14. Februar 2010

Johannes Langhoff

 

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird auch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.
Matth. 6,14f

Liebe Gemeinde!

Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Das erschüttert die zentrale Grundlage des Protestantismus. Das stellt das Evangelium in Frage. Vielleicht sollten wir doch in der Bibel ein paar neuzeitliche Verbesserungen anbringen und ein paar unpassende Verse verändern oder halt gleich streichen. Die Vergebung sei an Bedingungen geknüpft. Das haben wir anders gelernt. Das wurde anders gelehrt. Das war der Auslöser der Reformbemühungen des 16.Jahrhunderts. Das ist schließlich die Bruchlinie, die die römisch-katholische Kirche zur Reformation gezogen und damit die Trennung der Kirchen ausgelöst hat. Allein aus Gnade sind wir gerecht vor Gott. Allein durch Christus erlangen wir die Vergebung. Allein aus Glauben gewinnen wir den Ablass von aller Sünde.

Vielleicht haben die Reformatoren sich doch die Bibel ein bisschen zu Recht gelesen wie sie ihnen taugt. Ein paar Verschen hintan gestellt und andere dafür grob aufgewertet. Die Reformatoren des 16.Jahrhun­derts wie Evangelikale und Fundamentalisten. Selektive Wahrnehmung und einseitige Ausdeutung. Da wird man im Nachhinein noch verstehen, warum die überkommene Amtskirche die Tradition der Jahrhunderte verteidigt hat als Erfahrung in der Deutung biblischer Zitate. Ein über viele Generationen gewachsenes und mühsam ausdiskutiertes und auf heiligen Synoden und heiligen Stühlen entschiedenes Lehrgebäude kann doch nicht der aktuellen Befindlichkeit überlassen und wegen einiger Überzeichnungen und Missbräuche gleich über den Haufen geworfen werden.

Das reformatorische Hauptargument in der Entscheidungsfindung über die rechte Lehre war die alleinige und letztgültige Autorität der Bibel gegenüber der Tradition und der gewachsenen Lehrmeinung. Dabei ging man davon aus, dass die Schrift sich selbst erklären könne und sie klar und verständlich genug sei. Allerdings, und das kann man sagen, ohne ihre Leistungen und Erkenntnisse zu schmälern, sind die Reformatoren doch auch Kinder ihrer Zeit und haben die Bibel durch die Brille ihres Zeitverständnisses gelesen. Den Leuten aufs Maul schauen bei der Bibelübersetzung heißt auch die Bibeltexte an die Zeit anpassen. Da bekommt schon mal der eine oder andere Text ein anderes Bild und eine veränderte Bedeutung. Da erlaubt sich Luther, der gesamten Bibel einen einzigen Schlüssel zum Verständnis aufzudrücken, nämlich das, was Christum treibet. Da tut sich Luther schwer mit dem Jakobusbrief. Diese als stroherne Epistel verunglimpfte Schrift des Neuen Testamentes hätte er am liebsten aus dem Kanon genommen, wenn sie nicht gerade den biblischen Kanon zum einzigen Maßstab erkoren hätten. Doch der Jakobusbrief riecht ihm viel zu sehr nach der verteufelten Werkegerechtigkeit und stellt den unumstößlich evangelischen Grundsatz der Alleingültigkeit der Gnade in Frage. "Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber keine Werke vorzuweisen hat? Vermag der Glaube ihn etwa zu retten?" (Jak. 2,14) schreibt dieser Apostel und geht gar nicht so konform mit den bevorzugten Pauluszitaten. Selbst Calvin, der ansonsten sehr viel für ein Verständnis der Bibeltexte aus ihrer Zeit heraus und unter Berücksichtigung der ursprünglichen Hörer und Leser getan hat, war nicht frei von Vorurteilen und Befindlichkeiten seiner Zeit. So konnte ihn Castellio in Schwierigkeiten bringen mit dem Verständnis und der biblischen Berechtigung des Hoheliedes.

Also machen wir uns jetzt ein Problem mit dem vorliegenden Matthäuszitat. Vergebung ist nicht bedingungslos, steht da. Die Gnade ist nicht ganz so allein. Da war noch was. Da gehört noch etwas dazu. Halt nur ein bedingter Freispruch.

