26. September 2010

Matthias Geist*
 

Als aber der Südwind wehte, meinten die Schiffsleute, ihr Vorhaben ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren nahe an Kreta entlang. Nicht lange danach aber brach von der Insel her ein Sturmwind los, den man Nordost nennt. Und da das Schiff ergriffen wurde und nicht mehr gegen den Wind gerichtet werden konnte, gaben wir auf und ließen uns treiben. Wir fuhren aber vorbei an einer Insel, die Kauda heißt, da konnten wir mit Mühe das Beiboot in unsre Gewalt bekommen. Sie zogen es herauf und umspannten zum Schutz das Schiff mit Seilen. Da sie aber fürchteten, in die Syrte zu geraten, ließen sie den Treibanker herunter und trieben so dahin. Und da wir großes Ungewitter erlitten, warfen sie am nächsten Tag Ladung ins Meer. Und am dritten Tag warfen sie mit eigenen Händen das Schiffsgerät hinaus. Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin. Und als man lange nichts gegessen hatte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben. Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff. Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. Darum, liebe Männer, seid unverzagt; denn ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist. Wir werden aber auf eine Insel auflaufen. Als aber die vierzehnte Nacht kam, seit wir in der Adria trieben, wähnten die Schiffsleute um Mitternacht, sie kämen an ein Land. Und sie warfen das Senkblei aus und fanden es zwanzig Faden tief; und ein wenig weiter loteten sie abermals und fanden es fünfzehn Faden tief. Da fürchteten sie, wir würden auf Klippen geraten, und warfen hinten vom Schiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde. Als aber die Schiffsleute vom Schiff zu fliehen suchten und das Beiboot ins Meer herabließen und vorgaben, sie wollten auch vorne die Anker herunterlassen, sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. Da hieben die Soldaten die Taue ab und ließen das Beiboot ins Meer fallen. Und als es anfing, hell zu werden, ermahnte Paulus sie alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, dass ihr wartet und ohne Nahrung geblieben seid und nichts zu euch genommen habt. Darum ermahne ich euch, etwas zu essen; denn das dient zu eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen. Und als er das gesagt hatte, nahm er Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach's und fing an zu essen. Da wurden sie alle guten Mutes und nahmen auch Nahrung zu sich. Wir waren aber alle zusammen im Schiff zweihundertsechsundsiebzig. Und nachdem sie satt geworden waren, erleichterten sie das Schiff und warfen das Getreide in das Meer. Als es aber Tag wurde, kannten sie das Land nicht; eine Bucht aber wurden sie gewahr, die hatte ein flaches Ufer. Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre. Und sie hieben die Anker ab und ließen sie im Meer, banden die Steuerruder los und richteten das Segel nach dem Wind und hielten auf das Ufer zu. Und als sie auf eine Sandbank gerieten, ließen sie das Schiff auflaufen und das Vorderschiff bohrte sich ein und saß fest, aber das Hinterschiff zerbrach unter der Gewalt der Wellen. Die Soldaten aber hatten vor, die Gefangenen zu töten, damit niemand fortschwimmen und entfliehen könne. Aber der Hauptmann wollte Paulus am Leben erhalten und wehrte ihrem Vorhaben und ließ die, die schwimmen konnten, als Erste ins Meer springen und sich ans Land retten, die andern aber einige auf Brettern, einige auf dem, was noch vom Schiff da war. Und so geschah es, dass sie alle gerettet ans Land kamen.

Apostelgeschichte 27, 13ff
 

Liebe Gemeinde

Auch wir treiben auf einem Meer, dessen Wellen immer gefährlicher werden. Aber es sind nicht die Wellen der Flüchtlinge, sondern unsere hetzerischen und menschenverachtenden Ansätze, die unser Land wellenartig erfassen. Vor Jahrtausenden waren und Jakob auf der Flucht, später auch Jesus und Paulus. Heute sind es Menschen aus Ländern, die wir kaum kennen. Und doch kommen sie als Verfolgte oder Vertriebene aus afrikanischen Gebieten oder aus dem nahen und ferneren Osten nach Europa. Wenn sie hier her gelangen, finden sie hier keinen Lebens-Raum vor, weil ihnen keiner mehr angeboten wird.

Wenn ich sage, dass ich 1987 als Studienanfänger ein wirtschaftlicher Flüchtling aus Kärnten war, dann hat das damals noch gestimmt. Zwischenzeitlich erlebe ich mich mehr und mehr als politischer Flüchtling hier in Wien, wenn auch die Kärntner Natur bezaubernd ist. Die gesellschaftliche Prägung, die sich häufig findet, ist nicht meine und sie ist es aus einer Grundüberzeugung nicht. „Die da oben! Die da in Wien! Die da, die uns unsere Arbeit wegnehmen.“ Und überhaupt: „Wir sind wir! Wir sein lei ans! Und wir san supa!“ Ob mich nicht noch die gesamte Situation hierzulande zu einem Flüchtling aus Österreich macht, weiß ich nicht. Zu befürchten ist es bei einer solchen Gesetzgebung, wie es das undurchschaubare und verachtende Fremden- und Asylrecht vollzieht. Und die mediale Verbreitung größten Unsinns tut das Ihre dazu.

