18. April 2010

Johannes Langhoff

 

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und viele Frauen, die klagten und um ihn weinten.

Jesus wandte sich nach ihnen um und sprach: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich! Weint vielmehr über euch und über eure Kinder! Denn seht, es kommen Tage, da man sagen wird: Selig die Unfruchtbaren und der Mutterleib, der nicht geboren hat, und die Brüste, die nicht gestillt haben. Dann wird man anfangen, zu den Bergen zu sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! (Hosea 10,8) Denn wenn man solches am grünen Holze tut, was wird erst am dürren geschehen?                    
Lukas 23,27-31

 

Liebe Gemeinde!

Den Leuten muss fad sein. Pilgern ist der Trend. Ein paar Promis haben ihre Krise abgehatscht oder sich von einem Verlag überreden lassen. Wo es noch nicht genug Stoff für die überflüssigen biographischen Ergüsse der immer gleichen Fernsehgesichter gibt, kann man mit einem Pilgertagebuch die Gier der Fans nach Intimitäten ihrer Idole mit dem öden Geschwafel der Verlagsschreiberlinge füttern und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen. Von solcherlei Unsinn mit unerklärlicher Tiefe beflügelt werden Pilgerwege mir nichts dir nichts zum ultimativen Muss. Selbst die lutherische Kirche springt auf den Zug des hohlen Zeitgeistes auf und erfindet den Weg des Buches, richtet in der Stadt ein Pilgerzentrum ein mit Pilgerstammtisch und Pilgergottesdiensten. Nachlaufen. Nachempfinden. Auf der Suche, wonach immer. Selbstfindung. Selenwanderung mit christlichem Touch. Auszeiten im Kloster. Schweigeseminare und, und, und…

Der zweifelnde junge Luther. Auf nach Rom. Auf den Knien durch die heilige Stadt, die sich als babylonisches Ungeheuer entpuppt. Zurück ins Augustinerkloster nach Erfurt. Nächtelange Selbstzüchtigungen auf der Suche nach sich selbst, nach seinem Heil. Dort hat er ihn nicht gefunden. Beim Studium der Bibel hat er ihn entdeckt. Im Gespräch mit den Kollegen und der Auseinandersetzung um das Zeugnis des Evangeliums hat er den gnädigen Gott gefunden und seine Rechtfertigung.

Warum heute seine selbsternannten Namensträger die überwundenen Irrwege wiederholen müssen, ist mir nicht ganz klar. Kann ich mich finden, wenn ich mich in die Leiden Christi versenke? Kann ich das Leid in der Welt bewältigen, wenigsten in meinem Kopf, wenn ich es an Christi Kreuz hänge? Wegstationen des in den Tod getriebenen Nazareners als Abladestationen für meinen Gewissensdruck? Angst und Flucht. Verrat und Verleugnung. Prügel, Folter und Verspottung. Machtintrigen und Ränkespiele. Blutlüsterne Massen und ein "unschuldiges" Todesurteil. Ecce Homo! Seht ihn euch an!

Machen wir uns auf den Weg. Simon bekommt das Kreuz aufgeschultert. Die Frauen müssen alle Klage herauskreischen. Josef gibt sein Grab her. Maria steht umadum und bewegt wieder einmal alles in ihrem Herzen. Der Liebling muss den Platz in der verlassenen Familie übernehmen. Das Schweißtuch und das Grabtuch nicht zu vergessen. Das sind doch handfeste Überbleibsel, an denen auch der hartgesottenste Zweifler seine innerste Seele aufwecken können sollte. Und wem denn nun solcherlei materialisierter Geist  und Begeisterung für Reliquien fehlt, dem wird in der modernen Sprache des Kinofilms die Passion Christi triefend von allen Körpersäften ins Gemüt geschüttet. Die Begeisterung und Zustimmung auch aus dem evangelischen Lager für solcherlei Gotteslästerung aus Hollywood hat mich verärgert. Pilgerweg light im Patschenkino in die Polster versenkt bei Popcorn und Cola oder mit Chips und Bier.

