14. November 2010
 

Jutta Henner*
 

 

Auch die Menge stellte sich gegen sie, und die Richter der Stadt ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie zu geißeln. Nachdem man ihnen viele Schläge gegeben hatte, warf man sie ins Gefängnis und trug dem Gefängniswärter auf, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin führte der sie in den innersten Teil des Gefängnisses und legte ihnen die Füße in den Block.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas zu Gott und stimmten Lobgesänge an, und die anderen Gefangenen hörten zu. Da gab es auf einmal ein starkes Erdbeben, und die Grundmauern des Gefängnisses wankten; unversehens öffneten sich alle Türen, und allen Gefangenen fielen die Fesseln ab.

Der Gefängniswärter fuhr aus dem Schlaf auf, und als er sah, dass die Türen des Gefängnisses offen standen, zog er sein Schwert und wollte sich das Leben nehmen, da er meinte, die Gefangenen seien geflohen. Paulus aber rief mit lauter Stimme: Tu dir nichts an, wir sind alle da! Jener verlangte nach Licht, stürzte sich ins Innere und warf sich, am ganzen Leib zitternd, Paulus und Silas zu Füßen. Er führte sie ins Freie und sagte: Große Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?

Sie sprachen: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus. Und sie verkündigten ihm und allen, die zu seiner Familie gehörten, das Wort des Herrn. Und er nahm sie noch zur gleichen Nachtstunde bei sich auf und wusch ihre Wunden und ließ sich und alle seine Angehörigen unverzüglich taufen. Dann führte er sie in seine Wohnung, ließ den Tisch bereiten und freute sich mit seinem ganzen Haus, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.

Als es Tag geworden war, schickten die Richter der Stadt die Gerichtsdiener vorbei und ließen sagen: Lass jene Männer frei!

Der Gefängniswärter richtete es dem Paulus aus: Die Richter haben die Meldung überbringen lassen, dass ihr frei seid. So geht nun und zieht in Frieden! Paulus aber sagte zu ihnen: Ohne Urteilsspruch haben sie uns öffentlich prügeln lassen, obwohl wir römische Bürger sind, und uns ins Gefängnis geworfen. Und jetzt wollen sie uns heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen kommen und uns selber hinausgeleiten. Die Gerichtsdiener meldeten diese Worte den Richtern. Die bekamen es mit der Angst zu tun, als sie hörten, dass es sich um römische Bürger handelte. Und sie gingen zu ihnen und redeten ihnen zu, geleiteten sie hinaus und baten sie, aus der Stadt wegzuziehen.

Da verließen sie das Gefängnis und gingen zu Lydia, trafen dort die Brüder und Schwestern, sprachen ihnen Mut zu und brachen dann auf.

Apostelgeschichte 16,22-40
 

Liebe Gemeinde!

Eine Geschichte voller Überraschungen ist es, die Lukas uns hier in seiner Apostelgeschichte erzählt! Eine Geschichte voll überraschender, von Gott gefügter Begegnungen, eine Missionsgeschichte, aber eben auch eine Geschichte von der Begegnung von Fremden und Einheimischen, die einander in überaus unerwarteter Weise nahe kommen.

Die Vorgeschichte ist rasch erzählt: Paulus, der unermüdlich in Sachen des Evangeliums in der gesamten antiken Welt Umherziehende ist um das Jahr 50 von Jerusalem aus aufgebrochen zu seiner so genannten 2. Missionsreise. Auf dem Landweg zieht er durch die heutigen Staatsgebiete von Israel, dem Libanon, Syrien und der Türkei. Die von Paulus ursprünglich geplante Reiseroute lässt sich jedoch nicht verwirklichen: Der Heilige Geist - so der Bericht der Apostelgeschichte - durchkreuzt sie gründlich. Auf Umwegen über das anatolische Hochland kommen Paulus und seine Weggefährten schließlich nach Troas. Wer von Ihnen schon einmal auf der Insel Lesbos Urlaub gemacht hat, hätte dort die Gelegenheit gehabt, von der Nordküste der Insel hinüberzuschauen nach Troas. Göttliche Fügung sorgt dafür, dass der weitere Weg hinüber nach Europa führt: Eine entsprechende nächtliche Vision mit einem Hilferuf eines Europäers, eines Griechen in makedonischer Tracht, bringt die Reisenden in Sachen Evangelium per Schiff hinüber, vom Hafen Neapolis geht es direkt nach Philippi. Der Fluss an der heutigen griechisch-türkischen Grenze war oft genug in jüngster Zeit in Medienberichten erwähnt. Auch österreichische Polizisten sind dort im Einsatz, um Flüchtlinge daran zu hindern, in die Festung Europa zu kommen. Etwa 150 km westlich davon befindet sich Philippi, nahe der Küste. Typisch Paulus - mit kleinen Siedlungen und Dörfern gibt er sich nicht erst ab, ihn zieht es strategisch in die Metropolen, dort sind mehr Menschen zu erreichen, in Städten werden Trends gesetzt. Ob er auch damit rechnete, dass im städtischen Millieu die Offenheit und Toleranz dem Neuen und Fremden gegenüber größer ist? Nicht immer ist das so. Das zeigen nicht nur Wahlergebnisse jüngster Zeit. Das wird Paulus am eigenen Leib erfahren!

