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28. Februar 2010 Johannes Langhoff
Da kamen die Töchter Zelofchads, des Sohns Chefers, des Sohns Gileads, des Sohns Machirs, des Sohns Manasses, aus den Sippen Manasses, des Sohns von Josef. Und seine Töchter hießen: Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza. Und sie traten vor Mose und den Priester Elasar, vor die Fürsten und die ganze Gemeinde an den Eingang des Zelts der Begegnung und sprachen: Unser Vater ist in der Wüste gestorben, er hat aber nicht zur Gemeinde derer gehört, die sich gegen JAHWE zusammenrotteten, zur Gemeinde Korachs, sondern ist um seiner eigenen Verfehlung willen gestorben und hatte keine Söhne. Warum soll der Name unseres Vaters aus seiner Sippe verschwinden, weil er keinen Sohn hat? Gib uns Grundbesitz bei den Brüdern unseres Vaters. Da brachte Mose ihre Rechtssache vor JAHWE. Und JAHWE sprach zu Mose: Die Töchter Zelofchads haben Recht, du sollst ihnen erblichen Grundbesitz geben bei den Brüdern ihres Vaters und den Erbbesitz ihres Vaters auf sie übergehen lassen. Zu den Israeliten aber sollst du sagen: Wenn ein Mann stirbt und er hat keinen Sohn, sollt ihr seinen Erbbesitz auf seine Tochter übergehen lassen. Hat er aber keine Tochter, sollt ihr seinen Erbbesitz seinen Brüdern geben. Und hat er keine Brüder, sollt ihr seinen Erbbesitz den Brüdern seines Vaters geben. Hat aber sein Vater keine Brüder, sollt ihr seinen Erbbesitz seinem nächsten leiblichen Verwandten aus seiner Sippe geben, und er soll ihn in Besitz nehmen. Und das soll für die Israeliten zu einer Rechtsbestimmung werden, wie JAHWE es Mose geboten hat. Numeri 27,1-11
Liebe Gemeinde! Schämen müssen wir uns für die Bibel nicht. Auch wenn das neuerdings zur aufdringlichen Mode geworden ist, sich für andere oder anderes zu schämen. Für die Bibel müssen wir uns nicht schämen. Obwohl sie uns schon mal vorgehalten wird als Hort und Quelle des Übels. Sie ist nicht an unserer Welt der ungerechten und unausgeglichenen Verteilung der Rechte und Pflichten von Männern und Frauen schuld. Vielleicht könnten wir uns für unsere kirchlichen Vorfahren schämen, weil sie meinten, der Bibel die Normen einer patriarchalen, männerdominierten Gesellschaft entnehmen zu können. Aber wie gesagt: Fremdschämen ist eine Unsitte, die anderen etwas unterstellt, das sie womöglich weder beabsichtigt noch überhaupt gemacht haben. Dann schon lieber an die eigene Nase gefasst und auf den eigenen Busch geklopft. Gretchenfrage - Genderfrage: Wie halte ich es denn mit der Rolle der Frau und der des Mannes? Ich habe in meiner Biographie eine markante Rückwärtsentwicklung miterlebt. Die ersten knapp 40 Jahre meines Lebens habe ich in einer Umwelt verbracht, in der die rechtliche Gleichstellung selbstverständlich war und Frauen und Männer in allen Berufen zu Hause waren bei gleicher Entlohnung. Reste häuslichen, patriarchalen Verhaltens wurden von den Frauen gezügelt. Die meisten Scheidungen von Frauen eingereicht und mit kurzen Fristen gegebenenfalls auch gegen den Willen des Mannes durchgesetzt oder ihn zum Pantoffelhelden degradiert. Selbst in der Kirche war der Prozess weit fortgeschritten. In den Presbyterien waren mehrheitlich Frauen. In meinem Nordberliner Kirchenkreis waren knapp die Hälfte der Pfarrerschaft Frauen. Gerade mal die Spitzenpositionen waren noch überwiegend männlich besetzt. Für mich als Reformierten eh mein Dauerspruch, dass diese Ämter abgeschafft gehören. Der zweite Schritt und zugleich der erste abwärts waren meine knapp 10 Jahre Bundesdeutschland. Eine aufgereizte Szene des gesellschaftlichen Geschlechterkampfes. Die Fronten waren derart verhärtet, dass die bürgerbewegten Frauen von den Feministinnen der freien demokratischen Welt als Verräterinnen ausgegrenzt wurden, weil sie sich Ehemann, Kinder und Familie ganz selbstverständlich leisteten und lebten. Der dritte Schritt und regelrechte Abstieg, die Ankunft in Österreich. "Küss die Hand, gnä' Frau und