26.
Dezember 2010
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Eure Liebe sei ohne Heuchelei! Das Böse wollen wir verabscheuen, dem Guten hangen wir an. In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest. Um die Nöte der Heiligen kümmern wir uns, von der Gastfreundschaft lassen wir nicht ab. Segnet, die euch verfolgen, segnet sie und verflucht sie nicht! Freuen wollen wir uns mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden. Seid allen gegenüber gleich gesinnt; richtet euren Sinn nicht auf Hohes, seid vielmehr den Geringen zugetan. Haltet euch nicht selbst für klug! Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht: Haltet Frieden mit allen Menschen! Übt nicht selber Rache, meine Geliebten, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum! Denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache, ich werde Vergeltung üben, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute. Römer 12, 9-21
Liebe Gemeinde! Wir haben hier nicht weniger gehört als DAS eine und einzige Rezept zur Rettung unserer Welt. Alle Bedrohungen, alle Streitigkeiten, alle Kriege, ob in Afghanistan oder im Irak, ob Bürgerkrieg oder Krieg auf den Straßen, jedes Mobbing im Büro, aller Raub und Mord, alle Konflikte in den Familien, alle Missbrauchsvorfälle in den Internaten, alle Gewalt in den Schulen würden der Vergangenheit angehören. Würden wir alle – oder meinetwegen 80 % der Bevölkerung – so leben, wie es der gute Apostel so gutgemeint hier schreibt: es wäre geradezu wie im Paradies. Es gehört doch zum selbstverständlichen Repertoire eines Christenmenschen: Halte Frieden mit allen Menschen! Und: Lass dich nicht vom Bösen unterkriegen! Die Vorsätze klingen gut, wenn man sie liest und hört. Aber haben sie schon mal versucht, wirklich so, wie es hier steht, so durchs Leben zu kommen? Einen Tag lang? Der Autor Nick Hornby hat in seinem genialen Buch: “How to be good.” dieses Szenario an seinem Protagonisten durchexerziert. Es kann komisch - peinlich – tragisch sein, wenn ein Mann plötzlich beschließt das hier einzuhalten du nur noch Gutes zu tun versucht. Für seine Frau und Freunde wird er in seiner Gutherzigkeit und Friedfertigkeit unerträglich. Und er stößt mit seinem Vorsatz ab nun nur Gutes zu tun und Bösem mit Gutem zu begegnen, auf alle denkbaren Widrigkeiten. Es ist halt schwer, in unserer Ellbogen-Leistungsgesellschaft sich so durchzuschlagen – besser müsste man sagen: durchzuschlängeln. Wir sind nicht alle wie ein Gandhi, ein Franz von Assisi, ein Jesus oder Buddha Gautama. Drei einfache Merksätze, die man in christlichen Familien ganz selbstverständlich seinen Kindern vermitteln soll, lauten ja:
Nur auf den Spielplätzen und Finanzmärkten und Arbeitsmärkten und Straßen und in den Kirchen dieser Welt geht es halt leider ein bisserl anders zu. Auch auf den Rodelbahnen für die Kleinsten oder im ZOOM-Museum im Museumsquartier – da lernen sich die Kleinen zu behaupten. „Lass dir nichts gefallen!“ „Du musst dich durchsetzen!“ „Wenn dich wer schubst, dann schubs ruhig mal zurück, damit der weiß, wie das ist.“ „Dräng dich vor, denn du willst doch die Nummer Eins sein!“ Dem stellen wir gegenüber: „Halte Frieden mit allen!“ Sollen wir uns schwächlich, zurückhaltend gebärden? Sollen wir wirklich zum Spielball der anderen degenerieren und den Watschenmann und die Watschenfrau zur Belustigung der anderen abgeben? Nein, man kann nicht jeden lieben – schlimmer könnten wir das Wort Liebe nicht entwerten. Es wäre pervers, versuchten wir alle zu lieben. Wir können versuchen, einander zu achten, zu respektieren, zu beachten, aufeinander zu schauen. Das ist schon mal viel. Und mehr verlangt Paulus auch nicht. Vielmehr weist er ganz zu Beginn daraufhin: „Eure Liebe sei ohne Heuchelei!