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31. Jänner 2010 Johannes Langhoff
Bel
ist in die Knie gegangen, Die Gold aus dem Beutel anbieten und Silber abwiegen mit der Waage, sie stellen einen Schmied an, damit er einen Gott daraus mache, sie beugen sich, werfen sich sogar nieder! Sie tragen ihn auf der Schulter, sie schleppen ihn, um ihn an seinem Ort abzusetzen, und dann steht er da: Er rührt sich nicht von der Stelle. Auch schreit man zu ihm, aber er antwortet nicht, niemandem hilft er aus der Not.
Denkt daran, und verhaltet euch wie Männer, Liebe Gemeinde! Religion ist "in". Religion ist wieder Thema. Die Mitgliederzahlen der Kirchen in Europa sinken zwar weiter. Die Menschen halten sich zunehmend fern von den Kirchen, jedenfalls den kirchlichen Veranstaltungen, den Gottesdiensten. Als Touristen erwarten sie immer offene Kirchen. Mal reinschauen, eine stille private Andacht, eine Kerze, da wo einen keiner erkennt. Man kann ja nie wissen. Großveranstaltungen, Kirchentage, Lange Nacht der Kirchen, Missionsevents, dramaturgisch hoch gestyltes Bibellesen von Schauspielern, das ganze Hallen zu teuren Kartenpreisen füllt. Die Beobachtungen sind widersprüchlich. Ganze Landstriche sind kirchlich ausgedünnt. Nur eine einzige Pfarrerin oder ein Pfarrer für ein großes Einzugsgebiet. Andernorts Dörfer und Kleinstädte, in denen die religiösen Traditionen das gesamte Leben bestimmen und Besucher und Touristen anlocken. Kathedralen und Dome gestopft mit Schaulustigen und denen, die den heiligen Schauer suchen. Die Beobachtungen gehen schwer zusammen. Als Gemeindepfarrer in der Reformierten Stadtkirche Wiens könnte ich sagen: Is mir Wurscht. Ich bediene das eine wie das andere nicht. Und unter Austrittswellen leiden wir noch lange nicht. Die Bibel wird bei uns ohne Aufpreis zum Kirchenbeitrag und für Gäste auch ohne Kirchenbeitrag gratis, aber nicht umsonst vorgelesen. Touristen dürfen gern hereinschauen und die Gemeinschaft mit uns teilen. Wir leben ein gutes Stück weit von unserer Ausnahmesituation. Die Minderheit in der Minderheit fördert und fordert ein gewisses Selbstbewusstsein und pflegt ihre Eigenheiten. Wir klammern uns an unsere eigenen Traditionen, Gewohnheiten und Äußerlichkeiten. Doch ganz Wurscht können uns die Wellenbewegungen in dem religiösen Meer um uns herum nicht sein. Wir leben nicht auf einer Insel der Seligen, mittendrin und unberührt. Uns schüttelt es mit durch. Da tritt bei uns jemand aus unserer Kirche aus, weil der Papst oder der Kardinal wieder einmal unzeitgemäß getönt hat. Irgendwie dumm. Dafür treten mitunter Leute aus der katholischen Kirche aus, weil die Kirche jetzt homosexuelle Paare traut. Die Verwechslungen sprechen für sich selbst. Sie treten aus einer Kirche aus, die sie schon lange nicht mehr kennen. Aber Religion ist "in". Religion ist so "in", dass einem schon wieder übel davon werden kann. Die kirchliche Enthaltsamkeit, die sich viele selbst auferlegen, gerät zu einer religiösen Bulimie. Anfallsartig wird Religion in sich hineingestopft, üppige Kost mit viel Brimborium und Tamtam, eine kräftige Portion Übersinnlichkeit und Mirakel, die sogleich wieder ausgespien wird, bevor der nächste Heißhunger nach Buddhismus und Esoterik schreit oder mit Scientology die religiöse Ersatzdroge schluckt, die nicht so leicht wieder herauszuwürgen ist. Manche versuchen sogar, evangelische Kirchen zu solchen religiösen Fastfood-Fressanstalten umzuwandeln. Da muss der ganze Zinnober eines hochkirchlichen Habitus aufgefahren werden, bunte Talare und Schals, Kerzenorgien, Salben und Räucherwerk, materialisierte Spiritualität, ritualisierte Liturgie und versteinerte Bibelworte, deren Sinn nicht absurd genug sein kann, dass er einen echten Glaubenskraftakt fordert gegen jedes Wissen und jeden Verstand. Herrlich wie der Prophet sie enttarnt: Die Gold aus dem Beutel anbieten und Silber abwiegen mit der Waage, sie stellen einen Schmied an, damit er einen Gott daraus mache, sie beugen sich, werfen sich sogar nieder! Sie tragen ihn auf der Schulter, sie schleppen ihn, um ihn an seinem Ort abzusetzen, und dann steht er da: Er rührt sich nicht von der Stelle. Auch schreit man zu ihm, aber er