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28. März 2010 Johannes Langhoff
Ein Gebet Davids. Höre, JAHWE, im Namen der Gerechtigkeit, nimm wahr mein Flehen, vernimm mein Gebet von Lippen ohne Falsch. Von dir geht aus mein Recht, deine Augen sehen Gerechtigkeit. Du prüfst mein Herz, siehst nach bei Nacht, du erprobst mich und findest nichts Böses an mir, mein Mund vergeht sich nicht. Bei den Taten der Menschen achte ich auf das Wort deiner Lippen. Von den Wegen des Gewalttätigen bleiben meine Schritte fern, auf deinen Pfaden wanken meine Tritte nicht. Ich rufe zu dir, denn du erhörst mich, Gott; neige zu mir dein Ohr, höre meine Rede. Erweise deine wunderbare Güte, du Retter aller, die Zuflucht suchen vor denen, die sich auflehnen gegen deine Rechte. Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel vor den Frevlern, die mir Gewalt antun, vor meinen Feinden, die gierig mich umringen. Ihr Herz haben sie verschlossen, anmaßend reden sie mit ihrem Mund. Sie sind mir auf den Fersen, schon haben sie mich umstellt, sie trachten danach, mich zu Boden zu strecken, wie ein Löwe, der begierig ist zu reißen, wie ein Löwe, der im Hinterhalt liegt. Steh auf, JAHWE, tritt ihm entgegen, zwing ihn in die Knie, rette mein Leben vor dem Frevler mit deinem Schwert. Von solchen Menschen, JAHWE, von solchen Menschen sei fern deine Hand, ihr Anteil am Leben sei gering. Was du gegen sie bereithältst, damit stopfe ihren Bauch, dass noch die Kinder satt werden und auch deren Kinder einen Rest bekommen. Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, will mich sättigen, wenn ich erwache, an deinem Bilde. Psalm 17
Liebe Gemeinde! Ein klein bisschen Egoismus ist gesund. Eigensinn darf sein, möchte sein, so lese ich hier. David besingt sich geradezu selbst. Eigenlob eingebettet in ein frommes Gebet. Das ist verblüffend. Das möchte man nicht unbedingt erwarten. "Eigenlob stinkt", hat es immer geheißen. Das sagt man allerdings heute seltener. Dagegen lernen Schülerinnen und Arbeitslose, ihre Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle so zu schreiben, dass ihre Vorzüge und Fähigkeiten besonders hervorgehoben und ihre Fehler und Mängel durch geschickte Umbenennung oder einfach Unterschlagung wie eigene und eigentümliche Werte herausgestrichen werden. Sie lernen, sich zu vermarkten und teuer zu verkaufen. Dabei ist das Eigenlob unumgängliche Pflicht. Wir haben das früher anders gelernt. Uns ist noch eine höfliche Bescheidenheit anerzogen worden. Solcherart Selbstbescheidung wurde versetzt mit der christlichen Tugend der Demut. Das ist längst ein Unwort und trägt den Schatten von Ergebenheit, Gehorsam und Mangel an Selbstwertgefühl. Die sind unzeitgemäß. Stattdessen sind Depressionen anerkannt. Aber auch als Genügsamkeit, Einfachheit, Bedürfnislosigkeit und Zurückhaltung ist die Demut verpönt, weil sie wirtschaftsschädigend die Kauflust bremst. Eigenlob und Eigensinn gehen jedenfalls die Weihen christlicher Tugenden ab. Im Sinne rücksichtslosen Eigennutzes ist Egoismus durchaus nichts Lobenswertes. Da mag das Christentum mit seiner Erziehung zur Genügsamkeit, der Rücksicht gegenüber anderen und der Ehrfurcht vor dem Leben ein gut Teil zur Bildung zivilisierter Kultur beigetragen haben. Christentum steht für Nächstenliebe, für Menschenliebe schlechthin. Christliche Botschaft hat damit an aktueller Brisanz gewonnen. Christliche Werte sind ein dringendes Korrektiv gegen die Auswüchse einer zügellosen, allein dem Geld ergebenen Wirtschaftswelt und Gesellschaftskultur. Allerdings ist das Christentum, nicht zuletzt in seinem protestantischen Profil und als calvinistischer Geist, mit daran schuld, dass Wirtschaftlichkeit vor Menschlichkeit steht und Gehorsam vor Recht und Gerechtigkeit gestellt wurden. Das protestantisch geprägte Nordamerika setzt die Normen des globalisierten Kapitalismus. Protestantischer Untertanengeist hat totalitäre Regimes bedient wie anarchistischen Revoluzzern ihre Rechtfertigung geliefert. Da fehlt die gesunde Portion Egoismus, die der totalen Hingabe, dem fanatischen und bedingungslosen Eifer und Opferwillen im Wege gestanden hätte. Da fehlt es an Bibelkenntnissen. Der blinde Eifer für das Gute und die missionarische Zwangsbeglückung Anderer haben so gar nichts mit der Bibel zu tun. Nicht einmal mit Jesus ist die Selbstlosigkeit zu haben. Er hat sich den Ruf des Fressers und Weinsäufers erarbeitet (Matth.11, 19 par) und hat darüber geklagt, dass es ihm schlechter ginge als anderen (Matth. 