ab in die Küche!" Dazu ein katastrophales Ungleichgewicht bei den Einkommen. Ich bin fast versucht, nach den tragenden gesellschaftlichen Ideologien zu fragen. Doch ich werde dem verlogenen Sozialismus keine einzige Lobeshymne hinterher trällern. Das waren auch nur wirtschaftliche Notwendigkeiten. So wie es in den Notzeiten des Krieges bereits Pfarrerinnen hier in Österreich gegeben hat, die mit der Rückkehr der überlebenden Pfarrer aus dem Krieg ihr Amt wieder verlassen mussten. Der Vergleich einer im Ganzen relativ gleichgewichtigen Verteilung evangelischer und römisch-katholischer Kultur in Deutschland zu der viel stärker katholisch geprägten Kultur Österreichs ist womöglich ergiebiger. Sei's drum. Ich frage die gemeinsame Autorität an. Ich frage, was die Bibel zum Thema vorgibt, bzw. was sich die Kirchen und die abendländische Kultur aus der Bibel herausgelesen haben. Die biblischen Bücher sind entstanden zu Zeiten und in Lebensbereichen, die weithin patriarchal bestimmt waren. Sie spiegeln die gehabte Wirklichkeit, die jedoch nicht durch göttliche Weisung bestätigt wird. Der einzige, der versucht hat, Frauen zurückzustellen, dabei allerdings ehrlich zugibt, dass das seine persönliche Überzeugung ist, ist Paulus. Er war offensichtlich der schnellen Zunge der Frauen nicht gewachsen und hat deshalb Anweisungen geben wollen, die vielleicht zu seiner Zeit nicht einmal durchsetzbar waren, die aber von späteren Generationen dankbar aufgegriffen wurden und mit der apostolischen Autorität zur Vermännlichung des kirchlichen Amtes beigetragen haben. Wenn Ämter zur Vollzeitbeschäftigung werden, dann fällt der Anteil von Frauen in diesen Ämtern sofort ab. Männer können sich den ganzen Tag mit ihren selbsterfundenen Aufgaben, Ausschüssen und Präsentationen beschäftigen. Das führt selbst in unserer Kirche dazu, dass die Geistlichkeit und die Vollzeit angestellten Kirchenleitungsmitglieder die Gremien und Entscheidungsläufe beherrschen. Anderweitig Berufstätige und Ehrenamtliche haben einfach nicht die Zeit und die freien Termine übertags, um stundenlang im kircheneigenen Saft zu schmoren. An den Wochenenden, wenn es dann ginge, geht die Kirchenleitung ins Weekend und die Geistlichkeit ihrer eigentlichen Aufgabe nach. Paulus ist jedenfalls keine Quelle, um zu erfahren, was die Bibel als göttliche Weisung für die Rollenverteilung von Mann und Frau angibt. Auch die paulinische Brille muss man sich bewusst von der Nase nehmen, wenn man in der Bibel danach sucht. Sehr viel angemessener und zielführender ist es, die Thora aufzuschlagen. Im 4.Buch Mose gilt es, eine markante Entdeckung zu machen. Töchter sollen erben. Die gewachsenen Normen, die die geographischen und kulturellen Bedingungen nahelegen, sind in vielen Weisungen festgeschrieben, aber nicht sakrosankt. Wenn es die Umstände erfordern, dann geht es auch anders und das höchst offiziell und rechtskräftig. Das allgemein gültige patrimoniale Recht wird durchbrochen und zu einem familiären Erbrecht und damit in diesem Fall zu einem weiblichen Erbrecht, um nicht zu sagen einer weiblichen Erbpflicht. Die sehr pragmatische, jedoch mit göttlicher Weisung gesicherte Lösung ist keine Aufhebung oder auch nur Infragestellung der gültigen männlichen Erbfolge und damit patriarchalen Gesellschaft. Das kann man positiv wahrnehmen. Heißt es doch, dass diese Gesellschaftsstruktur für beide Geschlechter im Wesentlichen funktionstüchtig gewesen ist und selbstbewusst gehandhabt wurde. Wir hatten gerade das Beispiel Rebekkas, die über den Patriarchen hinweg die Erbfolge bestimmt (Gen.27f). Da sind ihre Schwiegermutter wie ihre Schwiegertöchter, die auffällig sachlich und vorurteilsfrei mit der Vielweiberei umgehen. Sie verteilen über den Kopf des Mannes hinweg das Gebären der Kinder (Gen.16 und 29f). In anderen Kulturkreisen und unter anderen geographischen Bedingungen wird es anders gehandhabt. In Südostasien gibt es immer noch Reste einer rein weiblichen Erfolge. Es