antwortet nicht, niemandem hilft er aus der Not. Das ist keine Erfindung der Neuzeit, sich seine eigenen Götzen und Götter zu schaffen, aber offensichtlich eine wiederentdeckte Möglichkeit. Seit Feuerbachs philosophischem Verdikt darf sich der aufgeklärte moderne Mensch, für sich oder in Gemeinschaft, den eigenen Gott denken, denn er ist ein Produkt des denkenden Verstandes, nichts weiter, darum auch zulässiger Spielball des Freigeistes. Ohne schlechtes Gewissen und Kirche darf sich jeder und jede ihren Teil denken, mit ihrem Gott in ihrer höchst eigenen Religion frei herumsurfen. Auch wenn es sinnlos ist, aussichtslos, fade und letztlich unbefriedigend. Jedem das Seine. Jeder das Ihre. Der Prophet im Exil, der sich vorsichtshalber hinter der Autorität und dem Namen des Jesaja versteckt, wagt es, die Selbsttäuschung aufzudecken. Sie sind in der Fremde, am Ort der Schande, gedemütigt und erniedrigt. Aber sie wollen das nicht wissen. Sie umgehen das Rückkehrgebot der neuen Regierung. Sie ertragen nicht den Ruf der Propheten zum Neuanfang, zum Neuaufbau. Sie haben sich eingerichtet. Es lebt sich gut angepasst und unauffällig im privaten Wohlstand und häuslichen Frieden. Der Prophet ist ihnen ein unangenehmer Störenfried und Unruhestifter, der verlangt, was sie nicht leisten können und nicht leisten wollen. Ihr Leben sollten sie ändern, alles aufgeben, was sie sich mühsam aufgebaut haben. Sie wollen nicht hören, dass sie in einem Kartenhaus sitzen. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie auf wackligem Boden umhertaumeln. Religion ist wieder "in". Die Philosophie hat damit ein Problem. Namhafte Philosophen mühen sich um die Reintegration der Religion. Gerade erst vor 40, 50 Jahren hatten sie zur Emanzipation von der Religion aufgerufen. Sie sind auf den Zug der Studentenproteste aufgesprungen und haben das Ziel der vernunftregierten Gesellschaft gesteckt, die keine unantastbare Autorität braucht, die ein unangreifbares überirdisches Wesen nicht zulassen darf. Es hat keine 40 Jahre gebraucht, dass sie nun selbst zu Propheten des Umkehrrufes geworden sind. Einer ihrer überzeugendsten Vorkämpfer, Jürgen Habermas, reist seit Jahren quer durch die Lande, um für die Wiederentdeckung der nicht zu hinterfragenden göttlichen Autorität zu werben. Angesichts einer entgleisenden Moderne könnte die Religion im postsäkularen Zeitalter Sinnstiftung und moralische Orientierung anbieten. Habermas findet in der Religion wieder, was die Vernunft gegen sein Erwarten nicht geleistet hat. Religion vermittle ein Bewusstsein von dem, was gesellschaftlich fehlt. Das ist schon beinharte Kritik an einer aktuellen Welt, in der Informationen, Standards und Werte, Bedürfnisse und Geschmack, Meinungen, Aussehen und Befriedigung globalisiert sind, d.h. vereinheitlicht und entmenschlicht. In der Religion liege die verlorene und verdrängte Sensibilität für ein verfehltes Leben und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge. Bel ist in die Knie gegangen, Nebo krümmte sich, den Tieren waren ihre Götzenbilder anvertraut worden, dem Vieh; eure Bilder, die man tragen muss, waren den Erschöpften als Last aufgeladen worden. Sie krümmten sich, gingen allesamt in die Knie, sie konnten die Last nicht retten, und sie selbst gingen in die Gefangenschaft. Die babylonische Gefangenschaft der gottlosen, der Gott entstellten Welt. Die beinahe selbst gewählte, die heraufbeschworene Gefangenschaft. Das Gefängnis gibt sich ach so frei, tolerant und pluralistisch, multikulturell und offen. Es verführt mit seinen Reizen. Wer es wagt, aus dem goldenen Käfig auszubrechen, steht bald wieder vor dem Gefängnistor und bettelt um Einlass, müde und verzweifelt, weil er sich in der echten Freiheit nicht mehr zurechtfindet und die Mühen und die Verantwortung scheut. Klar, dass der Prophet nicht gut ankommt. Klar, wo unseren Kindern immer noch der Schwachsinn der reformpädagogischen Inhalte eingetrichtert wird, der die Theologie aus der Wissenschaft verbannt, Glauben und Wissen zum Gegensatzpaar konstruiert. Klar, dass sie dem Affen Zucker geben und die Medien füttern mit den Scheingefechten zwischen Kreationisten und Evolutionisten. Weder die