Nein, die Werkegerechtigkeit darf es nicht werden. Das wäre das Ende des Evangeliums. Das würde die Botschaft von der Befreiung und Freiheit einschränken, wenn es hieße, dass wir zu unserem Heil die eine oder andere Leistung erst erbringen müssten, und sei es auch nur, dass wir die Vergebung vollständig weitergeben müssen. Vielleicht bekommen wir diesen Zusatz des Matthäus ein wenig heruntergeschraubt, wenn wir ihm unterstellen, er habe eine gewisse gefährliche Einseitigkeit ausgleichen wollen. So ähnlich wie der Jakobusbrief. So ähnlich wie Paulus selbst, denn das Reich Gottes erweist sich nicht im Daherreden, sondern im tatkräftigen Tun (1.Kor.4,20), schreibt er nach Korinth. Irgendwie müsse sich schon zeigen, dass wir das Evangelium erfahren haben, dass wir aus Gnade leben, dass wir ein befreites Leben führen, dass wir Dankbarkeit zeigen, dass wir weitergeben aus der Fülle, die wir empfangen haben.

Nein, das Zitat lässt sich nicht herunterspielen. Matthäus toppt nichts weniger als das Herrengebet. Dem großen und einzigen Gebet, dass Jesus die Seinen zu beten lehrt, stellt Matthäus diesen Doppelsatz bei. In die große Bergrede fügt er den Umkehrspruch ein. Die Klausel ist der Weisungsrede Jesu angeschlossen wie einst bei Mose vom Sinaï herab die Gebote durch viele Sätze ergänzt wurden. Auch diese Sätze werden gern überlesen. Und dann wird aus den 10 Geboten eine kindische Moral. Das falsche Zeugnis zu einem albernen Verbot der Lüge. Das Sabbathgebot zu einer Feiertagsregelung. Das Elterngebot zu einer Gehorsamsforderung. Und, wie wir immer wieder betonen, das Bildanbetungsverbot gleich ganz gestrichen.

Ein aufmerksamer Blick wird bemerken, dass der Nachsatz zum Herrengebet praktisch eine Bitte dieses Gebetes wiederholt und ihr eine Bedeutung zuschreibt, der Bitte um Vergebung. Das geschieht an dieser Stelle und in diesem bedeutungsschweren Zusammenhang nur mit dieser einen Bitte und keiner anderen. So wie unter den Geboten bezeichnenderweise allein das Bilderanbetungsverbot eine heftige Fluch- und Segensformel wie eine Hervorhebung angehängt bekommt. Als wäre die Vergebungsbitte der wichtigste Teil des Gebetes. Nun ja, die Gnade ist der Knackpunkt der evangelischen Glaubensüberzeugung und das zentrale reformatorische Zeugnis. Die Betonung macht Sinn. Aber gerade diesen Sinn? Die Gnade eben nicht allein, sondern mit Bedingung. Wenn wir nicht vergeben, dann bleibt uns die Gnade verschlossen?

Ich drehe mich im Kreis. Eigentlich ist längst die Frage fällig: Wen interessiert das? Darum macht sich heutzutage der Normalbürger keine Gedanken. Sünde und die dazugehörige Vergebungsnotwendigkeit lässt man sich nicht mehr aufschwatzen. Sünde ist reduziert auf Fleischeslust. Darunter verstand man einst Sexualangelegenheiten. Heute kein aufregendes Thema mehr. Wo sich Kolleginnen am Montagmorgen ihre Wochenendsünden beichten, sind es nicht mehr ihre sexuellen Abenteuer, sondern die fleischlichen Genüsse, als da wären Torten und Braten, Kalorien und Joule. Die Genussindustrie lehrt den Satz: Einen fröhlichen Sünder hat der Herr lieb. Da wurden sogar die 7 Todsünden als süße Sommerschleckerei vermarktet.

Mit Sünde lockt man keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. Mit dem Thema "vergeben und vergessen" vielleicht noch. Das habe ich zu Hause, wo jeder Streit die alten Kammelen wieder hoch wühlt. Das geschieht, wenn Politiker sich gegenseitig bei ihren früheren Sagern behaften, statt nach vorne zu schauen und zusammenzuarbeiten. Das passiert, wenn die Kriegslust unters Volk gemischt werden muss, indem man alte Leichen wieder ausgräbt.

