jona, freilich ist es recht! Bis auf den Tod!

Dann folgt der letzte Satz, der das ganze Buch Jona zusammenfasst: Dir tut es leid um den Rizinus, um den du dich nicht bemüht und den du nicht großgezogen hast, der in einer Nacht geworden und in einer Nacht zugrunde gegangen ist. Und da sollte es mir nicht leidtun um Ninive, die große Stadt, in der über hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht unterscheiden können zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken, und um die vielen Tiere?

Steht er mir nicht frei, Jona, den Menschen zu vergeben? fragt Gott. Was geht es dich eigentlich an? Du hast deine Arbeit gemacht; lass mich meine Arbeit in Freiheit machen. Das ganze Buch Jona handelt von Gottes Freiheit und von einem Menschen, der denkt, Gottes Handeln bestimmen zu können. Es ist so grotesk beschrieben, dass wir nur darüber lachen können.

Es gibt keinen Propheten in der Bibel, der so erfolgreich ist wie Jona. Er bekehrt Unmengen von Menschen. Wenn er nach Tarschisch flüchtet, bekehrt er nebenbei ein ganzes Schiff voller heidnischer Menschen. In Ninive braucht er nur einen Satz zu sagen, und jeder Mensch und jedes Tier bekehrt sich. Trotzdem will er nur weg von seinem Gott. Es gibt auch keinen Propheten in der Bibel, der so launig, trotzig und sogar völlig ungläubig ist wie Jona.

Obwohl komisch, ist die Geschichte freilich nicht nur gemeint, um sich darüber lustig zu machen. Jona ist vielleicht nicht der ideale Prophet; der Verfasser des Jonabuches ist schon ein sehr guter Prophet. Er stellt den Zuhörern seiner Zeit (mehr als 2000 Jahre her) sehr kritische Fragen.

Die Fragen werden an ein Volk gestellt, das sich von seinem Gott bestimmte Sachen erwartet. Es hat sich eine Theologie gemacht. Nämlich, dass Gott die Guten belohnt und die Schlechten bestraft. So soll es sein: wenn wir uns gut benehmen, wird es uns auch gut gehen. Und wenn wir uns schlecht benehmen, müssen wir uns nicht wundern, wenn es uns schlecht geht. Also: uns, Gottes erwähltem Volk (so sagte man damals), wird von Gott geholfen und die anderen, unsere Feinde, werden von Gott bestraft. Eine ideale Theologie, denn ‚wir‘ sind immer die Guten und ‚die anderen‘ sind immer die Bösen. Ein Mechanismus, der 2000 Jahre später immer noch existiert. Diese Theologie war so selbstverständlich, dass man sich immer mehr zu beschweren anfing, wenn alles nicht so gut ging. Statt selber eine Lösung zu finden, statt selber zu handeln und Verantwortung zu übernehmen, beklagte man sich über seinen Gott. Gott machte nicht, was sich sein Volk von ihm erwartete. Gott war also eigentlich Opfer der Theologie – auch ein Mechanismus, den es immer noch gibt.

Das Buch Jona hält diesem Volk einen Spiegel vor. Alle Heiden benehmen sich vorbildlich, nur Gottes erwählter Prophet ist derjenige, der sich nicht bekehren lässt. Die Leser und Zuhörer machen sich über Jona lustig, aber sie selbst sind wie Jona. Der wirkliche Prophet, der Verfasser des Buches, ruft alle Zuhörer auf, ihre Theologie zu relativieren und Gott seine Freiheit wieder zurückzugeben.

Und wir, in unserer Zeit, machen uns lustig über Jona und über diejenigen, die das Buch kritisiert. Doch müssen wir aufpassen, dass mit uns nicht genau das gleiche geschieht. Freilich, wir sind nicht die Angesprochenen. Doch inwiefern machen wir dieselben Fehler? Wie sieht das mit uns und unserem Glauben aus? Hat jede und jeder von uns nicht ein Bild von Gott, wissen wir nicht genau wie Gott sich verhalten sollte und wie nicht? Klemmen wir Gott nicht ein mit unseren Gedanken? Wie oft beschuldigen wir Gott über alles Unheil der Welt, statt selbst unseren Mist aufzuräumen? Ist es auch uns nicht schon passiert, dass unsere Theologie, unsere Theorie von Gott wichtiger ist als Gott selbst? Wie frei ist Gott heute noch?

Das sind die kritischen Fragen, die wir uns selber auch manchmal stellen sollten. Jona, der launige und ungehorsame Prophet, kann auch uns helfen, den richtigen Weg zu finden. So wie alle Heiden im Buch Jona. Amen.

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