14. März 2010

Johannes Langhoff

 

Da hob die ganze Gemeinde an, laut zu schreien, und das Volk weinte in jener Nacht. Und alle Israëliten murrten gegen Mose und gegen Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten gestorben oder hier in der Wüste, wären wir doch gestorben! Warum bringt uns JAHWE in dieses Land, damit wir durch das Schwert fallen. Unsere Frauen und Kinder werden zur Beute werden. Ist es nicht besser für uns, nach Ägypten zurückzukehren? Und sie sprachen zueinander: Wir wollen einen Anführer einsetzen und nach Ägypten zurückkehren.

Da fielen Mose und Aaron vor der ganzen Versammlung der Gemeinde der Israëliten auf ihr Angesicht nieder. Josua aber, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, die bei denen waren, die das Land erkundet hatten, zerrissen ihre Kleider. Und sie sprachen zu der ganzen Gemeinde der Israëliten: Das Land, das wir durchzogen haben, um es zu erkunden, das Land ist sehr, sehr schön. Wenn JAHWE Gefallen an uns hat, wird er uns in dieses Land bringen und es uns geben, ein Land, wo Milch und Honig fließen. Doch lehnt euch nicht auf gegen JAHWE! Und ihr braucht das Volk des Landes nicht zu fürchten, denn wir werden sie verschlingen wie Brot. Ihr Schutz ist von ihnen gewichen, mit uns aber ist JAHWE. Fürchtet euch nicht vor ihnen.

Da wollte die ganze Gemeinde sie steinigen, die Herrlichkeit JAHWES aber erschien am Zelt der Begegnung allen Israëliten. Und JAHWE sprach zu Mose: Wie lange noch will mich dieses Volk verachten, und wie lange noch will es nicht an mich glauben trotz all der Zeichen, die ich in seiner Mitte getan habe?  Ich will es schlagen mit der Pest und es vertreiben, dich aber will ich zu einem Volk machen, größer und mächtiger als dieses.

Da sprach Mose zu JAHWE: Dann wird Ägypten hören, dass du aus seiner Mitte dieses Volk mit deiner Kraft heraufgeführt hast. Und sie werden zu den Bewohnern dieses Landes sagen, sie hätten gehört, dass du, JAHWE, bei diesem Volk bist, dass du, JAHWE, Auge in Auge erschienen bist und deine Wolke über ihnen steht und du in einer Wolkensäule vor ihnen hergehst bei Tag und in einer Feuersäule bei Nacht. Wenn du nun dieses Volk tötest wie einen Mann, dann werden die Völker, die die Kunde von dir gehört haben, sagen: Weil JAHWE nicht imstande war, dieses Volk in das Land zu bringen, das er ihnen zugeschworen hatte, schlachtete er sie ab in der Wüste. Nun aber möge die Kraft des Herrn sich als groß erweisen, wie du gesagt hast: JAHWE ist langmütig und von großer Gnade, er vergibt Schuld und Vergehen, lässt aber nicht ungestraft, sondern sucht die Schuld der Vorfahren heim an den Söhnen bis zur dritten und vierten Generation. Vergib doch die Schuld dieses Volks, wie es deiner großen Gnade entspricht und so wie du diesem Volk vergeben hast von Ägypten bis hierher.

Da sprach JAHWE: Ich vergebe nach deinem Wort. Doch so wahr ich lebe und die ganze Erde der Herrlichkeit JAHWES voll werden soll: Alle Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich in Ägypten und in der Wüste getan habe, und die mich nun schon zehnmal auf die Probe gestellt und nicht auf meine Stimme gehört haben, werden das Land nicht sehen, das ich ihren Vorfahren zugeschworen habe, und alle, die mich verachten, werden es nicht sehen. Nach der Zahl der Tage, die ihr das Land erkundet habt, vierzig Tage, ein Jahr für jeden Tag, werdet ihr eure Schuld tragen müssen, vierzig Jahre lang, und ihr werdet erfahren, wie es ist, wenn ich mich abwende. Meinen Diener Kaleb aber, bei dem ein anderer Geist war und der treu zu mir gehalten hat, werde ich zum Lohn dafür in das Land bringen, in dem er gewesen ist, und seine Nachkommen sollen es in Besitz nehmen. Num 14,1-23.34.24

 

Liebe Gemeinde!