"Weint nicht über mich! Weint vielmehr über euch und über eure Kinder!" Den ganzen Zinnober um das Beweinen Christi hat er selbst schon beim aller ersten Versuch abgewürgt. Als hätte er gewusst, wie es heuer in Jerusalem zugehen sollte, wo sich Kirchenfürsten und deren Mitläufer im Leidensgedenken um die besten Zeiten und Plätze rauften. Lukas muss, als er das Material für sein Evangelium gesammelt hat, bereits auf die Nachahmer gestoßen sein. Gläubige haben sich ihren Christus einverleibt, indem sie sich in seinem Schmerz gebadet haben. Schmerz und Leid sind intensiver und anhaltender als Glücksgefühle und Befriedigung. Sie lassen sich leichter verlängern und vergrößern. Kummer kennt viel mehr Gesichter als Freude. Elend gibt es im Überfluss. Zufriedenheit ist Mangelware. Der wahre Nachläufer wird ihn nie erreichen. Ein Christus kann man nicht werden. Den Kelch können sie nicht trinken, den er schon lieber vorüberziehen lassen wollte. Ein Christ können sie nicht sein. Sie wollen sich wenigstens annähern und versenken sich in seinen Schmerz. Weltflucht aus dem irdischen Jammertal.

"Weint nicht über mich! Weint vielmehr über euch und über eure Kinder!" Die Klage verwandelt sich in eine Anklage. Jahrtausende sind vergangen seit seinem Tod, der die Erlösung und Versöhnung verheißt. Doch all die Jahrhunderte sind gefüllt mit Leid und Unrecht als wäre nichts geschehen. Ich verstehe die Zweifler und Christusleugner, die es nicht hinnehmen können, dass der Mann aus Nazareth der Messias und Gottessohn sein sollte. Im Namen Christi und unter der Fahne des Kreuzes geschah und geschieht Unrecht, wurde und wird Leid vermehrt. Mit der Gewalt des Schlüsselamtes werden Diktatoren und Tyrannen gerechtfertigt und menschliche Liebe gebrandmarkt. Die Gnade und das Erbarmen Gottes, die im Kreuz des Königs der Juden ihr Sinnbild gefunden haben, werden zum Medium für Gewissensqualen. Die Freiheit eines Christenmenschen, wie sie Luther in die Welt posaunt hat, ist zur unverständlichen und abwegigen Formel geworden. Die Predigt von der Erwählung hat nicht in die Mündigkeit geführt, sondern Zwanghaftigkeit und Unsicherheit befördert.

 "Weint nicht über mich! Weint vielmehr über euch und über eure Kinder!" Es gibt genug andere Bilder. Weltweite Mediennetze verbreiten sie in unüberschaubaren Mengen. Jedes Mobiltelefon wird zur Nachrichtenagentur und verbreitet den kleinen, uneinsichtigen Bildausschnitt des Zufalls. Kinder stellen sich ihre eigenen Szenen von Verbrechen und prügeln auf Klassenkameraden ein, um in dem Wettbewerb um die aufregendsten und erschreckendsten Bilder dabei zu sein. Es genügt die Bilderflut der einst seriösen Nachrichtensender, um im Leid und Mitleid zu ersticken. Das kann ich alles gar nicht verkraften. Das verleidet mir alle gute Stimmung und raubt mir den Elan. Ich kann die Welt nicht mehr ertragen. Ich kann die Leute nicht mehr ertragen. Wenn mir nur die Verbrechen vor die Nase gehalten werden und die Verbrechensziffern, tatsächliche oder zweckentfremdete, um die Ohren gehauen, dann traue ich mich nicht mal mehr auf die Strasse und werde auch niemandem die Türe öffnen. Ich kann die Wirklichkeit nicht länger ertragen. Ich verliere mich in meinem Selbstmitleid und kann es nur ihm anhängen, dem Kreuzesmann, der all unsere Krankheit trug, für uns geschlagen. Das Lamm für uns zur Schlachtbank geführt. Ich hänge es ihm an. Weltflucht. Wirklichkeitsverdrängung.