Naturwissenschaften noch Theologie oder Philosophie haben damit zu tun und sind längst viel weiter. Hört auf mich, Haus Jakob, und ihr, der ganze Rest des Hauses Israël, die ihr mir schon im Leib eurer Mutter aufgeladen worden seid und die ihr vom Mutterschoß an getragen worden seid: Bis in euer Alter bin ich es und bis ins hohe Alter. Ich bin es, der euch schleppt. Ich habe es getan, und ich werde tragen, und ich werde euch schleppen und euch retten. Der Prophet wirbt mit der Erinnerung, mit der Rückbesinnung, mit dem Eingeständnis der eigenen Erfahrung, mit der Wahrnehmung von Gottes unermüdlichem Handel. Er erinnert an Gottes Walten und Obwalten, macht aufmerksam auf Gottes Sorgen und Fürsorgen. Er ist immer dagewesen und immer noch um uns bemüht, wo wir uns in Spekulationen ergehen und ihn besser abschreiben als in unser Lebenskalkül einzubeziehen. Mit wem wollt ihr mich vergleichen und gleichstellen und wem mich ähnlich machen, dass wir uns glichen?, lässt der Prophet Gottes Ruf hören. Ich bin Gott und keiner sonst, ich bin Gott, und meinesgleichen gibt es nicht. Überflüssige Diskussionen. Endlose Gedankenspiele und fruchtlose Wortgefechte. Am Ende steht der Stoßseufzer der Postmoderne: "I don't believe in God, but I miss him"[1] "Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn." Denkt daran, und verhaltet euch wie Männer, ihr Abtrünnigen, nehmt es zu Herzen!, tönt der Prophet. Als fordere er einen Kraftakt. Das ist kein bloßer Weiberkram: Kinder, Küche, Kirche reserviert für Frauen, Mütter. Das ist genauso gut Männersache. Das erfordert Mut. Das fordert die Väter heraus. Das braucht die Sprache des Denkens und des Empfindens. Die Worte der Erklärung und Deutung wie die Wahrnehmung der Bedeutung und der Zuwendung. Das braucht die Weitergabe der Worte, die der Prophet ausspricht. Das sind die Worte, die Gott zur Sprache bringen, durch die Gott anspricht und herausfordert, hervorzerrt aus dem Schmollwinkel: Denkt an den Anfang, an das, was schon immer war: Ich bin Gott und keiner sonst, ich bin Gott, und meinesgleichen gibt es nicht: Der von Anfang an kundtut, wie es endet, und schon in frühester Zeit, was noch ungeschehen ist, der sagt: Was ich geplant habe, wird sich erfüllen, und was immer mir gefällt, das führe ich aus, der ich den Raubvogel rufe vom Aufgang der Sonne, aus einem Land in der Ferne den Mann meines Plans. Ich habe gesprochen! Ich lasse es kommen! Ich habe es entworfen, ich führe es aus! Dieser Pseudojesaja könnte derzeit und hierzulande auch keinen Blumentopf gewinnen. Das will man nicht wirklich hören. Das muss man sich nicht antun. Religion ist "in". No na! "Jeder soll nach seiner Façon selig werden," hieß es in Berlin. In Wien sagt man es g'schmackiger: "S' ist mal bei mir so Sitte: Chacun á son gout!" Habermas und seine Kollegen mögen den religiösen Alterswahn bekommen haben und die philosophische Fachwelt wie das literarische Quartett und Feuilleton beschäftigen. Aber das muss nicht gleich ansteckend sein. Es ist mühsam genug, die Folgen des Wohlstandes und der Selbstgerechtigkeit des westlichen Lebensstandards zu verdrängen. Da kann ich keinen Gott als faule Ausrede gebrauchen und keine neue Prüderie und enge Moral als Lustkiller zulassen. Nehmen wir unsere Angelegenheiten lieber selber in die Hand und lassen uns die mühsam erworbenen Errungenschaften und Freiheiten nicht wegnehmen. Das haben wir gewollt. Das haben wir erreicht. Leistung zählt. Dem Tüchtigen der Erfolg. Dem Wagemutigen der Gewinn. Dem Kämpfer die Ehre. Schande über die Sozialschmarotzer, Neider und Vernaderer. Soll noch einer sagen, wir seien Gefangene des Geldes, der soll mal schauen, wie wir damit spielen können. Ich muss keine andere Freiheit suchen. Und Verantwortung übernehme ich für mich selbst genug. Braucht sich niemand drum zu kümmern. Hört mir zu, die ihr trotzig seid, die ihr fern seid von der Gerechtigkeit: Ich habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht, sie ist nicht fern, und meine Rettung verzögert sich nicht. Er gibt nicht auf. Gott gibt uns nicht auf. Der Ruf steht. Das Angebot steht. Es gibt eine bessere Welt. Gott will eine bessere Welt mit uns und für uns. Amen. |