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17. Jänner 2010 Johannes Langhoff
Rebekka aber sprach zu Isaak: Mein Leben ist mir zuwider wegen der Hethiterinnen. Wenn auch Jakob eine Frau nimmt von den Hethiterinnen wie diese, eine von den Töchtern des Landes, was soll mir dann das Leben? Isaak aber rief Jakob zu sich und segnete ihn. Er gebot ihm und sprach: Du sollst dir keine Frau von den Kanaaniterinnen nehmen. Mach dich auf, geh nach Paddan-Aram, zum Haus Bethuëls, des Vaters deiner Mutter, und nimm dir eine Frau von dort, von den Töchtern Labans, des Bruders deiner Mutter. El-Schaddai wird dich segnen und dich fruchtbar machen und mehren, und du wirst zu einer Großzahl von Völkern werden. Und er wird dir und mit dir auch deinen Nachkommen den Segen Abrahams geben, dass du in den Besitz des Landes kommst, in dem du als Fremder weilst und das Gott Abraham gegeben hat. Und Isaak entließ Jakob, und er ging nach Paddan-Aram, zu Laban, dem Sohn des Aramäers Bethuël, dem Bruder Rebekkas, der Mutter Jakobs und Esaus. Und Esau sah, dass Isaak Jakob segnete und ihn nach Paddan-Aram sandte, damit er sich von dort eine Frau nehme, indem er ihn segnete und ihm gebot: Du sollst dir keine Frau von den Kanaaniterinnen nehmen. Jakob aber hörte auf seinen Vater und seine Mutter und ging nach Paddan-Aram. Da sah Esau, dass die Kanaaniterinnen seinem Vater Isaak missfielen. So ging Esau zu Ismaël und nahm zu den Frauen, die er schon hatte, Mahalat, die Tochter Ismaëls, des Sohns Abrahams, die Schwester Nebajoths, zur Frau. Gen.27,46-28,9
Liebe Gemeinde! So geht es zu. Das ist die gesunde Familie. Der Vater ist der Chef und die Mutter sagt, wo's lang geht. Oder etwas poetischer mit Mozart ausgedrückt: Der Mann ist der Kopf und die Frau der Hals, die den Kopf dreht. Mann will es nicht glauben und versucht immer wieder, das letzte Wort zu haben. Und Frau wiegt ihn beständig in der vermeintlichen Sicherheit seines Patriarchates, indem sie ab und an Scheingefechte um ihre Emanzipation führt. Falls er doch einmal das Spiel durchschaut und in die Identitätskrise gerät, wird er fromm. Bibelsprüche sind angesagt. Dann hat er Rippenschmerzen und weiß auch sonst gut Bescheid, wo in der Bibel der Platz des Weibes ist. Mann sucht sich halt seine Zitate zurecht. Er sollte nicht zu eifrig in der Bibel lesen. Er könnte gleich in den Patriarchengeschichten auf böse Wahrheiten stoßen. Man will es nicht glauben. Rebekka führt das Regiment. Bereits bei ihrer Anwerbung hat sie keine langen Umstände gemacht. Kaum war ein fremder Besuch aus fernem, unbekanntem Land angereist, der eine Braut für den Sohn seines Herren suchte, stürzte sie sich in das Abenteuer, ließ der Familie nicht viel Zeit zum Abschied und ging mit dem Fremden mit, sich einen Mann zu nehmen. (Gen.24) Die Geschichte ist bekannt. Zwillinge bekamen sie. Das reichte ihr. Sie verschaffte ihm keine üppige Kinderschar. Und unter den beiden Burschen wählte sie sich einen aus, den sie zum Familienerben, zu ihrem Nachfolger heranzog. Es störte sie nicht, dass es dabei gegen die üblichen Sitten ging und gegen den Vaterstolz, der es sich anders dachte und wünschte. Sie bugsierte ihren Jakob in die Erbrolle. Sie kannte die Schwächen des Familienoberhauptes nur zu gut und ließ den von ihr bestimmten Erbsohn in die Haut seines Bruders fahren, um sich den Erbsegen zu holen. (Gen.27) Soweit der anekdotische, unterhaltsame Teil, der Jakob in die Rolle eines Lügners und Betrügers stellt. Die Rolle der Mutter ist verdeckt im Hintergrund. Beharrlich und hartnäckig verfolgt sie ihr Ziel. Der Junge muss in eine Spezialschule. Der Bub gehört in die Erziehung ihrer Familie. Er muss in das Familieninternat in ihrer alten Heimat. Berührend und erschütternd wie bedenkenlos sie dafür mit dem Lebenslauf ihres