Der Himmel auf Erden, das Paradies, das gelobte Land. Das waren die Utopien, Ideale, Träume und Ziele über viele Generationen. Sie sind ziemlich nichtssagend geworden sind. Die Worte selbst klingen noch nach Sehnsucht und unerfüllten Wünschen. Nur ist uns die Sehnsucht abhanden gekommen und bleibt kein Wunsch, der immer uns noch einfallen könnte, lange unerfüllt. Wir leben bereits im gelobten Land. Das kleine Österreich in der Spitzengruppe der reichsten Länder der Welt. Österreich und Wien in den einschlägigen Wohlfühlmessungen jedesmal auf den obersten Plätzen, nicht selten an erster Stelle. Ein ungenierter Blick ins Land verrät eine gepflegte Natur in seltener Vielfalt und eine gesunde, üppige Ernährung. Vom wichtigsten Rohstoff der Zukunft, dem Wasser, Mengen im Überfluss. Der aktuell am heißesten gehandelte Rohstoff Öl schlummert ebenfalls in riesigen Mengen unter der niederösterreichischen Erde, so dass einem beileibe nicht um die Zukunft Bange zu werden braucht.

Wir leisten uns in all dem Überfluss denn auch noch den Überdruss. Wir klagen über Verdauungsstörungen und Langeweile, leisten uns Depressionen und wissen nicht mehr, womit einander Freude bereiten, was wir uns noch schenken können. Die schönste Sache der Welt, die Liebe, wird in dem kindischen Gesellschaftsspiel "Bäumchen wechsle dich" ausgetobt. Die Urlaubs- und Reiseziele werden ihrer gewagten Unwägbarkeiten und ihres kühnen Entdeckungspotentials beraubt und mutieren zur garantierten Fun-Zone im All-inclusive-Club "Paradise". Wir konsumieren gegen die Überfülle an Köstlichkeiten üppige Portionen an Entsetzen, Schrecken, Ekel, Erschütterung und Betroffenheit in einem stetig nachgefüllten schlechten Gewissen. Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, lautet der Leitsatz der verkaufssüchtigen Medien. Da werden sie herausgepickt und am Köcheln gehalten die paar verstreuten und vereinzelten Unfälle und Straftaten, die sich in der näheren oder weiteren Umgebung unserer globalisierten Welt erhaschen lassen. Da reicht es nicht, dass die Natur in Bewegung ist, Erdbeben, Flutwellen und Überschwemmungen, Dürre oder Sturmunwetter Schäden anrichten und Opfer fordern. Da müssen auch immer noch gewagte Siedlungspolitik und halsbrecherische Besitzanlagen die Schadenssumme und Opferzahlen drastisch erhöhen.

Wer davon nicht genug hat und den Gewissenskick, die unauflöslichen Schuldgefühle braucht, der darf sich den ökologischen Fußabdruck machen lassen, der darf ein Stück Wald für eine Flugreise extra bezahlen, der darf sich ein Patenkind im Dschungel kaufen oder auch freiwillig als kämpfende Soldatin in die Befriedungsaktionen unter irgendeiner internationalen Fahne in irgendeiner fremden Region eingreifen. Das Berauschende an all diesen Gewissensofferts ist, dass sich garantiert nichts ändert, außer, dass die Probleme sich durch fremdes Eingreifen von außen noch verschärfen und die Schäden anwachsen. Der Gewissenskitzel für die Übersättigten ist die Einredung einer Schuld, die ich nicht wirklich verursacht habe und deshalb auch nicht abbüssen kann. Die süße Variante des Gewissenskitzels ist das superteure und supergeniale Festbankett als Benefizevent. Da lässt sich nach Herzenslust schlemmen und sogar gegen das schlechte Gewissen meiner aus den Fugen geratenen vollschlanken Linie und meiner nach Entlastung dürstenden Leber nachladen, weil jeder Bissen mehr, jeder weitere Tropfen noch ein kleines Sümmchen für irgendwen Bedürftiges in den Spendentopf befördert. Bedürftige gibt’s alldieweil genug, jedenfalls allemal genug, die sich diese Benefizgala nicht leisten können.

