03. April 2010
Osternacht

Johannes Langhoff

 

Die Hand JAHWES war auf mir, und durch den Geist JAHWES führte er mich hinaus, und mitten in der Ebene ließ er mich nieder, und diese war voller Gebeine. Und er führte mich an ihnen vorbei, rings um sie herum, und sieh, in der Ebene waren sehr viele, und sieh, sie waren völlig vertrocknet.

Und er sprach zu mir: Du Mensch, werden diese Gebeine wieder lebendig werden?

Und ich sprach: Herr, JAHWE, du weißt es.

Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort JAHWES! So spricht Gott JAHWE, zu diesen Gebeinen: Seht, ich lasse Geist in euch kommen, und ihr werdet leben. Und ich gebe euch Sehnen und lasse Fleisch wachsen an euch, und ich überziehe euch mit Haut und lege Geist in euch, und ihr werdet leben, und ihr werdet erkennen, dass ich JAHWE bin.

Und ich weissagte, wie es mir geboten worden war, und als ich geweissagt hatte, war da ein Lärmen, und sieh, ein Beben, und Gebeine rückten aneinander, eines an das andere. Und ich schaute hin, und sieh, auf ihnen waren Sehnen, und Fleisch war gewachsen, und darüber zog er Haut, Geist aber war nicht in ihnen.

Und er sprach zu mir: Weissage über den Geist, weissage, Mensch, und sprich zum Geist: So spricht Gott JAHWE: Geist, komm herbei von den vier Winden und hauche diese Getöteten an, damit sie leben.

Und ich weissagte, wie er es mir geboten hatte, und der Geist kam in sie, und sie wurden lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein sehr, sehr großes Heer.

Und er sprach zu mir: Du Mensch, diese Gebeine sind das ganze Haus Israël! Sieh, sie sagen: Unsere Gebeine sind vertrocknet, und unsere Hoffnung ist dahin. Wir sind abgeschnitten! Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott JAHWE: Seht, ich öffne eure Gräber, und ich lasse euch, mein Volk, aus euren Gräbern steigen und bringe euch auf Israëls Boden. Und ihr werdet erkennen, dass ich JAHWE bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern steigen lasse. Und ich werde meinen Geist in euch legen, und ihr werdet leben, und ich werde euch auf euren Boden bringen, und ihr werdet erkennen, dass ich JAHWE bin. Ich habe gesprochen, und ich werde es tun! Spruch JAHWES.                                                     
Ezechiël 37,1-14

Liebe Gemeinde!

Alpträume sind abgeschafft. Das tun wir uns, aufgeklärt und abgeklärt wie wir sind, nicht mehr an. Um uns noch zu gruseln, müssen schon heftige Filme und Schmöker her. Doch es gibt auch aufgekratzte Gemüter, die von den grauslichen Bildern, welche statt Informationen zur Ausschmückung der Nachrichtensendungen eingespielt werden, Schlafstörungen bekommen. Aber den Alptraum eines Lebens nach dem Tod haben wir begraben. Am Grab flackert ein Rest davon auf. Wenn man sich von einem Menschen verabschieden muss, zuckt der Alptraum auf, regt sich ein heimlicher Wunsch, es möchte nicht alles gewesen sein, man sieht sich noch.

Aber an eine Auferstehung nach dem Tod und ein anderes, ewiges Leben… Das spielt's nicht wirklich. Hat es ja auch früher nicht. Bereits in den ersten Jahren nach Jesu Kreuzestod und Grablegung muss Paulus den Christen in Korinth eintrichtern: Wie können einige unter euch sagen, es gebe keine Auferstehung der Toten? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube. Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, dann sind wir erbärmlicher dran als alle anderen Menschen. (1.Kor.15,12b-14.19)