In Artikel 33 der Genfer Konvention von 1951heißt es zum „Verbot der Ausweisung und Zurückweisung“: „Keiner der vertragsschließenden Staaten wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht sein würde.“

Wir treiben auf einem Meer, dessen Wellen immer gefährlicher werden. - Zurück zu Paulus. Er meinte, es sei nicht gut aufzubrechen, gegen Wind und Wetter anzukämpfen. Der Weg nach Rom war ihm selbst wichtig, da er als Bürger Roms um Anhörung bat und so einer sonst vollzogenen Todesstrafe entging. Es war ihm also einerseits eng geworden – die Gefangenschaft, die Flucht. Er hielt sich aber den Blick frei für das ihm Mögliche. Und er war als Gefangener mit Julius, dem Hauptmann durchaus noch gut dran, wie wir später lesen. Der Wille des Hauptmanns Julius und der Schiffsleute war es nun dennoch, aufzubrechen, das Risiko zu wagen. Aufzubrechen in das Ungewisse.
Wie sehr es ins Auge gehen hätte können, sehen wir an der Geschichte der Schiffbrüchigen.

Wir treiben auf einem Meer, dessen Wellen immer gefährlicher werden. Damals wie heute. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, aber auch im Dokumentationsfernsehen eine Gruppe von Menschen, nahe einem Schiff, das sie retten könnte. Sie paddeln mit ihrem Boot gegen den Willen dieser Welt. Und sie paddeln um ihr Leben. Egal ob zu recht oder zu unrecht. Sie wollen „leben inmitten von Leben, das leben will“, wie Albert Schweitzer es formulierte. Die Bilder erschrecken. Aber „Frontex“ als Abwehrorganisation überlaufender Flüchtlingsströme vernichtet die Hoffnung auf ein heiles Leben.

Diese Agentur mit Namen Frontex „koordiniert die operative Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten im Bereich des Schutzes der Außengrenzen, unterstützt die Mitgliedstaaten bei der Ausbildung von nationalen Grenzschutzbeamten und gewährleistet die Koordinierung der einzelstaatlichen Aktionen zur Durchführung von Gemeinschaftsmaßnahmen im Bereich des Grenzschutzes an den Außengrenzen und stärkt so die Sicherheit an den Grenzen.“ So heißt es auf einer offiziellen Homepage.

So kommt es dazu, dass immer wieder „Boat People“, also halbverdurstete Migrant/inn/en bei der lebensgefährlichen Überfahrt abgehalten werden, wenn sie in seeuntüchtigen Booten über das Mittelmeer oder den Atlantik an die Küsten der EU gelangen wollen. Tausende sind bei solchen Überfahrten gestorben und jeder Tote ist eine Schande für den Wertekonsens des sogenannten „christlichen Abendlandes“. Ein neues Sicherheitskonzept für die innere Ordnung der „Festung Europa“ kristallisiert sich heraus: Eine Mischung aus militärischer Abwehr, Lagerunterbringung und Kriminalisierung.

Wir treiben auf einem Meer, dessen Wellen immer gefährlicher werden. Die Welle der Gewalt und Ausbeutung, die Welle des „Wir sind wir“ und „uns gehört die Welt, der Lebensraum, die Arbeitswelt und aller Wohlstand“.

Und mitten hinein kommt das „Es wird schon wieder gut“. Ist es ein „happy end“, das für den christlichen Glauben in seiner ersten Verbreitungsphase absehbar war? Paulus, abgekämpft, verwundet, gefangen, auf der Flucht, sieht Land am Ende des Horizonts, wo andere nur die Gewitterwolken aufziehen sehen. Paulus hat den Mut inmitten der Verzweiflung. Und er IST ein Gestrandeter.

Aber er ist doch ein solcher Schiffbrüchiger, dem geholfen wird. Am rechten Platz zur rechten Zeit mit den rechten Mitteln. Er sieht Wege: das Abwerfen von zu viel Ladung, die nur schadet, hilft – symbolisch auch für uns in unserer Zeit anwendbar? Er sieht auch die Not und weiß sich und anderen genug Nahrung – ganz handfest genug Brot, Wasser und Kraftreserven – zu geben. Und er teilt das Brot, wie sein Herr, den er nicht kannte, der dies aber in seiner letzten Nacht so getan haben soll. Er dankt und bricht es. Mit anderen, nicht eigensinnig. Er weist einen Weg, damit nicht alle stranden, hinein in eine Bucht, von der aus Land in Sicht war.

Die Freiheit, die Würde ist da erreicht, wo andere den gefangenen Paulus ernst nehmen, von ihm nehmen, sich aufrichten lassen. Und die Würde erreicht ihn, wenn die Gefangenen zumindest ungehindert an Land kommen dürfen, schwimmend oder mit Brettern. Und alle, die um das Leben gebangt haben, werden gerettet und kommen sicher auf festen Boden.