Es lässt sich ja erst einmal alles überraschend gut an in Philippi, dieser römischen Kolonie, wo viele pensionierte Militärangehörige angesiedelt waren. Eine biedere Beamtenstadt könnte man sagen. Es gab zwar keine richtige jüdische Synagogengemeinde, Paulus traf aber doch einige seiner Predigt gegenüber aufgeschlossene Frauen, die offenkundig dem Glauben an den einen Gott, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, schon verbunden waren. Die Missionspredigt fällt auf fruchtbaren Boden - zu allererst bei einer Fremden! Der erste Christ auf europäischem Boden ist - eben eine Frau! Lydia, die Purpurhändlerin. Sie ist selbst eine Fremde in Philippi, eine Zugereiste. Doch Fremden, wenn es sich um erfolgreiche Wirtschaftstreibende handelt, kommt man - damals wie heute - gerne entgegen und zeigt Offenheit und Gastfreundschaft! Gastfreundschaft gewährt Lydia übrigens auch Paulus und seinen Gefährten in ihrem Haus - eine bleibende Verbundenheit entsteht. Nur von dieser Gemeinde in Philippi wird Paulus für seine späteren missionarischen Aktivitäten finanzielle Unterstützung annehmen.

Es kann und darf aber nicht sein, dass diese Fremden so einfach eine neue, fremde Religion verkündigen - auf einer der nächsten Etappen dieser 2. Missionsreise werden es selbst die ansonsten aufgeschlossenen Philosophen und Intellektuellen in Athen kritisch bemerken - „fremde Götter“ seien es, die Paulus bringe.

Während ihres offenkundig längeren Aufenthaltes begegnen Paulus und Silas einer Sklavin, die scheinbar mit besonderen spiritistischen Gaben ausgestattet war, oder zumindest diese gekonnt einzusetzen wusste. Eine geniale Einnahmequelle für ihre Besitzer. Paulus macht dem Spuk sehr bald in Gottes Namen ein Ende. Soweit - so gut. Doch beim Geld hört sich nicht nur die Freundschaft, sondern auch jede Toleranz auf. Das lassen sich die Besitzer der Sklavin nicht bieten, dass Fremde ihr Einkommen schmälern! Das lassen sich brave Bürger auch heute nicht bieten - einer Umfrage aus diesem Frühsommer zufolge würde die Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher der Regierung empfehlen, doch bei den Kosten für Fremde, am besten denen für Asylwerber, zu sparen - ein vermeintliches Patentrezept zur Budgetsanierung. Man sichte auch nur einmal Schlagzeilen und Medienberichte - Fremde werden gerne nur als Kostenfaktoren gesehen, für das Sozialsystem und überhaupt.

Die betroffenen Besitzer der Sklavin wissen jedoch, dass man es etwas subtiler anstellen muss, will man die Fremden gesetzeskonform aus dem Weg schaffen. Den Volkszorn schüren und parallel die Justiz in die Pflicht nehmen - wozu gibt es schließlich Beamte und Gesetze! Öffentlicher Aufruhr steht zu befürchten durch diese Fremden. Das, was sie verkünden, verstößt schließlich gegen die gute Sitte! Und - sie sind nicht einfach nur Fremde, sie haben auch eine fremde Religion und was für eine - Juden sind es, so der Vorwurf! Antijudaismus bereits in der Antike...