In Folge des Paulus wurde die Auferstehung zum entscheidenden Glaubensinhalt. Seine Bedeutung wurde unterstrichen durch zusätzliche Dogmen und ganz besonders durch die Entwicklung einer ausufernden Volksfrömmigkeit. Bilder, Fresken, in Stein gemeißelte Figuren und Legenden haben dem Jenseits schauerliche und beängstigende Gestalt gegeben. Fegefeuer und Hölle haben der Phantasie unbegrenzten Raum gelassen. Die himmlischen Zustände als eigentliches Versprechen und Lockmittel dagegen gerieten immer einigermaßen langweilig und farblos, strahlend fade. Der Alptraum des Jenseits hat die Menschen über Jahrhunderte in ihrem Bann gehalten. Um seinetwillen wurde das tatsächliche Leben eingeschränkt, geopfert oder vernichtet. Eine Blutspur durch die Jahrtausende aus Djihad, Kreuzzügen und Inquisition. Unfassbar. Man glaubte und wollte glauben machen, dass die Menschen zu ihrem Heil auf den Scheiterhaufen verbrannt würden, dass man ihre Seele nur so vor den Höllenqualen und der Verdammnis retten könne.

Der Alptraum ist vorbei, jedenfalls für die, die den Glauben evangelisch nennen und damit tatsächlich die frohe Botschaft und keine bedrohliche und furchterregende Botschaft meinen. Und so langsam wie sich die Glaubenskongregation in Rom bewegt, haben sie es vor kurzem geschafft, zumindest ein kleines Stück Hölle wieder abzuschaffen, das Purgatorium, die Vorhölle.

Der Alptraum ist vorbei, der Traum allerdings gleich mit. Die Phantasie des Grauens war wenigstens denkbar. Sterben und Tod haben das Odium von Schmerz und Leid, von ungerechtem Ende und grässlicher Zerstörung. Für ein befreites und glückseliges Leben nach dem Tod fehlt die Sehnsucht. Jetzt, hier und heute möchte ich zufrieden sein können. Im Leben soll es mir gut gehen. Das Leben soll gelingen. "Gelingendes Leben" ist die Marschroute im neuen Jahrtausend. Für das Leben gehen wir hackeln und nicht für danach. Vorsorge wird allein für meine Altersruhe getroffen, nicht für die Nachwelt und auch nicht für die Erben. So dumm wie die Ägypter sind wir lange nicht mehr, dass wir unsere Gräber vollstopfen sollten, mit allem, was wir uns erarbeitet und verdient haben. Wird doch nur von anderen eingeheimst und geklaut. David im 39.Psalm völlig ernüchternd: Nur ein Hauch ist der Mensch. Nur als Schatten geht er einher, um ein Nichts macht er Lärm, häuft zusammen und weiß nicht, wer es einbringen wird. (Ps. 39,6cf)

Es ist auffällig, dass es im Alten Testament keine wirkliche Überzeugung von einer Auferstehung gibt. Ein jenseitiges Leben wird nicht gedacht. Das kann nicht sein bei der sehr realistischen Welt der israëlitisch-jüdischen Religiosität. Gott ist darin eine persönliche Erfahrung und Begegnung in JAHWE oder Adonaji. Das Leben ist, was das Leben ist und nicht etwas unvorstellbar anderes irgendwann und irgendwo. Tot ist tot. Das Totenreich ist die Ansammlung des Nichts, irgendetwas unten in der Grube, wo hinein die Verstorbenen gelegt werden. Das ist ein Nichts. Das ist sogar das Nichts ohne Gott. Gewünscht und ersehnt werden die Auferweckung der Toten, die Öffnung der Gräber und die Wiederbelebung der atemlosen Leiber. Gott möge den Klumpen modrigen Restes wieder formen und mit seinem Odem beleben. Das Jenseits ist nur diesseitig vorstellbar. Der Alptraum des ewigen Todes wird bekämpft mit dem prophetischen Traum der Wiederherstellung und Erneuerung.

Ezechiël gibt der Hoffnung Sprache. Das Ende Israëls und Judas ist ein Totenfeld. Der Untergang der beiden Reiche erscheint total. Alle sind sie tot. Niemand der sie begraben könnte. So liegen die Knochen verstreut auf weiter Flur. Ein Anblick des Entsetzens. Nichts ist geblieben von Größe und Gloria. Der Stolz und der Anspruch sind vom Winde verweht. Unromantischer geht es nicht mehr. Keine lehrreiche Dramaturgie. "Ihr seid alle tot!" Als gäbe es keine Überlebenden. Als säße die entmachtete Königsfamilie nicht längst an der Hoftafel der Sieger, geachtet wie eine ausländische Gesandtschaft. Als hätten sie es sich nicht lange schon gerichtet in der Fremde. Als hätte man nicht gelernt von den Stärkeren und sich seinen Gutteil aus ihren Angeboten und Möglichkeiten herausgeschlagen. Als hätte man sich seine Religion nicht neu gerichtet, zur nostalgischen Folklore gewandelt, die alten Geschichten gesammelt für urige Heimatabende, die mit der einstigen Heimat nicht mehr viel zu tun haben. Gott zu einem Ehrfurcht einflößenden, weltfernen Wesen erklärt. "Ihr seid alle tot!" Ein wirres Knochenfeld.