8,20). Er hat Kinder als Paradebeispiel hervorgehoben. Nur wer wie die Kinder werde, könne das Himmelreich erlangen (Mk. 10, 15 par). Für Jesus sind die Kinder, die sich in gesundem Selbsterhaltungstrieb, der noch nicht durch Erziehung gezügelt wurde, Vorbilder. Sie nehmen sich, was sie brauchen und haben wollen, wenn sie nur können. Sie liegen ihren Eltern in den Ohren bis sie bekommen, was sie wollen. So meint Jesus, sollten wir unseren himmlischen Vater in Anspruch nehmen. Bedingungslos und bedenkenlos für uns in Anspruch nehmen. Jesus lehrt Egoismus. Auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot antwortet Jesus bekanntlich: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Matth. 22, 37-39) Bekannt und gleich verkürzt auf die christlicher Formel überhaupt: Du sollst deinen Nächsten lieben! Christentum = Nächstenliebe = Menschlichkeit. Ein bisschen zu einfach die Formel. Um ein Wesentliches verkürzt, verstümmelt und entstellt. Die Ursache des entgleisenden, fanatischen Christentums ist seine angeblich lobenswerte Selbstlosigkeit. Ein bisschen Egoismus muss sein. Ein klein bisschen Egoismus braucht es. Wer sich selbst nicht liebt, kann andere nicht lieben. Wer sich dagegen mit seinen eigenen Fehlern und Mängeln annehmen kann, der kann auch nachsichtig sein mit anderen, kann nachgeben und vergeben. Wer mit sich selbst versöhnt ist, kann sich mit anderen versöhnen und kann andere versöhnen. Ohne die Annahme meines eigenen Ich mit all seinen guten und schlechten Seiten wird Nachsicht, Vergebung und Versöhnung zum huldvollen Gnadenakt. Das ist Gnade, die vor Recht ergeht und Recht ersetzt. Das ist Willkür und Rechthaberei, die sich aufspielt und von sich selbst ablenkt. Mich selbst anzunehmen, mein Ego zu akzeptieren, nötigt mich zum Eingeständnis meiner Unzulänglichkeiten und meiner Unvollkommenheit. Das ist kein ganz leichter Schritt. Das wird zu einem leichten Schritt, wenn ich erfahre, dass Gottes Gnade in Christus Jesus meiner Erklärung bereits voraus gegangen ist. Ich bin von Gott angenommen, also darf und sollt ich mich auch selbst annehmen. So und nur so kann ich wen anderes annehmen, akzeptieren, respektieren und lieben. Christliche und darin besonders die protestantischen Tugenden des Verzichtes und der Bescheidenheit haben Genuss und Luxus verleumdet sowie Lust und Leidenschaft untergraben. Behinderte und verklemmte Sexualität, gestörte Beziehungen und Körperfeindlichkeit sind mit ein Erbe evangelischer Geisteshaltung. Paulus wird dafür gern ins Feld geführt. Zu Unrecht. Denn er mahnt, den eigenen Körper wie einen Tempel zu behandeln (1.Kor.3,16f;6,19). Ich als Tempel Gottes. In mir wohnt Gottes Geist. Er hat mich erkauft. Das heißt ja nicht nur, dass man ihn nicht besudelt und nachlässig benutzt und verbraucht, sondern heißt eben, dass man das Geschenk Gottes besonderer Aufmerksamkeit würdigt. Der Eigensinn, der Sinn für mich und meinen Körper, meine Bedürfnisse und Fähigkeiten, die Wahrnehmung und das Eingeständnis meiner Unfähigkeiten und Laster als der rechte Gottesdienst. Ich gehöre wie ich bin, mit allem, was ich habe und was mir fehlt, vor Gott und zu Gott. So singt David. So trällert er sein Gebet. Da lässt er nichts aus. David hat keinen Genierer vor seinem Gott JAHWE. David benimmt sich vor JAHWE wie ein Kind. David gibt sich wie ein Schaf vor Gott. Er will gekuschelt und beschützt werden, will satt zu fressen haben und gut trinken. "JAHWE ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln." (Ps.23,1) Singen Sie den bekanntesten aller Psalmen weiter und träumen Sie sich wie David an seine Brust geschmiegt, in den Armen des schweigsamen und fürsorglichen Hirten, in die Arme Gottes. Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel, singt und betet David im 17.Psalm, den ich eben gelesen habe. Die Phantasie im Ausschmücken seiner Beziehung zu Gott JAHWE kennt bei David keine Grenzen. Das sagen sich Verliebte: "mein Augenstern". Das ist der ultimative Ausdruck für die Liebe von Vater und Mutter zu ihrem Kind, es zu hüten wie den eigenen Augapfel. Das ist das Bild des Bauernhofes, auf dem die Kücken umhertollen und schnellstens bei der Glucke sicheren Unterschlupf suchen, wenn diese nur die Flügel hebt, weil sie drohende Schatten über ihren Schützlingen kreisen sieht. Vor den Frevlern, die mir Gewalt antun, vor meinen Feinden, die gierig mich umringen. Sie sind mir auf den Fersen, schon haben sie mich umstellt, sie trachten danach, mich zu Boden zu strecken, wie ein Löwe, der begierig ist zu reißen, wie ein Löwe, der im Hinterhalt liegt. Das nächste schreiende Bild. Ungeniert gibt David vor Gott JAHWE seine Angst preis. Die Intrigen der Leute, die Nachreden der Neider, das Mobbing der Kollegen und des Chefs machen ihm Angst als würde hinter dem nächsten Busch ein Löwe auf ihn lauern. JAHWE soll für David zum Schwert greifen und kämpfen, seine Konkurrenten und Rivalen niedermachen. Die Phantasie geht mit David durch: Was du gegen sie bereithältst, damit stopfe ihren Bauch, dass noch die Kinder satt werden und auch deren Kinder einen Rest bekommen. Hau alles Übel in sie hinein, dass sie ersticken und ihre Brut gleich mit. Es fehlt dem David nicht an Selbstbewusstsein. Er scheut sich nicht vor dem Eigenlob. Er weiß sich als der Gute. Er weiß sich im Recht. Nicht zu unrecht. Denn er weiß sich von seinem Gott JAHWE gerechtfertigt. Von dir geht aus mein Recht, deine Augen sehen Gerechtigkeit. Du prüfst mein Herz, siehst nach bei Nacht, du erprobst mich und findest nichts Böses an mir, mein Mund vergeht sich nicht. Er weiß sich von Gott angenommen, geliebt, umsorgt und beschützt. Darum bittet er um Hilfe. Darum fordert er geradezu die göttliche Hilfe in seinem Streit mit den Anderen, soll Gott sich in die Machenschaften einmischen und unmissverständlich für David Partei ergreifen. Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, will mich sättigen, wenn ich erwache, an deinem Bilde. Ein schöner Traum. Ein braves Gute-Nacht-Gebet. Das soll ein seliger Schlaf werden und ein befreites Aufwachen. Ein klein bisschen Egoismus ist heilsam. Eigensinn darf sein, möchte sein, so lese ich bei David. Und das lerne ich mit den Jahren. Ich achte auf mich und frage nach meinen Bedürfnissen, suche meine Fähigkeiten und genehmige mir meine Eigenheiten. Ich lasse mir immer weniger fremde Wünsche aufschwatzen und widerstehe zunehmend dem Anpassungsdruck. Ich muss meine Jugendlichkeit und Frische nicht durch Rastlosigkeiten beweisen. Ich muss mir meine Schönheit nicht beim Chirurgen kaufen. Ich kann meine Zufriedenheit genießen, wo ich genug habe, ohne mich für meine Bescheidenheit schämen zu müssen. Ich kann Menschen, die mir begegnen, nehmen wie sie sind. Und wenn sie mir nichts zu geben haben, muss ich sie noch lange nicht verurteilen, sondern kann auch sie lassen, wie sie sind. Ich weiß jetzt, wie gut es mir geht, und lasse mir nicht die Zukunft anhängen. Ich kann Gott das Seine überlassen und mir das meine nehmen. Ich kann annehmen, was Gott mir zugedacht und mir geschenkt hat. Ich werde es annehmen, pflegen und genießen. Ich weiß, dass nicht alle meine Tage und Nächte die besten sind und immer gut sein werden. Aber ich weiß, dass ich sie Gott anhängen kann. Ohne Rücksicht, ohne falsche Scham. Denn ich weiß mich von Gott geliebt. Er hat alles für mich gegeben. Wie käme ich dazu, das nicht anzunehmen? Bei den Taten der Menschen achte ich auf das Wort deiner Lippen. Von den Wegen des Gewalttätigen bleiben meine Schritte fern, auf deinen Pfaden wanken meine Tritte nicht. Amen |