Wer will uns in diesem Schlaraffenland noch das gelobte Land schmackhaft machen? Bleiben wir wo wir sind und lassen uns ja von niemandem verführen, den unwirtlichen Weg durch eine wüste Welt mit Ziel von etwas Anderem, Besseren vielleicht, zu wagen. Ich wundere mich nicht, dass der Glaube an Gott mit dem steigenden Lebensstandard abnimmt. Ich rede nicht von Kirchenschwund oder Kulturverlust, sondern von dem Schwinden eines Glaubens an Gott. Ich meine auch nicht den christlichen Glauben, christliche Werte und entsprechende Moral allein. Ich widerspreche den Auswertungen und spektakulären Veröffentlichungen von Umfragen nach dem, was die Leute glauben würden. Ich spreche von dem Glauben an Gott, der mehr ist als ein bloßes höheres Wesen oder eine letztendliche Möglichkeit, ein vielleicht letzter und heimlich verborgener Wunsch. Die immer wieder kolportierte Religiosität, die die Kirchen angeblich nicht mehr einbinden können, ist banale Gedankenspielerei auf dumme Fragen hin und Gefühlsduselei aus Krisensituationen. Der Glaube an Gott, Adonaji, Jehova, Christus oder Allah, hat vor Generationen noch die Menschen ganz selbstverständlich bestimmt. Nicht dass sie frömmer gewesen wären oder eine bessere Moral gehabt hätten. Aber letztendlich stand Gott für sie nicht in Frage. Wohingegen heutzutage schon die Frage überflüssig ist.

Ich misstraue der gängigen Geschichtsdeutung, die die Aufklärung und die Entwicklung der Naturwissenschaften für den Verlust des Gottglaubens verantwortlich macht. Ich glaube, dass der steigende Lebensstandard aus Gott eine zu vernachlässigende Größe und eine unnötige Option gemacht hat. Wer alles hat, braucht Gott nicht. Wer genug hat und für das, was er noch anstrebt viele Möglichkeiten besitzt, der wird sich die Unwägbarkeit eines lebendigen Gottes ersparen. Das verspricht nur Verwicklungen und Verwirrungen, halt wüste Verhältnisse. Von wegen gelobtes Land. Das ist eine Frage des Leistungswillens und Durchsetzungsvermögens, das ist die Wettbewerbsgesellschaft, der Konkurrenzkampf. Kapitalismus und Calvinismus könnten nicht weiter auseinander liegen wie die gottlose vom Mammon regiert Welt und die von der Liebe Christi beseelte Schöpfung Jahwes. Statt auf den Weg der Läuterung durch die karge Welt der Wüste hat sich die Menschheit in den Dschungel begeben. Überbordendes Leben, fressen und gefressen werden.

Sie haben die hoch zivilisierte Welt Ägyptens verlassen, in der selbst die Armen noch ein sicheres Auskommen hatten und man sich den Luxus von Gräbern und Grabbeigaben leisten konnte. Stattdessen haben Mose und Aaron nebst Mirjam sie in die Wüste, in das unbekannte und unwirtliche Land gelockt hin zu einem Gott, der einmal ihren Vorfahren etwas bedeutet hat. Und kaum dass sie ein paar von seinen wunderbaren Überlebenstricks miterlebt haben in dieser lebensfeindlichen Welt, in die keiner mit gesundem Menschenverstand freiwillig gehen sollte, werden sie zum Paradevolk bestimmt. Das verlangt ihnen nicht nur 10 einfache und selbstverständliche Lebensregeln ab, sondern trägt ihnen und all ihren Nachkommen den Neid und mörderischen Hass der andern Völker ein. Das zivilisierte Leben in Ägypten war damit eh passé. Ein neues Land musste her. Ein gelobtes Land, was sonst. Aber da lebt schon wer. Da müsste man teilen und friedliches Zusammenleben lernen - und sei es in einer Zweistaatenlösung. Das ist zu anstrengend. Das ist unzumutbar. Die Parole heißt: alles einmal kehrt und marsch, marsch zurück!

Es war die falsche Parole, das falsche Losungswort. Zugang verweigert. - Die Wunderwelt, die mir mein PC auf den Desctop spielen und aus dem worlwideweb holen soll, sind beim falschen Kennwort unzugänglich, unerreichbar, verschlossen. No Access!