ist dort für die Familie überlebenswichtig, dass die Töchter die Felder zur Ernährung der Kinder erben. Und im alten Tibet wurde die Geburtenkontrolle in den Hochtälern mit ihrer kargen Lebensgrundlage so geregelt, dass eine Frau mit einem Mann seine Brüder heiratete und diese alle nur von einer Frau, also viel seltener und weniger Kinder haben können. Das Thema der Bibel ist nicht die Gesellschaftsform und ihrer göttliche Festlegung für alle Zeiten und an allen Orten, sondern der sinnvolle, verantwortliche und fruchtbringende Umgang mit der jeweils geltenden und vorherrschenden Sitte und Norm. Mit der Bibel ist weder Polygamie oder Polyandrie noch Patriarchat oder Matriarchat zu entscheiden, genauso wenig wie Einehe oder voreheliche Beziehung generell und alleingültig, göttlich verordnet festgelegt sind. Beispielhaft für den gewissenhaften Umgang mit dem jeweiligen Recht ist die – modern ausgedrückt – Novellierung, die Anpassung des Rechtes an die akuten Notwendigkeiten mit der Bestimmung des Töchtererbrechtes aus der Thora. Sie findet ihren Ort in dem zentralen biblischen Buch der Weisungen. Sie wird in den Prophetenbücher aufgegriffen, wo im Josuabuch bei der Landverteilung für den Stamm Manasse ausdrücklich der Erbanspruch der Töchter des Zelofchads aufgegriffen und demonstrativ umgesetzt wird (Jos.17,3f). Sie findet ihren Ort in den poetisch-weisheitlichen Büchern, wo der getreue Hiob von JAHWE reichlich belohnt wird und seine Dankbarkeit gleich über seine Töchter ausschüttet und sie wie ihre Brüder in das Erbrecht einsetzt, weil sie so schön waren wie sonst keine im ganzen Land (Hiob 42,15). Wenn das nicht ein freier und selbstbewusster Umgang mit angeblich sakrosankten, unantastbaren Gesetzen ist. Man überliest dergleichen gerne. In den empfohlenen oder in manchen Kirchen vorgeschriebenen Predigtordnungen kommen derlei Bibelstellen auch geflissentlich nicht vor. Man kommt nicht auf die Idee, dass es so etwas in der Bibel geben könnte. Auch ohne die paulinische Brille erwartet man in der Bibel eine Männerwelt, eine vom Männlichen dominierte Welt. War das erste menschliche Wesen nicht männlich und die alleinige Krone der Schöpfung, bevor der Schöpfer aus einem Teil von ihm die Männin gemacht hat? Ist Gott selbst nicht männlich? Die Übersetzer der Bibel verführen uns, beide Fragen schnell und sicher mit Ja zu beantworten. Luther hat die Männin als Übersetzung für das Hebräische Wort "Frau" erfunden und den Eindruck zementiert, dass Adam von Anfang an ein Mann gewesen sei. Stattdessen steht, wo die wenigsten nachschlagen, wenige Kapitel weiter eindeutig: Am Tag, da Gott den Menschen schuf, machte er ihn Gott ähnlich. Als Mann und Frau schuf er sie, und er segnete sie und nannte sie Mensch, am Tag, da sie geschaffen wurden. (Gen.5,1f) Die Übersetzer überlassen es den Anmerkungen, den Hinweis zu geben, dass für dieses Wort Mensch im Hebräischen Adam steht. D.h. der Satz lautet: Am Tag, da Gott Adam schuf, machte er ihn Gott ähnlich. Als Mann und Frau schuf er sie, und er segnete sie und nannte sie Adam, am Tag, da sie geschaffen wurden. Der biblische Schöpfungsmythos lehrt einen weiblichen Vorrang und keine Männerdominanz, denn der Mann, so heißt es abschließend und ausdrücklich, verlässt seinen Vater und seine Mutter und hängt an seiner Frau (Gen.2,24). Wenn das kein matriarchales oder zumindest matrilineares Gesellschaftsbild ist. Der Mann wechselt in die Familie der Frau und wird Teil der Familie seiner Frau. Rebekka schickt ihren zum Erbe bestimmten Sohn in ihre Familie zurück, dass er dort Frauen finde und ein Teil dieser, ihrer Familie wird. Über Jahrhunderte und über die beiden Jahrtausende hat dagegen das jüdische und christliche Abendland wie auch das muslimische Morgenland die männliche Familienerbfolge gepflegt. Das hat sich bis vor wenigen Jahrzehnten noch darin niedergeschlagen, dass Frauen bei der Heirat selbstverständlich den Namen ihres Mannes annahmen. Sie durften ihren