"Weint nicht über mich! Weint vielmehr über euch und über eure Kinder!" Es ist ja nicht so, dass sich seit 2000 Jahren nichts getan hätte. Manche Lernprozesse haben sehr lange gedauert. Manche Einsicht will sich bis heute nicht hinreichend durchsetzen. Manche Verbesserungen der Lebensbedingungen sind noch nicht Allgemeingut. Doch deshalb gibt es sie. Menschen, die sich von Christus befreit und berufen wissen, haben Wandel, Wende, Umdenken und neues Handeln herbeigeführt. Die Sklaverei ist abgeschafft und ihre versteckte Form in Arbeitsausbeutung und Menschenhandel werden öffentlich angeprangert und gemeinschaftlich bekämpft. Folter und Todesstrafe sind als unerlaubte und unwirksame Mittel der Bekämpfung von Verbrechen erkannt und in vielen Ländern verboten und aufgehoben. Wo sie noch angewendet werden, stellen sich die Staaten entgegen ihrem Anspruch auf Weltführerschaft selbst an den Pranger und geraten immer öfter in Erklärungsnot. Der Krieg ist geächtet. Die ihn noch führen, wie das wiedervereinigte und erstarkte Deutschland, erklären ihn zu einer weltpolizeilichen Kampfaktion und entschuldigen sich mit Bündnisverpflichtungen oder einem Auftrag der in New York ausgehandelten mehrheitlichen Weltmeinung. Das schlechte Gewissen steht an den Särgen gefallener Soldaten und vergießt Krokodilstränen. Schuld sind nur die andern, die Verkörperung des Bösen, die Terroristen, schwarze Witwen, die den Tod in unsere schöne heile Welt hineinbomben. Doch wir haben bereits das Völkerrecht und das Rote Kreuz, Mittel um den unmittelbar Betroffenen auch den Kämpfenden unabhängig von welcher Seite zu helfen und unter Anerkennung gegenseitiger Rechte und Ansprüche Lösungen des gemeinsamen Friedens zu finden.

Es gibt sinnvollere und wichtigere Aufgaben Geld auszugeben als für die überflüssigen und kreuzgefährlichen Produkte der Rüstungsindustrie - auch als neutraler Staat. Es gibt umweltschonendere und Lebens fördernde Wege, Arbeitsplätze zu schaffen und Gewinne zu erwirtschaften als durch Waffenhandel und Börsenspielereien. Das ist bekannt und das haben nicht erst die Reformatoren des 16.Jahrhunderts auf ihre Fahnen geschrieben. Mit Christus gegen die menschenverachtende und Menschen vernichtende Ausbeutung. Mit Christus gegen den unverantwortlichen und rücksichtslosen Gebrauch jeglicher Möglichkeiten.

Statt sich in das Leiden Christi zu versenken und die Augen für die Wirklichkeit zu verschließen, heißt es zupacken, anzeigen, mitdenken und mithandeln. Mithandeln und Mitdenken. Nicht für andere handeln und für andere Denken. Das ist leider ein über Jahrhunderte gepflegter Irrtum gewesen, Menschen zu ihrem Glück zwingen zu müssen, ihnen die eigenen Maßstäbe und Werte überziehen zu müssen und seien es christliche oder als christlich verstandene Werte.

"Weint nicht über mich!" Erkennt den leidenden Christus in den Menschen um euch herum, die Hilfe, Verständnis, Fürsorge und Opfer brauchen. Gebt, was ihr geben könnt, und nehmt, was euch gegeben wird. Wischt die falschen Tränen ab! Schaut auf diese Welt! Seht die Keime der Hoffnung und pflegt die Pflänzchen der Zuversicht.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst. (Apokalypse 21,1.4.5a.6)                                                                              

Amen                                           

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