Ja, Vergeben ist ein wichtiges Thema. Es scheint dem Matthäus zu seiner Zeit wichtig gewesen zu sein. Es ist heute dran. Der Anspruch auf Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung trifft auf die Bedürfnisse und Wünsche der übrigen. Wettkampf ist der Motor der Wirtschaft. Konkurrenz ist die Voraussetzung der Arbeitsplatzsicherung. Das Besiegen des Gegners ist wichtiger als die bloße Teilnahme an den Spielen. Durchsetzungsvermögen ist Bedingung. Da werde ich meinem Nachbarn doch keinen Fehler durchgehen lassen. Ich gewinne was andere verfehlen. Vergebung ist kontrapunktiv. Versöhnung führt zur Stagnation, zum Stillstand, zum Rückschritt.

Da haben wir es wieder einmal. Die Bergpredigt ist etwas fürs fromme Gemüt und eine fromme Gemeinschaft, aber nicht für den Alltag und die täglichen Verpflichtungen. Da gelten weltliche Regeln. Wer sich etwas zu schulden kommen lassen hat, wird, so man ihr oder ihm draufkommt, bestraft. Vielleicht nicht gerecht oder angemessen bestraft, sondern eben so wie es der Gesetzgeber oder Volkes Stimme gerade wollen. Bestraft, zeitweilig vorbestraft und irgendwann aller Schulden ledig. Das geht sogar mit Geld. Wenn es mal zu viele Schulden sind, bleibt die Insolvenz auch als Privatvergnügen mit 7 Jahren Geduld. Irgendwann jedenfalls ist man die Schuld oder die Schulden los, ist frei und ledig. Dann ist es Vergessen. Vergeben dagegen ist Willkür. Amnestie ist Platz schaffen in überfüllten Gefängnissen und entlassen auf Bewährung. Gnadenakte machen abhängig, behaften mich noch lange bei der Schuld, zwingen mir Dankbarkeit auf und fordern Wiedergutmachung. Dann schon lieber die volle Strafe und alles ist erledigt.

Nein, das möchte ich nicht haben. Das ist genau die kalte, rücksichtslose Welt, die von Unmenschlichkeit bestimmt wird und deren Reichtum und Schönheit den Skrupellosen gehört. Die will ich nicht und deshalb hat Gott sich nicht in Christus Jesus eingemischt. Er hat mit Jesu Hingabe und Opfer sein Reich eröffnet. Er hat die Wiederherstellung seiner guten, gerechten und vollkommenen Schöpfung angeboten. Darin ist ein anderes Miteinander der Menschen möglich.

Jesus hat es mit einer Beispielgeschichte auf den Punkt gebracht. Man stelle sich einen hohen Beamten vor, der bei massiven Unterschlagungen erwischt worden ist und deshalb von seinem König verurteilt wird, ins Gefängnis muss und aller seiner Habe, auch seiner Familie beraubt werden soll. Er fleht um Gnade und verspricht großspurig Wiedergutmachung. Er erfährt Gnade und wird aller Schulden behoben entlassen. Doch kaum in Freiheit gerät er an einen, der ihm etwas schuldet und will von ihm gnadenlos sein Geld eintreiben. (Matth.18,23ff)

Wo uns vergeben ist, können wir nur vergeben. Wer nicht vergeben kann, kann auch keine Vergebung annehmen. Wer nicht selbst offen und unbedingt vergeben kann, wird jede Verzeihung nur als Zumutung und Demütigung empfinden. Du hast mir nichts zu vergeben, ich zahl es Dir schon noch heim. Vergebung für Vergebung ist ein anderer Geist, eine andere Lebenshaltung und gerade keine verpflichtende Bedingung, kein Gesetz. Vergebung für Vergebung ist Versöhnung, bedeutet, wieder in Frieden miteinander leben zu können. Das möchte unter den Christen anfangen und der Geist der Frommen sein. Das ist der Auftrag der Christen in dieser Welt, für das Reich Gottes einzustehen und tatkräftig einzutreten.

Mit jedem Aussprechen der Vergebungsbitte des Herrengebetes unterstellen wir uns der Gnade Gottes und schöpfen aus dieser unser allem Bitten vorausgehenden Vergebung, die Gott uns in Christus angeboten hat. Mit jedem Aussprechen der Bitte um Vergebung bitten wir um die Freiheit und Fähigkeit zu vergeben. Wir bitten um Gottes Reich, um die Durchsetzung seines guten Willens für diese Welt und alle Menschen, für seine Welt, in der es jeden Tag aufs Neue genug für alle gibt, in der das Böse uns nicht trifft und wir nicht zu mehr herausgefordert werden als wir bewältigen können. Wir bitten, dass Gottes Namen diese unsere Welt bestimmt, der Name des Gottes der Liebe und des Lebens.

Amen.

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