“ Tut ja nicht so, als würdet ihr euer Gegenüber mögen, wenn er euch unsympathisch oder für euch abstoßend ist. Wir sollen uns nicht verbiegen, von Liebe zu allen Menschen schwafeln. „Haltet Frieden mit allen!“ „Wenn möglich!“ „Soweit es in eurer Macht steht!“ Friedfertig ja, aber nicht um den Preis der Verlogenheit. Das gehört mit zu den schlimmsten Gepflogenheiten unter Christengemeinden, wenn es heißt: Wir haben uns ja alle lieb! Wir sind ja alle gleich per Du! Darum geht es eben nicht. Wir sollen sehen, wo wir Feinde haben, wo sich Leute so aufführen, dass man das, was sie tun, ruhig auch mal „böse“ nennen muss. Es gibt Bösartigkeiten, Gehässigkeiten, Gemeinheiten, Mobbing, man fügt sich vorsätzlich Verletzungen zu, beleidigt sich, verleumdet und vernadert auch mal gern etwa die Pfarrer. Das mag nicht unbedingt zum Ur-Bösen, zum abgrundtiefen Bösen zählen, aber trotzdem stellt sich die Frage: Wie reagieren wir darauf? Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat in seinem Werk zur „Grundlage der Moral“ über den obersten Grundsatz Kantischer Ethik geschrieben: „Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soviel du kannst!“ So seien die Sittenlehren dieser Welt auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, meint Schopenhauer. Paulus argumentiert seinen Satz: „Lass dich vom Bösen nicht besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ damit, dass er uns vor allem zurufen will: Wagt es doch einmal! Seien Sie doch einmal mutig und begegnen Sie dem Bösen mit Gutem! Tragen Sie mal nichts nach! Verkneifen Sie es sich, jemanden was heimzahlen zu wollen. Und wir werden alle überrascht sein, wie das plötzlich wirkt. Wir fühlen uns selbst besser. Wenn immer möglich, sollen wir Ruhe bewahren, Geduld aufbringen und dann doch auch um das Gute kämpfen. Nicht sich vom Bösen überwinden lassen – passiv dahocken und lamentieren und klagen – sondern selbst das Böse bekämpfen und überwinden. Und wenn wir fragen: Wie soll das funktionieren? Wie stellt er sich das bitte vor? Erstens gab es seit langem die Erfahrung, dass man mit dem Verzicht auf Rache und Vergeltung und Heimzahlenwollen, den Feind verblüffen kann. Das reicht bis zur Beschämung: Wenn dich einer auf die eine Wange schlägt, halte ihm auch die andere hin! Mit Freundlichkeit, Bestimmtheit auf einen Rückschlag zu verzichten, kann sich beim Gegenüber Scham und Reue und ein Schuldbewusstsein melden – wenn man Glück hat, dann sammelt das gegenüber glühende Kohlen aufs Haupt, wie es in einem ägyptischen Bußritus durchgeführt wurde. Und wenn nicht, ist man sich selbst und seiner Maxime zumindest treu geblieben. Gewalt bringt neue Gewalt hervor – der Teufelskreis, Die Spirale der Gewalt ist genügend erforscht und einzige Lösungsmöglichkeit für einen aufbrechenden Konflikt ist Deeskalation. Um nichts weniger, um nichts mehr, geht es hier. Das lässt sich im Kleinen, im familiären Bereich oder im Büro oder in der Schule durchspielen aber auch im größeren Kontext zeigt sich dieser Mechanismus. Im Sprüchebuch in der Lesung hieß es: „Mit Geduld kann man einen Fürsten überreden, und eine sanfte Zunge kann Knochen zerbrechen.“ Wenn sich mal jemand des öffentlichen Lebens daran hält: Seinen vermeintlichen Peinigern es eben nicht heimzahlen möchte und mit Geduld und Friedfertigkeit bis zur Unerträglichkeit auftritt, ist man immer noch überrascht. Und manchmal bekommen solche Leute den Friedensnobelpreis. Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Liu Xiaobo aus China etwa hat den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten, war aber nicht persönlich bei der Verleihung, weil er eine noch 10 jährige Haftstrafe in einem chinesischen Gefängnis absitzt. Er hat dadurch auf sich aufmerksam gemacht, weil er seit 1989 als Bürgerrechtler in China aktiv ist und immer ein eher diplomatisches und auf Ausgleich hinwirkendes Auftreten gehabt haben soll. Selbst als ihn das Regime überwacht, ihm Hausarrest verordnet hatte und schließlich eingesperrt hatte, hat Xiaobo den Dialog mit dem Regime gesucht. In seinem Schlussplädoyer vor dem Antritt der jetzigen Haftstrafe – Liv Ullman hat diese Rede vor dem Nobelpreiskomitee verlesen – schreibt er unter anderem: „Was ich von mir selbst verlangte war das: Ich würde, sei es als Mensch oder als Schriftsteller, mein Leben in Ehrlichkeit, Verantwortung und Würde leben. Nun werde ich auf die Anklagebank gestellt – wegen des Feinddenkens des Regimes. Aber ich möchte diesem Regime, das mich meiner Freiheit beraubt, sagen, dass ich nach wie vor den Überzeugungen treu bin, die ich vor 20 Jahren niedergeschrieben habe: Ich habe keine Feinde, und ich empfinde keinen Hass. Weder die Polizisten, die mich überwacht, verhaftet und verhört haben, noch die Staatsanwälte, die mich angeklagt haben, und auch nicht die Richter, die mich richten, sind meine Feinde. […] Der Hass kann Weisheit und Gewissen eines Menschen zersetzen. Feinddenken wird den Geist einer Nation vergiften, grausame tödliche Kämpfe anstacheln, Toleranz und Humanität einer Gesellschaft zerstören.“ Liu Xiaobo schreibt, er wolle der Feindseligkeit mit Wohlwollen entgegentreten und den Hass durch Liebe zerstreuen. Konfuzius, Jesus und Paulus lassen grüßen. Eine sanfte Zunge kann manchmal Knochen zerbrechen. Den Frieden suchen und halten mit allen, wenn möglich, das ist ein guter Vorsatz. Aber es meint nicht, sich alles gefallen zu lassen und alles für den Frieden in Kauf zu nehmen. Nur der Blick auf den Feind, das Gegenüber soll so sein, dass ich ihn oder sie als Konfliktpartner sehen lerne. Als Mensch, der auch zu trinken braucht, wenn er durstig sein sollte und zu essen braucht, wenn er hungrig ist. So wie verlangt ist, selbst seinen Feinden zu essen und zu trinken zu geben, mit ihnen zu weinen und sich mit ihnen zu freuen … so sollen wir auch eines niemals tun: Uns für klüger oder besser zu halten. „Haltet euch nicht selbst für klug!“ Bertolt Brecht, dem man nicht nachsagen kann, viel fürs Christentum übrig gehabt zu haben, meinte einmal: „Keinen verderben zu lassen, auch nicht sich selber. Jeden mit Glück zu erfüllen auch sich, das ist gut.“ Wir sollen uns nicht von Hass, Frust, Ärger auf andere, Intoleranz, Argwohn und Feindseligkeit auffressen, die Stimmung und unseren Charakter nicht verderben lassen. Es ist möglich, das Böse mit dem Guten zu vertreiben und zu überwinden. Warum? Weil unser Glaube daran, dass mit der Geburt, dem Tod und der Auferstehung von Jesus Christus eine neue Ära angebrochen ist, in der für uns klar sein sollte: Dem Bösen ist der Stachel und seine Macht genommen. Das Gute kann ab jetzt triumphieren. Und wenn Sie es mir, Paulus, Petrus, Johannes und allen anderen nicht glauben, dann sind sie eingeladen, sich am Experiment zu beteiligen: Begegnen Sie dem Bösen mit Gutem! Halten Sie Frieden untereinander und begegnen Sie einander respektvoll. Seien Sie friedliebend, friedfertig – nicht wie Lämmer, die zur Schlachtbank getrieben werden – sondern wie Streiter für das Gute, die wissen: Es ginge anders – es sollte anders bei uns zugehen und es muss einfach anders werden! Lassen wir uns von Gott in diesen Tagen umwandeln und unser Denken erneuern. Überwinden wir das Böse mit Gutem! AMEN |