24. Oktober 2010
 

Marise Boon
 

 

Noomi hatte von ihrem Mann her einen Verwandten namens Boas. Er gehörte zur Sippe Elimelechs und war ein tüchtiger Mann und wohlhabender Grundbesitzer.
Eines Tages sagte die Moabiterin Rut zu ihrer Schwiegermutter: »Ich will hinausgehen und Ähren sammeln, die auf dem Feld liegengeblieben sind. Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.«
»Geh nur, meine Tochter!« sagte Noomi.
Rut kam zu einem Feld und sammelte Ähren hinter den Männern und Frauen her, die dort das Getreide schnitten und die Garben banden und wegtrugen. Es traf sich, dass das Feld zum Besitz von Boas gehörte.
Im Lauf des Tages kam Boas selbst aus der Stadt zu seinen Leuten heraus. »Gott sei mit euch!« begrüßte er sie, und sie erwiderten: »Der HERR segne dich!«
5Boas fragte den Mann, der die Aufsicht über die anderen führte: »Wohin gehört diese junge Frau?«
Er antwortete: »Es ist eine Moabiterin, die mit Noomi gekommen ist.
Sie hat gefragt, ob sie die Ähren auflesen darf, die unsere Leute liegen lassen. Seit dem frühen Morgen ist sie auf den Beinen, jetzt hat sie zum erstenmal eine Pause gemacht und sich in den Schatten gesetzt.«
Da wandte sich Boas an Rut und sagte: »Hör auf meinen Rat! Geh nicht auf ein anderes Feld, um dort Ähren zu sammeln. Bleib hier und halte dich zu meinen Knechten und Mägden.
Geh hier auf dem Feld hinter ihnen her. Ich habe meinen Leuten befohlen, dich nicht zu hindern. Und wenn du Durst hast, geh zu den Krügen und trink von dem Wasser, das meine Leute sich dort schöpfen.«
Rut warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.«
Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast; es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest.
Der HERR vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür - der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«
»Du bist so freundlich zu mir!« erwiderte Rut. »Du hast mich getröstet und mir Mut gemacht, obwohl ich noch viel geringer bin als eine deiner Mägde.«
Zur Essenszeit sagte Boas zu Rut: »Komm zu uns, iss von dem Brot und tunke es in den Most!« So setzte sie sich zu den Knechten und Mägden, und Boas gab ihr so reichlich geröstete Getreidekörner, dass sie sogar noch davon übrigbehielt.
Als sie aufstand, um wieder Ähren zu sammeln, wies er seine Leute an: »Lasst sie auch zwischen den Garben sammeln und treibt sie nicht weg!
Lasst absichtlich Ähren aus den Garben fallen, damit sie sie auflesen kann, und sagt ihr kein unfreundliches Wort!«
So sammelte Rut bis zum Abend und klopfte dann ihre Ähren aus. Sie hatte etwa 17 Kilo Gerste zusammengebracht.
Sie trug alles in die Stadt und brachte es ihrer Schwiegermutter, und sie gab ihr auch, was von den gerösteten Körnern übriggeblieben war.
Noomi fragte sie: »Wo hast du heute Ähren gesammelt? Auf wessen Feld bist du gewesen? Gott segne den, der dir das erlaubt hat!«
»Der Mann, auf dessen Feld ich heute war«, antwortete Rut, »hieß Boas.«
Da sagte Noomi zu ihr: »Der HERR segne ihn! Jetzt sehe ich, dass der HERR uns nicht im Stich gelassen hat, uns Lebende nicht und nicht unsere Toten. Du musst wissen«, fuhr sie fort, »Boas ist mit uns verwandt. Er ist einer von den Lösern, die uns nach dem Gesetz beistehen müssen.«
Rut, die Moabiterin, erzählte: »Er hat zu mir gesagt, ich soll mich zu seinen Leuten halten, bis sie die ganze Ernte eingebracht haben.«
Noomi sagte: »Es ist gut, meine Tochter, wenn du mit den Leuten von Boas gehst. Auf einem anderen Feld werden sie vielleicht nicht so freundlich zu dir sein.«
Während der ganzen Gerstenernte und auch noch der Weizenernte hielt sich Rut zu den Leuten von Boas und las Ähren auf. Als die Ernte vorbei war, blieb sie auch tagsüber bei ihrer Schwiegermutter.
Rut 2

 

Liebe Gemeinde,

In den vergangenen Wochen hat ein Thema die ganze Aktualität beherrscht, sowohl hier in Österreich als auch in meinem Heimatland: Ausländer. Und das dann vor allem im Kontext mit anderen Themen: Problematik. Integration. Kriminalität. Nicht die deutsche Sprache beherrschen. Unterricht an Klassen mit Kindern, die zum Großteil kein Deutsch reden und die Folgen für ‚unsere Kinder‘.