Mädchennamen (das Wort heißt nicht "Frauennamen") nur als Doppelnamen mit weiterführen, wenn darin der bedeutendere Familienstrang zu erkennen war und Herrscherhäuser dadurch ihre Beziehungen und Verbandelungen, d.h. Erbansprüche ausdrücken konnten. Das patriarchale Denken und die männlich beherrschte und besetzte Gesellschaft haben auch dazu geführt, dass die Gebote in der Lesart männlicher Herrschaft ausgelegt wurden. Sogar der Heidelberger Katechismus legt das 5. Gebot, "Vater und Mutter zu ehren…", als Gehorsams- und Obrigkeitsgebot aus. Frage 104: Was will Gott im fünften Gebot? - Dass ich meinem Vater und meiner Mutter, und allen, die mir vorgesetzt sind, alle Ehre, Liebe und Treue beweisen, und mich aller guten Lehre und Strafe mit gebührlichem Gehorsam unterwerfen, und auch mit ihren Gebrechen Geduld haben soll, dieweil uns Gott durch ihre Hand regieren will. Gerade noch im vorletzten Nebensatz wird der soziale Sinn des Gebotes, der die Gerechtigkeit Gottes ausdrückt, erwähnt. Das ist die Pflicht zum Respekt und zur Pflege und Versorgung der hilfsbedürftigen Alten. Halt eine Aufgabe, die sowieso vornehmlich Frauen angehängt wird und deshalb nicht so auffällig in den Blick genommen wird. Den allerletzten Nebensatz nicht zu vergessen: wie hilfsbedürftig und siech sie auch immer sein mögen, bleiben sie doch die Regierung. Ja, irgendwann lässt es sich nicht mehr verbergen: Gott ist ein Mann. Er herrscht, er lenkt, er zürnt und straft. Männer zucken halt manchmal aus. Diese Unbeherrschtheit kann sich nur ein männlicher Gott leisten. Nein, hier spielt uns die Übersetzungstradition einen bösen Streich. Selbstverständlich und wie nicht anders zu erwarten, wird Gott, der sich den Menschen zum Ebenbild schuf, in einer männlich geprägten Kultur vornehmlich als Mann vor- und dargestellt. Allerdings zumeist als Vater, noch dazu und vielfach betont als liebender Vater, als leidenschaftlicher Vater. Das könnte auch gut und gerne eine Mutter sein, wie es ein Prophet am Ende des Jesajabuches sich traut als Stimme JAHWES zu sagen: Wie einen, den seine Mutter tröstet, so werde ich euch trösten…(Jes.66,13). Das biblische Gottesbild als Mannsbild rührt aus der fatalen Ersetzung des Gottesnamens JAHWE durch die Lesart HERR. Soweit das eine jüdische Praxis ist, die sich scheut den Gottesnamen auszusprechen, kann ich das verstehen und respektieren, wobei sie auch längst für den JAHWE-Namen andere Titel und Bezeichnungen gefunden und in Gebrauch genommen haben. Ich bedaure zutiefst, dass die ansonsten großartige Neuübersetzung der Zürcher Bibel diesen Fehler weiterschreibt. Sie ist dem männlichen Gottesbild in gotteslästerlicher Weise verfallen. Sie unterschlagen uns eine Übersetzung, die Gott unmissverständlich weiblich denken kann. Im Psalm 2 heißt das berühmte Zitat: Kundtun will ich den Beschluss des HERRN: Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt. (Ps.2,7) Dabei muss es unvoreingenommen übersetzt heißen: Kundtun will ich den Beschluss JAHWES: Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute geboren. Aber das können sich die Übersetzter nicht vorstellen und greifen zu einem Trick. Das Wort für gebären kann auch schon mal im übertragenen Sinnen auf Männer angewendet werden. Also wird es hier zur Bereinigung eines nicht zugelassenen Gedankens angewendet und gleich männlich übersetzt als "zeugen". Sei es drum. Mit ein bisschen Mühe und weiterem Blättern in der Bibel über die üblichen und fest geprägten Textstellen hinaus lässt es sich finden. Es geht auch anders. Töchter erben. Männer heiraten in die Familie der Frauen. Die Familie und das Erbe werden von Müttern bestimmt. Gott bekommt weibliche und mütterliche Züge. Es wird Zeit, dass die kirchliche Verkündigung den anderen Blick freigibt und die wahre Fülle der Bibel preisgibt. Das wäre ein hilfreicher Beitrag zur Aufweichung verfestigter Rollenmuster, die hauptsächlich zu Lasten von Frauen und Müttern gehen. Es geht auch anders. Amen. |