Jetzt geht alles ganz schnell. Der Verwaltungsapparat funktioniert ja bestens, die öffentliche Meinung gibt dem Ganzen noch Rückenwind! Eingesperrt gehören sie, diese Fremden! Ohne ordentliche Verhandlung und Urteil. Einfach so. Das freut die braven Bürger, dass die öffentliche Sicherheit doch noch gewährleistet ist. Das freut auch die oft selbst in der Bevölkerung nicht sehr geschätzten Funktionäre, dass sie einmal von der Bevölkerung positives Feedback für ihre Tätigkeit bekommen, dass sie zeigen dürfen, was sie können. Die Fremden ihrer Ehre berauben und ihnen körperliche Schmerzen zufügen - ihnen ihre Kleider ausziehen und sie geißeln, ein Exempel statuieren zur Abschreckung für andere. Es sei nur am Rande bemerkt, dass keinesfalls nur die Bürger in Philippi sich dem für sie fremden Paulus gegenüber alles andere als gastlich zeigen. Paulus kann in seinem 2. Brief an die Gemeinde von Korinth ein Lied davon singen: Dreimal sei er gegeißelt worden, mehrfach geschlagen und gefangen genommen worden. Apostel - alles andere als ein Traumjob. Als Fremder ist er, egal wohin er kommt, Vorurteilen und Feindschaft ausgesetzt. Ja, Paulus schreibt mit gutem Grund in einem seiner späteren Briefe, an eben die von ihm rund um Lydia gegründete Gemeinde in Philippi, dass sein „Bürgerrecht im Himmel“... sei, er letztendlich überall auf Erden als Fremder behandelt werde.

Mit der öffentlichen Amtshandlung ist die Angelegenheit der fremden Störenfriede in Philippi, die Sache des Paulus und des Silas, aber noch nicht beendet. Ab ins Gefängnis mit ihnen, hinter Schloss und Riegel, damit sie nichts mehr anstellen können. Ohne Verfahren und Schuldspruch wird kurzer Prozess mit den beiden gemacht: Wie Schwerverbrecher kommen sie in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses, ihre Füße kommen in den Block, jeder Fluchtversuch ist von vorne herein ausgeschlossen. Der namenlos bleibende Gefängnisdirektor tut auch nur seine Pflicht, erfüllt sie sogar im Übersoll.

Endstation Gefängnis - so sieht der Weg vieler Fremder bis heute aus. Ja, die Gefängnisse sind voll mit Fremden, über 45% der Insassen sind Fremde! Da sieht man es ja, wie wichtig es ist, sie gut zu verwahren!

Paulus und Silas - wie mag es ihnen gegangen sein in ihrer Zelle? Sie verlieren den Mut und die Hoffnung nicht - ganz im Gegenteil. Wie verfolgte Christinnen und Christen nach ihnen bis heute überall auf der Welt, vertrauen sie darauf, dass ihrem Gott nichts unmöglich ist. Mitten in der Nacht stimmen sie ihre Loblieder an, Psalmen wahrscheinlich (die sie übrigens auswendig könne) - zur Überraschung der Mitgefangenen im Stadtgefängnis von Philippi. Glaube kann Berge versetzen - oder, anders formuliert: Gott selbst setzt alles in Bewegung, um den Seinen zu ihrem Recht zu verhelfen. Ein Erdbeben, in der Gegend um Philippi zwar keine Seltenheit, aber just zu dieser Stunde Zeichen göttlichen Eingreifens, erschüttert die Grundfesten des Gefängnisses: Türen und Tore öffnen sich, Ketten und Fesseln sind gelöst!

Hier könnte die Erzählung darüber, wie Paulus und Silas das Evangelium nach Philippi brachten, eigentlich enden. „Gott hat den Fremden lieb“, wie es schon in der Tora zu lesen ist. Er verschafft den Gefangenen Freiheit, wie es die Propheten verheißen haben und wie Jesus es programmatisch am Beginn seines Wirkens in der Synagoge von Nazareth verkündet.

Doch: Hier endet die Erzählung NICHT, hier fängt sie erst richtig an! Ganz und gar überraschend. Es geht dabei gar nicht mehr - oder allenfalls nur am Rande - darum, dass Paulus und Silas frei kommen und ihren Dienst in der Sache der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus fortsetzen können.

Eine Randfigur, namenlos und austauschbar, wird zur Hauptfigur in der nun folgenden Szene. Für einen Justizbeamten, für den Gefängniswärter in Philippi, überstürzen sich infolge des nächtlichen Erdbebens die Ereignisse. Seine Ehre steht auf dem Spiel - die Tore des Gefängnisses sind offen, er ist bereit, die Konsequenzen zu tragen, sein Versagen bei der Erfüllung seiner Pflichten einzugestehen: Er will seinem Leben ein Ende setzen. Dies war in der Antike eine durchaus beliebte Methode sich der sonst oftmals viel qualvolleren Todesstrafe bei Amtsversagen zu entziehen. Als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte könnte man hier beispielsweise Sokrates oder auch Kleopatra erwähnen.