Dieses Themenfeld, wobei ohne nachdenken Ausländer mit mangelnder Sprachkenntnis, sozialer Problematik und Kriminalität gleichgesetzt werden, macht mich immer wieder wütend. Vor allem seitdem ich selber Ausländerin bin, ist meine Empfindlichkeit für dieses Gerede noch größer geworden. Natürlich gibt es Probleme, Bildungsdefizite und Schwierigkeiten unter Nachbarn, aber Ausländer sind nicht gleich Ausländer und soziale Problematik ist nicht gleich schlechte Integration.

Im Wahlkampf werden alle relativierenden Bemerkungen überschrien, die werden erst nachher wieder gehört. Also, mein Ärger war ziemlich groß, in den letzten Wochen. Als Pfarrerin kann man mit so vielen politischen Parolen nicht so viel anfangen, du kannst nur eines machen: etwas anderes predigen. Daher habe ich Rut gewählt, die biblische Ausländerin.

Ich habe übrigens nicht vor, mich politisch einzumischen und über eure Köpfe bestimmte Politiker zu beschimpfen. Ich möchte nur zeigen, wie in der Bibel mit Ausländern umgegangen wird.

Bevor ich das tue, muss ich zuerst noch eine persönliche Erfahrung loswerden. Als wir nach Wien gekommen sind, mussten wir nach drei Monaten um eine Aufenthaltsgenehmigung anfragen. Mein Deutsch war damals noch sehr mangelhaft und ich konnte kaum üben, denn ich war zu Hause mit meinem kleinen Sohn und kam nur in den Supermarkt und auf die Spielplätze und ich kannte kaum Menschen, mit denen ich reden konnte. So wie viele andere ausländische Frauen.

Da mussten wir nach Simmering abreisen um das wichtige Dokument zu bekommen. Stundenlang mussten wir warten, denn es waren viele Menschen da: alle Ausländer, die gerne längere Zeit in Wien bleiben wollten. Die Behörden waren nicht besonders freundlich. Wir hörten, wie manche Leute weggeschickt wurden, weil sie wichtige Dokumente vergessen hatten. Wir machten mit, wie eine junge Frau weinend nach Hause ging, weil sie nur ihren Reisepass mitgenommen, und keine Kopie gemacht hatte. Das bedeutete, sie konnte wieder von vorne anfangen und noch einmal 3 Stunden warten. Einen Termin ausmachen? Unmöglich! Einen Kaffee holen? Nicht möglich.

Nach drei Stunden waren wir dran. Wir waren schon gut eingeschüchtert. Zum Glück sprach mein Gatte schon sehr gut Deutsch. Bei unserem Gespräch ergab es sich, dass wir mindestens 3 Dokumente nicht mitgenommen hatten und gar keine Kopien gemacht hatten. Wir hatten nämlich vergessen, die Rückseite des Formulars zu lesen. Und darauf stand genau, was wir alles mitnehmen sollten. Blöd. Aber bei uns war das kein Problem. Es war ja ein Kopierer da und der Beamte konnte das sofort für uns erledigen. Und was wir vergessen hatten konnten wir auch mailen oder faxen. Es war gar nicht notwendig, zurückzukommen.

Wir waren erleichtert, dass es für uns so leicht ging, und dass man uns so freundlich behandelte. Wir waren sehr willkommen. Das war klar. Aber der Unterschied zu allen anderen war peinlich sichtbar und einigermaßen beschämt sich wir wieder gegangen. Wir, studierte Leute aus Holland, waren willkommen und für uns war es kein Problem die notwendigen Dokumente zu bekommen. Die Behörden waren nett und dachten mit. Für die anderen Ausländer, meist aus Osteuropa, die keinen Job hatten und kein Geld, war das alles nicht so leicht. Sie waren nicht willkommen und auch das war sehr klar.