Nur zwei haben das Kennwort gekannt. Doch der Rest hat ihnen nicht geglaubt und den Versuch nicht gewagt. Das hat ihnen ein unstetes, heimatloses Leben in einer wüsten Welt eingebracht. Das Ziel haben sie aus den Augen und aus dem Sinn verloren und zum Anfang, zu ihrem Ausgangspunkt nicht zurückgefunden. Sie werden ihr Leben aushauchen zwischen Wanderdünen, in kahlen Höhlen und inmitten von steinigen Felswänden. Sie standen am Abgrund und sind einen Schritt weitergegangen – einen Schritt in die falsche Richtung. Eine ganze Generation hat ihr Lebensziel und ihren Lebenssinn verloren, irrt 40 Jahre in der Fremde seiner selbst.

No Access! Falsches Passwort! Sie haben auf ihrem Weg bis an die Grenze des gelobten Landes, das Ziel zum Greifen nah, nicht gelernt, nicht wahrgenommen, dass Gott JAHWE Leben und Zukunft ist. Und wie lebendig JAHWE dabei ist. Er gerät in Rage. Der Zorn Gottes trifft das widerspenstige Volk.

Für viele, die einen Vorwand und eine Ausrede brauchen, dass sie auf Gott verzichten können, ist der zornige Gott eine willkommene Ausflucht. In ihr eingebildetes Schema von einem Gott der Allgnade, der am Ende eh alles richten und brav wieder herstellen muss, der sich in seinem Paradies ausruht bis zum Jüngsten Tag oder was immer jenseitig sein soll, in ihr erdachtes Gedankengebäude des Allwissenden und alles Könnenden, des Allabwesenden, passt kein leidenschaftlicher Gott JAHWE. Das ist ein Gott, der ihnen zu nahe kommt, den sie sich von der Pelle halten müssen. Darüber muss ich nicht diskutieren. Ihnen muss ich Gott nicht beweisen. Sie sind selber schuld. Falsches Gottesbild. Falscher Zugang. No Access!

Denn das ist gerade der besondere Wert der biblischen Überlieferung. Sie haben Gott erfahren und bezeugt als JAHWE, der mit leidet und der Mitleid hat. Wie ein Brautwerber hat er sie aus Ägypten geholt und mit dem Pharao um sie gekämpft wie mit einem streitbaren Rivalen. Er hat ihnen großartige Versprechungen gemacht für die bescheidene Gegenleistung der Treue. Er hat sie mit seinen Kunststücken umworben und präsentiert ihnen eine wunderschöne und überreiche neue Heimat. Da werden sie mäklig, haben etwas auszusetzen, scheuen den letzten Schritt, versagen die Hingabe. Der Liebhaber ist enttäuscht, bitter enttäuscht. Er ist drauf und dran alles und alle zu vernichten.

In einer rührenden Szene ringt Mose wie einst Abraham um das Leben der Schuldigen. Dreist malt er das Bild von einem Gott, der sich lächerlich macht. Der Liebhaber macht sich zum Gespött des Rivalen. Er habe es nicht geschafft, die Braut heim zu führen. Gott JAHWE lässt sich umstimmen, lässt sich bitten und erweichen. Das fromme Wort heißt erbarmen. In dieser Überlieferung der Thora wird anschaulich, was es mit dem Erbarmen, der Gnade Gottes auf sich hat. Das ist keine theologische Formel, um die sich dann auch noch die Kirchen streiten können, wie sie anzuwenden sei. Das ist keine Augenwischerei, die alles wieder gut sein lässt, was nicht gut ist. Das ist die Leidenschaft Gottes, die uns umwirbt und die die Ablehnung ernst nimmt.

Ich muss mir nichts dabei denken. Wenn ein leidenschaftlicher Gott JAHWE wie der leiden Christus Jesus für viele Menschen der Neuzeit unzeitgemäß ist, dann kann ich ihnen nichts einreden. Sie gehören zu der Generation, die 40 Jahre lang in der Wüste herumirren und nicht ankommen werden. Eine eigene Art verlorener Generation. Selbst Kirchenmitgliedschaft und die Pflege religiösen Brauchtums schützen nicht vor dem Irrweg.

Es sind jedoch nicht alle. Kaleb wird ausdrücklich ausgenommen, ein paar Verse weiter auch Josua. Sie haben sich von allem Anschein und allem Widerspruch, ja vehementer Ablehnung nicht beirren lassen in ihrem Gottvertrauen. Und sie sind nicht die letzte Generation. Ihre Kinder haben eine neue Chance. Ihnen bleibt das gelobte Land offen, sie können die leidenschaftliche Liebe Gottes beanspruchen.

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