Die Kette der Überraschungen setzt sich dramatisch fort: Keiner der Gefangenen ist geflohen. Paulus hat das rechte Wort zur rechten Zeit und verhindert das Schlimmste. Die Mauer der Feindschaft zwischen den - gerade nicht mehr - gefesselten Fremden und dem in seinem Dienstauftrag gefesselten Gefängniswärter besteht nicht mehr. Sie, die für ihn entweder einst verhasste Fremde waren oder die er bestenfalls in professioneller Distanz kaum noch als Mitmenschen wahrgenommen hat, sind es, die dem Gefängniswärter und seinem Leben eine neue Perspektive geben! Nichts bleibt, wie es vorher war. Weitgereiste Fremde mit ihrer Religion waren nötig, damit das Leben des Gefängniswärters ungeahnt bereichert und mit Sinn erfüllt wurde. Eine biblische Einsicht bewahrheitet sich auch hier wieder, in überraschender, geradezu humorvoller Weise lenkt Gott die Begegnungen der Menschen - zum Besten für alle! Aus einander Fremden werden Freunde, die Botschaft, die Paulus und Silas nach Philippi gebracht hat, wird der ganzen Familie des Gefängniswärters freudig und umgehend mitgeteilt. Statt im Gefängnis verbringen Paulus und Silas in der Familie des Wärters die Nacht. Gesten und Zeichen begleiten die Wende im Verhältnis zueinander: Die Wunden der Gefangenen werden vom Gefängniswärter fürsorglich versorgt. Happy End bei froher Tischgemeinschaft - die Begegnung mit zwei Fremden hatte - nicht nur für diese Großfamilie in Philippi - verwandelnde Kraft. Lukas schildert die Freude über die Taufe der Familie und die gelebte Gastfreundschaft zu nächtlicher Stunde in Philippi.

Die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende: Das öffentlichkeitswirksame Einschreiten der staatlichen Organe in Philippi gegen zwei harmlose Fremde entbehrte schließlich jeder Rechtsgrundlage. Das wissen im Letzten auch die Richter. Eine Nacht im Gefängnis muss doch eigentlich reichen als heilsame, abschreckende Erfahrung. Früh am Morgen schicken sie Gerichtsdiener mit entsprechenden Anweisungen zum Gefängnis. Doch auch Paulus hat seinen Stolz - nicht nur, dass er jetzt den Trumpf ausspielt, dass er zwar Fremder in Philippi, doch nichtsdestotrotz römischer Bürger ist! Als wahrer Himmelsbürger, als selbstbewusster mündiger Christ hält Paulus den staatlichen Autoritäten den Spiegel vor: In der Tat, sie bekommen es auch mit der Angst zu tun. Im Wissen um das Unrecht, das sie Paulus und Silas angetan haben, müssen sie deren Begehren nachkommen und die am Vortrag von ihnen triumphal Inhaftierten jetzt kleinlaut und beschämend in aller Öffentlichkeit aus dem Gefängnis begleiten. Es bleibt ihnen nur ein letzter Ausweg, um ihr Gesicht nicht völlig zu verlieren: Abschiebung! Ausweisung! Weg mit ihnen, den unbequemen Fremden aus dieser Stadt, sie machen ja doch nur Probleme. Nichts Neues unter der Sonne - Abschiebung heißt das Zauberwort

So hätten sie es gerne. Paulus und Silas suchen aber erst einmal die Gemeinschaft mit ihresgleichen, mit Lydia und den anderen in der an ihrem Beginn stehenden, aus Fremden und Einheimischen, die zu Freunden geworden sind, bestehenden Gemeinde in Philippi. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ - Biblisch begründeter ziviler Ungehorsam.

Fremde im Gefängnis - Überraschungen eingeschlossen. Zum Beispiel, dass die Fremden im besten Sinne des Wortes zum Segen werden können für die, die ihnen mit Offenheit begegnen. Aber auch, dass Gottes Liebe den Fremden gilt und nicht nur ihnen, sondern auch denen, die mit den Fremden zu tun haben. Ihnen geht er in zu Herzen gehender Weise nach. Nicht nur damals im Jahre 50 in Philippi.

Amen

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*Dr. Jutta Henner ist evangelische Theologin und Vorsitzende der Österreichischen Bibelgesellschaft

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