Es gibt Ausländer und Ausländer. Bei manchen Ausländern ist es charmant, dass sie die Sprache nicht ganz beherrschen und dass sie manchmal Fehler machen. Bei anderen ist dasselbe ärgerlich. Bei manchen Ausländern hat man Verständnis dafür, dass sie sich untereinander in ihrer Muttersprache unterhalten. Bei anderen hat man dafür kein Verständnis.

Die Ausländer, die nicht ganz fremd sind, sind willkommen, so wie sie sind, aber zu viel Fremdes tut niemandem gut.

Jetzt ist endlich sie dran, die Fremde schlechthin, die Moabiterin, die ohne Geld und ohne Arbeit ins Ausland fuhr: Rut. Moab war für die Israeliten das meist gehasste Nachbarland. Um nur ein paar Beispiele zu geben: laut Israels Tradition sind die Moabiter aus Inzest entstanden: die berühmte Geschichte von Lot, der völlig betrunken Sex mit seinen Töchtern hat, endet so, dass eine der Töchter schwanger wird und aus ihr die Moabiter entstehen.

In Moab waren die Israeliten nie willkommen, als es eine Hungersnot gab, so erzählt uns die Bibel. Es gibt sogar Gesetze in der Bibel, dass ein Israelit niemals eine Moabiterin heiraten darf. Das darf nicht sein: Gottes Volk soll rein bleiben und sich nicht mit diesen Heiden vermischen. Allerdings steht die Geschichte der Rut auch in der Bibel, der Moabiterin, der Urgroßmutter des großen Königs David und Stammmutter Jesu.

Damals passierte es oft, dass irgendwo eine Hungersnot war und dass die Menschen woanders hingehen mussten, um überleben zu können. So hatten das auch Noomi und ihr Gatte, Elimelech gemacht. Sie fuhren nach Moab und ihre zwei Söhne wuchsen dort auf und heirateten Moabiterinnen. Obwohl ihre Religion vorschrieb, dass sie das nicht tun dürften. Das Leben ist eben anders als die Gesetze. Aber die zwei Söhne sind nicht gesund. Ihre Namen, Machlon und Kiljon, bedeuten etwas wie ‚der Krankhafte‘ und ‚der Abgeschriebene‘. Ihr Zukunft ist klar: sie sterben, und auch ihr Vater stirbt. Nun sind die drei Frauen allein, ohne Geld, ohne Arbeit und ohne Kinder. Hilflos. Laut den Gesetzen mussten die Schwiegertöchter einen Bruder ihrer verstorbenen Gatten heiraten, damit eventuelle Kinder den Familiennamen fortsetzen konnten.

Aber es gab keine Brüder, keine Familie, kein Zukunft. Noomi kehrt zurück nach ihrer Heimat, Orpa (ihr Name bedeutet ‚der Nacken‘, weil sie sich umdreht) geht zurück zu ihrer Familie und Rut (‚die Begleiterin‘) geht mit Noomi. Gemeinsam gehen sie zurück, heißt es, obwohl es für Rut gar kein Zurückgehen ist: sie war noch nie in Israel.

Angeblich hat Noomi noch ein Stück Land in Betlehem (‚das Brothaus‘), wo sie wohnen können, aber Geld oder Arbeit haben sie nicht. Sie sind von der Hilfe der Dorfbewohner abhängig. Arme Menschen haben allerdings Rechte in Israel: es ist genau geregelt was sie tun dürfen um sich ernähren zu können. Wenn geerntet wird, dürfen die Armen alles, was liegen bleibt, mitnehmen. Das klingt gut, aber solche Gesetze kann man freilich umgehen, indem man dafür sorgt, dass nichts liegen bleibt. Und indem man nicht allzu freundlich ist, wenn die Armen zu nahe kommen. Und indem sie nichts zu trinken bekommen, wenn es heiß ist. Sie können sich vorstellen, wie so etwas geht, wie die Armen wie lästige Fliegen verjagt werden.