Die Würde ist wiederhergestellt. Bei Gott liegt es nicht am Bürgerstatus in Rom, nicht an der Würde, ein Staatsbürger eines EU-Staates zu sein und herrschaftlich Land schier zu besitzen, das ja niemanden gehört. Leben und Lebensraum gehört nirgendwo hin außer in Gottes Hand.

Wir treiben noch immer auf dem Meer, dessen Wellen gefährlich sind. Wir sehen die Menschen auf der Flucht. Was aber ist angebracht: Mitleid, Hilfe, Aufschrei? Im Herzen sehen Christen die Gestrandeten des Lebens, die Flüchtlinge in den Booten so wie Paulus sich selbst und wir sie alle - als Ebenbilder Gottes, geliebt und beschützt.

Sie selber aber sind in ihrem Sosein oft nicht mehr dazu in der Lage. Es ist tägliche Erfahrung in den Gefängnissen, gleich ob Schubhaft oder Untersuchungshaft: Traumatisierte, Verfolgte, Gestrandete, Ermattete sind nicht fähig, Gottes Angesicht als wohlwollend zu erkennen. Sie stehen mit der Frage allein da: Bin ich es würdig? Oder warum bin ich es nicht mehr würdig, ein Mensch mit sicherem Boden unter den Füßen zu sein? Worauf kann ich noch hoffen? Soll ich blind, ein „happy end“ mit geschlossenen Augen als einlullende Phantasie erhoffen? Oder einen Traum vom besseren Leben, einen Engel an der Seite?

Paulus ist Symbolfigur des frühen Christentums. Er zieht herum, er ist erfolgreich und würdiger Missionar mit Mut zum Martyrium. Aber ist es der christliche Glaube wert, ist er es würdig, solche Gefahren auf sich zu nehmen und durch Gefahren durchzuschreiten? Es wird für Paulus gefährlich und er muss in seinem Fall auf politische Unterstützung hoffen, damit nicht politische Willkür herrscht und an ihm vollzogen wird. Ähnlich heute.

Wir treiben auf einem Meer, dessen Wellen immer gefährlicher werden. Damals wie heute. Auf einer Insel ist sicheres Land. Das Meer zeigt immer wieder Wellen. Robinson Crusoe und Noah, der die Arche baute waren jedenfalls unter den glücklichen Gestrandeten. Sie konnten als Gerettete ihr neues Land erkunden, bebauen, Freunde wie Freitag finden oder mit eigenen Kindern ein neues Leben aufbauen. Wer seine Würde wieder findet, kann aufatmen. Wer im Moment oder dauerhaft fragt: „Bin ich nicht würdig, dass mir Gott oder das Leben zur Seite steht?“, der lebt mit existentieller Not. In jeder Hinsicht.

Mit uns beschäftigen sich eine Menge Menschen in Familie, Nachbarschaft, Lebensraum mit dieser Frage. Sie gehört anscheinend zum Puls der Zeit. Die Zitterpartie des Lebens, ich nenne es „das Schiffbrüchige“ im Leben, das beginnt bei denen die dem Leistungsdruck nicht standhalten können in Schule und Beruf, bei vielen, die gedemütigt wurden, bei jenen versteckten, die nur zum Teil Anerkennung finden, etwa bei den Scheidungswaisen und Alleinerzieherinnen. Und ich selber suche in meinem Alltag mit den Gefangenen den Dialog, der auch mich ganz neu herausfordert: mit Schuldigen und Unschuldigen in Untersuchungs- oder Schubhaft. Sie suchen Land in Sichtweite. Aber wo? Und woher nehmen?

Ich denke, dass alles an der Gnade des weiten Blicks liegt, der um uns oder in uns noch vorhanden ist. Paulus spricht aus, wozu Gott uns mahnt und gebrauchen will. Wer beschenkt worden ist mit der Gnade, will sie weitergeben. Denn wer keine Gnade kennt, wird gnadenlos und meint: Das Boot ist voll und „Sollen sie doch verrecken!“ Dabei übt sich das christliche Abendland ohne Scham. Die gefährlichen Wellen der Gnadenlosigkeit beginnen nicht, sie haben begonnen. Sie schwappen auf uns und unsere Suchenden über. Außer wir wehren uns mit der Gnade, die uns geschenkt ist. Die Flutwelle breitet sich aus, kann aber nur durchbrochen werden, wenn sie einen Bezwinger findet und eine sichere Insel hat: Uns selber, uns in der Gnade des Lebens, der Nahrung, des Teilens und des weiten Horizonts. Uns, ohne wenn und aber!

So möchte ich behaupten, dass das Boot noch lange nicht voll ist, wenn auch Frontex und die EU ihre Grenzen dicht machen. So lange ist dieses Boot mit Menschen in echter Not nicht voll, bis das Teilen eingeübt ist und der andere, der gnadenbringende Horizont wieder sichtbar wird. Paulus wurde auf der Insel freundlich empfangen, obwohl gestrandet, auf der Flucht und gefangen. Und ich frage mich und Sie in Hinsicht auf Paulus und die „boat people“ von heute: Sind wir nicht alle im Boot mitgemeint?

Amen         

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* Pfarrer Dr. Matthias Geist ist Gefängnisseelsorger in Wien. www.gefaengnisseelsorge.at
                                  

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