Ihr seid tot, aber er nicht. Gott JAHWE ist immer noch und schon wieder da. Er führt ihnen sein Schauspiel vor. Die Knochen sortieren sich. Die Sehnen verbinden sie. Das Fleisch wächst ihnen wieder an. Haut wird darüber gezogen und gibt ihnen wieder Gestalt und Eigenart. Der göttliche Hauch kommt zurück und gibt ihnen ihr Leben zurück. Die Schöpfung wiederholt sich. Aus dem Chaos wächst Leben. Der Geist Gottes schwebt über dem Meer des Todes und bringt Leben. JAHWE lebt und JAHWE gibt Leben.

Kein Alptraum. Das ist nicht das Unfassbare und keine Spekulation. Der Prophet redet ihnen nicht den Himmel zusammen und stellt auch keine Bedingungen zur Erreichung himmlischer Ziele. Er gibt ein Versprechen weiter. Er gibt das Versprechen Gottes auf Leben: Ich werde meinen Geist in euch legen, und ihr werdet leben, und ich werde euch auf euren Boden bringen, und ihr werdet erkennen, dass ich JAHWE bin. Wirklich leben ist mehr als dahinvegetieren. Leben ist mehr als den Tieren gleich seine Bedürfnisse zu befriedigen und die erkämpfte Stellung in der Rotte oder Herde auszufüllen. Leben ist, den lebendigen Gott wahrzunehmen und sein Angebot auf Lebensraum und Lebensbedingungen anzunehmen. Niemand kann den Alptraum eines Jenseits gebrauchen. Er ist ein bitterer Ersatz, der das Leben vergällt. Solcherlei Auferstehung, die das ganze Leben noch nachträglich verleumdet, muss man nicht haben.

Der Evangelist Johannes formuliert es in einem scheinbar absurden und widersprüchlichen Satz, den er Jesus in den Mund legt. Jesus sagte zu Martha, die eben noch Jesus vorwirft, dass er ihren Bruder Lazarus hat sterben lassen: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. (Joh.11,26f) Auferstehung zum Leben und nicht ins Jenseits.

Der Evangelist Lukas zeichnet eine Szene des Gelehrtenstreits um die Frage der Auferstehung. Geradezu unterhaltsam lässt er eine Streitpartei ein Beispiel konstruieren von einer Frau, die nacheinander mit 7 Männern verheiratet war. Die pikante Frage, wessen Frau wird sie in der Auferstehung sein? Die sieben haben sie ja alle zur Frau gehabt. Darauf Jesu Antwort: Er aber ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden, denn für ihn leben alle. (Lk. 20,33.38)

Und Paulus schließlich noch. Der schreibt in seinem programmatischen Brief an die römischen Christen: Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden: dass er Herr sei über Tote und Lebende. (Römer 14,9)

Die Botschaft des Propheten Ezechiël in Babylon ist die gleiche Botschaft wie die der Apostel in Jerusalem. Gott bietet uns eine Auferstehung an. Er bietet uns Leben an. Keine Illusion und keinen Ersatz. Allerdings auch das Eingeständnis und die Erkenntnis meiner Selbsttäuschung und meines Selbstbetruges. Leben nicht zu verwechseln mit den gängigen Ansprüchen und den von der Gesellschaft vorgegeben Zielen. Leben versöhnt mit Gott und mit meiner Umwelt. In Einklang mit Gottes guter Schöpfung und den mir an die Seite gestellten Menschen. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. (1.Joh.4,16b) In Gottes Liebe ist die Auferstehung zum Leben.                                              

Amen                                           

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