Ältesten, mit Papas Liebling spielt. Der macht sich schnell aus dem Haus und wird früh selbständig. Esau heiratet und gründet seine eigene Familie. Er baut sich eine Zukunft und verschwägert sich mit den ansässigen Familien und Clans. Daraus dreht ihm die Mutter einen Strick. Das gefährde das Erbe des abrahamitischen Segens, redet sie dem Alten ein. Mit Erfolg. Jakob gehört in die Schule Labans und in diese Familie, damit er nicht den Abwegen seines Bruders folge. Von ferne muss er seine Frau holen, wie Isaak aus der Heimat der Vorfahren seine Rebekka bekam. Rührend, berührend zu sehen, wie daraufhin Esau versucht, die missratene Eigenständigkeit und seine neuen Wege zu korrigieren und schnell noch eine Cousine heiratet, eine Frau aus der Familie seines Vaters. Aber die Mutter sagt, wo's lang geht. Und beide Söhne haben es nicht leicht, ihr recht zu machen. Für Jakob brechen schwere Zeiten an. Bis er zu den Erfolgen, dem Reichtum und der Großfamilie kommt, die ihm die Mutter bestimmt hat, muss er durch die harte Schule seines Oheims, Mutterns Bruder. Die uralte Geschichte der Zwillinge Esau und Jakob ist ein Paradebeispiel für elterliche Erziehung. Sie ziehen sich ihre Kinder heran. Die Kinder müssen werden, wie es sich Vater und Mutter gedacht haben. Ein verständlicher Wunsch. Warum tut man sich sonst Kinder an? Sie möchten etwas weitergeben. Sie möchten verwirklichen, was man selbst nicht geschafft hat, nicht erreichen konnte, weil da die eigenen Eltern zu viel vorherbestimmt haben. Und wie wir selbst ausgebrochen sind und uns von unseren Eltern emanzipiert haben, so tun es nun unsere Kinder mit uns. Sie bleiben nicht brav und folgsam. Sie suchen ihre eigenen Wege. Sie gehen andere Wege und stolpern dabei das eine um da andere Mal. Sie machen Erfahrungen, die sie uns nicht unter die Nase reiben. Wir erzählen ihnen ja auch nicht, was wir einst angestellt haben und Oma und Opa nicht wissen durften. Oma und Opa, die heimlichen und unheimlichen Verbündeten der rebellischen Jugend. Ein Hauch von 68. Ein zaghaftes Aufmucken… gegen was eigentlich? Studentenstreiks. Die Unzufriedenheit mit einer stümperhaften Studienreform, die die große weite Welt versprochen hat, war der Anlass. Es hätte ein neuer gesellschaftlicher Aufbruch werden können, wenn nicht Weihnachten dazwischen gekommen wäre und sich der zuständige Minister ein paar Milliönchen in den Ring werfend nicht vertschüst hätte. Jetzt will keiner mehr den honorigen Posten und das satte Gehalt. Die Studenten wollen wohl auch nicht mehr und von den vielen Solidaritäts- und Parallelaktionen andernorts ist ebenfalls nichts mehr zu hören. Sie haben sich verzetteln lassen in Diskussionen um eine Reform der Reform. Ihren weitergehenden und allgemeinen Unmut, ihre Unzufriedenheit mit einer Gesellschaft, die es mehr und mehr an Zukunftsperspektiven und Werten fehlen lässt, haben sie nicht ausdrücken können. Die Theaterleute versuchen es. Gleich in zwei Häusern wird derzeit Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" in Szene gesetzt.1 Der Intendant des Burgtheaters öffnete sogar den Studenten die Türen und hob ihren Protest auf die Bühne. Es war wohl kein Zufall, dass dafür eine Aufführung von Alfred de Mussets Lorenzaccio herhalten musste. Die Parallelen der Übersättigung. Der ziellose Snob Musset schreibt einen Wälzer über die ziellos prassenden und dahin treibenden reichen jungen Renaissancefürsten. Geht es uns zu gut? Geht es unseren Kindern zu gut? Können sie alles haben, was sie wünschen? Müssen sie sich um nichts mehr mühen und kämpfen? Jugend ohne Ziele und Wünsche - sie haben alles. Jugend ohne Skrupel und Grenzen – es gibt niemanden, der ihnen Einhalt gebietet. Jugend, die an überbordenden Vergnügen ersticken – es gibt keine Werte, für die sich etwas lohnt. Es gibt alles, nur keine unerfüllte Sehnsucht. 