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02. April 2010 Johannes Langhoff
Da ging einer von den Zwölfen, der Judas Iskariot hieß, zu den Hohen Priestern und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich ihn an euch ausliefere? Und sie vereinbarten mit ihm dreißig Silberstücke. Von da an suchte er eine günstige Gelegenheit, ihn auszuliefern. Am Abend saß Jesus mit den Zwölfen bei Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. Und sie wurden sehr traurig und begannen, einer nach dem andern, ihn zu fragen: Bin etwa ich es, Herr? Er aber antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich ausliefern. Der Menschensohn geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht, doch wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird. Es wäre besser, er wäre nicht geboren, dieser Mensch! Da entgegnete Judas, der ihn ausliefern sollte: Bin etwa ich es, Rabbi? Da antwortet er ihm: Du sagst es! Da kommt Jesus mit ihnen an einen Ort namens Getsemani und sagt zu den Jüngern: Bleibt hier sitzen, solange ich weg bin und dort bete. Und er ging ein wenig weiter, fiel auf sein Angesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. Dann kommt er zu den Jüngern zurück und sagt zu ihnen: Schlaft nur weiter und ruht euch aus! Seht, die Stunde ist gekommen, da der Menschensohn in die Hände von Sündern ausgeliefert wird. Steht auf, lasst uns gehen! Seht, der mich ausliefert, ist da. Und während er noch redete, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Knüppeln im Auftrag der Hohen Priester und der Ältesten des Volkes. Der ihn aber auslieferte, hatte mit ihnen ein Zeichen verabredet: Den ich küssen werde, der ist es. Den nehmt fest! Und sogleich ging er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi, und küsste ihn. Jesus sagte zu ihm: Freund, dazu bist du gekommen! Da kamen sie auf ihn zu, ergriffen ihn und nahmen ihn fest. Als nun Judas, der ihn ausgeliefert hatte, sah, dass er verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberstücke den Hohen Priestern und Ältesten zurück und sagte: Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich ausgeliefert. Sie aber sagten: Was geht das uns an? Sieh du zu! Da warf er die Silberstücke in den Tempel, machte sich davon, ging und erhängte sich. Matth. 26,14-16.20-25.36.39.45-50;27,3-5
Liebe Gemeinde! Er war ein Eiferer für Christus. Nicht bloß ein Fan. Für seinen Christus wollte er alles tun. Er hätte sich für ihn geopfert. Christus war sein ein und alles. Noch bevor er den Mann aus Nazareth kennengelernt hatte, war er schon der messianischen Sache verschworen. Er hatte sich bereits den Untergrundkämpfern, der Stadtguerilla angeschlossen. Die Sikkarier haben sich dem Befreiungskampf geweiht. Als Dolchmänner sind sie herumgelaufen und haben im Stadtgedränge Römer abgestochen, wenn sich eine sichere Gelegenheit dazu ergab. Ihr Ziel war die Anarchie, das Chaos, das die Besatzungsmacht zu schärferen Maßnahmen nötigen sollte. Damit würden sie den Unmut der drangsalierten Bevölkerung steigern. Die Spannungen und das aufgereizte Klima wären der Nährboden für messianische Spekulationen. Der seit Jahrhunderten ersehnte Messias sollte erscheinen und den erwarteten Aufstandes gegen die Fremdherrschaft anführen. Als Judas, der Sikkarier, von Jesus erfährt, seine kritischen Reden hört und seinen Einsatz für die Leute am Rande der Gesellschaft beobachtet, schließt er sich ihm an. Er wird zu einem der wichtigsten Figuren im engeren Umfeld Jesu. Er übernimmt die Organisationsfragen und auch die Finanzen der Gruppe, die für ihn der Kopf der Bewegung sein soll. Er sieht über die häufige Nähe Jesu zu den Kollaborateuren des Regimes, den Zöllnern hinweg. Das mag Taktik sein. Er verliert nur einmal die Nerven als eine der Freundinnen teuerstes Salböl an Jesus verschwendet. Bei Geld hört der Spaß auf. Der Kampf braucht alle Reserven. Judas eifert für Jesus, in dem er den messianischen Anführer der bevorstehenden Befreiung, den Christus, sieht. Der Einzug in die Zionsstadt als davididischer König in der symbolträchtigen Formation entsprechend prophetischer Ansage auf einer Eselin wird von der Menge jubelnd gefeiert. Das ist wie ein Auftrag, eine öffentliche Berufung und Einsetzung. Die Gewaltaktion im Tempelvorfeld ist das Fanal zum religiösen Aufbruch. Jetzt muss etwas passieren. Jetzt muss der Aufstand losbrechen. Judas