Boas aber ist anders. Boas ist in dieser Geschichte ein Beispiel dafür, wie Gott die Gesetze gemeint hat. Er ist hier das Gesicht Gottes. ‚In ihm ist Kraft‘ bedeutet sein Name und er ist der Schützer der Armen und Hilflosen. Er sieht Rut, die arme Moabiterin, und bewundert sie. Er sieht in ihr, was sie alles hat aufgeben müssen, und wie sie sich erniedrigen muss, um sich und ihre Schwiegermutter zu ernähren. Er sieht ihren Mut, ihre Aussichtlosigkeit, ihr Vertrauen dass alles recht kommen wird. Boas sieht in Rut nicht eine Fremde, die auf seinen Kosten lebt, sondern eine tapfere Frau, die alles tut um zu überleben. Er unterstützt sie und behütet sie vor Angriffen seiner Knechte. Er sorgt dafür, dass sie genug zu essen bekommt, mehr als genug, reichlich sogar. Sie ist willkommen und das spürt sie.

Die Geschichte wird später noch sehr spannend, das müssen Sie selber zu Hause mal nachlesen. Letztendlich heiraten die zwei. Das ist nicht romantisch gemeint, allerdings ist es doch ein Happy End: so haben die zwei armen Frauen eine Zukunft und die Ehre der Familie ist gerettet. Es wird ein Sohn geboren, der den Familiennamen trägt. Und, so hören wir zum Schluss, es ist nicht nur so eine Familie: aus ihr wird David geboren, der große König.

Einerseits also muss Israel Gottes Volk sein, sich von den anderen Völkern abgrenzen, rein und heilig bleiben. Andererseits muss es Fremden Gastfreundschaft beweisen, Armen helfen und sich immer daran erinnern, dass es selber auch Fremder, Ausländer, gewesen ist.

Als Gruppe ist man Gottes Volk und abgegrenzt, aber einzelne ausländische Personen sind (jedenfalls gesetzlich) immer willkommen und spielen oft eine entscheidende Rolle in der Geschichte Israels. Es gibt Gesetze gegen Ausländer einerseits und es gibt Gebote für Gerechtigkeit anderseits. Die Bibel widerspricht sich oft – und genau das ist das Schöne daran. Es gibt einen Spielraum für Personen und ihre individuellen Geschichten.

Gottes Wege sind oft erst sichtbar, wenn man zurückblickt. Gottes Volk ist voller Menschen, die als Fremde angefangen haben. Voller kinderloser Ehepaare, Witwen, Armer, Fremder, Waisen. Menschen ohne Land, ohne Geld, ohne Zukunft. Und genau diese Menschen zeigen, wie mächtig und gut Gott ist. Unbrauchbare Leute werden gebraucht. Ewige Letzte werden Erste. Und wer zu sehr auf seine eigene Macht vertraut, geht unter und wird vergessen. Das ist was uns die Bibel immer wieder sagt

Es ist klar, dass wir diese biblischen Aussagen nicht einfach in unsere Welt übertragen können. Das wäre naiv. Trotzdem kann so eine Geschichte uns nachdenklich machen. Sehen wir bei sogenannten Fremden, was sie geleistet haben, was sie aufgegeben haben, wie mühsam sie es schaffen, hier ein Leben aufzubauen – und trotzdem ihre Eigenheit zu bewahren? Oder sehen wir vor allem, was sie nicht sind: nämlich so wie wir? Sehen wir die Möglichkeiten, die sie mitbringen, die neuen Ideen, die erfrischende Verschiedenheit? Lassen wir sie spüren, dass sie willkommen sind, dass sie eingeladen sind sich selber einzubringen und uns neue Wege zu zeigen? Oder bestätigen wir nur, was sie schon befürchten: ihr seid nicht willkommen, denn ihr seid anders – also, lasst uns möglichst wenig von euch bemerken.

Gott öffnet Türen, die wir gar nicht wahrnehmen. Gott sieht Möglichkeiten, wo wir nur Unmöglichkeiten sehen. Gott gibt Gnade, wo wir nur Gerechtigkeit suchen – und das vor allem für uns selbst. Jesus, der Christus, der Sohn Gottes, dem wir folgen, hat  Rut als Vorfahrin, eine Frau die kein Israelit heiraten dürfte. Die Bibel und die ganze Geschichte von Gott mit Menschen, beide sind voller göttlicher Überraschungen. Inwiefern lassen wir uns noch von Gott überraschen? Amen.

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