2 Denn eigenständige Gehversuche und die Suche nach anderen Wegen werden ausgebremst wie Esau von seiner Mutter Rebekka. Es hat eh schon alles gegeben. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Sieger wird, wer sich anzupassen weiß, wer sich die harte Schule der Familie gefallen lässt. Dort werden die Beziehungen geknüpft und gepflegt. Ausgesuchte Schulen, die Tanzschule nicht zu vergessen, wo der Schliff herkommen muss und die Fähigkeit, auf Bälle geführt, vorgeführt werden zu können. Keine Mühen und kein Geld werden gescheut. Keine Elternschelte. Es ist der unumgängliche Generationenkonflikt, die Abnabelung der Kinder, die keine mehr sind. Da müssen wir alle durch und sollten uns doch gegenseitig damit nicht allein lassen. Rebekka betreibt mit Esau und Jakob kein willkürliches Spiel. Sie versucht nicht, sich selbst in ihren Söhnen zu verwirklichen. Rebekka führt keinen Ehekrieg mit Issak, für den die Söhne auf beide Seiten verteilt herhalten müssten. Rebekka hat ernsthafte Sorgen um ihre Söhne. Und das können sie ihr in all dem Streben nach Selbständigkeit und erwachsen Werdens nicht abnehmen. Sie hat nach schmerzhafter Schwangerschaft und schwerer Geburt diese beiden Kinder ins Leben gegeben. Nun kann sie sie nicht einfach sich selbst und den Zufällen des Lebens überlassen. Sie muss ihnen das Handwerkszeug mitgeben und die Fähigkeiten einüben, die sie zur Bewältigung aller möglichen Herausforderungen des Lebens brauchen werden. Sie muss sie ein zweites Mal abnabeln und ins tiefe Wasser schubsen, damit sie schwimmen lernen. Ja, Rebekka tut es sich an, sie sich vom Herzen zu reißen und sie von sich zu stoßen, damit sie leben. In Esaus Leben mischt sie sich nicht länger ein, so sehr sie ihn auch auf dem falschen Weg sieht. Jakob schickt sie weg, damit er andere Erfahrungen macht und Besseres lernt als es bei Esau gelungen war. Die Angst, die Rebekka umtreibt, ist die Angst vor den falschen Göttern. Sie ist nicht die böse Schwiegermutter, die mit den Frauen ihres Erstgeborenen nicht kann und deshalb für den Zweiten einen Verwandtenheirat in die Wege leitet. Sie sieht, wie Esau sich den Sitten und Gebräuchen, der Religion und den Normen der fremden Völker und befremdlichen Kulturen in ihrer kanaanäischen Umwelt anpasst und die Werte und Orientierung verliert, die sie ihren Kindern hat mitgeben müssen. Esau passt sich der Mehrheit an und ihrer bunten Religion mit den vielen Göttern und Riten, die das überbordende Leben feiern und reglementieren. Vergessen ist der hohe Preis dieser kanaanitischen Religiosität, die den Vater Isaak bereits als Kind beinahe das Leben hätte kosten sollen, weil Vater Abraham glaubte, seinen Erstgeborenen im Namen der Religion opfern zu müssen. Erst der Bote des einen und einzigen Gottes JAHWE konnte Issak retten. (Gen.22) Es ist keine Schikane, die Eltern ihren Kindern noch heutzutage antun, wenn sie sie an den Erfahrungen der eigenen Familiengeschichte und an ihrem Glauben teilhaben lassen. Das ist heute mehr denn nötig. Es scheint alles möglich zu sein. Es scheint alles erlaubt zu sein. Aber beileibe nicht alles ist gut und nützlich. Die Grenzenlosigkeit hat einen hohen Preis, den irgendjemand zahlen muss, ich selbst oder wer anderes. Es braucht Orientierung, welche Werte und Normen empfehlenswert sind. Und es braucht Einübung, zwischen den vielen Möglichkeiten auszuwählen und auf nicht wenige zu verzichten, obwohl vielleicht gerade sie die verlockendsten sind. Sie müssen nicht werden wie wir, unsere Kinder, die Heranwachsenden. Aber wir sind ihnen unsere Überzeugung, unseren Glauben und unsere Erfahrungen schuldig. Amen. _______________________
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Theater in der Josefstadt und Die Neue Tribüne |