beschleunigt das Verfahren. Er will den immer noch zögerlichen Nazarener bedrängen und so einengen, dass der nur noch zum Befreiungsschlag rufen kann. Wenn es ihm denn persönlich ans Leder ginge, sollte er seine Männer aufrufen, zu den Waffen zu greifen, um ihn zu schützen. Das müsste genügen, um den allgemeinen Aufstand auszulösen. Einmal unter Waffen, könnte Jesus auch nicht mehr zurück. Dumm gelaufen. Es kam anders. Es kam wie es kommen musste. Nur hat Judas das nicht begriffen. Er hat es zu spät erst verstanden. Noch beim Essen fragt er Jesus auf dessen verkappte Ansage von Auslieferung hin verdutzt, ob seine geplante Aktion etwa Verrat sein könnte. Der Plan geht schief. Jesus lässt sich nicht provozieren. Er verhindert sogar ausdrücklich den Waffengang und zwingt sie, ihre Schwerter wieder einzustecken. Er lässt sich verhaften. Er unternimmt nichts zu seiner Befreiung. Er lässt sich kreuzigen und gibt noch beschwichtigende Worte dazu. Die Sache ist total aus dem Ruder gelaufen. Judas ist gescheitert und hat dazu noch das Leben des guten Rabbis und seines verehrten Anführers auf dem Gewissen. Die Besatzungsmacht ist gestärkt. Das Volk noch weiter eingeschüchtert und alle messianischen Träumer gedemütigt. Da hängt der König der Juden am Schandholz und stirbt. Judas schmeißt ihnen das Geld vor die Füße. Es taugt nicht einmal mehr für die Finanzierung des Kampfes. Es gibt keinen Kampf. Sein Leben ist sinnlos geworden. Sein Leben ist verpfuscht. Er kann nicht mehr und sieht keine Hoffnung. Er nimmt sich selbst das Leben. Dumm gelaufen. Der Eiferer, der übers Ziel hinausgeschossen ist. Er ist seinem Hirngespinst fast blind gefolgt. Er ist in seine Wahnidee so verbohrt, dass er Jesus bis zuletzt nicht versteht, den wahren Sinn des Geschehens nicht begreift. Der andere ungestüme Eiferer in der Spitzenmannschaft Jesu kriegt die Kurve im letzten Moment. Petrus war der schnellste als es zum Waffengang gehen sollte. Er hatte als erster das Schwert gezogen und sofort draufgeschlagen. Er muss das Schwert zurückstecken. Und er wird eine tiefe Demütigung einstecken müssen. In seiner Verunsicherung wird er zum Feigling und schwört öffentlich seinem Meister ab. Doch an diesem Tiefpunkt beginnt der Aufstieg des eifernden Petrus. Er nimmt die Verzeihung an und lässt sich von Jesus wieder aufrichten. Er legt den Stolz und Ehrgeiz des Eiferers ab und lernt den Weg der Versöhnung zu gehen. Die Kreuzigung Jesu von Nazareth scheidet die Geister. Dem einen ist es zur Niederlage geworden, er hatte es sich anders ausgerechnet. Dem anderen hat es zur Selbsterkenntnis geführt, zum Eingeständnis seines Irrglaubens, seiner Einbildung und seiner Wunschvorstellungen. Der dritte große Eiferer im Umfeld Jesu, Paulus, der zunächst die Anhänger Christi gewaltsam verfolgt, um bald darauf zum Vorkämpfer der Sache Christi zu werden, drückt diesen Umschwung so aus: Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen - nicht mit beredter Weisheit, damit das Kreuz Christi nicht seines Sinnes entleert werde. Denn das Wort vom Kreuz ist Torheit für die, die verloren gehen, für die aber, die gerettet werden, für uns, ist es Gottes Kraft.(1.Kor.1,17f) Wo bleibt da ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer dieser Weltzeit? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn da die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, auf dem Weg der Weisheit Gott nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung jene zu retten, die glauben.(1.Kor.1,20f) Dumm gelaufen. Für den einen und den anderen. Er war beileibe nicht der erste Eiferer für die göttliche Sache, der sich verrannt hat. Er war nicht der Erste und nicht der Letzte, der in bester Absicht für die gute Sache den Tod Unschuldiger herbeigeführt hat. Der Allererste, dem die Bibel diesen fatalen und letalen Irrtum anhängt, ist Kain. Das erste Buch der Bibel zeichnet in seinen ersten Kapiteln einen Mythos nach, der symbolträchtig der Menschheit anhängt. Der Eifer für das Gute, der böses Blut sät. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, weil der ihm auf dem Weg zu einem ungestörten Gottesverhältnis dazwischen kommt. Unzählige Kriege sind im Namen Gottes geführt worden, nicht selten auf beiden gegnerischen Seiten im Namen Gottes. Die Kriegsbegeisterung der Bevölkerung und der Kampfesmut an der Front sind mit der Rechtfertigung durch die gute und vorgeblich gottgewollte Sache angeheizt worden. Heilige Kriege wurden geführt und haben die gefallenen Kämpfer zu Märtyrern erhoben. Terror wird als Märtyrerakt umgedeutet. Selbsternannte Verteidiger der Rechte der Unterdrückten reden sich und der Welt ein, dass sie eine heilige Mission erfüllten, und richten die Verzweifelten zu willenlosen Kampfmaschinen und Bomben her. Kain ist eine tragische Figur. Er wollte Gott JAHWE an seiner Seite unbedingt und bestimmt. Kain ist ein Bild für die Tragik der falschen Gotteserwartung. Er kann sich nicht Gott ergeben, sondern muss sich seinen Gott sichern. Er will Gott an sich binden und seinen Wünschen verpflichten. Viele Menschen geben sich freigeistig oder reden sich einen Gott ein, den sie überall haben können und für den sie keine Kirchengemeinschaft brauchen. Doch der Krug geht so lange zu Wasser bis dass er bricht. Solange Gott mitspielt und sie gewähren lässt, es ihnen gut geht und alles passt, passt auch ihr eigener Gott. "Ich kann ihn ja überall und immer haben, wenn ich ihn brauche." Und weil sie ihn halt nicht brauchen, kann er ihnen auch gestohlen bleiben. Doch wenn die persönlichen Katastrophen und Krisen hereinbrechen, dann taugt dieser Gott nicht. Dann wissen sie ihn nicht zu finden, denn sie haben ihn ja auch noch nie gesucht. Dann bleibt er ihnen verborgen. Dann müssen sie sich selbst helfen. Und hilft ihnen kein Gott, dann kann er ihnen endgültig gestohlen bleiben. "Ich glaube nicht an Gott. Es gibt keinen Gott." Ihr Gott ist überall und nirgends. Es gibt ihn gar nicht. Wenn sie sich selbst helfen können. Doch die, die beim besten Willen nicht weiterkommen oder deren Erwartungen nicht erfüllt werden und die sich vom Neid zerfressen lassen, die erzwingen sich ihren Gott. Es ist ein Phänomen, dass mit dem steigenden Wohlstand, mit der Befreiung lange unterdrückter Völker und Nationen, mit der Verbesserung des internationalen Handels und des zunehmenden Austausches der Errungenschaften des Fortschritts und der Freiheit des Geistes und des freien Gedankenaustauschs, zunehmend Menschen sich strengen Glaubensnormen, reglementierten Lebensbedingungen und opferbereit unmenschlichen Forderungen und Aufgaben unterwerfen. Die neuen Fundamentalisten und Fanatiker sind keine minderbemittelten Menschen. Ihnen fehlt es weder an Bildung noch an Einkommen, Beruf und sozialer Anerkennung. Sie haben sich dem Eifer für das Gute verschrieben. Sie wollen die Menschheit beglücken. Sie lassen sich den passenden Gott für ihr Bild einer heilen Welt einreden. Ich muss dafür nicht mit dem Finger auf andere zeigen, die ihre hinduistische Welt erzwingen wollen, die vom astreinen Zion träumen oder die Allahs Gerechtigkeit mit persönlicher Genugtuung vertauschen. Die christlichen Eiferer schmerzen mich am meisten. Die Weltverbesserer im Namen des Evangeliums sind mir unerträglich. Es war noch ein kleines Beispiel und es ist letztlich nicht viel passiert. Aber es ist ein bezeichnendes Beispiel für den Geist der frommen Selbstgerechtigkeit. Baptisten aus den U.S.A. nutzen die Erdbebenkatastrophe in Haiti, um die Welt, d.h. wenigstens ein paar Kinde zu retten, und stehlen und entführen diese Kinder. Die Formfehler sind nicht bedeutend. In dem Chaos gab es sowieso keine funktionstüchtige Verwaltung. Die Eltern und Geschwister der Kinder konnten sich eh nicht um sie kümmern. Die Kinder selbst konnten keine Ansprüche stellen. Es war in dem Durcheinander schon schwer genug, sie auf dem Transport ausreichend zu versorgen und sie lebend durchzubringen. Aber jedenfalls sollten viele amerikanische Ehepaare, denen es an Kindern fehlte, mit so süßen, exotischen Lebewesen beglückt werden. Man redet nicht von Geld, wenn man Gutes tut. Judas wollte auch nur das Beste und eine bessere Welt. Er hat sich eingebildet, zu wissen, was das Beste ist. Er hat sich seinen Gott eingebildet. Judas ist damit gescheitert und schuldig geworden am Tod des Christus Jesus. Dumm gelaufen. Es muss aber nicht so weitergehen. Auch Judas ist nicht vergeblich gestorben. Gott ist anders als wir denken. Christus Jesus ist den Weg der Befreiung anders gegangen als üblich. Christus Jesus hat am Kreuz den Geist der Gewalt und Vergeltung gebrochen. Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit für die, die verloren gehen, für die aber, die gerettet werden, für uns, ist es Gottes Kraft. Amen |